Archiv der Kategorie: Bildungserlebnisse

Jeder gute Unterricht sollte für die Schüler ein Bildungserlebnis bereit halten. Der „Mehrwert“ des Unterrichts ist also ein Art von geistig-kultureller Bereicherung der Schüler.

Unterforderung ist das Übel der Zeit

Artikel aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 18. 10. 2018

Warum wir einen literarischen Kanon in der Schule brauchen

Als ich 1975 an einem hessischen Gymnasium  zum ersten Mal vor einer  Klasse stand, um die Schüler  in deutscher Literatur zu unterrichten, war ich mit den Folgen der drei Jahre zuvor erlassenen „Hessischen  Rahmenrichtlinien Deutsch“ konfrontiert. Literaturunterricht sollte nicht mehr die Interpretation der „schönen“ klassischen Literatur sein,   sondern der „Umgang mit Texten“. Diesem Textbegriff war  alles eins: ein Gedicht von Rilke, eine Stellenanzeige und  ein Zeitungsartikel. Die  „hohe“ Literatur sollte vom Sockel geholt werden, um die Benachteiligung der  Schüler zu beseitigen, denen es nicht vergönnt ist, im Elternhaus mit Büchern und intellektuellen Gesprächen aufzuwachsen. Statt dem Kind aus der Unterschicht den Umgang mit Literatur wenigstens in der Schule zu ermöglichen, wurde  die Literatur gleich ganz  eliminiert.  Aus der „Ungleichheit“ weniger wurde   Ungleichheit für alle. Welch  fataler Irrtum, der bis heute nachwirkt. Weiterlesen

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Der richtige Umgang mit Schülern, Historisches Bewusstsein, Unterrichtsinhalte, Unterrichtsqualität

Ein neuer Feiertag

Abgedruckt in der WELT vom 6. 6. 2018

Die  Norddeutschen  bekommen schon dieses Jahr  einen neuen Feiertag geschenkt. Die Landtage von Schleswig-Holstein und Hamburg haben  den Reformationstag am 31. Oktober  zum gesetzlichen Feiertag erklärt. Die Parlamente von Bremen und Niedersachsen werden sich diesem Votum voraussichtlich  anschließen. In Berlin ist noch nicht entschieden, welcher Tag künftig als neuer Feiertag begangen werden soll. In Frage käme der 9. November, der Tag, an dem  in Berlin die Mauer  fiel. In die Freude über dieses historisch einmalige Ereignis („Wahnsinn“) müsste   sich jedoch Nachdenklichkeit und Trauer mischen, weil am 9. November 1938 auch die Reichspogromnacht war, bei der Schlägertrupps der SA Synagogen und jüdische Geschäfte in Brand steckten. Im Gespräch sind auch  der 17. Juni, der an den Volksaufstand in der DDR 1953 erinnert, und  der 8. Mai, der dann als „Tag der Befreiung“ gefeiert würde. Dass die Linkspartei den 8. Mai bevorzugt, bedarf keiner Erklärung. Zu sehr erinnerte der Volksaufstand in der DDR am  17. Juni 1953  an das Versagen des Sozialismus, den Bürgern erträgliche Lebensbedingungen zu bescheren.  Mit dem 8. Mai hingegen könnten sie sich  auf die Seite der siegreichen    Sowjetunion stellen, die  schon 1965  den 9. Mai  zum  öffentlichen  Feiertag  erklärt hat. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller hat seine  persönliche Wahl noch nicht getroffen. Es wäre ihm freilich zuzutrauen, dass er sich um des lieben Friedens mit der Linken  willen  für den 8. Mai entscheidet. Es wäre eine schlechte Wahl. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Historisches Bewusstsein

Wir unterfordern die Kinder

 Erschienen in der Zeitung DIE WELT vom 12. Mai 2018

Unser Autor war Lehrer und weiß: Mädchen und Jungen brauchen früh Anreize, um ihr intellektuelles und sinnliches Potenzial zu entfalten. Es sind vor allem Erfahrungen außerhalb des normalen Kita- und Schulprogramms, die sie die Welt entdecken lassen.

Jedes Jahr zur Osterzeit können Musikfreunde  in der  Berliner Philharmonie ein ungewöhnliches Konzert erleben. In den Konzertchor, der die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach darbietet, hat sich eine Schar von Jungen und Mädchen im Alter von 7 bis 15 Jahren eingereiht. Es sind die „Cantores minores“, die kleinen Sänger, ein Kinderchor-Ensemble der Evangelischen Luisenkirche  und der Evangelischen Schule in Berlin-Charlottenburg. Angeleitet von ausgebildeten Sängerinnen entwickeln  die Kinder ihre Stimmen so gut, dass sie schon nach einem Jahr die Choräle der großen Passionen  des Barock-Meisters mitsingen können. Der Dirigent  Gerhard Oppelt, der dieses Chorprojekt 2007 ins Leben gerufen hat, berichtet, dass die Kinder die außergewöhnliche Qualität der Musik Bachs spüren und ganz  von ihr eingenommen sind. Auch  ihre spirituelle Dimension nehmen sie schon wahr. Die Exzellenz der Musik bildet bei den Kindern ein musikalisches  Qualitätsbewusstsein aus, das sie ihr ganzes Leben  begleitet.  Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Der richtige Umgang mit Schülern

Vom Betroffenheitskult zum Bildersturm

Es gehört schon eine gehörige Portion Ignoranz dazu, in dem Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer eine sexistische Botschaft zu entdecken: „….alleen und blumen und frauen und /ein bewunderer“. Wenn man sich nur genügend betroffen fühlt, scheint alles möglich. Subjektive  Betroffenheit ersetzt ästhetischen Sachverstand und historisches Bewusstsein. Ein Gedicht, das  vor 67  Jahren entstanden ist, wird mit der moralischen Messlatte von heute taxiert und für anstößig empfunden. Mit dem Verdikt aus feministischem Munde wird eine ganze Poetik des Begehrens dem  Orkus anheimgegeben. Seit es Liebeslyrik gibt, wird sie bestimmt vom männlichen Blick auf das Objekt der Begierde, die Frau. Und dort, wo es Lyrik von Frauen gibt (ja, es gibt sie auch),  ist es umgekehrt. Else Lasker-Schüler war nicht zimperlich, das Objekt ihrer Begierde poetisch zu umreißen: „An dem seligen Glanz deines Leibes / Zündet mein Herz seine Himmel an“. Am schönsten hat den männlichen  Blick auf die Frau Johann Wolfgang von Goethe in seinen „Römischen Elegien“ gestaltet: „Und belehr ich mich nicht, indem ich des lieblichen Busens / Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab?“. Den weiblichen Körper zu erkunden, war dem großen Erotiker auch ein Bildungserlebnis. Den lüsternen Blick, den die Berliner Studentinnen fälschlich in das harmlose Gedicht der „Konkreten Poesie“ hineinlesen, könnte man eher beim Erkunder römischer Kunstschätze und Frauen – Goethe –  entdecken: „Folgte Begierde dem Blick, folgte Genuss der Begier“. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bildungserlebnisse

Leitkultur -pädagogisch

Jeden Tag machen sich von der Öffentlichkeit unbemerkt an den Schulen unserer Republik  Lehrkräfte ans Werk, um bei ihren Schülern eine Leitkultur einzuüben. Sie dient dem friedlichen Zusammenleben im Kosmos Schule, der in unseren  Großstädten von Kindern aus über 100 Nationen „bevölkert“ wird. Sie dient auch der Festigung der Werte, ohne die ein zivilisiertes Miteinander in der Gesellschaft nicht möglich wäre. Die Lehrkräfte tun dies, ohne auch nur eine Sekunde lang an die ideologisch aufgeladene Debatte um eine „deutsche Leitkultur“ zu denken. Sie tun dies aus reiner Selbstverständlichkeit und weil eine Werteerziehung  der Persönlichkeitsbildung der Schüler dient. Im folgenden Glossar findet man die Werte, die mir in meiner Arbeit als Lehrer besonders wichtig waren. Sie reflektieren natürlich meine Unterrichtsfächer Deutsch, Geschichte und Politik. Aber auch meine Liebe zur Musik. Lehrkräfte anderer Fachrichtungen (Naturwissenschaften, Sprachen, Künste) mögen andere Vorlieben haben. Das zivilisatorische Wertefundament bleibt  jedoch stets das gleiche. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Rolle des Lehrers, Unterrichtsinhalte

Thomas Mann als Bildungsexperte

Jeder Thomas-Mann-Freund kennt das berühmte Kapitel 11 aus seinem Erfolgsroman „Buddenbrooks“ (1901), in dem er das Leiden des kleinen Johann („Hanno“) Buddenbrook an der Wilhelminischen Schule erzählt. Der feinsinnige, künstlerisch begabte Knabe durchschaut die Hohlheit des Pauksystems und verachtet die Lehrkräfte, die  ihre Autorität nur mit Hilfe ihres Amtes und der damit verbundenen Strafgewalt aufrecht erhalten können.

Weniger bekannt sind die Passagen aus dem Roman „Doktor Faustus“ (1947), die sich mit Pädagogik befassen. Der Komponist Adrian Leverkühn verschreibt sich dem Teufel (dies geschieht in einer Art Fieberphantasie während eines Italienaufenthalts), der ihm 24 Jahre höchster Produktivität im musikalischen Schaffen verspricht. Als Gegenleistung muss er darauf verzichten, Menschen zu lieben, weil er hinfort  mit Kälte geschlagen sein wird.

Die pädagogischen Einsichten des Ich-Erzählers Serenus Zeitblom, der als Altphilologe an einem Gymnasium unterrichtet,  finden sich in den Anfangskapiteln des Romans, in denen die gemeinsam mit Adrian verlebte Schulzeit in Kaisersaschern und  Studienzeit in Halle geschildert werden. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Der richtige Umgang mit Schülern

„Wann machen Sie wieder einmal Ihren begnadeten Frontalunterricht?“

Veröffentlicht in:    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. 01. 2016 (Bildungswelten)

Wie „moderne“ Unterrichtsmethoden dazu beitragen, die intellektuelle Substanz des Unterrichts zu untergraben

 Kluge Schüler helfen Lehrern manchmal auf die Sprünge. Als ich an einer Berliner Gesamtschule unterrichtete, öffnete mir eine Schülerin die Augen darüber, was im Unterricht dieser Schule im Argen liegt. Sie fragte mich zum Beginn der Stunde: „Müssen wir heute schon wieder das machen, was wir machen wollen?“ – Hintergrund dieser erstaunlichen Frage war die Angewohnheit einiger Lehrer, schwierige Klassen dadurch „ruhig zu stellen“, dass sie ihnen eine „stille Selbstbeschäftigung“ – natürlich mit dem laufenden Stoff – gestatteten. Dieser gönnerhafte Verzicht auf Unterricht war in Wahrheit eine Form der Kapitulation vor den disziplinarischen Schwierigkeiten, die in Schulklassen immer wieder auftreten – auch am Gymnasium. Diese Lehrer gingen selbstverständlich von der Annahme aus, den Schülern dadurch einen Gefallen zu tun, dass sie ihnen die Konfrontation mit dem anstrengenden Stoff ersparten. Allzu oft erweckt das aufmüpfige Gebaren der Schüler, der Gestus des hinhaltenden Widerstandes den Anschein, sie wollten nur eines: das Lernen vermeiden. Das mag für einige Schüler in einer Klasse durchaus zutreffen, keineswegs aber für die Mehrheit. Die aufgeweckte Schülerin, die diesen bemerkenswerte Satz sagte, sprach für diejenigen, die etwas lernen wollten und die von der Lehrkraft zurecht erwarteten, dass sie in der Lage ist, eine ruhige Lernatmosphäre herzustellen, auch wenn es einer Kraftanstrengung bedarf und mit Konflikten verbunden ist. Weiterlesen

2 Kommentare

Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Der richtige Umgang mit Schülern, Kompetenzen, Rolle des Lehrers, Unterrichtsinhalte, Unterrichtsmethode