Schlagwort-Archive: Gesamtschule

Das Bildungsroulette

Ich kann mich noch gut an den Brief einer Schülerin erinnern, die mit ihren Eltern von Berlin nach München gezogen war. Sie klagte darüber, dass sie, die ehemals gute Schülerin, in München nur im Mittelfeld landete. In zwei wichtigen Fächern (Englisch und Mathematik) war die Klasse im Stoff  über ein ganzes Schuljahr weiter als ihre Berliner Klasse. Sie beschrieb den Unterricht als straff geführt, die gestellten Aufgaben als absolut verbindlich – kurzum: Es handelte sich um die Leistungskultur, die die Berliner Schulen – auch die Gymnasien – allzu oft vermissen lassen. Die Schülerin schaffte, wie sie mir später mitteilte, mit großen Anstrengungen den Anschluss und bald darauf auch das Abitur. Sie konnte sich damit trösten, dass das bayerische Abitur unter der Hand mehr wert ist als das anderer Bundesländer. Bei Bewerbungsgesprächen gilt es als besonderes Qualitätssiegel. Weiterlesen

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Pädagogische Gretchenfrage

Der bildungspolitische Streit zwischen dem rot-grünen und dem konservativen Lager macht sich vor allem an der Frage fest, wie man mit der Heterogenität der Schülerschaft umgehen soll. Selten wird in der Diskussion auf die Erfahrung der Lehrer zurückgegriffen. Dabei könnten  sie am besten über wirkungsvolle Unterrichtskonzepte Auskunft geben. Dies ist ein Plädoyer für  pädagogische  Vernunft.

Wer als Lehrer schon einmal in einer heterogen zusammengesetzten Klasse – etwa in einer Gesamtschule – unterrichtet hat, dem wird folgende Situation vertraut vorkommen. Die Lehrkraft erläutert im Geschichtsunterricht der 8.  Klasse die Gewaltenteilung, die in der Französischen Revolution das  absolute Herrschaftssystem der Könige zerbrochen hat. Schnell wird deutlich werden, dass die leistungsstarken Schüler das Prinzip der Trennung der staatlichen Gewalten im Nu  verstehen, während es den leistungsschwachen Schülern, denen abstraktes Denken oft nicht gegeben ist, schwer fällt, den Sinn dieser demokratischen Herrschaftsform zu begreifen. Der Lehrer  wird den Umweg über ein lebensnahes Beispiel – etwa aus dem schulischen Leben – nehmen müssen, um Gewaltenteilung auch für die Schüler mit geringem Abstraktionsvermögen sinnlich erfahrbar  und dadurch begreiflich  zu machen. Mit den guten Schülern hätte er  schon längst im Stoff voranschreiten und noch weit schwierigere Sachverhalte diskutieren können. Die meisten Lehrer  werden jedoch, dem  sozialen Anspruch der Gesellschaft und ihrem eigenen pädagogischen Gewissen gehorchend, so lange auf die Verständnisschwierigkeiten der leistungsschwachen Schüler eingehen, bis sie das Gefühl haben, dass sie das Geforderte annähernd verstanden haben. In der Regel bleiben während dieser „Förderphase“ die guten Schüler ohne Aufgabe, im besten Fall wird ihnen  die Lehrkraft raten, im Geschichtsbuch schon einmal das nächste Kapitel zu lesen. Eine nachhaltige Förderung der leistungsstarken Schüler kann man das nicht nennen. Weiterlesen

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Tropfende Dächer sind schuld

Die SPD will im Bundestagswahlkampf auch mit der Bildung punkten. In Anzeigen, die in Magazinen wie SPIEGEL oder „Stern“ platziert wurden, kann man lesen: „Wenn es in den Schulen ins Dach reinregnet oder die Kinder nicht zur Toilette gehen können, brauchen Sie…Handwerker.“ Gleichzeitig wurde bekannt, dass im rot-grün regierten Hamburg 5,1 Prozent der Abiturienten (das sind 500 Schüler) das Abitur nicht geschafft haben. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Anstieg um 0,4 Prozentpunkte. Hinzu kommt, dass schon im Vorfeld 7,9 Prozent der Schüler von allein aufgegeben hatten oder wegen schlechter Vorzensuren nicht zum Abitur zugelassen worden waren. Die schlechten Abiturleistungen erklären sich damit, dass zum ersten Mal Aufgaben aus dem bundesweiten Abituraufgaben-Pool verwendet wurden, mit  denen Hamburgs Abiturienten offensichtlich überfordert waren. Im Umkehrschluss kann man schlussfolgern, dass das Abitur in Hamburg  im Vergleich der Bundesländer  in den letzten Jahren zu leicht war. Angesichts der Hamburger Abiturergebnisse müsste die  SPD eigentlich  ihren Slogan ändern: „Wenn fünf Prozent der Abiturienten das Abitur nicht bestehen, muss dringend die Didaktik des Unterrichts  geändert werden.“ Eine solche Forderung wird man wohl vergeblich lesen. Für die SPD, die in den 1960er Jahren die Partei der bildungspolitischen Innovation schlechthin war, hat Bildung nur noch mit „mehr Geld“ zu tun. Was in den Klassenzimmern passiert, die schön saniert worden sind, interessiert sie weniger. Dabei gäbe es dafür Anlass genug. Weiterlesen

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Ideologie oder Kindeswohl?

Wie   eine  unsoziale  Schulpolitik unseren Kindern schadet

Im beschaulichen Kleve, nahe  an der niederländischen Grenze gelegen, ist der Schulkampf ausgebrochen. Es kämpfen nicht Schüler gegen unbeliebte Lehrer, wie dies ab und zu vorkommt  – nein, Eltern gehen auf die Barrikaden, weil sie ihre Kinder durch die von oben verordnete Zuweisung zu einer weiterführenden Schule benachteiligt sehen. Am 21. Februar wollen sich die Eltern mit ihren Kindern vor dem Gebäude des Rats der Stadt zum Protest versammeln. Was war geschehen? Weiterlesen

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Verteidigung der Gesamtschule

Das deutsche Erbrecht kennt die Regelung, dass man ein  Erbe   ausschlagen kann. Dies ist  vor allem dann ratsam, wenn man von dem Verstorbenen Schulden erbt, die man mit dem eigenen Vermögen nicht begleichen kann. In der Politik kommt es selten vor, dass man das politische oder moralische Erbe negiert, das von einem früheren Heros der Partei überkommen ist. So sonnt sich die  CDU  heute noch im Glanze  Konrad Adenauers. In der SPD ist Willy Brandt fast zur Heiligenfigur aufgestiegen. Mit der Sachpolitik früherer Parteiführer geht man schon etwas vorsichtiger um. Manches Erbteil wird auch schlicht verweigert.  So distanzieren sich heute große Teile der  SPD  von der Agenda 2010 von Gerhard Schröder, obwohl diese Reform die Grundlage für unser heutiges Wirtschaftswachstum gelegt und den Sozialstaat vor dem Kollaps bewahrt hat. Schändlich geht die SPD heute mit einer Schulform um, die sie einst erfunden hat und die auf eine lange, ehrwürdige Geschichte zurückblicken kann: die Gesamtschule. Weiterlesen

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Hamburgs Stadtteilschule: Note „mangelhaft“

Die Ergebnisse der bundesweit durchgeführten Tests zur Überprüfung schulischer Kompetenzen („Kermit“ 2016) sind für die 8-Klässler an Hamburgs „Stadtteilschulen“ (so heißen dort die Sekundarschulen) verheerend ausgefallen. Beim „Leseverstehen“ erreichten 35% der Schüler nicht den geforderten Regelstandard. Von diesen Schülern  scheiterten 15% sogar am niedrigeren Mindeststandard. Im Bereich „Sprachgebrauch“ sieht es nicht besser aus. Hier verfehlten  43% der Schüler den  Regelstandard. Im Fach Mathematik gibt es einen  ähnlich  düsteren Befund:  77% der Schüler liegen  unterhalb des Mindeststandards. Beim „Englisch-Hörverstehen“ liegt  die Quote bei 48,5%.  Weiterlesen

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Mogelpackung Ganztagsschule

 Früher gab es für Kinder und Jugendliche  eine klare Zeiteinteilung: vormittags Schule, nachmittags frei. Nach dem Mittagessen im Elternhaus konnten sie sich austoben: in ihren Cliquen, auf dem Sportplatz, bei ihren Hobbys. Als in den 1960er Jahren dann die Gesamtschule aufkam, war es mit dieser klaren Tageseinteilung vorbei. Diese Schule war gegründet worden, um die Schüler, die im bildungsfernen Elternhaus zu wenig Rückhalt und Förderung erfahren, durch eine  kompensatorische Didaktik  fördern zu können. Die Gesamtschule  wollte die Defizite, die die Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern in die Schule mitbringen, beheben. Dazu dienten ein flächendeckender Förderunterricht, eine frühe Berufsorientierung  mit dem Fach Arbeitslehre und  diversen  Werkstätten und vor allem der gebundene  Ganztagsbetrieb. Von ihm erwartete  man, dass die Schüler  durch verschiedene pädagogische Angebote, wie z.B. Sport, Theater, Werken,  in ihrer Persönlichkeit so  gestärkt würden, dass dies auch dem regulären Unterricht zugutekommt. Auch die Hausaufgabenbetreuung gehörte zum Konzept der gebundenen Ganztagsschule. Wenn die Schüler am späten Nachmittag nach Hause kommen, sollten sie von allen schulischen Aufgaben befreit sein. Weiterlesen

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