Archiv der Kategorie: Unterrichtsqualität

Alternative Fakten im Bildungsdiskurs

Als Lehrer bin ich immer wieder aufs Neue irritiert, wenn ich Artikel in seriösen Presseerzeugnissen lesen muss, die von „Bildungsexperten“ verfasst worden sind und die dennoch der Komplexität des Themas in keiner Weise gerecht werden. So erging es mir, als ich den Artikel „Auslese fürs Gymnasium / So sortiert Deutschland seine Kinder aus“ in der Online-Ausgabe des  SPIEGEL lesen musste (13. 05. 2017). Autorin ist Silke Fokken, ihres Zeichen freischaffende Autorin mit dem Schwerpunkt Bildung. Schon die Überschrift des Artikels  ist auffallend reißerisch. Die Begriffe „Auslese“ und „sortieren“ erzeugen die Assoziation  einer kalten Sortiermaschine, mit  deren Hilfe faules Obst oder angeschlagene Eier aussortiert und anschließend entsorgt werden. Wie die  Zwischenüberschriften zeigen („Wir haben ein schreiend ungerechtes Schulsystem“), sind solche Konnotationen durchaus gewollt. Es hätte mich auch gewundert, wenn in dem Artikel die Lieblingsvokabel rot-grüner Schulkritik – Selektion – gefehlt hätte. Weiterlesen

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„Di Foirwer retete eine oile aus dem Stal“ – Wie unsere Schüler das Schreiben verlernen

Veröffentlicht in   „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Bildungswelten)                                       

06. 04. 2017

Am 4. Mai 2017 werden sich in  400 Berliner Grundschulen 28.000 Schüler der dritten Klassen über ein Aufgabenblatt beugen, das ihnen eine einheitliche Schreibaufgabe abverlangt.  An diesem Tag  findet der  landesweite  Test „VERA 3“ im Fach Deutsch statt. Schüler und Eltern werden der Veröffentlichung der Ergebnisse mit Interesse entgegensehen. Die Berliner Schulverwaltung wird diesen Tag eher mit Bangen erwarten. Die Besorgnis hat gute Gründe. Beim „VERA 3“-Test im Schuljahr  2014/2015 waren die Ergebnisse für die Berliner Grundschüler verheerend. Die Hälfte der Drittklässler erfüllte nicht die Mindestanforderungen an die Rechtschreibung, die die Kultusministerkonferenz (KMK) festgelegt hatte. Sie können, wie es im Kommentar des Instituts für Schulqualität (ISQ) hieß, gerade einmal „lautgetreu“ schreiben. Im Klartext heißt das: Die Schüler bringen Wörter so  zu Papier, wie sie  sie hören, nicht aber,  wie sie korrekt geschrieben werden. Auch in den Folgejahren verbessern sich die  Schreibleistungen der Schüler nicht, wie die schlechten Ergebnisse   beim  Deutsch-Test „VERA 8“  belegen. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Lehrplanverfehlungen, Leistungsbereitschaft, Ricchtiger Umgang mit der Sprache, Unterrichtsmethode, Unterrichtsqualität

Kulturkampf gegen PISA

 Kritik an den von der OECD organisierten PISA-Studie hat es immer schon gegeben. Anfänglich kam sie von den Bildungspolitikern, die sich nicht in die Karten schauen lassen wollten, weil die Testergebnisse für die Schulen, für die  sie zuständig waren, schlecht ausfielen. Das waren in Deutschland vor allem die von der SPD regierten Bundesländer. Ihnen war es unangenehm, durch die Testergebnisse auf Versäumnisse – vor allem auf abgesenkte Leistungsstandards – hingewiesen zu werden. Die PISA-Ergebnisse waren in dieser Hinsicht eindeutig: Die Länder mit einem gegliederten Schulsystem schnitten erheblich besser ab als die Länder, in denen egalitäre Schulformen überwiegen. Schon 1999 hatte die „Arbeitsgemeinschaft für Bildung“ in der SPD gefordert, auf einen innerdeutschen PISA-Vergleich zu verzichten: „Es ist ohne Test vorherzusagen, dass Länder mit selektiven Schulsystemen, die den Schulstrukturreformen der letzten 30 Jahre widerstanden haben, bessere Schülerleistungen in allen Schulformen haben werden.“ Das Unbehagen der SPD-Kultusminister hatte damals einen Grund: Die Vergleichstests für Mathematik und Naturwissenschaften (TIMSS) für die 7. und 8. Klassen hatten einen Leistungsabstand von anderthalb Schuljahren zwischen den Bundesländern Bayern und Nordrhein-Westfalen  ergeben. Gesamtschulen hatten dabei  deutlich schlechter als Realschulen und weit schlechter als Gymnasien abgeschnitten. Weiterlesen

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PISA-Test: Lob oder Tadel?

Alle drei Jahre veröffentlicht die OECD die Resultate des weltweit durchgeführten Pisa-Tests. Die Schwerpunkte bei den getesteten Wissensgebieten variieren von Test zu Test. Mal müssen die Schüler ihr Leseverständnis unter Beweis stellen, mal ihre Fähigkeiten in den Naturwissenschaften  oder in Mathematik. Die Politik sieht den Ergebnissen erwartungsvoll entgegen, weil das Ranking des eigenen Landes im Pool der teilnehmenden Länder Anerkennung und Prestige verheißt – oder Enttäuschung und Beschämung. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Kompetenzen, Schulformdebatte, Unterrichtsqualität

Schulmisere in Berlin

Koalitionsvereinbarung  von Rot-Rot-Grün: eine einzige Enttäuschung

Seit 1996 stellt  die SPD in Berlin  ununterbrochen den Senator für Schulwesen. In jeder Koalition blieb ihr  diese Verantwortung erhalten, weil sie Schule und Bildung als Kernbereich sozialdemokratischer Identität ansah. Keine andere Partei wollte ihr diesen Anspruch streitig machen. Seit der Zeit August Bebels rangiert Bildung im sozialdemokratischen Ideenfundus ganz weit oben. Die SPD wollte den Unterprivilegierten aus der Arbeiterklasse den sozialen Aufstieg ermöglichen: durch Bildung. Viele Spitzenpolitiker in den eigenen Reihen sind diesen Weg selbst gegangen, bezeugen also durch ihre eigene Vita, dass Aufstieg von ganz unten nach oben durch Bildung möglich ist. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Innere Schulreform, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsqualität

Rote Laterne für Berlin

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bildungswelten, 17. 11. 2016

Rote Laterne für Berlin

von Rainer Werner

Lernbüros, Stationenlernen, Freiarbeit und offener Unterricht gelten als schülerfreundliche Methoden – auf ihre Wirksamkeit überprüft wurden sie aber nie. Berlin praktiziert sie dennoch weiter und muss bei Leistungsvergleichen eine Niederlage nach der anderen einstecken.

Seit Jahren belegt das Land Berlin im bundesweiten Schulvergleich den letzten oder vorletzten Platz. In diesem Jahr haben gleich zwei Studien diese trostlose  Platzierung   am Ende der Länderskala bestätigt: die Studien des „Instituts der Deutschen Wirtschaft“  und des „Instituts für Qualitätsentwicklung im  Bildungswesen“. Das Deprimierende dieser Befunde liegt darin, dass eine Besserung der Schulqualität nicht in Sicht  ist. Teilweise haben sich die schulischen Leistungen sogar  verschlechtert, wie die Erhöhung der Zahl der Schüler ohne   Schulabschluss von 9%  (2014) auf 11%  (2015) zeigt.

Die neue Legislaturperiode des Berliner Abgeordnetenhauses und des Senats von Berlin bietet die Gelegenheit, endlich die Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um aus dem „Tal der Tränen“ herauszukommen. Dabei sollte der neue Senat das beherzigen, was der pädagogische Sachverstand für die Qualitätssteigerung  einer Schule als besonders wirksam herausgefunden hat. In der Medizin gilt  es als  selbstverständlich, dass  nur Therapien und Medikamente zur Anwendung kommen, deren Wirksamkeit eindeutig erwiesen ist. In der Pädagogik kann man oft den Eindruck gewinnen, dass das   politisch Wünschenswerte an die Stelle dessen tritt, was wirklich Qualität verspricht.  Weiterlesen

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Bessere Bildung durch mehr Geld?

Über die Sozialdemokratie gibt es das Bonmot, wonach sie für jedes gesellschaftliche Wehweh ein passendes Pflaster parat hält: ein Geldgeschenk. Für eine Partei der Solidarität, die eigentlich ein kritisches Verhältnis zum Geld haben sollte, ist das zumindest eine merkwürdige Haltung. Als wollte die SPD das Vorurteil bestätigen, ihr gehe es nur ums Geld, wurde jüngst publik, dass sie folgende Forderungen ins „Wahlprogramm 2017“ schreiben wolle: Beitragsfreiheit für alle Kitas, neun Milliarden Euro für die Sanierung der Schulen, hohe Finanzmittel für die flächendeckende Einrichtung von Ganztagsschulen und hohe Beträge für die „digitale Aufrüstung“ der Schulen. Eine bessere Bildung durch höhere finanzielle Aufwendungen erzwingen zu wollen, ist gut gemeint, geht aber an der Problematik unseres Schulsystems vorbei. Weiterlesen

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