Monatsarchiv: Juni 2020

Sozialpolitik statt Bildungspolitik

Das  neue Grundsatzprogramm der Grünen versteht Bildungspolitik primär als Sozialpolitik. Den Anforderungen unserer  Wissens- und Leistungsgesellschaft wird das Programm dadurch nicht  gerecht.

Wörter sind verräterisch, weil sie  die Geisteshaltung der Autoren enthüllen. Im Bildungskapitel des neuen Grundsatzprogramms der Grünen  findet sich  sieben Mal das Wort „sozial“, ergänzt durch  „ungleich“, „benachteiligt“ und „prekär“. Man glaubt, ein Dokument des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zu lesen. Folgerichtig wird dann auch  – in einem Bildungsprogramm! – eine „höhere Besteuerung von Vermögen und Erbschaften“ gefordert. Die Grünen versuchen gar nicht zu verbergen, was sie in der Bildungspolitik antreibt: „Bildungspolitik und Sozialpolitik gehören zusammen“.   Die  sozialpolitische  Dominanz sieht man daran, dass es in dem  Text  ständig um Finanzen geht. Das Bildungskapitel trägt die Überschrift „In Bildung investieren“, wo man doch eigentlich erwartet hätte: Die beste Bildung für unsere Kinder ermöglichen. Hier feiert die  fragwürdige   Bildungsökonomie der 1960er Jahre fröhliche Auferstehung. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Abitur, Der richtige Umgang mit Schülern, Hochbegabte, Leistungsbereitschaft, Rolle des Lehrers

Journalistische Schulschelte

In den letzten drei  Monaten mussten viele Eltern notgedrungen als Hilfslehrer der Nation fungieren. Ihre Kinder saßen zu Hause fest und erhielten – mehr oder weniger zuverlässig – von ihren Lehrern Aufgaben zugeschickt.  Manchmal  wurden sie auch in  kleine  Video-Konferenzen eingebunden. Man kann sich vorstellen, dass manche Eltern damit überfordert waren, sich neben ihrer beruflichen Tätigkeit  im Homeoffice auch noch um die quengelnden Sprösslinge zu kümmern.  Auch einige  Journalisten  scheinen damit  schlechte Erfahrungen gemacht zu haben.   In Artikeln  haben sie   ihrer   Frustration Luft gemacht. Im SPIEGEL schrieb  ein Redakteur, „keine anderer Bereich unserer Gesellschaft [habe] in der Coronakrise annähernd so versagt wie das Schulsystem“. In der ZEIT forderte ein Autor   „gewisse Minimalstandards“, die man von „Schulen beim Lernen erwarten dürfte“. Im  Homeschooling ist sicher nicht alles rund gelaufen.  Da es in den Bundesländern  für die Schulen keine einheitlichen digitalen Standards gibt, blieb bei der digitalen Unterrichtsversorgung der Schüler vieles dem Zufall und dem persönlichen Engagement  der  Lehrkräfte  überlassen. Mich ärgert allerdings  der Zeitpunkt der harschen Schulkritik.  Geht man als Journalist  schulischen Mängeln nur auf den Grund, wenn man  persönlich davon  betroffen ist?  Wenn spätestens nach den Sommerferien die Schulen aller Bundesländer  wieder zum Normalbetrieb zurückkehren, werden die  Forderungen  nach mehr Schulqualität  wieder verstummen. Niemand wird sich  dann noch  um „Minimalstandards“ kümmern, die  doch  auch  der Präsenzunterricht  allzu selten erfüllt. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Digitalisierung, Leistungsbereitschaft, Rolle des Lehrers, Schülerleistungen, Schulinspektion, Schulstreik, Unterrichtsmethoden

Einladung zur Denunziation

Das neue  Berliner Antidiskriminierungsgesetz stellt Polizisten und Lehrer unter den  Generalverdacht, Menschen, die einer Minderheit angehören, diskriminieren zu wollen. Die Umkehr der Beweislast wird das Klima in  Polizei und Schule  beeinträchtigen.

Als ich in den 1980er Jahren an einer Gesamtschule im Berliner Märkischen Viertel unterrichtete, hatte ich in der 10. Klasse  einen Dauerkonflikt mit einem türkischen Schüler, der Orkan hieß (auf Türkisch: Herrscher). Der Junge war völlig unangepasst: Er fuhr mit dem Skateboard in den Klassenraum, störte durch Privatgespräche, machte keine Hausaufgaben und  verzehrte  während des Unterrichts seinen Pausensnack. In einer Stunde hatte er einen Trink-Joghurt dabei, den er aus Unachtsamkeit umstieß. Die Flüssigkeit ergoss sich auf den Teppichboden. Ich war außer mir und  kündigte ihm ein Elterngespräch an. Er schaute mir keck ins Gesicht und sagte: „Herr Werner, Sie sind ein Ausländerfeind!“ –  Der Junge hatte instinktiv begriffen, dass er mit dieser Art von Beschuldigung einen  Lehrer hart treffen konnte. Zum Grundkonsens der  Lehrkräfte an unserer Gesamtschule gehörte nämlich  der unbedingte Wille, den Kindern aus Migrantenfamilien zu einem Schulabschluss zu verhelfen, damit sie in unserer Leistungsgesellschaft eine berufliche Perspektive haben. Im Gespräch mit den Eltern betonte ich, dass um der Gleichheit aller Schüler willen die Regeln, die sich die Schule gegeben hat, für alle gelten müssten – ungeachtet ihres  Leistungsvermögens, ihrer sozialen Herkunft und ihrer Religionszugehörigkeit. Orkan schaffte trotz seiner Unangepasstheit die mittlere Reife (heute: MSA genannt)  und wurde Verkäufer in einem Elektronikmarkt. Mir war das Erlebnis mit ihm eine wichtige  Lehre. In der Folge habe ich  noch mehr darauf geachtet, dass die Regeln des schulischen Alltags von allen Schülern eingehalten werden, weil sie nur dann den geschützten Raum vorfinden, in dem sie unbeschwert lernen können. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Diskriminierung, Migrantenkinder in der Schule, Rolle des Lehrers