Monatsarchiv: Januar 2021

Verirrungen der Gendersprache

Bei Umfragen geben über 70 Prozent der Bevölkerung zu erkennen, dass sie die Gendersprache ablehnen. Was macht der Tagesspiegel? Er möchte sie künftig in seinen Artikeln unterbringen. Wenigstens kann man im gedruckten Text die Zungenbrecher nicht hören, die Claus Kleber und Petra Gerster vom ZDF veranstalten, um die Schnittstelle zwischen  Stamm- und Endsilbe („Klimaaktivist – hicks – innen“) zu verdeutlichen.  Die Versuche, die andere Zeitungen beim Gendern unternommen haben, sind wenig verheißungsvoll.  Oft wird die weibliche Form nur benutzt, wenn das Wort in der öffentlichen Wahrnehmung positiv konnotiert ist: Klimaaktivist*in, Virolog*in, Krankenpfleger*in. Bei   Attentäter und Straftäter werden gerne männliche Formen verwendet. Wer beim Gendern nach dem Gehalt der Substantive selektiert, führt die Intention der Gendersprache ad absurdum. Diese dient feministischen Linguistinnen ja dazu, das (grammatisch korrekte) generische Maskulinum durch das (neu erfundene) generische Femininum zu ersetzen. Wenn man bei anstößigen Wörtern wie Kinderschänder oder Serientäter doch auf die maskuline Form zurückgreift, gibt man zu erkennen, dass es gar nicht um eine frauenfreundliche Grammatik geht, sondern um die Bewusstseinslenkung der Bevölkerung: Frauen sind die Guten, Männer die Bösen.

Als Germanist widerstrebt mir das Gendern unserer Sprache grundsätzlich. Diesem Konzept liegt der Irrtum zugrunde, in der Form der Substantive bilde sich das Geschlecht derer ab, die sie benennen. Simple Beispiele können dies widerlegen. Die Führungskraft ist grammatisch weiblich, und zwar auch dann, wenn es sich um einen Mann handelt. Der Mond ist in Deutschland männlich, in Italien weiblich. Gibt es im Kosmos zwei Monde? Bei der Sonne ist es umgekehrt. Das generische Geschlecht geht eigene Wege, die mit dem realen Geschlecht (Sexus) nichts zu tun haben. Im Russischen heißt der Mann „muzhchina“, hat also eine weibliche (!) Endung. Wie müsste hier gegendert werden? 
Der Schriftsteller Eugen Ruge, der als DDR-Bürger die Sprachregelungen der SED über sich ergehen lassen musste, hat in einem ZEIT-Beitrag die Absurditäten der Gendersprache trefflich beschrieben: „Dass der Läufer grammatisch männlich ist, kommt nicht daher, dass Frauen im Patriarchat nicht laufen durften, sondern weil Substantive, die auf -er gebildet werden, fast immer männlich sind.  Die Leiche ist nicht weiblich, weil nur Frauen sterben, sondern weil Substantive auf -e in der Regel weiblich sind.“ Ergo: Das biologische Geschlecht hat mit dem grammatischen Geschlecht nichts zu tun. 

Vollends absurd wird es, wenn Gattungsbezeichnungen durch das Partizip I ersetzt werden. Ein Student ist jemand, der an der Hochschule eingeschrieben ist und einen akademischen Abschluss anstrebt. Ein Studierender ist jemand (Frau oder Mann), der gerade am Schreibtisch sitzt und einen Essay über das Verschwinden der Schmetterlinge schreibt. Wenn der Student mit seinen Freunden in der Kneipe zecht, bleibt er ein Student. Ein Studierender in der Kneipe ist absurd, es sei denn er studiert beim Trinken die Qualität der Biersorten. Auf die Spitze des Unsinns trieb es die grüne Umwelt- und Verkehrsministerin von Berlin, Regine Günther. Im Dezember 2020 meldete ihre Behörde, dass es im Jahr 2020 insgesamt 17 „tote Radfahrende“ gegeben habe. Man traut den Grünen ja allerhand zu. Dass sie aber die Auferstehung von den Toten zustande bringen und tote Radfahrer wieder „fahrend“ machen, übersteigt dann doch alle Erwartungen.

Wie man sieht, kennt die Fantasie beim Gendern keine Grenzen. Man kann dem Tagesspiegel nur wünschen, dass er im Genderrausch nicht zum Witzblatt mutiert.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized