Archiv der Kategorie: Rolle des Lehrers

Ego-Trip der Jugend

 Die Jugend steht vor einer ungewohnten Bewährungsprobe.  Sie muss ihren     Selbstverwirklichungsdrang   zügeln  und Solidarität lernen.

Als  immer mehr Bundesländer dazu übergingen, das öffentliche Leben weitgehend  einzuschränken, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, konnte man erleben, dass viele Jugendliche sich nicht an das Gebot hielten, sozialen Abstand zu wahren. Als bundesweit die Schulen schlossen, gingen viele Schüler nicht nach Hause, sondern zogen  – mit Sixpacks ausgerüstet – in Parks, um dort Corona-Partys zu feiern. Viele hatten noch die bunten Gewänder an, die sie für die Motto-Woche ihres Gymnasiums angezogen hatten.  In den lauen Frühlingsabenden feierten Jugendliche  an den üblichen örtlichen  Hot-Spots: im Berliner Mauerpark, im Englischen Garten in München und auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Ein schwäbischer  Jugendlicher erzählte einem Reporter des Süddeutschen Rundfunks, er fürchte sich nicht vor einer Infektion, weil ihn sein starkes Immunsystem schütze. Die Botschaft, dass es darum gehe, andere Menschen, vor allem die Risikogruppe  der Senioren, vor Ansteckung zu bewahren, ist  bei diesen Jugendlichen offensichtlich  nicht angekommen. Im Biologieunterricht haben sie gelernt, dass man als Virusträger andere Menschen auch dann anstecken kann, wenn man selbst keine Symptome zeigt. Wenn es  um das Ausleben des eigenen Egos   geht, werden  wissenschaftliche Informationen offensichtlich verdrängt. Hieß es nicht immer, man lerne in der Schule für das Leben? Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Jugendkultur, Klimathematik in der Schule, Rolle des Lehrers

Gibt es ein Recht auf ein offenherziges Dekollete´?

Während meines Skiurlaubs in den Alpen sah ich im Hotel eine Sendung, die ich zu Hause nie sehe: „Brisant“ (ARD). Ein Beitrag beschäftigte sich mit einem Vorfall, der sich  auf einem Flug der Thomas Cook Airlines von Birmingham nach Teneriffa ereignet hat. In der Kabine wird der 21-jährigen Emily O´Connor von einem Mitglied  des Kabinenpersonals mitgeteilt, dass ihre Kleidung nicht angemessen sei und dass sie damit die Vorgaben der Airlines verletze. Der Stuart  meinte das tief ausgeschnittene Dekolleté  der jungen Dame.  Nach den Regeln der meisten Airlines  kann  Passagieren, die „vulgär, obszön oder offensichtlich anstößig“ gekleidet sind, der Zutritt zum Flugzeug untersagt werden. Die Dame durfte erst mitfliegen, als sie  ein bis oben geschlossenes Hemd anzog. Es versteht sich von selbst, dass Miss O´Connor nach dem Flug gegenüber der Airlines den Vorwurf des Sexismus erhob. Ich frage mich, ob man nicht umgekehrt der Dame den Vorwurf machen könnte, durch die Ausstellung ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale sexistisch gehandelt zu haben – sexistisch im Sinne einer im Kontext einer Flugzeugkabine unangemessenen sexuellen Körpersprache. Was in einer Disco durchaus erwünscht ist und den Reiz  des Etablissements erhöht, verbietet sich in einer Umgebung, in der andere Menschen  nicht durch die erotischen Anzüglichkeiten einer Einzelnen  behelligt  werden wollen. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit findet eben dort ihre Grenze, wo die Freiheit anderer verletzt wird.

Als Lehrer musste ich häufiger  einschreiten, als Schülerinnen ähnlich offenherzig gekleidet wie Miss O´Connor in die Schule kamen. Auch sie verwies ich auf die Hausordnung, die für die Schule  eine „angemessene Bekleidung“ vorschreibt. Es gibt kein Recht von jungen Mädchen, in einem öffentlichen Raum wie der Schule Teile ihrer Brüste vorzuzeigen. Erstaunlicher Weise bekam ich den meisten Zuspruch von Schülerinnen. Sie fühlten sich durch das Auftreten ihrer Geschlechtsgenossinnen in ihrer Würde verletzt, die sie darin sahen, dass die Frau eben nicht auf die Rolle als Sexualobjekt  reduziert werden darf. Die  Mädchen, die meine Intervention verteidigten,  wollten mit ihren Geistesgaben glänzen und nicht mit ihren körperlichen Vorzügen. Sie hatten erkannt, dass die freizügigen  Mädchen der   Gleichberechtigung  der Geschlechter einen Bärendienst erweisen,   wenn sie durch ihre Kleidung signalisieren, dass es bei einer Frau  letztlich doch auf ihren Sexappeal  ankomme und nicht auf ihre geistigen  Gaben. Ich muss nicht betonen, dass ich von diesen klugen Mädchen begeistert war. Besser hätte ich das  Anliegen der Frauen  auch nicht ausdrücken können.

Merkwürdig fand ich die Kommentierung des Vorfalls durch die Moderatorin. Sie drückte sich vor einer eindeutigen Meinung und bat die Zuschauer, ihre Meinung auf der Facebook-Seite von „Brisant“ zu äußern. Eine eindeutige Haltung zu dem Vorfall  müsste der Moderatorin eigentlich nicht schwer gefallen sein, weil sie doch selbst –  im öffentlichen Raum  wirkend  –  dezent gekleidet war.

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Rolle des Lehrers, Verantwortung der Eltern

Schwierige Schüler brauchen einfühlsame Lehrer

Veröffentlicht in der Tageszeitung DIE WELT vom 28. 01. 2020

Kinder mit Migrationshintergrund  sind in unserem Schulsystem benachteiligt, dabei ist Bildung die wichtigste Voraussetzung für das spätere Berufsleben. Das erfordert mutige Maßnahmen.

 

Als am Himmelfahrtstag 2018 die ehrwürdige Harvard-Universität in Boston die Graduierten verabschiedete, hielten drei Studenten des Jahrgangs die Abschiedsreden. Es waren eine Studentin aus der Dominikanischen Republik, eine Kommilitonin aus Algerien und ein Student aus Indien. Letzterer hielt seine Rede in flüssigem Latein. Deutlicher hätte nicht zum Ausdruck kommen können, dass es in einer offenen Gesellschaft, deren Bildungssystem nur dem Leistungsprinzip verpflichtet ist, auch Kinder aus Migrationsfamilien ganz nach oben schaffen können. Auch in Deutschland gibt es inzwischen viele  Beispiele für erfolgreiche Bildungsbiografien von Kindern mit Migrationsgeschichte. Unter den besten Abiturienten eines Jahrgangs finden sich regelmäßig  Schüler, deren Eltern aus ärmlichen Verhältnissen  nach Deutschland eingewandert sind, um hier ihr Glück zu suchen. Ihre Kinder haben es geschafft.

Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat nahezu jeder vierte  Deutsche einen Migrationshintergrund, bei Kindern ist es jedes dritte. Wie ist es um die  Bildung der Migrantenkinder bestellt?  Auskunft   gibt der  12. Bericht zur Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland, den die    Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration  Annette Widmann-Mauz im Dezember  2019 vorstellte.  Der Bericht zeigt gegenüber dem letzten Bericht aus dem Jahre 2016  eine  positive Entwicklung von Kindern mit Zuwanderungshintergrund  hin zu höher qualifizierten Abschlüssen.  Sie    schaffen häufiger den  Mittleren Schulabschluss  und  das Abitur. Die Quote derer, die nur den Hauptschulabschluss schaffen, hat abgenommen. Dennoch ist die Kluft  zwischen Migrantenkindern und Kinder aus deutschen Familien  noch immer  sehr groß. An den Schulbesuchsquoten kann man es ablesen. An Hauptschulen beträgt der  Anteil  ausländischer  Schüler  20,8 Prozent, der  deutscher  Schüler nur  6,3 Prozent; am Gymnasium beträgt er 24,7  Prozent gegenüber 49  Prozent bei deutschen Schülern.  Der Bericht sieht die Ursachen für das  fortbestehende Bildungsgefälle im Zusammenklang dreier  „Risikolagen“, von denen viele Kinder aus Einwandererfamilien  betroffen sind: Die Eltern haben oft einen geringen Bildungsstand, sind seltener erwerbstätig und verfügen über ein niedrigeres Einkommen. Während nur zwei  Prozent der Kinder ohne Migrationshintergrund von allen drei Risiken gleichzeitig betroffen sind, sind es bei Kindern mit Migrationsgeschichte acht  Prozent.  Diese Risikolagen bedingen einen schlechten Start in die frühkindliche Bildung. Kinder mit fremdländischen Wurzeln besuchen immer  noch seltener eine Kindertagesstätte als Kinder der Mehrheitsbevölkerung, wobei der Kita-Besuch mit dem Bildungsgrad der Eltern steigt. Alarmierend ist zudem, dass Kinder  aus dem Migrantenmilieu  seltener informelle Bildungs- und Fördergelegenheiten wahrnehmen, wie etwa Babyschwimmen, Kindersport oder musikalische Frühförderung. In der Entwicklungspsychologie gilt  als  gesichert, dass solche Angebote die Entwicklung eines Kindes günstig beeinflussen, weil in der Kleinkindphase  das  Zusammenspiel von Körper und Geist besonders wichtig ist. Grundschulstudien wie IGLU, TIMSS und IQB-Bildungstrend belegen, dass sich die Benachteiligung von Kindern aus Migrationsfamilien in der Grundschule fortpflanzt. Dort erzielen diese Kinder im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften schlechtere Ergebnisse als Kinder ohne Migrationshintergrund.

Leider differenziert der Bericht der Migrationsbeauftragten  nicht  nach  ethnischen Einwanderer-Gruppen. Deshalb muss man andere Studien zu Rate ziehen. Migrationsforscher  attestieren türkischen Schülern den schlechtesten Schulerfolg unter den Migrantengruppen.   Die Defizite türkischer Schüler  werden oft darauf zurückgeführt,  dass viele türkische Einwanderer aus der Unterschicht stammen, in der es keine familiäre Bildungstradition und auch keine positiven Vorbilder gebe. Bei asiatischen, polnischen und  russischen Einwanderern sei das anders,  weil sie oft der Mittelschicht entstammten. Wenn man, wie es das  Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB)  2015  in einer Studie  getan hat,  den sozialen Status der Eltern herausrechnet, sind  die „Kompetenznachteile“ türkischer Schüler immer  noch  „substantiell“. Andererseits weiß jeder Lehrer, dass Kinder am erfolgreichsten lernen, wenn sie sich wertgeschätzt und angenommen fühlen. Das ist bei türkischen Schülern offensichtlich nicht immer der Fall. Beobachtungen im Unterricht an Berliner Sekundarschulen zeigten, dass Schüler mit türkischen und arabischen Wurzeln bei einem Mathematiktest besser abschnitten, wenn sie vor dem Test von der Lehrkraft positiv motiviert worden sind. Es ist nicht auszuschließen, dass es Lehrkräfte gibt, die nach dem Prinzip der sich  selbst  erfüllenden Prophezeiung verfahren. Sie trauen Schülern mit türkischen Wurzeln weniger zu, was sich bei der Bewertung ihrer Leistungen dann auch tatsächlich  einstellt.

Bildung ist die wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches Berufsleben. Sie bietet auch Gewähr für eine aktive Teilhabe am kulturellen Leben.  In einer modernen Leistungsgesellschaft ist Bildung  zudem  der wichtigste Rohstoff, Garant für Wachstum und  Wohlstand. Wir sollten alles tun, um die Kluft zwischen deutschen Schülern und solchen mit Migrationsgeschichte zu schließen. Für Kinder jeglicher Herkunft gilt, dass  sich  Intelligenz  über Sprache bildet. Muttersprachliche Verbalisierungsstrategien schon  im frühesten Kindheitsalter   sind deshalb  die besten Garanten für schulischen Erfolg. Dies gilt in besonderem  Maße für Kinder aus Migrationsfamilien. Wenn dort nur eingeschränkt oder gar nicht Deutsch gesprochen wird, wenn auch das Fernsehen via Satellit nur in der Heimatsprache konsumiert wird,  geraten diese Kinder schon im frühen Alter gegenüber ihren deutschen Altersgenossen ins Hintertreffen. Sprachforscher haben festgestellt, dass diese Verbalisierungsrückstände nie mehr ganz aufgeholt werden können. Dies ist  auch die Ursache für den  deprimierenden Befund des Berichts der Integrationsbeauftragten, dass selbst Ausländerkinder mit Abitur als Erwachsene einem  höheren  Armutsrisiko ausgesetzt sind als deutsche Schüler mit Abitur. Sie tragen die Benachteiligung quasi als Handicap  durch ihr ganzen Leben.

In allen  Bundesländern gibt es inzwischen Sprachstandfeststellungen, mit deren Hilfe man die sprachlichen Defizite von Kindern noch  rechtzeitig vor der Einschulung erkennen kann.  Getestet werden in der  Regel Kinder  im Alter zwischen  drei  und  vier  Jahren. Das erste Testverfahren  wurde in den 1990er Jahren  in Berlin entwickelt. Es trägt den schönen Namen  „Bärenstark“. Das zu testende Kind wird mit einem Teddybären konfrontiert.  Das Kind muss den Bären beschreiben, einzelne Körperteile benennen und mit dem  Bären kommunizieren. Die Sätze des Kindes werden Wort für Wort protokolliert. Sprachforscher halten diesen Test für sehr aussagekräftig, weil er zeigt, wie differenziert  das  Sprachvermögen der Kinder ausgebildet ist. Ein eventueller  Förderbedarf lässt sich verlässlich feststellen. Die Krux dieser Tests liegt allerdings darin,  dass die Schulbehörden der Bundesländer  sich schwer damit tun, die Kinder mit Förderbedarf zu einem Kita-Besuch zu verpflichten. Kulanz gegenüber widerstrebenden Eltern ist  fehl am Platze, wenn es um die Zukunft der Kinder geht.

Mit der Sprachförderung in Kita und Grundschule ist es nicht getan. Für Schüler aus Ausländerfamilien  müsste man auch im Sekundarbereich  eine sprachliche Zusatzförderung  anbieten, die  den  regulären Fachunterricht  ergänzt. Das Ziel dieser Förderung müsste sein, dass sich  die Schüler dasselbe elaborierte Sprachverständnis aneignen, das Kinder aus  deutschen Familien in ihrer frühkindlichen Sozialisation naturwüchsig  erwerben. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man sich auf dem Niveau einer Zweitsprache artikulieren kann, wo  oft schon 5.000 Wörter für die Alltagskommunikation  ausreichen, oder ob man in der Lage ist, literarische Texte oder anspruchsvolle Sachtexte zu  verstehen, für die man einen Wortschatz von 20.000 Wörtern benötigt.  Schüler, die trotz dieser Fördermaßnahmen keinen Schulabschluss erreichen, sollte man so lange beschulen, bis   sie den  Hauptschulabschluss schaffen, der  ihnen den Weg in einen Lehrberuf ebnet. Dazu müsste die gesetzlich limitierte Dauer der Schulpflicht im Einzelfall verlängert werden können. Was spricht dagegen, für solche Schüler eine spezielle Einrichtung, eine „Schule Plus“, zu schaffen?  Dort sollten sie von  Lehrern betreut werden, die  wegen ihrer starken  Persönlichkeit  einen Zugang zu diesen Schülern finden. Leidenschaftlichen Lehrern kann es  gelingen, mit Sachkompetenz, Empathie und persönlicher  Ausstrahlung  selbst  schwierigste Schüler auf den richtigen Weg zu führen.

Vor dem  Hintergrund, dass ein Viertel der 15-jährigen Schüler mit Migrationshintergrund nur über eine eingeschränkte Lesekompetenz verfügt, drängt sich die Frage auf, ob  ein  Sprachförderpakt nicht  sinnvoller wäre  als der von der Regierung mit den Ländern verabredete Digitalpakt. Jeder Schule, die einen Ausländeranteil von mehr als 30 Prozent aufweist, sollte ein  Sprachlehrer mit DaF-Kompetenz zugewiesen werden, der die  Fachlehrer dabei unterstützt, die Sprachschulung der Schüler zur täglichen Pflicht zu machen. Man möchte sich nicht ausmalen, wie Schüler, die analphabetisch unterwegs sind, mit  ihren  Smartphones und Tablets hantieren. Die ihnen  antrainierte Technikaffinität wird ihre sprachlichen Defizite  mit Sicherheit  nicht  beheben können.

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Armut und Bildung, Der richtige Umgang mit Schülern, Grundschule, Migrantenkinder in der Schule, Ricchtiger Umgang mit der Sprache, Rolle des Lehrers, Schülerleistungen, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Verantwortung der Eltern

Mangel an Liebe

Adalbert Stifter als Bildungsexperte

Jede Lehrkraft hat schon einmal  ein Kind erlebt, das sich seinen pädagogischen Bemühungen hartnäckig verweigert hat. Solche Kinder zeigen sich  desinteressiert oder  rebellisch, in sich zurückgezogen oder übertrieben extrovertiert. Die Lehrkraft ahnt, dass in  der häuslichen Erziehung etwas passiert sein muss, was das Kind daran  hindert,  sich in die schulische Gemeinschaft einzufügen und die Lernangebote anzunehmen. Da der Schule  in der Regel  Einblicke in die  elterliche Erziehung verwehrt sind, bleibt den Lehrern nichts anderes übrig, als  das an dem Kind Versäumte in einer Art von zweiter Sozialisation nachzuholen. Viele Lehrkräfte tun sich bei dieser Erziehungsaufgabe  schwer, weil sie die Verstocktheit solcher Kinder  nur schwer ertragen können. Manchmal nehmen sie deren  Verweigerungshaltung auch persönlich und werten sie  als Missachtung ihrer engagierten Erziehungsbemühungen. Es gibt auch Lehrkräfte, die solche Kinder mit rabiaten Methoden  traktieren und dadurch  ihre Aufsässigkeit  noch verstärken.

Von dem Dichter Adalbert Stifter,  im Brotberuf Schulrat, gibt es eine Erzählung, die verblüffend hellsichtige und moderne Erziehungsmethoden schildert, die zeigen, wie man mit „aufsässigen“ Schülern umgehen sollte („Der Waldbrunnen“, 1866). Ein älterer Adeliger, Herr von Heilkun, verbringt die Sommerfrische  in Begleitung seiner beiden  Enkelkinder  Franz und Katharina in  einem kleinen abgeschiedenen  Bergdorf. Die Bewohner sind einfache Menschen:  Bauern, Handwerker und Waldarbeiter. Die Zwergschule hat nur einen Lehrer, der damit hadert, dass ihn die Beamten der Schulaufsicht „so lange in diesem unwirtbaren Waldwinkel und bei so rohen Menschen gelassen haben“. Seine Schüler hält er für genauso roh und wild wie ihre Eltern. Der Adelige, der an das Gute im Menschen – auch bei den Kindern der „rohen“ Waldbewohner  – glaubt, fragt den Lehrer: „Könnt Ihr die Kinder dieser Leute nicht verbessern und veredeln?“ – Der Lehrer antwortet: „Ja, wenn die Eltern nicht wieder alles verdürben. Die Kinder lernen Halsstarrigkeit und Bosheit.“ – In der Klasse habe  er  ein „wildes Mädchen“ sitzen, an dem seine Bemühungen gescheitert seien: „Da habe ich sogar ein Mädchen, das aus Rohheit und Bosheit noch kein Wort in der Schule gesprochen hat.“ – Auffällig ist, dass der Lehrer gar nicht versucht, der Verstocktheit des Mädchens – es  heißt Juliana –  auf den Grund zu gehen, sondern sofort zur fatalen  Methode der Etikettierung greift. Er schreibt dem Mädchen, mit dem er noch kein persönliches Wort gewechselt hat,  Charaktereigenschaften wie „Rohheit“ und „Bosheit“ zu. Der Lehrer unterstellt dem Mädchen sogar feindselige Absichten gegenüber der Schule. Es gehe nur „aus Bosheit“ in die Schule, „um dort wild zu  sein und zu trotzen“. Dieses Gespräch weckt den pädagogischen Ehrgeiz des adeligen Herrn. Er glaubt, dass er das  „wilde Mädchen“ genauso erziehen und bilden könne, wie ihm dies bei seinen beiden Enkelkindern, die er selbst erzogen hat,  gelungen ist.  Er erwirkt vom Lehrer die Erlaubnis, einige Unterrichtsstunden geben zu dürfen.

Bei seinen pädagogischen Bemühungen fällt auf, dass er völlig darauf verzichtet, das Mädchen zu stigmatisieren. Er behandelt es wie alle anderen Kinder. Er verzichtet dabei auf jeglichen Zwang:  „Juliana, tue wie du willst.“ Die Schüler üben sich im Schreiben und Lesen. Nach den Übungsstunden sollen sie ihre Künste vor der Klasse zeigen. Wenn das Mädchen sich verweigert, geht der alte Herr ohne Kommentar darüber hinweg. Er bringt  kleine Geschenke mit – Abziehbildchen oder Bilder zum Ausmalen – , die er an die besonders fleißigen  Schüler verteilt. In jeder Stunde lässt er  sich von den Schülern ihre Übungsarbeiten zeigen, nicht aber von dem Mädchen, weil er ja auf seine Freiwilligkeit setzt.  Eines Tages durchbricht Juliana  die selbstgewählte Isolation, stürzt zum Pult und verlangt vom „Lehrer“, dass er auch ihre Leistungen würdigt. Damit  ist das Eis gebrochen und der Ehrgeiz des Mädchens  geweckt. Es verhält sich fortan  wie eine normale Schülerin.

Mit diesem ersten Teilerfolg gibt  sich der  alte Herr nicht zufrieden. Mit seinen beiden Enkelkindern bricht er auf, um das Elternhaus des Mädchens kennen zu lernen. Sie wohnt mit Mutter, Tante und Großmutter in einer kleinen Bauernkate am Waldrand. Der Vater Julianas  ist früh gestorben. Die soziale Lage der kleinen „Weiberwirtschaft“ könnte man als prekär bezeichnen. Das Mädchen hängt mit inniger Liebe an ihrer Großmutter, in deren Zimmer es  auch überwiegend wohnt. Sie schmückt das Zimmer phantasievoll mit Gegenständen aus der Natur, mit denen sie auch die Kleidung der Greisin drapiert. Bei jedem Besuch im Elternhaus des Mädchens bringen  der  alte Herr und seine beiden Enkel kleine Geschenke mit, die dankbar entgegen genommen werden.

Die Erzählung schildert in Zeitraffung, wie die drei Sommerfrischler jeden Sommer aufs Neue  ins Dorf kommen und wie sie immer wieder Kontakt zu Juliana suchen. Juliana und die beiden Enkel Franz und Katharina werden zu immer  engeren Spielkameraden. Auch dem Mann  bringt Juliana eine immer größere Zuneigung entgegen, bis sie ihn schließlich „Großvater“ nennt. Franz und Katharina erschließen  dem Mädchen  die Welt der Bücher und machen sie mit Poesie  bekannt. Eines Tages erleben sie  hinter einem Baum verborgen, wie Juliana auf einem Felsvorsprung im Wald steht und mit klangvoller Stimme Gedichtverse deklamiert:

„Blumen, die der Lenz geboren, / Streu ich dir in deinen Schoß.“

oder:

„Dem Winde, dem Regen, / dem Schnee entgegen. / Immer zu, immer zu…“

Inhaltlich sicher  nur halb verstanden, hat das Mädchen mit dem Instinkt kluger Menschen, denen es an Bildung gebricht, die Magie dieser Verse erkannt und sie sich zu  eigen gemacht. Das pädagogische Prinzip, lieber zu überfordern als zu unterfordern, hat hier seine Wirkung entfaltet.

In der Erzählung geht Juliana, angeleitet und unterstützt von ihrem Mentor und liebevoll begleitet von ihren beiden Freunden ihren Weg.

Was kann man aus der Erzählung Adalbert Stifters für das eigene pädagogische Handwerk lernen?

  • Jedes Kind hat einen guten Kern, der oft nur durch missliche häusliche Bedingungen verschüttet ist.
  • Jede pädagogische Bemühung muss damit beginnen, dass man sich in ein Kind hineinversetzt und versucht, die Beweggründe für sein Verhalten zu verstehen.
  • Kein Kind kommt morgens mit dem Vorsatz in die Schule, den Mathematiklehrer zu ärgern. Fehlverhalten ist situativ bedingt und meistens Ausdruck von seelischen Nöten, die ihre Ursache allzu oft im Elternhaus haben.
  • Zwang und Strafen verschlimmern in der Regel das Fehlverhalten von Kindern. Besser sind konstruktive Angebote, die dem Kind helfen, aus dem Teufelskreis von Fehlverhalten und Bestrafung herauszufinden.
  • Ähnlich wie bei Erwachsenen ist auch bei Kindern geliebt zu werden  der wichtigste Antrieb im Leben. Auch wenn eine Lehrkraft ihren Schülern nicht die Liebe entgegenbringen kann, die Eltern gegenüber ihren Kindern verspüren, sollte doch im  Umgang mit den Schülern die Zuneigung aufscheinen, die notwendig ist, um Schüler  auf  ihrem  Weg ins Leben positiv zu begleiten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Der richtige Umgang mit den Eltern, Der richtige Umgang mit Schülern, Rolle des Lehrers

Durch Bildung erziehen

An den  Schulen häufen sich Disziplinverstöße. Auch die Gewalt nimmt seit einigen Jahren wieder zu. Die moderne Didaktik schafft es offensichtlich nicht, die Schüler durch Bildung zu zivilisieren.  

Lange haben sich die Schulbehörden der Länder in der Gewissheit  gewiegt,  die Gewalt an Schulen werde – einem statistischen Trend folgend – weiter abnehmen. Seit 2015 gibt es allerdings wieder einen alarmierenden Anstieg von Gewalttaten von Schülern. In Nordrhein-Westfalen ist von 2015 bis 2017 die Zahl der Straftaten wie Körperverletzung, Nötigung, Raub  um  10 Prozent gestiegen. Auch im sonst so  sicheren Bayern stieg die Zahl der angezeigten schulischen Gewalttäter  von 2015 bis 2016 um 18,7 Prozent. In Berlin haben  Beleidigungen, Drohungen und Tätlichkeiten an Schulen ebenfalls  deutlich zugenommen. Seit einigen Jahren unterrichten an vielen  Schulen sog. Quereinsteiger, also Lehrkräfte ohne pädagogische Ausbildung. Etliche von ihnen haben vor den Schwierigkeiten des Unterrichts kapituliert und die Schule frustriert wieder verlassen. Ihre Erfahrungsberichte sind erschütternde Dokumente über chaotische Zustände in den Klassenzimmern: Es herrsche Disziplinlosigkeit, es tobe der Kampf jeder gegen jeden, üblich seien eine verrohte Sprache, Mobbing gegenüber Schwächeren und ein latentes Klima der Einschüchterung. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, ganzheitliche Bildung, Privatschulen, Reformpädagogik, Rolle des Lehrers, Unterrichtsmethoden, Unterrichtsqualität

Pädagogische Moden bringen Schüler nicht weiter

Inklusion, Selbstlernen, ein freundlicher Umgang miteinander – das allein bringt niemanden zum Abitur. Das konservative Leistungsprinzip ist besser als sein Ruf.  

 Wenn man sich heutzutage  im Lehrerzimmer zu einer konservativen Pädagogik bekennt, hat man einen schweren Stand. Den vorwiegend jungen Kollegen gehen die Floskeln einer  linken Pädagogik flüssig von den Lippen: Kinder aller Begabungen in einer Klasse? Kein Problem!  Das Leistungsprinzip im Unterricht? Wichtiger ist ein freundliches Lernklima! Der  pädagogische  Mainstream, der seit Jahren den gesellschaftlichen Diskurs über Bildung prägt, hat sich auch in den Köpfen vieler  Lehrkräfte  eingenistet. In den täglichen Gesprächen im Lehrerzimmer kann man dann aber Erstaunliches vernehmen. Wenn ein Mathelehrer erschöpft aus der 8 b kommt und klagt: „Wie haben die es nur aufs Gymnasium geschafft?“, gerät die Verheißung  vom „längeren gemeinsamen Lernen“ offensichtlich  an ihre Grenzen. Spätestens beim Mittleren Schulabschluss und vor allem im Abitur kehrt auch  das Leistungsprinzip mit Macht zurück. Freundlicher Umgang mit Schülern  – eigentlich  eine  Selbstverständlichkeit – hilft den  Schülern nicht über diese Hürden hinweg. Viel Unaufrichtigkeit  ist  im Spiel, wenn Lehrer  eine „fortschrittliche“ Pädagogik verteidigen. Oft klingt es, als wolle man sich partout  zu den angesagten  pädagogischen Moden   bekennen, weil es als anstößig gilt,  als konservativ wahrgenommen zu werden. Mich amüsiert diese Schizophrenie: In der Theorie tickt man links, in der Praxis neigt man dann doch zur altbewährten Praxis. Vielleicht hatte der große konservative Denker Joachim Fest recht, als  er sagte: „Die Wirklichkeit ist immer konservativ.“ Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Leistungsbereitschaft, Rolle des Lehrers, Schülerleistungen, Unterrichtsinhalte, Unterrichtsmethode

Ist die Jugend rechtspopulistisch?

Gesellschaftliche Konflikte machen vor dem Schultor nicht Halt. Deshalb  ist es  sinnvoll, sie zum Gegenstand des Unterrichts zu machen. Bedenklich wird es, wenn Aktivisten unter den  Schülern  die freie Diskussion erschweren.

 Am 15. Oktober 2019  wurden  die Ergebnisse der  18. Shell-Jugendstudie vorgestellt. Schon bald  konnte man in den Medien  besorgte Kommentare lesen, die den Jugendlichen einen Rechtsruck unterstellten. „Populismus auf dem Pausenhof“ titelte ein Redakteur eines bekannten Nachrichtenmagazins. Was ist der Grund für diese Aufregung? 68 Prozent der befragten Jugendlichen hatten der Aussage zugestimmt, in Deutschland dürfe  man nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden. Ist dieses Ergebnis  ein Beleg für die Anfälligkeit der Jugend für „rassistische Ausgrenzung und Verschwörungstheorien“, wie  besagter Redakteur mutmaßt? Keineswegs! Ich habe in den letzten Jahren hautnah erleben können, wie sich der Streit über die gesellschaftlichen Großkonflikte  Flüchtlinge und Klima  im Unterricht am  Gymnasium  niederschlagen. Wenn Schüler Erfahrungen mit stigmatisierender Etikettierung  machen, dann im Unterricht, und zwar  durch ihre Mitschüler. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Jugendkultur, Mobbing, Neutralitätsgebot, Rolle des Lehrers, Schulstreik