Archiv der Kategorie: Rolle des Lehrers

Gefühlte Wahrheiten statt Fakten

Es ist kein gutes Zeichen, wenn selbst Medien, die sich aufklärerischem Denken verpflichtet fühlen, die Analyse von Fakten durch suggestiv dargebotene „gefühlte Wahrheiten“ ersetzen. So geschah es in der Titelgeschichte des SPIEGEL „So gut /so  schlecht geht es den Deutschen“ (Heft 9/2017). Da liest man folgenden Satz:

„Noch immer studieren hierzulande vor allem Kinder, deren Eltern selbst Akademiker sind.“

Die Aussage des Satzes ist richtig, trotzdem erklärt er so gut  wie nichts. Er soll auch nichts erklären, sondern ein Gefühl bedienen: So ungerecht geht es zu in Deutschland. Nicht einmal das „Aufstiegsversprechen im Wirtschaftswunderland“ (SPIEGEL) werde eingelöst. Schuld sei der Neoliberalismus, der in  seinem Effektivitätsdenken die Schwachen – die Arbeiterkinder – zurücklässt. Damit stimmt der SPIEGEL in den Gerechtigkeitssound ein, den  zur Zeit Martin Schulz (SPD) landauf, landab anstimmt. Merkwürdig, dass sich selbst  Journalisten, die der kühlen Analyse verpflichtet sind, vom Erlösungsversprechen eines Politikers anstecken lassen. Weiterlesen

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Rote Laterne für Berlin

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bildungswelten, 17. 11. 2016

Rote Laterne für Berlin

von Rainer Werner

Lernbüros, Stationenlernen, Freiarbeit und offener Unterricht gelten als schülerfreundliche Methoden – auf ihre Wirksamkeit überprüft wurden sie aber nie. Berlin praktiziert sie dennoch weiter und muss bei Leistungsvergleichen eine Niederlage nach der anderen einstecken.

Seit Jahren belegt das Land Berlin im bundesweiten Schulvergleich den letzten oder vorletzten Platz. In diesem Jahr haben gleich zwei Studien diese trostlose  Platzierung   am Ende der Länderskala bestätigt: die Studien des „Instituts der Deutschen Wirtschaft“  und des „Instituts für Qualitätsentwicklung im  Bildungswesen“. Das Deprimierende dieser Befunde liegt darin, dass eine Besserung der Schulqualität nicht in Sicht  ist. Teilweise haben sich die schulischen Leistungen sogar  verschlechtert, wie die Erhöhung der Zahl der Schüler ohne   Schulabschluss von 9%  (2014) auf 11%  (2015) zeigt.

Die neue Legislaturperiode des Berliner Abgeordnetenhauses und des Senats von Berlin bietet die Gelegenheit, endlich die Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um aus dem „Tal der Tränen“ herauszukommen. Dabei sollte der neue Senat das beherzigen, was der pädagogische Sachverstand für die Qualitätssteigerung  einer Schule als besonders wirksam herausgefunden hat. In der Medizin gilt  es als  selbstverständlich, dass  nur Therapien und Medikamente zur Anwendung kommen, deren Wirksamkeit eindeutig erwiesen ist. In der Pädagogik kann man oft den Eindruck gewinnen, dass das   politisch Wünschenswerte an die Stelle dessen tritt, was wirklich Qualität verspricht.  Weiterlesen

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In memoriam: Siegfried Kühl

Großer Künstler, inspirierter Pädagoge

Vor einem Jahr ist Siegfried Kühl im Alter von 86 Jahren gestorben. Am 29. 09. 2016 hat das Bezirksamt Reinickendorf seiner gedacht, indem es in der  Rathaus-Galerie einige seiner Bilder und die Bilder wichtiger Weggefährten ausgestellt hat. Die Stadträtin für Kultur und eine Kunstwissenschaftlerin würdigten den Lebensweg und das Schaffen dieses außergewöhnlichen Menschen.

Ich hatte als Lehrer das Glück, Siegfried Kühl noch einige Jahre an seiner 40-jährigen Wirkungsstätte, der Schulfarm Scharfenberg in Berlin-Tegelort, erleben zu dürfen. Schon nach wenigen Begegnungen war mir  klar, dass Siegfried Kühl das verkörpert, was man einen Vollblut-Pädagogen nennt. Sein Umgang mit den Schülern war rau, aber herzlich. Stets hatte er eine Schar von Schülern um sich, denen er Geschichten erzählte oder ein künstlerisches Extempore vermittelte. Kühl hatte, was einen großen Pädagogen auszeichnet: überragendes fachliches Wissen und eine menschliche Art der Ansprache, Professionalität gepaart mit  Empathie. Wer von  ihm in Kunst unterrichtet wurde, zog daraus Gewinn  für sein  ganzes Leben. Weiterlesen

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Neuerscheinung: „Auf den Lehrer kommt es an“

Im Jahre  2012  schrieb ich nach vielen Fachbüchern  für den Deutschunterricht mein erstes pädagogisches Buch, in dem ich meine Erfahrungen aus über 30 Jahren Unterricht an einer Gesamtschule und zwei Gymnasien in die griffige Botschaft kleidete, die auch den Titel des Buches bildete: „Auf den Lehrer kommt es an“ / „Wie Schule gelingen kann“.  Damals  galt man in pädagogischen Kreisen durchaus noch als Außenseiter, wenn man,  wie ich es tat,  mit Überzeugung  betonte, dass es in der Schule vor allem auf die Fähigkeiten des Lehrers ankomme. Zu stark war noch der Glaube, dass man mit neuen Schulformen, wie z.B. der Gemeinschaftsschule, oder mit  neuen didaktischen Konzepten wie dem Kompetenzmodell eine schöne neue Lernwelt  begründen könne. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, gegenseitige Besuche im Unterricht, Innere Schulreform, Rolle des Lehrers, Unterrichtsqualität

Wir lassen keine(n) zurück!

In Deutschland verlassen jedes Jahr knapp 50.000 junge Menschen die Schule, ohne einen Abschluss erreicht zu haben. In Berlin sind es ca. 6.000.  Sie schaffen nicht einmal den leichtesten Abschluss, der heute Berufsbildungsreife genannt wird. Früher hieß er Hauptschulabschluss. Die Folgen sind fatal: für die Betroffenen und für die Gesellschaft. Ein Schüler ohne Schulabschluss findet nur schlecht einen Ausbildungsplatz. Ohne Beruf  jobben diese jungen Menschen in unterschiedlichen Branchen, um schließlich im Hartz-IV-System zu landen. Als Lehrer, der die meiste Zeit im Gymnasium unterrichtet hat., wollte ich wissen, wie es an den Schulen zugeht, an denen viele dieser „Schulversager“ unterrichtet werden. Dazu hospitierte ich an einer Integrierten Sekundarschule im Berliner Stadtteil Moabit. Ich sprach mit  dem Schulleiter und einigen Lehrkräften und Schülern. Und ich besuchte  Unterricht im Fach Deutsch.  Hier ist der Erfahrungsbericht.

 

Hedwig-Dohm-Oberschule  – die Schule im Herzen Berlins  – ein Erfahrungsbericht

Das  mit wildem Wein bewachsene  Backsteingebäude aus der Gründerzeit  steht  am Stephanplatz  im  Stadtteil  Berlin-Moabit, der zum Bezirk Mitte gehört.   Es beherbergt  die  Hedwig-Dohm-Oberschule, eine Integrierte Sekundarschule, die aus der Zusammenlegung einer Real- mit einer Hauptschule entstanden ist.  Namenspatronin ist  die  jüdische Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, die im 19. Jahrhundert mit „Mut vor Königsthronen“  und  geistreichem  Humor  für die volle Gleichstellung von Mann und Frau eingetreten ist. Hedwig Dohm war die Großmutter von Katharina („Katja“) Pringsheim, der Ehefrau von Thomas Mann. Noch die Kinder des Mann-Ehepaars waren stolz auf ihre streitbare Urgroßmutter. Weiterlesen

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„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ (Kurt Tucholsky)

Wie eine Schulform ihre eigenen pädagogischen Ziele ad absurdum führt

Am 23. 04. 2016 erschien in der „Stuttgarter Zeitung“ eine Anzeige von Eltern, die es in sich hat. Unter der  Überschrift  Was  denken die Eltern zur Schulpolitik? wird ein gruseliges Bild vom Lernprozess an den in Baden-Württemberg neu eingeführten Gemeinschaftsschulen gezeichnet.

Die Rechtschreibung der Schüler scheint an den Gemeinschaftsschulen  völlig  unter die Räder gekommen zu sein. Hier einige Kostproben aus Schülertexten: „Die Katze schlägt (schleckt!) einen grossen Teller Sane.“ / „Das Pferd galopiert einen grossen Greiss.“(Kreis) / „Die Augen sind rod und das Fell ist bund.“ Man kann getrost  vermuten, dass hier die Methode des phonetischen Schreibens (Schreib, wie du es hörst!) angewendet wurde, die auch anderen Ortes zu katastrophalen Ergebnissen geführt hat. Der Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern Mathias Brodkorb hat nach desaströsen Ergebnissen beim VERA-Vergleichstest der Grundschulen angekündigt,  von der umstrittenen Methode wieder Abstand nehmen zu wollen. Ein Redakteur von SPIEGEL-online hält diese Rechtschreibmethode für „unterlassene Hilfeleistung„. Der Medienwissenschaftler und Lektor  Dr. Peter Kruck von der Ruhr-Universität Bochum ist  der Meinung, dass die negativen Auswirkungen dieser verfehlten Unterrichtsmethode inzwischen schon an der Hochschule zu spüren seien: „Die meisten Lehramtsstudenten schaffen es nicht, zwei bis drei Sätze fehlerfrei zu schreiben.“ Weiterlesen

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Fragwürdige Experimente

Wie Bildungspolitiker mit den Lebenschancen unserer Kinder umgehen

 In unserer repräsentativen Demokratie legen wir die Geschicke unseres Landes für vier (in den Ländern fünf) Jahre in die Hand der Parlamente. Die Fraktionen, die die Regierung bilden, haben dann das Recht, die Gesellschaft nach ihren politischen Vorstellungen zu formen. Große Ausschläge nach rechts oder links sind bei einem Machtwechsel nicht zu erwarten. Dazu ist unsere Republik inzwischen zu pragmatisch geworden. Die scharfen ideologischen Kanten, die unsere Parteien noch vor 30 Jahren ausgezeichnet haben, sind abgeschliffen. Fast alle Parteien sind untereinander koalitionsfähig.

Nur in der Pädagogik haben Ideologien noch eine Heimstatt, vor allem in der Schulpolitik. Hier sind Politiker unterwegs, die die Schullandschaft nach streng weltanschaulichen Vorgaben verändern wollen. Rot-grüne Bildungspolitiker treibt dabei eine Agenda um: Sie wollen die Schule nach den Prinzipien der „sozialen Gerechtigkeit“ umgestalten. Dazu muss das dreigliedrige Schulsystem „überwunden“ werden. Das klingt, als handle es sich bei diesem schulische Prinzip um eine ansteckende Krankheit. Weiterlesen

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