Archiv der Kategorie: Rolle des Lehrers

Religion oder Bildung?

Das Kopftuch in der Schule

Dass das Kopftuch für muslimische Frauen und Mädchen ein Symbol des politischen Islam darstellt, habe ich in meiner langjährigen Tätigkeit als Lehrer erfahren. Als ich 1977 als Deutschlehrer an einer Berliner Gesamtschule meine erste Stelle antrat, trug keines der vielen muslimischen Mädchen ein Kopftuch. Sie waren auch genau so locker gekleidet wie die deutschen Teenager. Das änderte sich fundamental, als die weltpolitischen Erschütterungen nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 einsetzten. Den Krieg der NATO  gegen die Taliban in Afghanistan beantworteten die Muslime in aller Welt mit einer Rückbesinnung auf eine dogmatische Auslegung des  Islam. Plötzlich trugen auch im Westen  muslimische Frauen in der Öffentlichkeit Kopftuch  und auch die ersten Schülerinnen kamen mit Kopftuch in den Unterricht. Weiterlesen

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Sozialer Aufstieg durch Bildung – passe´?

Unserem Schulsystem gelingt es immer weniger, die Verheißung des sozialen Aufstiegs durch Bildung  zu ermöglichen. Schuld ist eine Didaktik, die das Leistungsprinzip immer mehr in den Hintergrund drängt.

Jedes Jahr verlassen ca. 50.000 Schüler unsere Schulen ohne Abschluss. Das sind knapp sieben Prozent eines Schülerjahrgangs. Die Zahl entspricht der Einwohnerschaft von Goslar. Gleichzeitig brechen 840.000  Studenten der Bachelor-Studiengänge ihr Studium ab. Das sind rund 30 Prozent eines Studentenjahrgangs. Für beide Gruppen beginnt ein sozialer  Abstieg. Während Studienabbrecher noch relativ weich  fallen, weil sie in unserer boomenden Wirtschaft mit Sicherheit einen Job finden, sieht die Perspektive  für Schüler ohne Schulabschluss düster aus. Sie können keine Berufsausbildung beginnen und landen im Sektor der prekären Beschäftigungsverhältnisse: als Paketboten oder  Hilfsarbeiter in der Logistikbranche. Für beide Gruppen hat sich die Verheißung sozialen Aufstiegs durch Bildung nicht erfüllt. Es ist verwunderlich, dass unsere Bildungsgesellschaft dieses ureigene Versprechen nicht mehr uneingeschränkt zu erfüllen  vermag, obwohl noch nie so viel Geld für Bildung ausgegeben wurde wie heute. Weiterlesen

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„Mutter“ oder „Elternteil 1“?

Wie Familienministerin Giffey zur Identitätspolitikerin mutiert

Familienministerin Franziska Giffey ist im Sommerloch 2020 hyperaktiv. Mal stellt sie neue Initiativen zur Gleichstellung der Frau vor, mal will sie   Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung eine Bresche schlagen. Sie hat ja auch noch viel vor. Ihr nächstes Ziel ist es, den farblosen Regierenden Bürgermeister von Berlin Michael Müller abzulösen. Es lohnt sich, die Initiativen der Ministerin genauer zu betrachten. Ich habe mir das „Regenbogenportal“ angesehen, welches  Frau Giffey neulich vor der Presse vorgestellt hat. Es hat mich gehörig befremdet – vor allem die Ratschläge für die Schule.  Einer der schrägen Vorschläge:  Um Menschen, die sich  nicht den beiden Geschlechtern „m“ oder „w“ zuordnen wollen, nicht zu benachteiligen, sollen Lehrer künftig nicht „Vater“ und „Mutter“ sagen, sondern „Elternteil 1“ und „Elternteil 2“. Ich habe den Eindruck, dass die Ministerin mit solchen Vorschlägen  Probleme in die Schule hineinträgt, die es dort bislang gar nicht gibt. Weiterlesen

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Sozialpolitik statt Bildungspolitik

Das  neue Grundsatzprogramm der Grünen versteht Bildungspolitik primär als Sozialpolitik. Den Anforderungen unserer  Wissens- und Leistungsgesellschaft wird das Programm dadurch nicht  gerecht.

Wörter sind verräterisch, weil sie  die Geisteshaltung der Autoren enthüllen. Im Bildungskapitel des neuen Grundsatzprogramms der Grünen  findet sich  sieben Mal das Wort „sozial“, ergänzt durch  „ungleich“, „benachteiligt“ und „prekär“. Man glaubt, ein Dokument des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zu lesen. Folgerichtig wird dann auch  – in einem Bildungsprogramm! – eine „höhere Besteuerung von Vermögen und Erbschaften“ gefordert. Die Grünen versuchen gar nicht zu verbergen, was sie in der Bildungspolitik antreibt: „Bildungspolitik und Sozialpolitik gehören zusammen“.   Die  sozialpolitische  Dominanz sieht man daran, dass es in dem  Text  ständig um Finanzen geht. Das Bildungskapitel trägt die Überschrift „In Bildung investieren“, wo man doch eigentlich erwartet hätte: Die beste Bildung für unsere Kinder ermöglichen. Hier feiert die  fragwürdige   Bildungsökonomie der 1960er Jahre fröhliche Auferstehung. Weiterlesen

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Journalistische Schulschelte

In den letzten drei  Monaten mussten viele Eltern notgedrungen als Hilfslehrer der Nation fungieren. Ihre Kinder saßen zu Hause fest und erhielten – mehr oder weniger zuverlässig – von ihren Lehrern Aufgaben zugeschickt.  Manchmal  wurden sie auch in  kleine  Video-Konferenzen eingebunden. Man kann sich vorstellen, dass manche Eltern damit überfordert waren, sich neben ihrer beruflichen Tätigkeit  im Homeoffice auch noch um die quengelnden Sprösslinge zu kümmern.  Auch einige  Journalisten  scheinen damit  schlechte Erfahrungen gemacht zu haben.   In Artikeln  haben sie   ihrer   Frustration Luft gemacht. Im SPIEGEL schrieb  ein Redakteur, „keine anderer Bereich unserer Gesellschaft [habe] in der Coronakrise annähernd so versagt wie das Schulsystem“. In der ZEIT forderte ein Autor   „gewisse Minimalstandards“, die man von „Schulen beim Lernen erwarten dürfte“. Im  Homeschooling ist sicher nicht alles rund gelaufen.  Da es in den Bundesländern  für die Schulen keine einheitlichen digitalen Standards gibt, blieb bei der digitalen Unterrichtsversorgung der Schüler vieles dem Zufall und dem persönlichen Engagement  der  Lehrkräfte  überlassen. Mich ärgert allerdings  der Zeitpunkt der harschen Schulkritik.  Geht man als Journalist  schulischen Mängeln nur auf den Grund, wenn man  persönlich davon  betroffen ist?  Wenn spätestens nach den Sommerferien die Schulen aller Bundesländer  wieder zum Normalbetrieb zurückkehren, werden die  Forderungen  nach mehr Schulqualität  wieder verstummen. Niemand wird sich  dann noch  um „Minimalstandards“ kümmern, die  doch  auch  der Präsenzunterricht  allzu selten erfüllt. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Digitalisierung, Leistungsbereitschaft, Rolle des Lehrers, Schülerleistungen, Schulinspektion, Schulstreik, Unterrichtsmethoden

Einladung zur Denunziation

Das neue  Berliner Antidiskriminierungsgesetz stellt Polizisten und Lehrer unter den  Generalverdacht, Menschen, die einer Minderheit angehören, diskriminieren zu wollen. Die Umkehr der Beweislast wird das Klima in  Polizei und Schule  beeinträchtigen.

Als ich in den 1980er Jahren an einer Gesamtschule im Berliner Märkischen Viertel unterrichtete, hatte ich in der 10. Klasse  einen Dauerkonflikt mit einem türkischen Schüler, der Orkan hieß (auf Türkisch: Herrscher). Der Junge war völlig unangepasst: Er fuhr mit dem Skateboard in den Klassenraum, störte durch Privatgespräche, machte keine Hausaufgaben und  verzehrte  während des Unterrichts seinen Pausensnack. In einer Stunde hatte er einen Trink-Joghurt dabei, den er aus Unachtsamkeit umstieß. Die Flüssigkeit ergoss sich auf den Teppichboden. Ich war außer mir und  kündigte ihm ein Elterngespräch an. Er schaute mir keck ins Gesicht und sagte: „Herr Werner, Sie sind ein Ausländerfeind!“ –  Der Junge hatte instinktiv begriffen, dass er mit dieser Art von Beschuldigung einen  Lehrer hart treffen konnte. Zum Grundkonsens der  Lehrkräfte an unserer Gesamtschule gehörte nämlich  der unbedingte Wille, den Kindern aus Migrantenfamilien zu einem Schulabschluss zu verhelfen, damit sie in unserer Leistungsgesellschaft eine berufliche Perspektive haben. Im Gespräch mit den Eltern betonte ich, dass um der Gleichheit aller Schüler willen die Regeln, die sich die Schule gegeben hat, für alle gelten müssten – ungeachtet ihres  Leistungsvermögens, ihrer sozialen Herkunft und ihrer Religionszugehörigkeit. Orkan schaffte trotz seiner Unangepasstheit die mittlere Reife (heute: MSA genannt)  und wurde Verkäufer in einem Elektronikmarkt. Mir war das Erlebnis mit ihm eine wichtige  Lehre. In der Folge habe ich  noch mehr darauf geachtet, dass die Regeln des schulischen Alltags von allen Schülern eingehalten werden, weil sie nur dann den geschützten Raum vorfinden, in dem sie unbeschwert lernen können. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Diskriminierung, Migrantenkinder in der Schule, Rolle des Lehrers

Die Schule von morgen

Das  Homeschooling  offenbart, dass viele Schüler vom selbständigen Lernen überfordert sind. Auch die  soziale Bildungskluft vergrößert sich. Umso wichtiger ist es, dass die Schulen jetzt  die richtigen Lehren   ziehen.

Im Netz stößt  man  auf  Hilferufe von Schülern, die mit  ihren Hausaufgaben überfordert sind. Eine Schülerin, die an einer Gedichtanalyse verzweifelt, schreibt: „Halloooo,  ich sitze schon wirklich lange am Verständniss dieses Gedichtes. Ich soll es mit dem Gedicht von Günter Eich vergleichen…jedoch weiß ich nicht was dieses Gedicht mit das von Günter Eich im Hut hat…Das von Günter Eich ist ja unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg geschrieben worden und das von Christa Reinig 1965…. Gedichte sind leider nicht meine Stärke…“ – Was sich hier wie ein Hilferuf aus dem aktuellen  Homeschooling liest, ist schon älteren Datums, die Aufgabe eine ganz normale, alltägliche Hausaufgabe. Die Verzweiflung  der Schülerin enthüllt, womit wir zu rechnen haben, wenn die Schule über Wochen hinweg ins Elternhaus verlagert wird. Die Schülerin zeigt  nicht nur gravierende Rechtschreib- und Grammatikschwächen, sie hat offensichtlich auch  nicht verstanden, wie man Gedichte interpretiert. Im Unterricht ist alles schon einmal „dran gewesen“, hängen geblieben ist  wenig. Wenn man solche Kenntnislücken  auf die Republik hochrechnet, kann man  unterstellen, dass der Lerneffekt, der in den häuslichen vier Wänden erzielt wird, noch hinter den schulischen Lernergebnissen  zurückbleibt. Hausaufgaben kann man  nur  selbstständig  lösen, wenn man ein grundlegendes Verständnis des Gegenstands erworben hat. Andernfalls ist  man hilflos und auf fremden Beistand  angewiesen. Der große Zuspruch, den Lernvideos auf  YouTube  erfahren, verdankt sich der Ineffektivität des schulischen Lernprozesses. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Exemplarisches Lernen, ganzheitliche Bildung, Reformpädagogik, Rolle des Lehrers, Unterrichtsinhalte, Unterrichtsmethode

Ego-Trip der Jugend

 Die Jugend steht vor einer ungewohnten Bewährungsprobe.  Sie muss ihren     Selbstverwirklichungsdrang   zügeln  und Solidarität lernen.

Als  immer mehr Bundesländer dazu übergingen, das öffentliche Leben weitgehend  einzuschränken, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, konnte man erleben, dass viele Jugendliche sich nicht an das Gebot hielten, sozialen Abstand zu wahren. Als bundesweit die Schulen schlossen, gingen viele Schüler nicht nach Hause, sondern zogen  – mit Sixpacks ausgerüstet – in Parks, um dort Corona-Partys zu feiern. Viele hatten noch die bunten Gewänder an, die sie für die Motto-Woche ihres Gymnasiums angezogen hatten.  In den lauen Frühlingsabenden feierten Jugendliche  an den üblichen örtlichen  Hot-Spots: im Berliner Mauerpark, im Englischen Garten in München und auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Ein schwäbischer  Jugendlicher erzählte einem Reporter des Süddeutschen Rundfunks, er fürchte sich nicht vor einer Infektion, weil ihn sein starkes Immunsystem schütze. Die Botschaft, dass es darum gehe, andere Menschen, vor allem die Risikogruppe  der Senioren, vor Ansteckung zu bewahren, ist  bei diesen Jugendlichen offensichtlich  nicht angekommen. Im Biologieunterricht haben sie gelernt, dass man als Virusträger andere Menschen auch dann anstecken kann, wenn man selbst keine Symptome zeigt. Wenn es  um das Ausleben des eigenen Egos   geht, werden  wissenschaftliche Informationen offensichtlich verdrängt. Hieß es nicht immer, man lerne in der Schule für das Leben? Weiterlesen

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Jugendkultur, Klimathematik in der Schule, Rolle des Lehrers

Gibt es ein Recht auf ein offenherziges Dekollete´?

Während meines Skiurlaubs in den Alpen sah ich im Hotel eine Sendung, die ich zu Hause nie sehe: „Brisant“ (ARD). Ein Beitrag beschäftigte sich mit einem Vorfall, der sich  auf einem Flug der Thomas Cook Airlines von Birmingham nach Teneriffa ereignet hat. In der Kabine wird der 21-jährigen Emily O´Connor von einem Mitglied  des Kabinenpersonals mitgeteilt, dass ihre Kleidung nicht angemessen sei und dass sie damit die Vorgaben der Airlines verletze. Der Stuart  meinte das tief ausgeschnittene Dekolleté  der jungen Dame.  Nach den Regeln der meisten Airlines  kann  Passagieren, die „vulgär, obszön oder offensichtlich anstößig“ gekleidet sind, der Zutritt zum Flugzeug untersagt werden. Die Dame durfte erst mitfliegen, als sie  ein bis oben geschlossenes Hemd anzog. Es versteht sich von selbst, dass Miss O´Connor nach dem Flug gegenüber der Airlines den Vorwurf des Sexismus erhob. Ich frage mich, ob man nicht umgekehrt der Dame den Vorwurf machen könnte, durch die Ausstellung ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale sexistisch gehandelt zu haben – sexistisch im Sinne einer im Kontext einer Flugzeugkabine unangemessenen sexuellen Körpersprache. Was in einer Disco durchaus erwünscht ist und den Reiz  des Etablissements erhöht, verbietet sich in einer Umgebung, in der andere Menschen  nicht durch die erotischen Anzüglichkeiten einer Einzelnen  behelligt  werden wollen. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit findet eben dort ihre Grenze, wo die Freiheit anderer verletzt wird.

Als Lehrer musste ich häufiger  einschreiten, als Schülerinnen ähnlich offenherzig gekleidet wie Miss O´Connor in die Schule kamen. Auch sie verwies ich auf die Hausordnung, die für die Schule  eine „angemessene Bekleidung“ vorschreibt. Es gibt kein Recht von jungen Mädchen, in einem öffentlichen Raum wie der Schule Teile ihrer Brüste vorzuzeigen. Erstaunlicher Weise bekam ich den meisten Zuspruch von Schülerinnen. Sie fühlten sich durch das Auftreten ihrer Geschlechtsgenossinnen in ihrer Würde verletzt, die sie darin sahen, dass die Frau eben nicht auf die Rolle als Sexualobjekt  reduziert werden darf. Die  Mädchen, die meine Intervention verteidigten,  wollten mit ihren Geistesgaben glänzen und nicht mit ihren körperlichen Vorzügen. Sie hatten erkannt, dass die freizügigen  Mädchen der   Gleichberechtigung  der Geschlechter einen Bärendienst erweisen,   wenn sie durch ihre Kleidung signalisieren, dass es bei einer Frau  letztlich doch auf ihren Sexappeal  ankomme und nicht auf ihre geistigen  Gaben. Ich muss nicht betonen, dass ich von diesen klugen Mädchen begeistert war. Besser hätte ich das  Anliegen der Frauen  auch nicht ausdrücken können.

Merkwürdig fand ich die Kommentierung des Vorfalls durch die Moderatorin. Sie drückte sich vor einer eindeutigen Meinung und bat die Zuschauer, ihre Meinung auf der Facebook-Seite von „Brisant“ zu äußern. Eine eindeutige Haltung zu dem Vorfall  müsste der Moderatorin eigentlich nicht schwer gefallen sein, weil sie doch selbst –  im öffentlichen Raum  wirkend  –  dezent gekleidet war.

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Rolle des Lehrers, Verantwortung der Eltern

Schwierige Schüler brauchen einfühlsame Lehrer

Veröffentlicht in der Tageszeitung DIE WELT vom 28. 01. 2020

Kinder mit Migrationshintergrund  sind in unserem Schulsystem benachteiligt, dabei ist Bildung die wichtigste Voraussetzung für das spätere Berufsleben. Das erfordert mutige Maßnahmen.

 

Als am Himmelfahrtstag 2018 die ehrwürdige Harvard-Universität in Boston die Graduierten verabschiedete, hielten drei Studenten des Jahrgangs die Abschiedsreden. Es waren eine Studentin aus der Dominikanischen Republik, eine Kommilitonin aus Algerien und ein Student aus Indien. Letzterer hielt seine Rede in flüssigem Latein. Deutlicher hätte nicht zum Ausdruck kommen können, dass es in einer offenen Gesellschaft, deren Bildungssystem nur dem Leistungsprinzip verpflichtet ist, auch Kinder aus Migrationsfamilien ganz nach oben schaffen können. Auch in Deutschland gibt es inzwischen viele  Beispiele für erfolgreiche Bildungsbiografien von Kindern mit Migrationsgeschichte. Unter den besten Abiturienten eines Jahrgangs finden sich regelmäßig  Schüler, deren Eltern aus ärmlichen Verhältnissen  nach Deutschland eingewandert sind, um hier ihr Glück zu suchen. Ihre Kinder haben es geschafft.

Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat nahezu jeder vierte  Deutsche einen Migrationshintergrund, bei Kindern ist es jedes dritte. Wie ist es um die  Bildung der Migrantenkinder bestellt?  Auskunft   gibt der  12. Bericht zur Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland, den die    Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration  Annette Widmann-Mauz im Dezember  2019 vorstellte.  Der Bericht zeigt gegenüber dem letzten Bericht aus dem Jahre 2016  eine  positive Entwicklung von Kindern mit Zuwanderungshintergrund  hin zu höher qualifizierten Abschlüssen.  Sie    schaffen häufiger den  Mittleren Schulabschluss  und  das Abitur. Die Quote derer, die nur den Hauptschulabschluss schaffen, hat abgenommen. Dennoch ist die Kluft  zwischen Migrantenkindern und Kinder aus deutschen Familien  noch immer  sehr groß. An den Schulbesuchsquoten kann man es ablesen. An Hauptschulen beträgt der  Anteil  ausländischer  Schüler  20,8 Prozent, der  deutscher  Schüler nur  6,3 Prozent; am Gymnasium beträgt er 24,7  Prozent gegenüber 49  Prozent bei deutschen Schülern.  Der Bericht sieht die Ursachen für das  fortbestehende Bildungsgefälle im Zusammenklang dreier  „Risikolagen“, von denen viele Kinder aus Einwandererfamilien  betroffen sind: Die Eltern haben oft einen geringen Bildungsstand, sind seltener erwerbstätig und verfügen über ein niedrigeres Einkommen. Während nur zwei  Prozent der Kinder ohne Migrationshintergrund von allen drei Risiken gleichzeitig betroffen sind, sind es bei Kindern mit Migrationsgeschichte acht  Prozent.  Diese Risikolagen bedingen einen schlechten Start in die frühkindliche Bildung. Kinder mit fremdländischen Wurzeln besuchen immer  noch seltener eine Kindertagesstätte als Kinder der Mehrheitsbevölkerung, wobei der Kita-Besuch mit dem Bildungsgrad der Eltern steigt. Alarmierend ist zudem, dass Kinder  aus dem Migrantenmilieu  seltener informelle Bildungs- und Fördergelegenheiten wahrnehmen, wie etwa Babyschwimmen, Kindersport oder musikalische Frühförderung. In der Entwicklungspsychologie gilt  als  gesichert, dass solche Angebote die Entwicklung eines Kindes günstig beeinflussen, weil in der Kleinkindphase  das  Zusammenspiel von Körper und Geist besonders wichtig ist. Grundschulstudien wie IGLU, TIMSS und IQB-Bildungstrend belegen, dass sich die Benachteiligung von Kindern aus Migrationsfamilien in der Grundschule fortpflanzt. Dort erzielen diese Kinder im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften schlechtere Ergebnisse als Kinder ohne Migrationshintergrund.

Leider differenziert der Bericht der Migrationsbeauftragten  nicht  nach  ethnischen Einwanderer-Gruppen. Deshalb muss man andere Studien zu Rate ziehen. Migrationsforscher  attestieren türkischen Schülern den schlechtesten Schulerfolg unter den Migrantengruppen.   Die Defizite türkischer Schüler  werden oft darauf zurückgeführt,  dass viele türkische Einwanderer aus der Unterschicht stammen, in der es keine familiäre Bildungstradition und auch keine positiven Vorbilder gebe. Bei asiatischen, polnischen und  russischen Einwanderern sei das anders,  weil sie oft der Mittelschicht entstammten. Wenn man, wie es das  Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB)  2015  in einer Studie  getan hat,  den sozialen Status der Eltern herausrechnet, sind  die „Kompetenznachteile“ türkischer Schüler immer  noch  „substantiell“. Andererseits weiß jeder Lehrer, dass Kinder am erfolgreichsten lernen, wenn sie sich wertgeschätzt und angenommen fühlen. Das ist bei türkischen Schülern offensichtlich nicht immer der Fall. Beobachtungen im Unterricht an Berliner Sekundarschulen zeigten, dass Schüler mit türkischen und arabischen Wurzeln bei einem Mathematiktest besser abschnitten, wenn sie vor dem Test von der Lehrkraft positiv motiviert worden sind. Es ist nicht auszuschließen, dass es Lehrkräfte gibt, die nach dem Prinzip der sich  selbst  erfüllenden Prophezeiung verfahren. Sie trauen Schülern mit türkischen Wurzeln weniger zu, was sich bei der Bewertung ihrer Leistungen dann auch tatsächlich  einstellt.

Bildung ist die wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches Berufsleben. Sie bietet auch Gewähr für eine aktive Teilhabe am kulturellen Leben.  In einer modernen Leistungsgesellschaft ist Bildung  zudem  der wichtigste Rohstoff, Garant für Wachstum und  Wohlstand. Wir sollten alles tun, um die Kluft zwischen deutschen Schülern und solchen mit Migrationsgeschichte zu schließen. Für Kinder jeglicher Herkunft gilt, dass  sich  Intelligenz  über Sprache bildet. Muttersprachliche Verbalisierungsstrategien schon  im frühesten Kindheitsalter   sind deshalb  die besten Garanten für schulischen Erfolg. Dies gilt in besonderem  Maße für Kinder aus Migrationsfamilien. Wenn dort nur eingeschränkt oder gar nicht Deutsch gesprochen wird, wenn auch das Fernsehen via Satellit nur in der Heimatsprache konsumiert wird,  geraten diese Kinder schon im frühen Alter gegenüber ihren deutschen Altersgenossen ins Hintertreffen. Sprachforscher haben festgestellt, dass diese Verbalisierungsrückstände nie mehr ganz aufgeholt werden können. Dies ist  auch die Ursache für den  deprimierenden Befund des Berichts der Integrationsbeauftragten, dass selbst Ausländerkinder mit Abitur als Erwachsene einem  höheren  Armutsrisiko ausgesetzt sind als deutsche Schüler mit Abitur. Sie tragen die Benachteiligung quasi als Handicap  durch ihr ganzen Leben.

In allen  Bundesländern gibt es inzwischen Sprachstandfeststellungen, mit deren Hilfe man die sprachlichen Defizite von Kindern noch  rechtzeitig vor der Einschulung erkennen kann.  Getestet werden in der  Regel Kinder  im Alter zwischen  drei  und  vier  Jahren. Das erste Testverfahren  wurde in den 1990er Jahren  in Berlin entwickelt. Es trägt den schönen Namen  „Bärenstark“. Das zu testende Kind wird mit einem Teddybären konfrontiert.  Das Kind muss den Bären beschreiben, einzelne Körperteile benennen und mit dem  Bären kommunizieren. Die Sätze des Kindes werden Wort für Wort protokolliert. Sprachforscher halten diesen Test für sehr aussagekräftig, weil er zeigt, wie differenziert  das  Sprachvermögen der Kinder ausgebildet ist. Ein eventueller  Förderbedarf lässt sich verlässlich feststellen. Die Krux dieser Tests liegt allerdings darin,  dass die Schulbehörden der Bundesländer  sich schwer damit tun, die Kinder mit Förderbedarf zu einem Kita-Besuch zu verpflichten. Kulanz gegenüber widerstrebenden Eltern ist  fehl am Platze, wenn es um die Zukunft der Kinder geht.

Mit der Sprachförderung in Kita und Grundschule ist es nicht getan. Für Schüler aus Ausländerfamilien  müsste man auch im Sekundarbereich  eine sprachliche Zusatzförderung  anbieten, die  den  regulären Fachunterricht  ergänzt. Das Ziel dieser Förderung müsste sein, dass sich  die Schüler dasselbe elaborierte Sprachverständnis aneignen, das Kinder aus  deutschen Familien in ihrer frühkindlichen Sozialisation naturwüchsig  erwerben. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man sich auf dem Niveau einer Zweitsprache artikulieren kann, wo  oft schon 5.000 Wörter für die Alltagskommunikation  ausreichen, oder ob man in der Lage ist, literarische Texte oder anspruchsvolle Sachtexte zu  verstehen, für die man einen Wortschatz von 20.000 Wörtern benötigt.  Schüler, die trotz dieser Fördermaßnahmen keinen Schulabschluss erreichen, sollte man so lange beschulen, bis   sie den  Hauptschulabschluss schaffen, der  ihnen den Weg in einen Lehrberuf ebnet. Dazu müsste die gesetzlich limitierte Dauer der Schulpflicht im Einzelfall verlängert werden können. Was spricht dagegen, für solche Schüler eine spezielle Einrichtung, eine „Schule Plus“, zu schaffen?  Dort sollten sie von  Lehrern betreut werden, die  wegen ihrer starken  Persönlichkeit  einen Zugang zu diesen Schülern finden. Leidenschaftlichen Lehrern kann es  gelingen, mit Sachkompetenz, Empathie und persönlicher  Ausstrahlung  selbst  schwierigste Schüler auf den richtigen Weg zu führen.

Vor dem  Hintergrund, dass ein Viertel der 15-jährigen Schüler mit Migrationshintergrund nur über eine eingeschränkte Lesekompetenz verfügt, drängt sich die Frage auf, ob  ein  Sprachförderpakt nicht  sinnvoller wäre  als der von der Regierung mit den Ländern verabredete Digitalpakt. Jeder Schule, die einen Ausländeranteil von mehr als 30 Prozent aufweist, sollte ein  Sprachlehrer mit DaF-Kompetenz zugewiesen werden, der die  Fachlehrer dabei unterstützt, die Sprachschulung der Schüler zur täglichen Pflicht zu machen. Man möchte sich nicht ausmalen, wie Schüler, die analphabetisch unterwegs sind, mit  ihren  Smartphones und Tablets hantieren. Die ihnen  antrainierte Technikaffinität wird ihre sprachlichen Defizite  mit Sicherheit  nicht  beheben können.

 

 

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