Freie Fahrt für grundständige Gymnasien

Veröffentlicht in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 29. 05. 2019

Der Berliner Senat  sollte seine Blockadehaltung im Sinne einer Qualitätsverbesserung aufgeben.

Dass  Berlin anders tickt  als der Rest der  Republik, gilt inzwischen als Binsenweisheit. In Berliner Kneipen gibt es keine Sperrstunde – ein Eldorado für Nachtschwärmer und  trinkfeste Touristen. Dem Berliner gilt als normal, was anderswo als Ordnungswidrigkeit geahndet würde. Fünf gerade sein lassen und  über Fehler hinwegsehen  wertet man  als Schmiermittel des Großstadtlebens.  Auch im Schulsystem gibt es Besonderheiten, die im Rest der Republik allerdings eher Befremden als Schmunzeln hervorrufen.  So beginnen in Berlin die  Gymnasien in der Regel mit der  7. Klasse.   Von insgesamt 91 staatlichen Gymnasien ist es   nur  36  Schulen erlaubt, grundständige Züge ab Klasse 5 einzurichten.  Von den  23 privaten  Gymnasien beginnen  auch  nicht alle  mit  Klasse 5.

Über diese bildungspolitische  Marotte könnte man hinwegsehen, wenn die Grundschulen der Hauptstadt vorbildliche Arbeit ablieferten. Dem ist jedoch nicht so.  Eine   Studie des „Instituts zur  Qualitätsentwicklung  im  Bildungswesen“ (IQB) aus dem Jahr 2017  belegt, dass in Berlin jeder dritte Viertklässler nicht die Mindeststandards in der Rechtschreibung erfüllt. Im Bundesgebiet gilt dies nur für jeden fünften. Ähnlich schlecht sind die Leistungen im Lesen und in Mathematik. Offensichtlich haben die Grundschulen noch nicht das Rezept gefunden, mit der großen Heterogenität der Klassen umzugehen. Wenn sich die Schüler  bei ihren Lernvoraussetzungen – Sprachvermögen, Auffassungsgabe, Lerneinstellung – stark unterscheiden, fällt es den Lehrkräften schwer, mit ihren Lernangeboten jeder Begabung gerecht zu werden.  Deshalb sind die Schüler, die nach der vierten Klasse aufs Gymnasium wechseln können, eindeutig im Vorteil. Durch das anregende intellektuelle Milieu und  die homogenen Lerngruppen lernen sie  so gut, dass sie schon in kurzer Zeit einen Wissensvorsprung gegenüber den Schülern haben, die an der Grundschule verbleiben. Die „Element-Studie“ der Humboldt-Universität zu Berlin aus dem Jahr 2008 belegt  am Ende von Klasse 6  in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik einen Vorsprung von bis zu einem ganzen Schuljahr. Eine wenig beachtete Begleiterscheinung des frühen Übergangs aufs Gymnasium ist, dass selbst relativ leistungsschwache  Schüler dort mehr lernen als ihre Altersgenossen an den Grundschulen. Der Leiter der Studie, Prof. Lehmann, führt die  Lernerfolge dieser Schülergruppe darauf zurück, dass die „günstige Komposition der Lerngruppen im Sinne adaptiven Lehrerverhaltens zu einem anspruchsvolleren Lern- und Entwicklungsmilieu führt“. Die Grundschule hingegen schafft es in den Klassen 5 und 6 offensichtlich  nicht,  eine solche Leistungskultur zu etablieren.  Eltern, deren Kinder   gezwungen sind, auf der Grundschule zu verbleiben, weil es kein  Gymnasium ab  Klasse 5  in ihrer Nähe gibt, könnten durchaus den Schluss ziehen, dass ihre Kinder  durch diesen Mangel  an der optimalen Entwicklung ihrer Begabungen  gehindert werden. Der Deutsche Philologenverband spricht im Hinblick auf die  Berliner Grundschule  von einer „institutionalisierten Unterforderung leistungsstärkerer Schüler“.

Woran liegt es,  dass sich der von der SPD geführte  Senat hartnäckig weigert, dem Wunsch vieler Eltern nach mehr Gymnasien ab Klasse 5 stattzugeben? Das grundständige Gymnasium wird von der in Berlin besonders links eingestellten SPD wenig geliebt. Schon in den 1980er Jahren hat sie sich darauf festgelegt, in jedem der West-Berliner Bezirke nur ein solches Gymnasium  zuzulassen. Die seit 1945 geltende Berliner Besonderheit, dass die Grundschule sechs Schuljahre umfasst, sollte unbedingt unangetastet bleiben. Ein wenig schwingt hier das sozialistische Pathos mit, das in den ersten Nachkriegsjahren herrschte, als man in der Gleichheit das  alleinseligmachende Paradigma sah. Die sechsjährige Grundschule ist  die Schrumpfform der Vision von der „Schule für alle  von Klasse eins bis zwölf“. Trotz dieser Restriktionen  hat sich die Zahl der Gymnasien, denen Ausnahmen gestattet wurden,  mit der Zeit  erhöht. Meistens haben  protestierende Eltern oder couragierte Schulleiter der   Schulverwaltung diese Zugeständnisse abgetrotzt.  Es kann aber immer noch passieren, dass Eltern für ihr  Kind  nicht die passende Schule in der Nähe ihres Wohnortes finden, wenn sie  nicht möchten, dass  sich Ihre Sprösslinge  in der Grundschule die letzten zwei Jahre langweilen. Die Kinder müssen dann weite Wege auf sich nehmen, um ein  grundständiges  Gymnasium in einem anderen Bezirk  zu finden.

Seit Jahren ist Berlin  eine wachsende Stadt.   Jedes Jahr  ziehen Menschen  von der Einwohnerzahl  einer Kleinstadt   dauerhaft in die Hauptstadt. Darunter sind auch viele  Menschen aus dem Bildungsbürgertum, Akademiker, die für ihre Kinder die bestmögliche Ausbildung wünschen. Auch die vielen Erfinder und Tüftler, die    Gründerquartiere   wie Adlershof  bevölkern, sind nicht erfreut, wenn sie erleben  müssen, dass in Berlin noch eine rückständige Schulpolitik das Kommando führt. Es grenzt an Ignoranz, diesen Neubürgern, die zum Wirtschaftsboom Berlins beitragen, die Gymnasialform vorzuenthalten, die in allen anderen Bundesländern zum Erfolgsmodell geworden ist. Das Ergebnis wird sein, dass in Berlin  noch mehr Privatschulen als ohnehin schon gegründet werden, die dann den Bedarf an leistungsstarken Gymnasien  ab Klasse 5  decken werden.

Bildungspolitik ist  eine der letzten Bastionen der Politik, in denen noch ideologische Ziele  dominieren.  Dabei maßen sich Bildungspolitiker gerne an  zu bestimmen, was für  Eltern und Schüler gut sei.  Ihnen wird  die freie Schulwahl dadurch zu verwehrt, dass  erfolgreiche  Schulformen wie die Realschule  „abgewickelt“ werden.  An ihre Stelle treten dann  neue  Schulformen  wie die Gemeinschaftsschule, deren  Qualität umstritten ist. Manche Schulformen bieten  Politiker  gar nicht erst  an, wenn sie dem Weltbild der eigenen Partei widersprechen, wie das grundständige Gymnasium in Berlin. Dass diese Ablehnung rein ideologisch motiviert  ist, kann man daran sehen, wie mit der  Wahlfreiheit der Eltern  sonst umgegangen wird. Wo sie erwünscht ist, z.B. beim Zugang möglichst vieler Schüler aufs Gymnasium ab Klasse 7, wird sie selbst dann großzügig gewährt, wenn der Elternwunsch der Grundschulempfehlung für das Kind widerspricht. Für die Öffnung des Gymnasiums hat Berlins Schulverwaltung sogar ein  Losverfahren eingeführt – ein krasser Verstoß gegen das Eignungsprinzip.  Wenn die  Eltern  aber an einem beliebten Gymnasium  einen grundständigen Zug ab Klasse 5 wünschen, wird ihnen dies  verwehrt.

Die Weigerung  der Berliner Schulbehörde, weitere Gymnasien ab Klasse 5 zuzulassen, wirft  die Frage auf, ob die Politiker, die für die  Schulpolitik zuständig sind, tatsächlich eine Legitimation dafür zu besitzen, so tiefgreifend in die Lebenschancen von Kindern einzugreifen, wie sie es tun. In der Medizin wäre es undenkbar, dass  Politiker der Ärzteschaft vorschreiben wollten, welche Behandlungsmethoden sie anzuwenden haben: Bachblüten statt Herzoperation? In der Pädagogik, dem beliebtesten aller Experimentierfelder, sind solche Eingriffe üblich und werden von den Politikern ohne Gewissensbisse praktiziert. Die bildungsbürgerlichen Schichten Berlins – ob Neubürger oder Alteingesessene – sollten sich für das  grundständige Gymnasium einsetzen, weil es die beste Möglichkeit für begabte Kinder bietet, ihre intellektuellen Gaben optimal zu entfalten.  Das Berliner Schulgesetz sollte in einer Novelle festschreiben, dass jedes Gymnasium  grundständige Züge einrichten kann, wenn es Lehrerkollegium und  Elternvertretung der Schule wünschen. Das Schulgesetz  formuliert als  „Auftrag der Schule“, „alle wertvollen Anlagen der Schülerinnen und Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen.“  Das schließt die Begabungen  derer mit ein, denen das Lernen leicht fällt und die deshalb auf eine   anspruchsvolle,  fördernde  Lernumgebung angewiesen sind.

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit den Eltern, Der richtige Umgang mit Schülern, Grundschule, Schülerleistungen, Schulformdebatte, Schulgesetz, Unterrichtsqualität, Wahlfreiheit der Eltern

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