Nur Mittelmaß wird gefördert

Veröffentlicht in der Tageszeitung DIE WELT vom 10. 01. 2020

 Die jüngste PISA-Studie zeigt, dass  leistungsschwache Schüler weiter abgehängt werden. Aber auch die  Zahl der  leistungsstarken Schüler stagniert. Die  Unterrichtskonzepte gehören  auf den Prüfstand. 

Alle drei Jahre schaut  die Nation gebannt auf die Zahlen, die die aktuelle PISA-Studie zutage fördert. Am 3. Dezember 2019 war es wieder so   weit. Trösten können wir uns mit den Ergebnissen nicht.  Zwar landen die deutschen Schüler  in den drei getesteten Bereichen Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften wieder über dem OECD-Durchschnitt,  in  allen drei Disziplinen sind sie aber  gegenüber den Ergebnissen von 2016 abgerutscht. Alarmierend ist vor allem, dass der Anteil der „Risikoschüler“  steigt.  Ein Fünftel der Schüler  schafft  es nicht, einfachste  Texte zu lesen und zu verstehen. Unter den Schülern mit Migrationsgeschichte ist es jeder vierte.  Besonders schlecht schneiden die  nichtgymnasialen Schulformen ab. Hier versagen  29,2 Prozent der Schüler beim Lesen. Die Autoren der Studie  sprechen von einem „besorgniserregenden Befund“.

Die Leseaufgaben, die PISA stellt, sind denkbar einfach. Neuerdings berücksichtigen sie sogar  das bei Schülern beliebte Format des Internet-Chats.  In einer Leseaufgabe fragt  eine Hühnerzüchterin  in einem Ratgeber-Portal  um  Rat, ob sie ihrem  am Bein verletzten Huhn unbedenklich Aspirin geben könne. Die Nutzer des Forums tauschen sich darüber aus und geben die unterschiedlichsten Ratschläge. Die Schüler müssen die Tipps  verstehen und bewerten.  Die zweite  Leseaufgabe  bezieht sich auf einen im Internet  ausgetragenen Streit, ob es nicht gesünder sei, Soja- statt Kuhmilch zu trinken. Das Leseverständnis der Aufgaben  steigert sich von „einfach“ (Was steht in dem Text?) bis „schwierig“ (Ist das eine Information oder eine Meinung?). Die  Antworten werden  nach dem  Multiple-Choise-Verfahren vorgegeben. Die Schüler müssen die richtige Lösung  anklicken. Lesen zu können,  ist eine der elementarsten Kompetenzen von Schülern  überhaupt.  Auf ihr baut jeder Wissenserwerb  auf. Wer Texte nicht versteht, wird keinen Schulabschluss schaffen und  keine Berufsausbildung erfolgreich abschließen können. Deshalb sind die Ergebnisse bei der Lesekompetenz besonders aussagekräftig, wenn man beurteilen will, ob in einem Schulsystem die elementaren Kulturtechniken erfolgreich  vermittelt werden. Unser Schulsystem tut sich offensichtlich  schwer damit, seine  „Risikoschüler“ so zu fördern, dass sie nicht abgehängt werden. Die Sozialchancen der Schüler, die die Schule mit gravierenden Leseschwächen verlassen, sind denkbar schlecht.  Wer als  Fünfzehnjähriger   auf dem  Niveau eines funktionellen Analphabeten liest, ist dafür prädestiniert, in die  Reservearmee des prekären Arbeitsmarktes einzuwandern. Viele werden sich auch im Hartz-IV-System wiederfinden.

Auf der anderen Seite gelingt es unseren Schulen   nicht, die leistungsstarken Schüler zu Spitzenleistungen zu führen.  Im Lesen schaffen gerademal 11 Prozent die beiden höchsten Kompetenzstufen, in Mathematik 13 Prozent und in den Naturwissenschaften 10 Prozent. Das 2012 von den Kultusministern gesetzte Ziel, dass  in allen drei Testbereichen jeweils 20 Prozent der Schüler zu den Leistungsstärksten gehören sollten, wird auch dieses Mal deutlich  verfehlt. Die PISA-Ergebnisse zeigen, dass  das Gymnasium seiner ursprünglichen Aufgabe, Spitzenbegabungen hervorzubringen, nicht mehr ausreichend gerecht wird. Diese  Schulform ist auf dem Weg,  eine „Schule für alle“ zu werden, wie es  rot-grüne Bildungspolitiker seit langem fordern. Viele Gymnasien haben heute schon  mit den  Problemen  zu kämpfen, die das Lernen an den egalitären Schulformen so sehr erschweren. Die große Heterogenität in den Eingangsklassen untergräbt die gymnasiale Lernkultur, die auf   kognitives Verständnis und auf  Leistungsbereitschaft setzt.

Wenn ein Schulsystem nur das mittlere Niveau einer Schülerpopulation zu fördern vermag, bei den Leistungsschwachen und Leistungsstarken jedoch gleichermaßen  versagt, gibt es nur eine plausible Erklärung: Das System nivelliert die  Begabungsvielfalt der Schüler in Richtung der mittleren Leistungsgruppe. Weil das egalitäre Paradigma  das Lernen  in begabungsgerechten Lerngruppen als „selektiv“ verpönt, wird vor allem den schwachen  Lernern keine ausreichende Förderung zuteil. Die modischen didaktischen Konzepte wie „Selbstlernen“, „offener Unterricht“, „Individualisierung des Lernens“ und „Binnendifferenzierung“, die vor allem in Gemeinschafts- und Sekundarschulen angewandt werden, sind offensichtlich  nicht geeignet, alle  Schüler begabungsgerecht  zu fördern.  In landesinternen Vergleichstests  schneidet vor allem die  Gemeinschaftsschule schlecht ab. Sie produziert die meisten Schulversager. Woran liegt das? Die ZEIT-Autorin Katharina Schmitz berichtete  über die Mängel an der Berliner Gemeinschaftschule, die ihr Sohn besuchte: Kinder würden wie Erwachsene behandelt, Erstklässler sich selbst überlassen; sie seien komplett überfordert, sich selbst zu organisieren. Eine kluge  Schülerin erzählt: „Ich langweile mich den ganzen Tag und  tue so, als würde ich etwas machen“. Die Schüler werden offensichtlich nicht geführt, angeleitet und geistig gefördert. Wenn das Selbstlernen zum Dogma wird, gerät es sehr schnell zu einer didaktisch verbrämten Form von Vernachlässigung. Der  Didaktiker Hermann Giesecke kritisiert vor allem die Überforderung leistungsschwacher Schüler durch die Selbstlernmethode: „Offener Unterricht hindert die Kinder mit von Hause aus geringem kulturellen Kapital daran, ihre Mängel auszugleichen. Nahezu  alles, was die  moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt die Kinder aus bildungsfernem Milieu.“ Schwache Lerner benötigen offensichtlich die helfende Hand des Lehrers, seine Erklärungen und Ermutigungen. Dies zu negieren, gehört zu den größten Irrtümern  der Selbstlerndidaktik.

Pädagogik paradox:  Ein der „sozialen Gerechtigkeit“ verpflichtetes  Lernkonzept schafft heterogene Lerngruppen, indem es die Schüler aller Begabungen in einen Klassenverband zwingt. Danach muss es wieder  zu  aufwändigen didaktischen Verrenkungen greifen, um die Schüler doch einigermaßen  begabungsgerecht unterrichten zu können. Sinnvoller  wäre es,  sich an  der klassischen  Gesamtschule zu orientieren. Diese inzwischen 70 Jahre alte, bewährte  Schulform hat den richtigen Kompromiss zwischen „gemeinsamem Lernen“ und „Lernen in Fachleistungskursen“ gefunden. Die Einteilung der Schüler in Kurse  mit unterschiedlichem  Anforderungsniveau schöpft nicht nur die  Begabungen der Schüler optimal aus, sie ermöglicht auch ein weitgehend störungsfreies Lernen. Die ständigen Selbstbehauptungskämpfe, die sich in heterogenen Lerngruppen – gespeist aus Rivalität und Neid – ergeben, sind in den homogenen  Kursen kaum noch anzutreffen, so dass  sich die Schüler entspannt dem Lernen widmen können. Schule ist eben nicht nur ein Ort des Lernens, sie ist auch ein Lebensraum, in dem dieselben Rangordnungskämpfe stattfinden, die auch unter Erwachsenen ausgetragen werden. Es gehört zu größten Versäumnissen der egalitären Didaktik, dass sie die Befunde der Jugendpsychologie beharrlich ignoriert. Wie der Sozialismus den „neuen Menschen“ erfinden wollte, möchte das Selbstlernkonzept  eine Schülerschaft modeln, die von ihren seelischen Befindlichkeiten und  Affekten absieht und sich  nur noch mit Freude dem eigenständigen Lernen hingibt. Es wird Zeit, sich von diesen Illusionen zu verabschieden.

Auch bei PISA 2019 zählen  asiatische Länder zu den Siegern.  Unter den zehn besten Ländern sind sieben aus  Asien.  Nur Estland, Finnland und Kanada schafften es,   in ihre Phalanx einzudringen.   Asiatische   Schüler  schneiden bei PISA deshalb besonders gut ab, weil in ihren Schulen die Leistungsanforderungen hoch sind und Sekundärtugenden wie Disziplin, Ehrgeiz und Anstrengungsbereitschaft  noch nicht dem  Zeitgeist geopfert wurden. Wir  finden  Uniformität und   Drill in chinesischen und japanischen Schulen eher befremdlich, weil sie  den freien Geist zügeln  und   auch zu einer relativ hohen Selbstmordrate unter Jugendlichen beitragen. Dennoch kann man die Augen nicht davor verschließen, dass man mit einer dezidierten Leistungsorientierung in der Schule  zu sehr  guten Ergebnissen kommen kann. Dass unsere Schulen auf diesem Felde Defizite aufweisen, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Wenn wir  unser auf kritisches Denken und freundliches Lernklima  gepoltes Schulsystem mit mehr Leistungsbereitschaft paaren würden, könnten wir mühelos  auf der PISA-Leiter  weiter  nach oben klettern.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Leistungsbereitschaft, Ricchtiger Umgang mit der Sprache, Schülerleistungen, Stärkung des Gymnasiums, Unterrichtsmethode, Unterrichtsmethoden, Unterrichtsqualität

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