Durch Bildung erziehen

An den  Schulen häufen sich Disziplinverstöße. Auch die Gewalt nimmt seit einigen Jahren wieder zu. Die moderne Didaktik schafft es offensichtlich nicht, die Schüler durch Bildung zu zivilisieren.  

Lange haben sich die Schulbehörden der Länder in der Gewissheit  gewiegt,  die Gewalt an Schulen werde – einem statistischen Trend folgend – weiter abnehmen. Seit 2015 gibt es allerdings wieder einen alarmierenden Anstieg von Gewalttaten von Schülern. In Nordrhein-Westfalen ist von 2015 bis 2017 die Zahl der Straftaten wie Körperverletzung, Nötigung, Raub  um  10 Prozent gestiegen. Auch im sonst so  sicheren Bayern stieg die Zahl der angezeigten schulischen Gewalttäter  von 2015 bis 2016 um 18,7 Prozent. In Berlin haben  Beleidigungen, Drohungen und Tätlichkeiten an Schulen ebenfalls  deutlich zugenommen. Seit einigen Jahren unterrichten an vielen  Schulen sog. Quereinsteiger, also Lehrkräfte ohne pädagogische Ausbildung. Etliche von ihnen haben vor den Schwierigkeiten des Unterrichts kapituliert und die Schule frustriert wieder verlassen. Ihre Erfahrungsberichte sind erschütternde Dokumente über chaotische Zustände in den Klassenzimmern: Es herrsche Disziplinlosigkeit, es tobe der Kampf jeder gegen jeden, üblich seien eine verrohte Sprache, Mobbing gegenüber Schwächeren und ein latentes Klima der Einschüchterung.

Man geht sicher nicht fehl in der Annahme, dass sich in der Schule  auch gesellschaftliche  Umgangsformen abbilden. Niemand kann bestreiten, dass in unserem Zusammenleben  seit einigen Jahren ein  raues  Klima herrscht. Der Dauerstreit um die Bewältigung der Flüchtlingskrise, aber auch soziale Verwerfungen im Zuge der Globalisierung haben das zivilisierte Miteinander  beeinträchtigt. Als Lehrer, der seit den 1980er Jahren an verschiedenen Schulen unterrichtet hat, halte ich den gesellschaftlichen Erklärungsansatz allerdings für zu kurz gegriffen. Es ist nicht zu übersehen, dass es den Schulen immer weniger  gelingt, die Schüler im Unterricht so zu fesseln, dass sie um des Lernertrags  willen auf unsoziales Verhalten verzichten. Schuld daran ist eine technokratische Didaktik, die  ein reichhaltiges Arsenal an Vermittlungsmethoden bereit hält,  dabei aber  vergisst, dass  Schüler primär durch spannende Inhalte begeistert werden müssen. Vor allem die Vermittlung von Kompetenzen hat die Bedeutung der Lerninhalte in den Hintergrund treten lassen. Gerade in unserer Zeit, die von Orientierungsverlust und Werterelativismus gekennzeichnet ist, wären  Sinnstiftung und Lebenshilfe durch die Vermittlung „wertvoller“ Lerninhalte  wichtiger denn je. „Das Wichtigste im Leben ist die Erfahrung von Sinn.“ – so der Philosoph Wilhelm Schmid. Die technokratische Ausrichtung der modernen Didaktik betrügt die Schüler um diese sinnhafte Erfahrung. Die modische  Individualisierung des Lernens hat nicht nur die lernschwachen Schüler zu Verlierern gemacht,  sie hat im Klassenzimmer auch  zur Vereinzelung geführt, wo eigentlich  Kameradschaft und Teamgeist gefragt wären. Technokratisch sind auch die Bemühungen der Lehrkräfte, Ruhe im Klassenzimmer herzustellen. Da werden Plakate mit den Spielregeln aufgehängt („Handys ausschalten!“, „Nicht mit dem Nachbarn reden!“) und Sanktionen verhängt, wenn die Schüler die Regeln verletzen. Würden die  Lehrkräfte  den Unterricht so gestalten, dass die Schüler die „Hingabe an die Sache“ (Wilhelm von Humboldt) lernen, könnten sie sich viele Disziplinierungen sparen. Im Stoff jedes Unterrichtsfachs schlummert ein spannendes und interessantes Potential. Die Lehrkräfte müssen es nur freilegen und die  Schüler dafür begeistern. Ein spannender Unterricht verbessert nicht nur die Schülerleistungen, er ist auch ein gutes Mittel gegen Disziplinverstöße.

Vor genau 190 Jahren erschien ein Roman, der ein pädagogisches Konzept enthält, das aus heutiger Sicht verblüffend modern erscheint: „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ von Johann Wolfgang von  Goethe. Wilhelm Meister  besucht mit seinem Sohn Felix in der  „pädagogischen Provinz“ eine Internatsschule, die in unberührter Natur liegt, um seinen Sprössling  dieser Einrichtung anzuvertrauen. Beim Rundgang durch die Schule  erfährt der alleinerziehende Vater die Grundsätze der dort geübten Pädagogik. Deutlich wird, dass der Persönlichkeitsbildung der jungen Schüler  höchstes  Gewicht beigemessen wird. Musik, Gesang und Tanz, aber auch die Arbeit im Garten und in der Landwirtschaft  fördern und fordern die ganze Person, weil in diesen Tätigkeiten alle Sinne angesprochen werden. Goethe, der die sinnliche Wahrnehmung überaus schätzte, entwirft hier das Konzept einer ganzheitlichen Pädagogik, die heute  zwar von den meisten Pädagogen  gutgeheißen wird, die aber  so gut wie  keinen Eingang in die staatliche Schule  gefunden hat. Dort herrscht die Parzellierung der einzelnen Fächer vor, die Vermittlung des Stoffes  im 45-Minuten-Takt, die Unterbringung der Schüler in Lernfabriken mit 1.000 Schülern. Muss man sich dann wundern, dass Jugendliche, denen Bewegungsdrang und Motorik angeboren sind, ständig über die Stränge schlagen und die sterile Ordnung verletzen?

In Goethes „pädagogischer Provinz“ ist es selbstverständlich, dass die Erziehung der Kinder genauso wichtig ist wie die Wissensvermittlung. Die Pädagogen wissen nämlich, dass Kinder nur dann Wissen aufnehmen können, wenn sie von den anstrengenden  Rangordnungskämpfen unter Gleichaltrigen befreit sind. Ein zentraler Begriff des Goetheschen  Erziehungsmodells  ist die Ehrfurcht. Die Schüler lernen die Ehrfurcht vor dem, was die Erde hervorbringt, vor  den Gütern, die dem Lebenserhalt dienen, vor der  Schönheit und Erhabenheit der Natur.  Sie lernen aber auch „die oberste Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor sich selbst“. Denn nur, wer sich selbst schätzt, kann andere achten und wertschätzen. Kameradschaft und Freundschaft haben deshalb ihre eigentliche Ursache in einem gesunden Selbstbewusstsein eines jeden. Die Schüler sollen, wenn sie in die Welt treten, nicht „verachtend gegen die Welt, gegen seinesgleichen gehässig“ auftreten, sondern sich den Mitmenschen  im „wahren, echten Selbstgefühl“ zuwenden. In der heutigen Schule wäre es dringender denn je, den Schülern ein  Selbstwertgefühl  zu vermitteln, das es nicht nötig hat, andere zu demütigen.  Eine solche Pädagogik wäre ein nachhaltiges Programm zur Prävention von  Gewalt an  unseren Schulen.

Es hat in Deutschland eine Zeit gegeben, in der Goethes Utopie einer ganzheitlichen Pädagogik auf fruchtbaren Boden fiel: die Zeit der Reformpädagogik. Zwischen 1890 und 1922  wurde ein gutes Dutzend „Heimschulen“ – so nannte man damals  Internate –  gegründet, die in natürlicher Umgebung eine Pädagogik pflegten, die das „Lernen vom Kinde aus“ (Ellen Key)  auf ihre Fahnen schrieben. Bildung wurde zu einem Instrument der Lebensgestaltung und -erfüllung, die selbstbewusste und zugleich verantwortungsvolle junge Menschen heranbildet. Selbsttätigkeit und Eigenverantwortung prägten das erzieherische Handeln. Intellektuelle und musisch-künstlerische Bildung verbanden sich mit sinnlich-handwerklichen Tätigkeiten in Werkstätten („Innungen“) und in der Landwirtschaft. Die technokratischen Schulreformen in den 1960er Jahren nahmen diese Schulen in freier Trägerschaft an die Kandare.  Ihre Schulabschlüsse  wurden nur noch anerkannt, wenn sie den Trend der Staatsschule zum funktionalen Ausbildungsbetrieb mitvollzogen.  Nur die Freie Waldorfschule, die in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen feiert, hat dieser Vereinnahmung widerstanden. Heute gibt es in Deutschland 245  Waldorfschulen. Der  „Epochenunterricht“, der sich über mehrere Wochen erstreckt,  ist dazu angetan, den Lernstoff nachhaltig zu vermitteln, weil er die  sonst übliche Häppchen-Pädagogik vermeidet. Die ganzheitliche Bildung geschieht in der Waldorfschule in  verschiedenen Handwerken: in der Tischlerei, der Schneiderei, im  Gartenbau, in der Hauswirtschaft, der Buchbinderei, der Spinnerei und der  Technikwerkstatt.  Musik, Tanz und Theater sorgen für die musische Bildung der Schüler. Woran liegt es, dass an den Waldorfschulen  Gewalt so gut  wie unbekannt ist? Das ganzheitliche Lernen und die Förderung der Persönlichkeit  durch eigenverantwortliches Handeln formen  starke Individuen, die   es nicht nötig haben, andere Menschen zu verletzen. Hinzu kommt die „Erziehungskunst“ (Rudolf Steiner), die vom Klassenlehrer acht Jahre lang  geleistet wird. Er ist die starke Persönlichkeit, die die Schüler nach dem Prinzip von  „Nachfolge und Autorität“ (Steiner) prägt und leitet.

Die staatliche Schule muss umdenken. Sie muss der Vermittlung spannender Lerngegenstände wieder den Vorrang einräumen und das methodische Schaulaufen zurückdrängen. Der Schriftsteller Klaus Mann, der Sohn Thomas Manns, sagte einmal, ein guter Lehrer müsse ein „Seelenfänger“ sein. Damit meinte er nicht, der Lehrer solle seine Schüler manipulieren. Nein, er ist der Meinung, dass nur der Lehrer, der für seinen Lerngegenstand brennt, den Geist seiner  Schüler entzünden könne. Man braucht nicht eigens zu betonen, dass dabei Formalien wie Lernmethoden oder Kompetenzen eine  untergeordnete Rolle spielen. Das Wesentliche sind spannende und  aufregende Unterrichtsgegenstände und die Leidenschaft des Lehrers.

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, ganzheitliche Bildung, Privatschulen, Reformpädagogik, Rolle des Lehrers, Unterrichtsmethoden, Unterrichtsqualität

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