Archiv der Kategorie: Klimathematik in der Schule

Empathielos

Am 20. August 2018 verweigerte die damals 15-jährige schwedische Schülerin Greta Thunberg den Unterrichtsbesuch. Drei Wochen lang setzte sie sich mit einem Schild mit der Aufschrift „Schulstreik für das Klima“ in Stockholm vor das Reichstagsgebäude. In der Folge entstand eine weltweite Schülerbewegung mit dem Namen „Fridays for Future“. Die Aktivisten fordern  harte Klimaschutzmaßnahmen,  um das 1,5-Grad-Klimaziel, das 2015 auf der Weltklimakonferenz in Paris  beschlossen wurde,  einhalten zu können. In Deutschland ist diese Schülerbewegung besonders aktiv. Unter Hilfestellung von Klima- und Naturschutzorganisationen hat der deutsche Ableger von FFF radikale Klimaschutzmaßnahmen beschlossen:  die Senkung der Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2035 auf null; die Umsetzung des Kohleausstiegs bis 2030 statt wie im Gesetz vorgesehen bis   2038;  den Einsatz von  100 Prozent erneuerbaren  Energien in der Energieversorgung bis 2035. Seriöse Experten halten  diese Ziele für völlig unrealistisch. Ihre Verwirklichung würde zudem zu großen gesellschaftlichen Verwerfungen führen, zu wirtschaftlichen Schäden, Arbeitslosigkeit und zur Stärkung rechtspopulistischer Kräfte. Auffällig an der FFF-Bewegung ist, dass ihre Aktivisten wenig Einfühlungsvermögen aufbringen, wenn es darum geht, die sozialen Folgen ihrer Forderungen zu erkennen. Sie wollen die Welt retten, lassen aber die Empathie für die Menschen, die von ihren radikalen Forderungen betroffen wären, vermissen. Der vorgezogene Ausstieg aus der Kohle  würde  zahlreiche Familien um ihre Ernährungsgrundlage bringen, weil Ersatzarbeitsplätze kurzfristig nicht zu schaffen sind. Die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer forderte in einem Gespräch mit   Siemens-Chef Jo Kaeser, einen Auftrag für die australische Kohlenmine  des Adani-Konzerns  zu stornieren.  Dabei gab sie sich als Interessenvertreterin der Ureinwohner der Region, der Aborigines, aus. Die Wahrheit ist, dass die dort ansässigen Aborigines gar nichts gegen den Kohleabbau durch Adani haben, weil sie auf die Arbeitsplätze angewiesen sind. In jener Region beträgt die Arbeitslosigkeit unter den Ureinwohnern nämlich bis zu 75 Prozent. Fakten sind nicht eben die Stärke der ultragrünen Aktivisten.

Ein junger Klimaaktivist von FFF verkündete auf Twitter eine ungeschminkt egoistische Botschaft: „Was soll ich jetzt auf die alten Weißen Rücksicht nehmen, wenn sie es die ganzen Jahrzehnte auch nicht für mich gemacht haben. #Klimakrise. Und so denke  nicht nur ich, sondern alle Jugendlichen, die derzeit sich gegen das autoritäre Gelaber widersetzen und raus gehen feiern!“ – Der junge Mann gibt zu erkennen, dass er sich an den Alten wegen ihrer angeblichen Klima-Ignoranz dadurch rächen will, dass er die Corona-Schutzmaßnahmen nicht befolgt. Sollen sich die Alten ruhig anstecken!

Das Fehlen von  Empathie konnte man auch  bei der legendären Wutrede  Greta Thunbergs beim New Yorker Klimagipfel 2019 studieren. Mit sich überstürzender Stimme schleuderte  sie den Politikern entgegen:   „Wie konntet ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen“. Im Unterricht lernen Schüler, dass laut UNICEF pro Jahr fünf  Millionen Kinder  in der Welt  an Unterernährung, schlechter Hygiene und mangelhafter gesundheitlicher Versorgung sterben. Ihnen wird nicht nur die Kindheit gestohlen, sondern das Leben.  Der aktuelle  Welternährungsbericht der UN geht davon aus, dass wegen der Corona-Pandemie  die Zahl der Hungernden in der Welt von 690 Millionen Menschen im Jahr 2019 auf 770 Millionen in diesem Jahr  steigen wird. Wer das erschütternde UNICEF-Foto des Jahres 2019 gesehen hat, das ein 13-jähriges Mädchen zeigt, wie es im  Hafenbecken von Manila Plastik aus dem verdreckten Meer fischt, ist peinlich berührt, wenn das Wohlstandskind  Greta Thunberg davon spricht, dass ihr die Kindheit gestohlen worden sei.

Die Politik von  „Fridays for future“ hat sich   ideologisch so verengt, dass sie neben dem Klimathema nicht  mehr wahrnimmt, was sich sonst noch   in der Welt   zuträgt. Vier Flugstunden  von Berlin, in Belarus, findet seit der gefälschten Präsidentschaftswahl  vom 9. August 2020 eine breite gesellschaftliche Protestbewegung statt, die die ganze Welt in Atem hält. Sie wird  vor allem von Frauen und Mädchen getragen, von Schülerinnen und Studentinnen. Sie kämpfen um faire Wahlen, Freiheit der politischen Gefangenen und ein Leben in Würde.  Von den Mädchen, die bei FFF in der Mehrzahl sind, hat man noch kein Wort der Solidarität mit den mutigen Frauen von Minsk vernommen. Die antiautoritäre Studentenrevolte  von 1968 war eine internationalistische Bewegung. Den Studenten ging es um die Beendigung des Vietnamkriegs und um die Befreiung der unterdrückten Völker in der Dritten Welt. Während der  Emanzipationsanspruch von „68“  universell war, ist der Politikansatz von FFF borniert und thematisch beschränkt. Als ich 1968 mit dem Studium begann, galt es als verpönt, sich ausschließlich als „Fachidiot“ zu gerieren. So nannte man die Studenten, die nur fachliche Ziele verfolgten und  von Politik  nichts wissen wollten. Das Fach sollte mithelfen, die gesellschaftliche Emanzipation zu befördern.  FFF ist auf ganz besondere Weise der „Fachidiotie“ verfallen. Monothematisch geht es nur um Klimarettung, schon die Abwägung der gesellschaftlichen und sozialen Kosten  der radikalen Forderungen gilt als kompromisslerisch. Monothematisch geprägte  Gruppierungen laufen immer Gefahr, in die Radikalität abzudriften, weil ihnen die Rückkoppelung an gesellschaftliche Allgemeininteressen fehlt. Man  verbeißt sich in die eigenen Maximalforderungen und sieht um sich herum  nur noch Feinde. Als vor kurzem während einer Abseilaktion von Klimaschützern auf der Autobahn A 49 ein Mensch bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt wurde, wies der Sprecher der Aktivisten jede Schuld von sich. Sein zynischer Kommentar: Es geschehen doch jeden Tag  Auffahrunfälle. Freundlich gegenüber dem Klima, kaltschnäuzig gegenüber Menschen!

Eine Lehre kann man aus der Politik von FFF ziehen: Wenn moralisch übermotivierte  Aktivisten vorgeben, für Menschheitsinteressen zu kämpfen, ist Vorsicht geboten. Allzu häufig kommen dabei  die Interessen konkreter Menschen unter die Räder. „Im Mittelpunkt steht der Mensch, nicht der Einzelne“, dichtete der Schriftsteller Reiner Kunze aus leidvoller DDR-Erfahrung.

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Eingeordnet unter Jugendbewegung, Jugendkultur, Klimathematik in der Schule

Ego-Trip der Jugend

 Die Jugend steht vor einer ungewohnten Bewährungsprobe.  Sie muss ihren     Selbstverwirklichungsdrang   zügeln  und Solidarität lernen.

Als  immer mehr Bundesländer dazu übergingen, das öffentliche Leben weitgehend  einzuschränken, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, konnte man erleben, dass viele Jugendliche sich nicht an das Gebot hielten, sozialen Abstand zu wahren. Als bundesweit die Schulen schlossen, gingen viele Schüler nicht nach Hause, sondern zogen  – mit Sixpacks ausgerüstet – in Parks, um dort Corona-Partys zu feiern. Viele hatten noch die bunten Gewänder an, die sie für die Motto-Woche ihres Gymnasiums angezogen hatten.  In den lauen Frühlingsabenden feierten Jugendliche  an den üblichen örtlichen  Hot-Spots: im Berliner Mauerpark, im Englischen Garten in München und auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Ein schwäbischer  Jugendlicher erzählte einem Reporter des Süddeutschen Rundfunks, er fürchte sich nicht vor einer Infektion, weil ihn sein starkes Immunsystem schütze. Die Botschaft, dass es darum gehe, andere Menschen, vor allem die Risikogruppe  der Senioren, vor Ansteckung zu bewahren, ist  bei diesen Jugendlichen offensichtlich  nicht angekommen. Im Biologieunterricht haben sie gelernt, dass man als Virusträger andere Menschen auch dann anstecken kann, wenn man selbst keine Symptome zeigt. Wenn es  um das Ausleben des eigenen Egos   geht, werden  wissenschaftliche Informationen offensichtlich verdrängt. Hieß es nicht immer, man lerne in der Schule für das Leben? Weiterlesen

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Klima in der Schule

Veröffentlicht in der Zeitung DIE WELT vom 18. 07. 2019

Seit soziale und ökologische Bewegungen auch Gymnasien  erfasst haben, müssen sich Lehrkräfte immer häufiger dafür rechtfertigen, dass sie Fakten vermitteln. Ist aufklärerisches Denken in der Schule in Gefahr?

Ein 18-jähriger Gymnasiast aus Köln rechtfertigt sich gegenüber dem Reporter eines Nachrichtenmagazins für seine Teilnahme an den Freitagsdemonstrationen der Klimaaktivisten mit den Worten: „Wieso sollte ich in die Schule gehen, wenn ich weiß, dass es in ein paar Jahrzehnten keine Schule mehr geben wird, wenn wir jetzt nicht auf die Straße gehen.“ –  Die Motive seiner Mitstreiter klingen ähnlich: Die Welt geht unter, wenn wir uns jetzt nicht für das Klima ins Zeug legen. In Geografie und Biologie haben die Freitagsaktivisten solche Untergangsszenarien sicher nicht gelernt. Selbst die Umweltorganisation Greenpeace, nicht eben für Untertreibungen  bekannt, kennt kein Klimamodell, das auch nur annähernd die  Weltuntergangsängste der demonstrierenden Schüler rechtfertigen würde. Natürlich darf man im Meinungskampf übertreiben. Das haben Jugendbewegungen  immer schon  getan. Wenn aber von sieben etablierten Umweltorganisationen eben mal drei  die  krassen  Forderungen der Klima-Jugend teilen, besteht die Gefahr, dass  sich die Schüler  durch ihren  dystopischen Radikalismus selbst  ins Abseits befördern. Die Öffentlichkeit wirkt an der quasireligiösen Überhöhung der Schülerbewegung fleißig mit. So hat Berlins katholischer Bischof Heiner Koch die Vorbildwirkung der schwedischen Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg mit der von Jesus Christus verglichen. Auch historische Parallelen drängen sich auf. Im Jahr 1212 brachen Tausende Kinder und Jugendliche zu einem Kreuzzug zur Befreiung des Heiligen Landes auf, weil fanatische Bischöfe der Meinung waren,  nur „unschuldige“ Kinder könnten die Erlösung bringen. Kein einziges Kind kam damals  ans Ziel. Weiterlesen

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