Ideologie siegt über Sachverstand

In der liberalen Presse waren  jüngst  Kommentare zu lesen, in denen die Hoffnung geäußert wurde, die Kultusminister der Länder würden sich endlich auf die Gründung  eines Nationalen Bildungsrates  verständigen. Dieser Rat werde – so die Erwartung der Autoren – die großen Aufgaben, die im Schulsystem der Lösung harren, endlich anpacken: Digitalisierung, Vergleichbarkeit des Abiturs, Angleichung der Schülerleistungen in den Bundesländern. Diese  optimistischen Erwartungen, die sich an den Bildungsrat heften, werden  nicht in Erfüllung gehen. Der Nationale Bildungsrat wäre – wenn er denn käme –   ein ebenso zahnloser Tiger,  wie es die Kultusministerkonferenz  bislang gewesen ist. Woran liegt das?  Bildungspolitik ist eines der letzten Politikfelder, in denen   Politiker ihren ideologischen Präferenzen freien Lauf lassen können. In Berlin kann man das  beispielhaft  studieren. Seit über zehn Jahren rangiert die Hauptstadt im bundesweiten  Leistungsvergleich der Schulen auf dem letzten Platz. Die Ursachen der Misere sind bekannt. Trotzdem weigert sich die Bildungsverwaltung, die erfolgreichen Konzepte  der Siegerländer Thüringen, Bayern und Sachsen zu übernehmen. Sie nimmt  lieber 2000 Schüler ohne Abschluss  jährlich in Kauf, als von einem verfehlten Differenzierungskonzept im Unterricht zu lassen. Für den Bildungssenat ist Bildungspolitik in erster Linie Sozialpolitik. Der Leistungsgedanke ist dabei völlig in den Hintergrund getreten. Ich halte es  auch für  undenkbar, dass sich die Kultusminister jemals auf ein bundesweit einheitliches Abitur einigen könnten. Vor allem die sozialdemokratischen Kultusminister werden die Gestaltungsspielräume des dezentralen Abiturs  mit Zähnen und Klauen verteidigen, weil sie ihnen ermöglichen, das Abitur  zu erleichtern, ohne dass es  – anders als bei der Verwendung der zentralen Pool-Aufgaben – von der Öffentlichkeit bemerkt wird. Wem vor allem das  Paradigma der sozialen Gerechtigkeit am Herzen liegt, wird  alles  tun, um  eine  Erschwerung des Abiturs durch Angleichung der Regularien  zu verhindern.

Die Autoren vertrauen  auf die Evidenz wissenschaftlicher Erkenntnisse, die mit dem Bildungsrat in die Bildungspolitik  Einzug halten würde. Diese Erkenntnisse  gibt es doch heute schon. Leider werden sie, wenn sie nicht mit der jeweiligen Ideologie konform gehen,  ignoriert.  Bildungsforscher haben z.B. die Ergebnisse der PISA-Studien  nach Schulformen differenziert  untersucht und dabei die wenig überraschende Erkenntnis gewonnen, dass das Lernen in homogenen Lerngruppen dem in heterogenen Klassen überlegen ist. Dieser  Befund  ficht  die Vertreter der Gleichheit freilich  nicht an. Für sie ist die heterogene Schülermischung das, was für die Katholische Kirche die Monstranz ist: heilig und sakrosankt. Dabei gehen Sozialdemokraten so weit, die erfolgreiche Gesamtschule (ihre eigene Erfindung!)  für überholt zu erklären, weil sie die Schüler in Fachleistungskursen unterrichtet. Dieses Kurssystem halten sie  für ein  schädliches Überbleibsel des „selektiven“ Schulsystems. Also: Weg damit!  Ich habe 12 Jahre lang an einer Gesamtschule unterrichtet und immer wieder festgestellt, dass der sozialen Gerechtigkeit mehr gedient ist, wenn die Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern einen Schulabschluss schaffen und dann eine Lehre beginnen können. Was nützt es einem Schüler, der an einer Berliner Sekundarschule keinen Schulabschluss schafft, wenn er anschließend sagen kann, er habe wenigstens  eine Schule besucht, an der die soziale Gerechtigkeit Vorrang gehabt habe. Wie sollte   ein Nationaler Bildungsrat solche ideologischen Verblendungen  jemals  auflösen können?

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Abitur, Der richtige Umgang mit Schülern, Schülerleistungen, Schulformdebatte, Schulversager, Unterrichtsmethoden, Unterrichtsqualität

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s