Monatsarchiv: September 2019

Wie eine Schule ihre reformpädagogische Tradition verspielt

Vor genau 190 Jahren erschien ein Roman, der ein pädagogisches Konzept enthält, das aus heutiger Sicht verblüffend modern erscheint: „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ von Johann Wolfgang von  Goethe. Wilhelm Meister  besucht mit seinem Sohn Felix in der  „pädagogischen Provinz“ eine Internatsschule, die in unberührter Natur liegt, um seinen Sprössling   dieser Einrichtung anzuvertrauen. Beim Rundgang durch die Schule  erfährt der alleinerziehende Vater die Grundsätze der dort geübten Pädagogik. Deutlich wird, dass der Persönlichkeitsbildung der jungen Schüler  höchstes  Gewicht beigemessen wird. Musik, Gesang und Tanz, aber auch die Arbeit in  Garten und  Landwirtschaft  fördern und fordern die ganze Person, weil in diesen Tätigkeiten alle Sinne angesprochen werden. Goethe, der die sinnliche Wahrnehmung überaus schätzte, entwirft hier das Konzept einer ganzheitlichen Pädagogik,  das dem durchrationalisierten Ausbildungsbetrieb  unserer heutigen staatlichen  Schulen fundamental widerspricht. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, ganzheitliche Bildung, Schulinspektion, Unterrichtsmethode

Sackgasse Berlin

Veröffentlicht in der Tageszeitung DIE WELT vom 25. Sept. 2019

Seit Jahren landen die Schüler der Hauptstadt beim Vergleich der Länder auf dem letzten Platz.  Die Schulverwaltung weigert sich hartnäckig, die Rezepte erfolgreicher Bundesländer zu übernehmen. Eine Abrechnung.

Auswärtige Expertise soll es jetzt richten: Eine Kommission unter Prof. Olaf Köller vom Leibniz-Institut für die  Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel hat die Arbeit aufgenommen, um die Misere des Berliner Schulsystems zu durchleuchten und auf Abhilfe zu  sinnen. Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) sah sich zu diesem ungewöhnlichen Schritt gezwungen, weil  sich zu Beginn des neuen Schuljahres die Katastrophenmeldungen über die Berliner Schule häuften.  Aktuelle Schulleistungsdaten verweisen Berlins Schüler wieder einmal auf den letzten Platz.  Im „Bildungsmonitor 2019“ der Neuen Initiative Soziale Markwirtschaft (NISM) erreicht die Hauptstadt bei der Schulqualität nur 10 von möglichen 100 Punkten, der Sieger Sachsen glänzt mit 85 Punkten. Beim „Vera 3“- Vergleichstest, der die Leistungen der Grundschüler misst,  erfüllen in Deutsch  52 Prozent  nicht den durchschnittlichen Standard, in Mathematik sind es 56 Prozent. Von 2015 bis 2017 ist die Anteil der Schüler ohne Abschluss von 9,3 Prozent auf 11,7 Prozent gestiegen. Im bundesdeutschen  Durchschnitt beträgt die Quote nur 6,9 Prozent. Die Bildungsverwaltung musste zu Schulahrbeginn zugeben, dass bis zum Schuljahr 2021/2022  bis zu  9.500 Schulplätze  fehlen. Wegen all dieser schlechten Nachrichten legte der  „Landeselternausschuss Berlin“ der Schulsenatorin indirekt den Rücktritt nahe, weil er ihr  nicht mehr zutraut, Berlins Schulen aus der Misere herauszuführen.  Diese Attacke hat die SPD kalt erwischt, hatte sie doch gerade finanzielle Wohltaten unters Wahlvolk gestreut: kostenlose Kita, Freiticket im Öffentlichen Nahverkehr, freies Essen in der Schule. Diese Spendierfreudigkeit bestätigt wieder einmal, dass für die SPD  Schulpolitik  letztlich Sozialpolitik ist. Sie ist auch eine  Form von Ablasshandel: Geld soll den Unmut der Eltern über die schlechten Schülerleistungen besänftigen. Der Elternverband schreibt sarkastisch,  das durch die Freitickets eingesparte Geld  müsse  locker wieder ausgegeben werden, um Nachhilfe oder  eine  Privatschule zu bezahlen. Weiterlesen

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