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Wir lassen kein Kind zurück

Veröffentlicht auf CICERO-online am 6. April 2021

Auf Aktionspläne der Bundesregierung zur Behebung der Lernrückstände der Schüler können sich die Schulen nicht verlassen. Es geht darum, eigene Kompetenzen zu entwickeln und das beste Konzept für den Schulalltag zu übernehmen.

Während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 schilderte eine Berliner Tageszeitung, wie die Schulen in ihrem Einzugsgebiet mit den Herausforderungen des Homeschoolings umgingen. Der Bericht offenbarte, dass die Kluft zwischen cleveren Lösungen und totalem Versagen groß war. An einer Berliner Sekundarschule riefen die Lehrer die Eltern an und baten sie, ein Familienmitglied in die Schule zu schicken. An den Garderobehaken in den Fluren hingen Plastiktüten, in denen sich das Unterrichtsmaterial für eine Woche befinde. Die Schüler sollten die Aufgaben bearbeiten und die ausgefüllten Bögen am Wochenende wieder an die Haken hängen. Sie bekämen dann zeitnah eine Rückmeldung.

„Nun lernt mal schön!“

Kleinlaut mussten die Lehrer eingestehen, dass nach einem Monat immer noch einige Plastiktüten in den Fluren hingen. Sie waren nie abgeholt worden. Einige Schüler waren der Schule offensichtlich abhandengekommen. Vorbildlich agierte ein Gymnasium in Hohen Neuendorf (Brandenburg). Die Schule hatte schon vor Jahren Gelder aus dem Digitalpakt abgerufen, was in Berlin viele Schulen bis heute nicht getan haben. Die funktionierende digitale Infrastruktur erlaubte es der Schule, während des Lockdowns den Unterricht nach Stundenplan durchzuführen. Die Schüler versammelten sich zur gegebenen Zeit vor ihren Bildschirmen zur Video-Konferenz und lösten die Aufgaben, die ihnen die Lehrkraft zu Beginn der Stunde stellte. Freiräume im Stundenplan gab es nur in Fächern, die sich nur in Präsenz unterrichten lassen, z. B. in Sport und Musik.  Diese „Freistunden“ sollten die Schüler zum Selbststudium nutzen. Das Lernen nach Stundenplan half den Schülern, ihrem diffusen Alltag im Kinderzimmer eine Struktur zu verleihen. Auch von Erwachsenen ist bekannt, dass sie das Homeoffice besonders gut bewältigen, wenn sie dem Tagesablauf eine feste Struktur geben. Schülern mit der freundlichen Aufforderung „Nun lernt mal schön!“ lediglich Material zuzuschicken, ist ein Form von pädagogischer Vernachlässigung.

Pädagogische Kompetenz beweisen

Jede Schule hat es in der Hand, ihren Schülern gute Lösungen anzubieten, die ihnen die schwere Zeit des schulfernen Lernens erleichtern. Ob einer Schule das gelingt, liegt an der Kreativität und Tatkraft der Lehrer, vor allem aber an ihrem pädagogischen Ethos. Wenn eine Schulleitung ihr höchstes Bestreben nur darin sieht, die Schule möglichst „fehlerfrei“ zu verwalten, hat sie gegenüber kreativen und einsatzfreudigen Schulen schon verloren. Die Lehrerverbände waren bislang leider keine große Hilfe. Ihr größtes Bemühen galt der Verstärkung der Schutzmaßnahmen für ihre Klientel. Nach einfallsreichen Bildungskonzepten, wie die Schüler mit der erzwungenen Häuslichkeit am besten umgehen können, sucht man bei den Berufsverbänden der Lehrer vergebens. Dass die GEW jetzt auch noch fordert, die Abiturprüfungen ausfallen zu lassen und durch die Semesterzensuren zu ersetzen, passt ins Bild. Die Lehrergewerkschaft mutet den Abiturienten zu, sich mit einem zweitklassigen Corona-Notabitur an den Universitäten oder auf dem Arbeitsmarkt zu bewerben.

Wissenslücken identifizieren

Wenn sich eines Tages alle Schüler wieder zum Präsenzunterricht einfinden, wäre es verfehlt, zum business as usual überzugehen. Die Lehrer müssen davon ausgehen, dass die Schüler unterschiedlich mit den erschwerten Bedingungen des häuslichen Lernens zurecht- gekommen sind. Bildungsbeflissene Eltern werden ihre Kinder optimal unterstützt haben, während Kinder in sozial schwierigen Familien ihre liebe Not hatten, den Anschluss an ihre Mitschüler nicht zu verlieren. Es muss unbedingt vermieden werden, dass die Lehrer beim Neubeginn über die Köpfe der abgehängten Schüler hinweg unterrichten.  Um den Umfang der vorhandenen Wissenslücken zu ermitteln, können Tests durchgeführt werden, die die Bildungsstandards des letzten Schuljahres zum Gegenstand haben. Wenn die Tests die verbindlichen Mindest- und Regelstandards abfragen, bekommen die Lehrkräfte aussagekräftige Hinweise darauf, welche Stoffe vorrangig unterrichtet werden müssen. Wenn sich bei einige Schülern die Defizite als zu groß herausstellen, kann die Wiederholung der Klasse eine sinnvolle Option sein. Die meisten Kultusminister haben eine Wiederholung zugelassen, die nicht als „Sitzenbleiben“ zählt. Von einem Stigma kann dann keine Rede mehr sein, eher von einem nützlichen Neustart.

Wissensflut kreativ strukturieren

Die Methode des exemplarischen Lernens könnte dabei helfen, die überbordende Stofffülle der Fächer sinnvoll zu reduzieren. Beim exemplarischen Lernen erarbeiten sich die Schüler Lerngegenstände selbst, nachdem sie zuvor im Unterricht anhand typischer Beispiele Wesentliches und Gesetzmäßiges darüber erfahren haben. Wenn ein Deutschlehrer in der 8. Klasse die Analyse einer Kurzgeschichte   sorgfältig einführt, können die Schüler diese Fertigkeit auf andere Texte übertragen. Für die Quellenanalyse im Geschichtsunterricht gilt dasselbe. Die Schulen sollten in einem internen Curriculum festlegen, welche Gegenstände „exemplarisch“ gelernt werden sollen. Dadurch wird ein einheitliches inhaltliches und methodisches Fundament gelegt, auf das im weiteren Unterricht sinnvoll aufgebaut werden kann. Dabei sollte Wert auf Orientierungswissen gelegt werden, das dabei hilft, die Wissensflut zu strukturieren.

„Steine im Fluss“

Die Didaktik kennt die Lerntheorie „Steine im Fluss“. Darunter versteht man die Vermittlung von Wissensbeständen, die unverzichtbar sind, um neues Wissen aufnehmen und es an schon Gelerntes andocken zu können. Der Lernende schreitet quasi trockenen Fußes von Stein zu Stein, bis er das andere Ufer, den neuen Wissenshorizont, erreicht. In jedem Unterrichtsfach gibt es ein solches Basiswissen. Die Basics der Mittelstufenmathematik sind z.B. Multiplikation, Division, Flächenberechnungen, Bruch- und Prozentrechnung, Dreisatz, Gleichungen und Potenzen. In Geschichte sind bilden solche Orientierungspunkte die zentralen Epocheneinschnitte: Reformation, Renaissance, Aufklärung, Französische Revolution, die anderen bürgerlichen Revolutionen, Novemberrevolution, Weimar, „Drittes Reich“, BRD und DDR sowie die Wiedervereinigung. Wenn sich die Lehrkräfte in allen Fächern anfangs auf das elementare Wissen konzentrieren, können sie am ehesten die entstandenen Lücken schließen. Die Fachkonferenzen sind dazu berufen, die elementaren Gegenstände für ihr Fach festzulegen.

Warum nicht Sommerschulen?

Für hochbegabte Schüler gibt es in den meisten Bundesländern Einrichtungen, die es ihnen ermöglichen, sich außerhalb des Schulbetriebs zusammen mit gleichbegabten Jugendlichen an schwierigen Lerngegenständen zu erproben. Diese Sommerschulen und Junior-Akademien finden in den großen Ferien statt, häufig in reizvoller, naturnaher Umgebung, so dass auch für eine angenehme Freizeitbeschäftigung gesorgt ist. Was spricht dagegen, solche Einrichtungen auch für lernschwache und sozial benachteiligte Schüler zu schaffen? Wenn die Förderkurse drei Wochen dauern, hätten die Schüler immer noch genügend Zeit, mit ihren Eltern zu verreisen oder ihren Hobbys nachzugehen. In Deutschland gibt es ein riesiges Reservoir an pensionierten Lehrkräften, die sich bester Gesundheit erfreuen. Warum ist noch kein Kultusminister auf die Idee gekommen, die motivierten unter ihnen für die Unterstützung der abgehängten Schüler zu gewinnen? Auch Lehramtsstudenten könnte man für diese Aufgabe motivieren. Wenn man ihren praktischen Einsatz an der Lernfront „vergütet“, indem man ihnen dafür die Belegung eines theoretischen Pädagogikseminars erlässt, gäbe es zwei Gewinner: Die Schüler fänden motivierte Unterstützer und die angehenden Lehrer lernten schon während ihres Studiums den pädagogischen „Ernstfall“ kennen. Was kann ihnen Besseres passieren?

Wir lassen kein Kind zurück

An einem Berliner Gymnasium habe ich einmal gemeinsam mit einer Kollegin beschlossen, eine uns anvertraute 7.  Klasse (in Berlin ist dies die Eingangsklasse im Gymnasium) so zu unterstützen, dass die ganze Mittelstufe hindurch kein einziger Schüler sitzen bleibt. Unser Motto hieß: „Wir lassen keine(n) zurück! Jede(r) kann es schaffen!“ – Wir initiierten ein Patenschafts-Modell. Jedem Schüler wurde in seinem schlechten Fach ein guter Schüler aus der Klasse als Lernpate zur Seite gestellt.  Er unterstützte ihn bei den Hausaufgaben, lernte mit ihm gemeinsam auf Tests und Klassenarbeiten.  Reichte die Hilfe durch Mitschüler nicht aus, nahmen wir Kontakt zu den jeweiligen Fachlehrern auf, um sie für weitere Hilfsmaßnahmen zu gewinnen. Der Erfolg blieb nicht aus:  Vier Jahre lang blieb kein einziger Schüler der Klasse sitzen.  Quantitativ bestraften wir uns selbst, weil am Ende jedes Schuljahres „von oben“ Sitzenbleiber in unsere Klasse kamen. Zum Schluss saßen 36 Schüler in der Klasse.  Qualitativ hat dieses Modell jedoch die Klasse enorm gestärkt. Der Zusammenhalt und das Selbstbewusstsein waren nach vier Jahren ungleich stärker entwickelt als in den Parallelklassen.  Aus einer Ansammlung von Einzelkämpfern war eine echte Klassengemeinschaft gewachsen.  Damit haben wir – ohne es zu wissen – ein wichtiges Merkmal erfolgreichen Lernens erfüllt, das der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie als unverzichtbar einschätzt. Er hält den „Klassenzusammenhalt, das Gefühl, dass alle (Lehrperson und Lernende) gemeinsam für positive Lernerfolge arbeiten“, für eine der wirksamsten Lernmethoden. 

Keine bequemen Ausreden mehr

In Deutschland haben die Schulen große Gestaltungsspielräume. Im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben und der Fachlehrpläne können sie nach Gutdünken pädagogische Lösungen entwickeln, die das Lernen der Schüler effektiver gestalten und den sozialen Zusammenhalt der Schüler fördern. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Man muss nur die Internetauftritte der Schulen quer durch die Republik aufrufen, um zu sehen, wie kreativ und einfallsreich sich viele Schulen den Herausforderungen des Lernens unter Corona-Bedingungen stellen. Auf Hilfe „von oben“ zu warten, ist für Schulen oft nur eine bequeme Ausrede, wenn es ihnen an Einfallsreichtum und Wagemut mangelt. Lethargie und Selbstgenügsamkeit sollten angesichts der Herausforderungen, vor die uns die Corona-Krise stellt, ein Ende haben. Die Kinder dürfen nicht zu den Verlierern der Pandemie werden.

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Unterricht gehört regelmäßig auf den Prüfstand

Veröffentlicht auf CICERO-online am 28. Februar 2021

Veröffentlicht auf CICER-online am 28. Februar 2021

Das  Homeschooling  offenbart, dass viele Schüler vom selbständigen Lernen überfordert sind. Auch die soziale Bildungskluft vergrößert sich. Aber ziehen die Schulen auch Lehren aus der Krise? Der langjährige Lehrer Rainer Werner berichtet aus dem Klassenzimmer.

Im Netz stößt man auf Hilferufe von Schülern, die mit ihren Hausaufgaben überfordert sind. Eine Schülerin, die an einer Gedichtanalyse verzweifelt, schreibt: „Halloooo, ich sitze schon wirklich lange am Verständniss dieses Gedichtes. Ich soll es mit dem Gedicht von Günter Eich vergleichen…jedoch weiß ich nicht was dieses Gedicht mit das von Günter Eich im Hut hat…Das von Günter Eich ist ja unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg geschrieben worden und das von Christa Reinig 1965….Gedichte sind leider nicht meine Stärke…“ (Grammatik und Orthografie nach dem Original) – Was sich hier wie ein Hilferuf aus dem Homeschooling liest, wurde schon vor Corona-Zeiten ins Netz gestellt. Die Schülerin verzweifelt an einer alltäglichen Hausaufgabe. Sie zeigt nicht nur gravierende Rechtschreib- und Grammatikschwächen, sie hat offensichtlich auch nicht verstanden, wie man Gedichte interpretiert. Im Unterricht ist alles schon einmal „dran gewesen“, hängen geblieben ist wenig. Die Klage der Schülerin lässt ahnen, wie es um das Lernen bestellt ist, wenn die Schule über Wochen hinweg ins Elternhaus verlagert wird. Die Lernerträge, die die Schüler beim digitalen Lernen in den häuslichen vier Wänden erzielen, werden noch hinter den schulischen Ergebnissen zurückbleiben.

Den Präsenzunterricht in den Blick nehmen

Politiker äußern sich besorgt über die Lerndefizite, die das Homeschooling mit sich bringt. Sie klagen darüber, dass Kinder aus bildungsfernen Familien abgehängt würden, weil sie mit dem Lernen zu Hause überfordert seien und zudem nicht über das nötige digitale Equipment verfügten. Die Vorsitzende der Grünen Annalena Baerbock fordert gar einen „Bildungsschutzschirm“, der die zutage getretenen Schwächen im Fernunterricht ausgleichen solle. In Berlin dürfen Schüler, die Lernlücken aufweisen, eine Ehrenrunde drehen, ohne dass dies als Sitzenbleiben gewertet wird. Das große Kümmern um die Bildungsverlierer mutet merkwürdig an, wenn man bedenkt, dass schon vor der Corona-Pandemie jedes Jahr rund 50.000 Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Sie sind im Präsenzunterricht gescheitert. Sie haben keine besorgten Fürsprecher gefunden, niemand hat für sie Schutzschirme aufgespannt und Hilfspakete geschnürt. Man hat sie damit allein gelassen, dass sie im Unterricht zu wenig gelernt haben.  Das Homeschooling legt die Schwächen bloß, die im normalen Unterricht schon lange existieren. Wir sollten deshalb aus dem Befund des nationalen Großversuchs „Schüler lernen zu Hause“ die richtigen Lehren ziehen: Das Lernen muss effektiver, das Wissen nachhaltiger als bislang in den Köpfen verankert werden.

Die Wirksamkeit des Unterrichts überprüfen

In Deutschland unterrichten täglich 800.000 Lehrkräfte, ohne dass die Wirksamkeit ihres Tuns je auf den Prüfstand gestellt würde. Man traut den Lehrern aufgrund ihrer hochwertigen akademischen Ausbildung einfach zu, dass sie den Schülern ihr Wissen erfolgreich vermitteln können. Die Lehrerverbände mauern, wenn es darum geht, die Performance der Lehrkräfte im Unterricht zu überprüfen. Sie wollen ihre Mitglieder nicht vor den Kopf stoßen. Auch die Schulbehörden blockieren aus falscher Rücksichtnahme die Evaluierung von Unterricht. Dabei wäre sie leicht möglich. Man bräuchte nur die Ergebnisse der Lernstandserhebungen TIMMS und VERA und beim Mittleren Schulabschluss nach Lerngruppen differenziert auszuwerten. Lehrkräfte mit besonders schlechten Ergebnissen wären dann gezwungen, die Wirksamkeit ihres Unterrichts zu überprüfen und vorhandene Schwächen in Fortbildungen auszubügeln. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hält die Selbstevaluation der Lehrkräfte für eine der wichtigsten Produktivkräfte für einen guten Unterricht: „Meine Rolle als Lehrperson ist es, den Effekt, den ich auf meine Schülerinnen und Schüler habe, zu evaluieren.“ – Die Lernforschung hat herausgefunden, dass sich ein Teil des erworbenen Wissens schon nach wenigen Wochen wieder verflüchtigt, weil es nur im Kurzzeitspeicher des Gehirns abgelegt worden war. Schüler kennen die Effektivität dieses Speichers sehr gut, wenn sie zum Leidwesen von Lehrern und Eltern immer erst auf den letzten Drücker, also in der Nacht vor der Klausur, lernen. Sie pochen jedoch darauf, dass es für sie die beste Methode sei, sich den Stoff zu merken. Damit haben sie sicher recht. Nachhaltig gelernt haben sie allerdings nicht. Dieses ständige Vergessen eines Teils des Stoffes infolge nur oberflächlicher Rezeption senkt den Wirkungsgrad von Lernprozessen entscheidend. Die Flüchtigkeit des Wissens ist zudem eine Vergeudung einer kostbaren Ressource: der vorher aufgewandten Lehr- und Lernbemühung. Wie man beim Lernen das Langzeitgedächtnis aktivieren kann, ist hinlänglich bekannt. In die Unterrichtspraxis haben solche Methoden kaum Eingang gefunden. Es muss uns zu denken geben, dass sich Schüler, die am Vormittag mit Selbstlernmethoden traktiert werden, zu Hause den gekonnten Vortrag eines Youtube-Lehrers gönnen, der die Sachverhalte so anschaulich erklärt, dass der Groschen schließlich fällt. Diese Abstimmung per Mausklick für den viel gescholtenen Frontalunterricht ist ein Misstrauensvotum gegen „schülerzugewandte“ Lernmethoden, die ihre Versprechen nicht einzulösen vermögen.

Feedback  per Fragebogen

Ich habe an einem Berliner Gymnasium unterrichtet, das zu den Pionieren der Feedback- Kultur zählt. Von Klasse sieben bis zum Abitur dürfen die Schüler ihre Lehrkräfte mit altersgerechten Fragebögen bewerten. In den unteren Klassen geht es neben der Qualität des Unterrichts („Ist der Lehrer optimal vorbereitet?“) vor allem um emotionale Aspekte, die in dieser Altersstufe beim Lernen besonders wichtig sind: „Mag euch euer Lehrer?“. In den oberen Klassen sind die Fragebögen anspruchsvoller. Sie nehmen die didaktische Qualität des Unterrichts in den Blick: „Ist der Unterricht motivierend und abwechslungsreich gestaltet?“, „Wie viel habt ihr im Unterricht gelernt?“ – Ich habe mich – auch bei der Bewertung meines eigenen Unterrichts – immer gewundert, wie präzise und aussagekräftig die Urteile der Schüler sind. Wenn man jahrelang die Schulbank drückt, können einem die Stärken und Schwächen von Lehrern nicht verborgen bleiben.  Schülerbewertungen sind aber nur dann nützlich, wenn die Lehrkräfte daraus die richtigen Konsequenzen ziehen. Wenn die Schüler ihrem Geschichtslehrer bescheinigen, bei ihm wenig gelernt zu haben, muss er seinen Unterricht hinterfragen, ggf. muss er Hilfe von erfahrenen Kollegen in Anspruch nehmen.

Die zweite Reform an meinem Gymnasium betraf die kollegiale Hospitation: Lehrkräfte desselben Faches besuchen sich gegenseitig im Unterricht, um von den originellen und erfolgreichen Methoden des Kollegen zu profitieren. Beide Feedback-Methoden haben die Unterrichtsqualität der ganzen Schule binnen weniger Jahre verbessert. Die Schule stieg aus dem Mittelfeld an die Spitze aller Berliner Gymnasien auf.

Guten Unterricht teilen

Was Lehrkräfte sich am meisten wünschen, ist eine digitale Plattform, auf der vorbildliche Unterrichtsstunden aus ganz Deutschland abrufbar sind.   Warum ist es nicht möglich, die grandiose Stunde eines Physiklehrers in Kiel den Lehrern in der ganzen Republik zugänglich zu machen? Warum sollten nur die Schüler einer Schule in Passau in den Genuss einer genialen Musikstunde kommen? Die Arbeitserleichterung durch eine solche „geteilte Nutzung“ wäre enorm und der Effekt der Unterrichtsoptimierung nicht zu unterschätzen. Wenn „Sharing Economy“ einen Sinn hat, dann hier.  Wenn alle Lehrkräfte in Deutschland nur noch Musterstunden – gerne auch die oft vorbildlich ausgearbeiteten Stunden von Referendaren – unterrichten würden, wäre dies ein Qualitätsschub sondergleichen. Wann kommt die Cloud „Guter Unterricht für alle“? Hier hätten Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerin eine dankbare Aufgabe.

Den Wirkungsgrad des Unterrichts steigern

Es führt kein Weg daran vorbei: Unsere Schulen müssen ihr Qualitätsmanagement verbessern. Künftig sollte es selbstverständlich sein, dass der Unterricht der Lehrkräfte auf den Prüfstand gestellt wird. Digitale Bewertungsplattformen können dabei hilfreich sein. Es muss vor allem sichergestellt werden, dass nur wirksame Unterrichtsmethoden zum Zuge kommen. Welche das sind, hat der Lernforscher John Hattie in seiner Großstudie plausibel dargelegt. Nachdem wir in der Corona-Zeit gelernt haben, evidenzbasiert zu operieren, sollte wissenschaftliche Plausibilität auch in der Pädagogik Einzug halten. Das Wünschbare reicht offenkundig für den Schulerfolg unserer Schüler nicht aus.

Was der Ottomotor kann…

Mich hat es immer schon gewundert, dass im Land der Tüftler und Erfinder der Wirkungsgrad aller technischen Geräte gemessen wird, dass aber nach dem Effekt schulischen Lernens   kaum jemand fragt. Wenn der Wirkungsgrad eines Ottomotors 40 Prozent beträgt, sollte es doch möglich sein, den Wirkungsgrad des Unterrichts auf über 50 Prozent zu steigern, zumal diesem Ziel physikalische Gesetzmäßigkeiten nicht im Wege stehen.

Der Autor unterrichtete an einem Berliner Gymnasium Deutsch und Geschichte. Er verfasste das Buch „Fluch des Erfolgs. Wie das Gymnasium zur ´Gesamtschule light` mutiert“.

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Eine vorbildliche Schule

Von Rainer Werner

Die staatliche Schule leidet darunter, dass sich die politischen Entscheidungsträger von der wissenschaftlichen Evidenz weitgehend verabschiedet haben. Obwohl Studien belegen, dass das „individuelle Lernen“ Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteiligt, wird es an den Gemeinschaftsschulen unverdrossen weiter praktiziert. Das Wünschbare ist offensichtlich wichtiger als pädagogische Plausibilität. Der Kieler Bildungsforscher Olav Köller hat als Vorsitzender einer Qualitätskommission der Berliner Schule attestiert, dass die bislang angewandten Konzepte wirkungslos geblieben seien. Von einem Umsteuern unter Berufung auf Erprobtes und Bewährtes ist nichts bekannt. Auch in Berlin malt sich eine Regierungspartei eine schöne neue Schulwelt, die in der Praxis versagt. Es rächt sich bitter, dass sich das staatliche Schulsystem die bahnbrechenden Erkenntnisse des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie („Lernen sichtbar machen“, 2013) nie zu Eigen gemacht hat.

Zu den defizitären Staatsschulen gibt es seit 2006 ein attraktives Kontrastprogramm: die Leibniz Privatschule in Elmshorn und Kaltenkirchen.  1.700 Schüler besuchen gegenwärtig die Schule an ihren beiden Standorten. Die Leibniz Privatschule hat von Anfang an den Rat wissenschaftlicher Experten eingeholt und sie an der Ausarbeitung des Schulkonzepts beteiligt. Der Kieler Linguistik-Professor Henning Wode entwarf das „Konzept der sieben Säulen“, auf dem der Unterricht basiert: Die Sportbetonung soll nach dem antiken Wahlspruch „mens sana in corpore sano“ die körperliche Fitness stärken, die für Heranwachsende genauso wichtig ist wie die Entwicklung des Geistes. In den Naturwissenschaften werden die Erfindungen der Zukunft generiert. Die Beherrschung der Medien ist in unserer modernen Welt für mündige Staatsbürger unverzichtbar.  Englisch öffnet Schülern die Tür zur Welt, auch zu einem Studium im Ausland. Begabtenförderung steht bei „Leibniz“ nicht unter dem Verdacht der Elitebildung. Das Programm „Leistung macht Schule“ bietet begabten Schülern optimale Entfaltungsmöglichkeiten.  „Ohne Wirtschaft ist alles andere nichts.“ – Diese Einsicht wird an der Leibniz Privatschule beherzigt, indem Wirtschaftslehre ab der 5. Klasse altersgerecht unterrichtet wird. Über alle Unterrichtsfächer wölbt sich eine Werteerziehung, die die sozialen Tugenden für ein gedeihliches Miteinander vermittelt.

Der Hamburger Unterrichtsplaner Gerhard Förderer hat zusammen mit der Sonderpädagogin Bettina Marquardt das Unterrichtskonzept und den Verhaltenskodex der Schulgemeinschaft entwickelt. Dem Neurobiologen Gerhard Roth verdankt die Leibniz Privatschule die Anwendung „hirngerechter“ Lehr- und Lernformen. Sie garantieren, dass der Wirkungsgrad des Lernens hoch ist, weil sich das Gelernte im Gedächtnisspeicher der Schüler festsetzt.

Wie sieht eine Unterrichtstunde an der Leibniz Privatschule aus? Sie folgt dem klassischen Dreischritt, der geistigen Prozessen eigen ist: Der Einstieg sichert die Aufmerksamkeit für das Thema der Stunde. Er knüpft an bisher Gelerntes an, indem er das Vorwissen aktiviert und es für Neues sensibilisiert. In der Erarbeitungsphase analysieren die Schüler das dargebotene Material. Die dabei verwendete Methode ist variabel und abhängig vom Lernstoff. Die abschließende Reflexionsphase sichert das Lernergebnis. Das Stundenergebnis wird im Heft vermerkt. Wie machen sich die „hirngerechten“ Lehr- und Lernformen im Unterrichtsverlauf bemerkbar? Lernen funktioniert dann am besten, wenn der neue Stoff an das bisher Gelernte andocken kann. Das Lernarrangement muss deshalb so gestaltet sein, dass die Schüler das aktuell Dargebotene mit dem Vertrauten verknüpfen können. Die nötige Aufmerksamkeit der Schüler ist nur gegeben, wenn der Unterricht ruhig und störungsfrei verläuft. Deshalb sind im Konzept der Leibniz Privatschule die Unterrichtsregeln keine reinen Disziplinierungsmittel, sondern wichtige Voraussetzungen für effektives Lernen. Die systematische Wiederholung des Lernstoffes stellt sicher, dass er wirklich im Langzeitgedächtnis ankommt.

In meiner aktiven Zeit als Lehrer war es mir ein Anliegen, die Wirksamkeit meiner Lernmethoden zu testen. Dazu ließ ich meine Schüler einen Grammatiktest schreiben, dessen Resultate das übliche Notenbild ergaben.  Nach vier Wochen schrieb ich denselben Test ein zweites Mal. Jetzt fiel die Durchschnittsnote gegenüber dem ersten Ergebnis deutlich ab. Teile des Gelernten waren offensichtlich aus dem Gedächtnisspeicher wieder verschwunden. Wie konnte das geschehen? Schüler sind clevere Lerner. Sie wissen um die Fähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses, einen Stoff kurzfristig sicher abspeichern zu können. Deshalb lernen sie auf Tests und Klassenarbeiten gerne „auf den letzten Drücker“. Nachhaltiges Lernen sieht allerdings anders aus. Nach diesem Selbsttest stellte ich meinen Unterricht um. Ich baute in meine Stunden regelmäßige Wiederholungsphasen ein. Bei Klassenarbeiten reservierte ich immer eine Aufgabe für zurückliegende Lernstoffe. So waren die Schüler gezwungen, das Gelernte ins Langzeitgedächtnis zu befördern. Von einem Lernforscher lernte ich noch eine andere probate Methode nachhaltigen Lernens. Ich forderte Schüler auf, das Wissen zurückliegender Lernphasen in Kurzvorträgen zu präsentieren. Die Referenten bestimmte ich per Losverfahren.  Die Lernforschung hat herausgefunden, dass die Inhalte, die man anderen vorträgt, am sorgfältigsten gelernt werden. Das nachhaltige Abspeichern des Stoffes ist dann gewährleistet.

In der staatlichen Schule wird die Lehrkraft nie dazu angeregt, die Wirksamkeit ihres Tuns zu überprüfen. Ich habe diese Versuche aus eigenem Antrieb angestellt. Angeregt wurde ich durch einen Satz von John Hattie: „Meine Rolle als Lehrperson ist es, den Effekt, den ich auf meine Schülerinnen und Schüler habe, zu evaluieren.“ (John Hattie, Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen, 2014) – In der Technik ist es üblich, den Wirkungsgrad einer Maschine anzugeben. Ziel ist es, ihn durch technische Optimierung zu erhöhen. In der staatlichen Schule kann es geschehen, dass Lehrer jahraus, jahrein Unterrichtsmethoden anwenden, deren Wirksamkeit fraglich ist.  Man muss sich nicht wundern, dass 6,3 Prozent unserer Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen und ein Drittel der Bachelor-Studenten das Studium abbricht.

Wenn die Politiker, die die staatliche Schule verwalten, nicht so voreingenommen wären, würden sie von unseren Privatschulen lernen. Vom Ballast staatlicher Vorgaben (weitgehend) befreit, können diese experimentieren und auf neue Forschungsergebnisse schnell reagieren. In den Privatschulen schlummert – bislang unerkannt – ein Modell für die Schule der Zukunft. Die Leibniz Privatschule kann sich rühmen, eine solche Vorzeigeschule zu sein.

Allen pädagogisch Interessierten sei ein Buch zur Lektüre empfohlen, welches die Leibniz Privatschule vor kurzem herausgebracht hat: „Ein Modell für Schule. Die Leibniz Privatschule in Elmshorn und Kaltenkirchen“, Leibniz Blätter Verlag, 2021.  Es kostet 19,95 Euro.

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Grüne Bildungspolitik: Thema verfehlt

Veröffentlicht als Gastbeitrag auf CICERO-online am 2. Februar 2021

Das neue Grundsatzprogramm der Grünen versteht Bildungspolitik primär als Sozialpolitik. Den Anforderungen unserer Wissens- und Leistungsgesellschaft wird es   nicht einmal ansatzweise gerecht.

Wörter sind verräterisch, weil sie die Geisteshaltung der Autoren enthüllen. Im Bildungskapitel des neuen Grundsatzprogramms der Grünen findet sich zehn Mal das Wort „sozial“, ergänzt durch „ungleich“, „benachteiligt“ und „prekär“. Man glaubt, ein Dokument des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zu lesen. Folgerichtig wird dann auch – in einem Bildungsprogramm! – eine „höhere Besteuerung von Vermögen und Erbschaften“ gefordert. Die Grünen versuchen gar nicht erst zu verbergen, was sie in der Bildungspolitik antreibt. Sie schreiben: „Bildungspolitik und Sozialpolitik gehören zusammen“.   Die sozialpolitische Dominanz sieht man auch daran, dass es im Bildungskapitel ständig um Finanzen geht. Es trägt die Überschrift „In Bildung investieren“, wo man doch eigentlich erwartet hätte: Die beste Bildung für unsere Kinder!  Der innerdeutsche Leistungsvergleich zeigt deutlich, dass höhere Bildungsausgaben keineswegs bessere Schulleistungen verbürgen. Das Siegerland Sachsen gibt im Jahr pro Schüler 7.400 Euro aus; das Schlusslicht Berlin 9.700 Euro. Nicht Geld entscheidet über Bildungserfolge, sondern das pädagogische Konzept und seine praktische Umsetzung.

Vom Schulprogramm einer Partei erwartet man, dass es auf die evidenten Schwächen unseres Schulsystems Bezug nimmt und stimmige Lösungen anbietet. Ein ins Auge springender Mangel ist die hohe Quote an Schülern, die jährlich die Schule ohne Abschluss verlassen. Laut „Bildungsmonitor“ des Instituts der Deutschen Wirtschaft von 2020 ist dieQuote der Schulversager in Deutschland seit 2013 von 5,2 Prozent auf 6,8 Prozent gestiegen.  Jedes Jahr werden 54.000 Schüler – das entspricht der Einwohnerschaft von Wetzlar – in eine ungewisse Zukunft entlassen.    Wenn sie einen Lehrberuf beginnen, scheitern sie häufig an den Ansprüchen der Berufsschule.  Oft   landen sie   in Billigjobs, im Hartz IV-System, nicht selten auch in der Delinquenz. Was sagt das grüne Schulprogramm zu diesem alarmierenden Befund? Es fordert lapidar: „Kein Bildungsschritt soll ohne Abschluss bleiben.“ – Nach pädagogischen Rezepten, wie das gelingen kann, sucht man vergebens.  

In Deutschland ist die Schülerschaft insgesamt in ihren Leistungen zurückgefallen. Lagen deutsche Schüler beim PISA-Test 2015 in Mathematik noch 16 Punkte über dem OECD-Durchschnitt, sind es 2019 nur noch 11 Punkte.  Dieser Trend nach unten wird durch die Zahlen des IQB-Bildungstrends 2018 betätigt. Demnach sind die Leistungen von Neuntklässlern in den Fächern Mathematik und in den MINT-Fächern Biologie, Physik und Chemie im Vergleich zu 2012 signifikant schlechter geworden. Alarmierend ist die Zahl der Schüler, die in einigen Bundesländern unter den Mindeststandards für den Mittleren Schulabschluss bleiben. In Schleswig-Holstein sind es 28,5 Prozent, in Hamburg 28,8, im Saarland 31,2, in Berlin 33,9 und – absoluter Negativrekord – in Bremen 40,6 Prozent. Nur Sachsen und Bayern schaffen es durchgängig, bei ihren Schülern die Regel- und Mindeststandards zu sichern.

Wenn Schüler im Unterricht zu wenig lernen, liegt es häufig daran, dass sie die Lehrkraft mit ihren didaktischen Angeboten nicht erreicht.  In unseren Klassenzimmern werden heute viele „moderne“ Lernmethoden angewandt, mit denen die „kognitive Aktivierung“ der Schüler, die der Bildungsforscher Olaf Köller für wesentlich hält, nicht optimal gelingt. Die Schüler sind im Klassenzimmer aktiv, greifen sich am „Lernbüffet“ Material ab und kommunizieren mit ihren Klassenkameraden im „Karussell-Gespräch“. Was dabei an Lernfortschritt und Wissenszuwachs herauskommt, ist in den meisten Fällen dürftig. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die didaktische Mode des „selbstregulierten Lernens“ die Mehrzahl unserer Schüler überfordert. Nach meiner Erfahrung als Lehrer für Deutsch und Geschichte können nur leistungsstarke Schüler mit „offenen“ Unterrichtsformen wie dem „individuellen Lernen“ gewinnbringend umgehen. Das Münchener Ifo-Institut hat in einer Studie herausgefunden, dass ein Lehrer bei seinen Schülern einen Wissenszuwachs von ein bis zwei Monaten erzielen könnte, wenn er zehn Prozent mehr Zeit auf frontales Unterrichten verwendete (Guido Schwerdt, 2103) Der Lüneburger Erziehungswissenschaftler Martin Wellenreuther plädiert aus demselben Grund dafür, in stark heterogenen Lerngruppen das „entdeckende Lernen“ zugunsten der „direkten Instruktion“ der Lehrkraft und des von ihr gelenkten Unterrichtsgesprächs zu reduzieren. Er verweist dabei auf Erkenntnisse der Kognitionsforschung. Demnach erzeugt der offene Unterricht im Gehirn nicht die kognitiven Strukturen, an die die Schüler neu erworbenes Wissen andocken können. Da in den Bundesländern mit schlechten Schülerleistungen überwiegend in integrativen Schulformen gelernt wird, deren Klassen eine starke Heterogenität aufweisen, ist nicht von der Hand zu weisen, dass die dort praktizierten Varianten der Binnendifferenzierung einem effektiven Lernfortschritt im Wege stehen. Im   Unterricht an einer Berliner Gesamtschule lernte ich, dass vor allem die schwächeren Schüler auf die helfende Hand der Lehrkraft angewiesen sind. Notfalls muss man ihnen einen Sachverhalt mehrfach erklären. Solche Hilfestellungen sind bei einer Lernform, die den Lehrer zum Lernbegleiter herabstuft, nicht vorgesehen. Was sagt das grüne Schulprogramm zur Problematik der geringen Wirksamkeit von Unterricht?  Auf fünf Programmseiten findet sich zum Unterricht nur ein lapidarer Satz: Der „Unterricht [ist] so [zu] gestalten, dass er den natürlichen Wissensdurst, die Neugier und die Spielfreude junger Menschen fördert.“ Ob das die Botschaft ist, auf die 800.000 Lehrer in Deutschland gewartet haben? Sollte man vom Schulprogramm einer Partei, die sich anschickt, Regierungspartei zu werden, nicht erwarten dürfen, dass es wenigstens in Ansätzen den Stand des wissenschaftlichen Diskurses reflektiert?

Wenn ein Schulkonzept der „sozialen Gerechtigkeit“ verpflichtet ist, geraten die Akteure gerne in Versuchung, bei der Vergabe von Schulabschlüssen großzügig zu verfahren. In Berlin ist an den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen die Zahl der Schüler deutlich gestiegen, die den Übergang auf die gymnasiale Oberstufe schaffen. Dabei weisen sie, wie Olaf Köller in einem Interview im „Tagesspiegel“ enthüllte, ein niedrigeres Leistungsniveau auf als die vorigen Jahrgänge.   Die Berliner Abiturienten erzielten im Corona-Abitur 2020 mit 2,3 einen besseren Notendurchschnitt als die Prüflinge des Vorjahrs, obwohl in den Wochen vor der Prüfung   der Präsenzunterricht ausgefallen war. Auch die Quote der Abiturienten mit der Idealnote 1,0 ist binnen Jahresfrist von 2,1 auf 2,5 Prozent gestiegen. Wunderbare Intelligenzvermehrung in Corona-Zeiten?  Es liegt nahe, dass in einem schulischen Klima, in dem ständig das „Soziale“ eingefordert wird, bei Leistungsschwächen der Schüler großzügig verfahren wird. Man tut es ja für einen guten Zweck. Vor diesem Hintergrund versteht man die hohe Zahl an Studienabbrechern, die seit Jahren ca.  30 Prozent beträgt. Wie das Bundesbildungsministerium ermittelt   hat, liegen die wichtigsten Ursachen in zu hohen Leistungsanforderungen (30 Prozent) und mangelnder wissenschaftlicher Motivation (17 Prozent). Wäre es nicht die wichtigste Aufgabe des Gymnasiums, seine Absolventen auf die Anforderungen des Studiums vorzubereiten?

Insgesamt liest sich das grüne Schulprogramm wie ein provinzielles Kiez-Manifest. Die Wissenskonkurrenz, in der unser Land und die EU in der Welt stehen, wird völlig ausgeblendet.   Die PISA-Studie von 2019 hat gezeigt, dass sich unter den zehn besten Ländern sieben aus Asien befinden.  Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Innovationsstandort Deutschland verliert unser Land bei den wichtigen Zukunftstechnologien zunehmend an Bedeutung. Gehörte Deutschland 2010 noch in 47 dieser 58 Technologien zu den drei Nationen mit den meisten Weltklassepatenten, so hat sich dieser Anteil 2019 auf 22 Technologien mehr als halbiert. Deutschland vernachlässigt offensichtlich die Förderung seiner intellektuellen Talente. Zwei Prozent unserer Schüler gelten als hochbegabt, weil sie einen Intelligenzquotienten von über 130 besitzen.  Bei einer Gesamtschülerzahl von 10,9 Millionen sind das 218.000 Schüler.  Dies entspricht der Einwohnerzahl der Stadt Mainz. Diese Schüler im Unterricht nicht ausreichend zu fördern, verstößt nicht nur gegen das Gebot der Humanität.  Es ist auch töricht, weil es diese jungen Menschen sind, die später die kreativen Geschäftsmodelle generieren, die unseren Wohlstand mehren. Statt noch mehr Sozialpolitik in der Schule benötigen wir eine intellektuelle Bildungsreform, die die schulischen Leistungen aller Schülergruppen verbessert. Maßstab für Unterrichtsqualität sollten die anspruchsvollen Bildungsstandards sein, die die KMK schon vor Jahren für alle Fächer beschlossen hat. Sie müssen nur konsequent durchgesetzt werden.

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Verirrungen der Gendersprache

Bei Umfragen geben über 70 Prozent der Bevölkerung zu erkennen, dass sie die Gendersprache ablehnen. Was macht der Tagesspiegel? Er möchte sie künftig in seinen Artikeln unterbringen. Wenigstens kann man im gedruckten Text die Zungenbrecher nicht hören, die Claus Kleber und Petra Gerster vom ZDF veranstalten, um die Schnittstelle zwischen  Stamm- und Endsilbe („Klimaaktivist – hicks – innen“) zu verdeutlichen.  Die Versuche, die andere Zeitungen beim Gendern unternommen haben, sind wenig verheißungsvoll.  Oft wird die weibliche Form nur benutzt, wenn das Wort in der öffentlichen Wahrnehmung positiv konnotiert ist: Klimaaktivist*in, Virolog*in, Krankenpfleger*in. Bei   Attentäter und Straftäter werden gerne männliche Formen verwendet. Wer beim Gendern nach dem Gehalt der Substantive selektiert, führt die Intention der Gendersprache ad absurdum. Diese dient feministischen Linguistinnen ja dazu, das (grammatisch korrekte) generische Maskulinum durch das (neu erfundene) generische Femininum zu ersetzen. Wenn man bei anstößigen Wörtern wie Kinderschänder oder Serientäter doch auf die maskuline Form zurückgreift, gibt man zu erkennen, dass es gar nicht um eine frauenfreundliche Grammatik geht, sondern um die Bewusstseinslenkung der Bevölkerung: Frauen sind die Guten, Männer die Bösen.

Als Germanist widerstrebt mir das Gendern unserer Sprache grundsätzlich. Diesem Konzept liegt der Irrtum zugrunde, in der Form der Substantive bilde sich das Geschlecht derer ab, die sie benennen. Simple Beispiele können dies widerlegen. Die Führungskraft ist grammatisch weiblich, und zwar auch dann, wenn es sich um einen Mann handelt. Der Mond ist in Deutschland männlich, in Italien weiblich. Gibt es im Kosmos zwei Monde? Bei der Sonne ist es umgekehrt. Das generische Geschlecht geht eigene Wege, die mit dem realen Geschlecht (Sexus) nichts zu tun haben. Im Russischen heißt der Mann „muzhchina“, hat also eine weibliche (!) Endung. Wie müsste hier gegendert werden? 
Der Schriftsteller Eugen Ruge, der als DDR-Bürger die Sprachregelungen der SED über sich ergehen lassen musste, hat in einem ZEIT-Beitrag die Absurditäten der Gendersprache trefflich beschrieben: „Dass der Läufer grammatisch männlich ist, kommt nicht daher, dass Frauen im Patriarchat nicht laufen durften, sondern weil Substantive, die auf -er gebildet werden, fast immer männlich sind.  Die Leiche ist nicht weiblich, weil nur Frauen sterben, sondern weil Substantive auf -e in der Regel weiblich sind.“ Ergo: Das biologische Geschlecht hat mit dem grammatischen Geschlecht nichts zu tun. 

Vollends absurd wird es, wenn Gattungsbezeichnungen durch das Partizip I ersetzt werden. Ein Student ist jemand, der an der Hochschule eingeschrieben ist und einen akademischen Abschluss anstrebt. Ein Studierender ist jemand (Frau oder Mann), der gerade am Schreibtisch sitzt und einen Essay über das Verschwinden der Schmetterlinge schreibt. Wenn der Student mit seinen Freunden in der Kneipe zecht, bleibt er ein Student. Ein Studierender in der Kneipe ist absurd, es sei denn er studiert beim Trinken die Qualität der Biersorten. Auf die Spitze des Unsinns trieb es die grüne Umwelt- und Verkehrsministerin von Berlin, Regine Günther. Im Dezember 2020 meldete ihre Behörde, dass es im Jahr 2020 insgesamt 17 „tote Radfahrende“ gegeben habe. Man traut den Grünen ja allerhand zu. Dass sie aber die Auferstehung von den Toten zustande bringen und tote Radfahrer wieder „fahrend“ machen, übersteigt dann doch alle Erwartungen.

Wie man sieht, kennt die Fantasie beim Gendern keine Grenzen. Man kann dem Tagesspiegel nur wünschen, dass er im Genderrausch nicht zum Witzblatt mutiert.

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Griechisch für den Tischler

Vortrag im Rahmen des Humboldt-Gedenkens  am 16. März 2017, Humboldt-Gymnasium Berlin-Tegel

 Das Bildungskonzept Wilhelm von Humboldts 

 

„Bienen haben Vorfahrt“

Im Jahre 1989 kam ich als Lehrer  an das  reformpädagogisch geprägte Internatsgymnasium Schulfarm Scharfenberg.  Schon in der vierten  Woche hatte ich eine überraschende Begegnung mit dem ganzheitlichen Bildungskonzept der Schule. Für einen erkrankten Kollegen hatte ich eine Klausur zu beaufsichtigen. Mitten in der Stunde schrillte ein hohe Klingel. Drei Schüler sprangen auf und verließen fluchtartig den Raum. Ich fragte die anderen Schüler, was hier los sei. Eine Schülerin klärte mich auf: Dies sei die Imker-Klingel gewesen. Bestimmt sei ein Bienenvolk ausgeschwärmt und müsse jetzt von den Schülern der Imkerei wieder  eingefangen werden. Nach der Klausur fragte ich etwas indigniert den Schulleiter, ob das rechtens  sei, dass die Schüler mitten in der Klausur den Raum verlassen – wegen der Bienen. Er meinte schmunzelnd: „Lieber Kollege, an eines müssen Sie sich gewöhnen. An unserer Schule haben die Bienen Vorfahrt.“ – Dieser Vorfall war für mich eine Art von  Paulus-Erlebnis in Bezug auf die Reformpädagogik. Ich lernte das Engagement der Schüler außerhalb des  Unterrichts schätzen, weil ich sah, mit welcher Begeisterung und Verantwortung sie ihre Aufgaben in den Werkstätten, die wir altertümelnd „Innungen“ nannten,  wahrnahmen und wie sie dabei  in ihrer Persönlichkeit reiften. Weiterlesen

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Hamburgs Stadtteilschule: Note „mangelhaft“

Die Ergebnisse der bundesweit durchgeführten Tests zur Überprüfung schulischer Kompetenzen („Kermit“ 2016) sind für die 8-Klässler an Hamburgs „Stadtteilschulen“ (so heißen dort die Sekundarschulen) verheerend ausgefallen. Beim „Leseverstehen“ erreichten 35% der Schüler nicht den geforderten Regelstandard. Von diesen Schülern  scheiterten 15% sogar am niedrigeren Mindeststandard. Im Bereich „Sprachgebrauch“ sieht es nicht besser aus. Hier verfehlten  43% der Schüler den  Regelstandard. Im Fach Mathematik gibt es einen  ähnlich  düsteren Befund:  77% der Schüler liegen  unterhalb des Mindeststandards. Beim „Englisch-Hörverstehen“ liegt  die Quote bei 48,5%.  Weiterlesen

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Durchgeknallte „Pädagogen“

Die Szenerie: Blockade einer Hauptverkehrsstraße, heftige Straßenschlachten der Blockierer mit der Polizei, angezündete Autos, Tränengasschwaden, Schusswechsel, sechs Tote, über 100 Verletzte, darunter 45 Polizisten, die Schusswunden erlitten hatten. So die Bilanz. Wer waren die Randalierer? Bergwerkarbeiter in Südafrika? Bauern in Argentinien? Nein! Es waren Lehrer, mexikanische Lehrer, die der radikalen Gewerkschaft CNTE angehören. Sie wollen eine Schulreform verhindern, die alle vernünftigen Beobachter und auch internationale Organisationen wie die OECD für dringend geboten halten. Weiterlesen

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Nachlässiger Umgang mit pädagogischen Fakten

Als Lehrer muss man immer wieder erleben, dass in der Presse in einer Weise über die Schule geschrieben wird, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen. So geschah es jüngst in der Titelstory des SPIEGEL (11/2016): „Die geteilte Nation“. Dort finden sich folgende Pauschalurteile über Lehrer und über unser Schulsystem: „Wer aus einem Hartz IV-oder einem Migrantenviertel stammt, hat bei den Lehrern oft schlechte Karten.“ / „…ein Bildungssektor, der Unterschichtskinder pauschal zu Verlierern stempelt.“

Als Lehrer mit langer Berufserfahrung bin ich verwundert darüber, wie wenig die Redakteure ihre Behauptungen durch Recherchen an den Schulen oder durch die Auswertung von Statistiken untermauert haben. Den Redakteuren des SPIEGEL genügt es anscheinend, wenn sie über die Schule schreiben, eine starke Meinung zu haben. Wenn man der Frage, wie Schulversagen entsteht, nachgeht, stößt man auf eine Fülle an Material. Man muss nur die Statistiken der Schulbehörden und auch der Kriminalpolizei (Schulversagen korreliert mit Delinquenz) einsehen, um die nötige Auskunft zu bekommen. Schulversagen beginnt in aller Regel mit Schulschwänzen. Es gibt Abgänger ohne Abschluss, die summa summarum ein ganzes Schuljahr geschwänzt haben. In allen Bundesländern gibt es, weil man um das Problem inzwischen weiß, ein Frühwarnsystem und eine Meldepflicht an unterschiedliche Behörden. In Berlin gibt es sogar eine spezielle Polizeieinheit, die morgens um 10 Uhr durch die Einkaufszentren streift, um Schulschwänzer einzufangen und in die Schulen zu bringen. Trotzdem konnte das Schwänzen nicht nennenswert eingedämmt werden. Wenn Bußgelder verhängt werden, weigern sich die Familien, es zu zahlen. Bei Hartz-IV-Familien wird es von der Arbeitsagentur übernommen. Dann zahlt eine staatliche Behörde das Bußgeld, das eine andere Behörde gegen eine Familie verhängt hat. Absurder geht´s nimmer. Am Schwänzen hat all dies wenig geändert. Weiterlesen

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Klassenziel nicht erreicht – Wie in der Hauptstadt eine Schulreform missrät

Vor vier Jahren gründete die von der SPD geführte Schulverwaltung zwei neue Schulformen. Haupt- und Realschulen wurden zur Integrierten Sekundarschule zusammengelegt, die Gemeinschaftsschule wurde als Einheitsschule neu gegründet. Zwei Ziele sollten mit dieser Reform erreicht werden. Die ungeliebte Hauptschule, die als Restschule gebrandmarkt war, sollte abgeschafft werden. Die beiden neuen Schulen sollten das sozialpolitische Postulat der Gerechtigkeit – keine Selektion der Schüler mehr nach Begabungen – verwirklichen. Die Sekundarschule besuchen Schüler, die nach der Grundschule den Sprung aufs Gymnasium nicht schaffen. Auf die Gemeinschaftsschule gehen Schüler aller Begabungen, also vom Hauptschüler bis zum Gymnasiasten. Eltern begabter Kinder wählen manchmal aus sozialen Gründen für ihr Kind die Gemeinschaftsschule. Trotz seiner guten Geistesgaben soll es sich nicht von den „normalen“ Kindern separieren.

In der Gründungsphase dieser beiden Schulformen wurden Proteste von Betroffenen (vor allem aus den Realschulen) ignoriert und ihre Bedenken, die neuen Schulformen würden zu einer Verschlechterungen der Leistungen führen, als Schwarzmalerei abgetan. Vertreter des Schulamtes verstiegen sich zu der optimistischen Prognose, die Hauptschüler würden sich, wenn sie erst einmal aus ihren Ghetto-Schulen befreit seien, dem Verhalten und dem Leistungswillen der Realschüler anpassen – zum Nutzen aller. Weiterlesen

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