Schlagwort-Archive: Gemeinschaftsschule

Pädagogische Gretchenfrage

Der bildungspolitische Streit zwischen dem rot-grünen und dem konservativen Lager macht sich vor allem an der Frage fest, wie man mit der Heterogenität der Schülerschaft umgehen soll. Selten wird in der Diskussion auf die Erfahrung der Lehrer zurückgegriffen. Dabei könnten  sie am besten über wirkungsvolle Unterrichtskonzepte Auskunft geben. Dies ist ein Plädoyer für  pädagogische  Vernunft.

Wer als Lehrer schon einmal in einer heterogen zusammengesetzten Klasse – etwa in einer Gesamtschule – unterrichtet hat, dem wird folgende Situation vertraut vorkommen. Die Lehrkraft erläutert im Geschichtsunterricht der 8.  Klasse die Gewaltenteilung, die in der Französischen Revolution das  absolute Herrschaftssystem der Könige zerbrochen hat. Schnell wird deutlich werden, dass die leistungsstarken Schüler das Prinzip der Trennung der staatlichen Gewalten im Nu  verstehen, während es den leistungsschwachen Schülern, denen abstraktes Denken oft nicht gegeben ist, schwer fällt, den Sinn dieser demokratischen Herrschaftsform zu begreifen. Der Lehrer  wird den Umweg über ein lebensnahes Beispiel – etwa aus dem schulischen Leben – nehmen müssen, um Gewaltenteilung auch für die Schüler mit geringem Abstraktionsvermögen sinnlich erfahrbar  und dadurch begreiflich  zu machen. Mit den guten Schülern hätte er  schon längst im Stoff voranschreiten und noch weit schwierigere Sachverhalte diskutieren können. Die meisten Lehrer  werden jedoch, dem  sozialen Anspruch der Gesellschaft und ihrem eigenen pädagogischen Gewissen gehorchend, so lange auf die Verständnisschwierigkeiten der leistungsschwachen Schüler eingehen, bis sie das Gefühl haben, dass sie das Geforderte annähernd verstanden haben. In der Regel bleiben während dieser „Förderphase“ die guten Schüler ohne Aufgabe, im besten Fall wird ihnen  die Lehrkraft raten, im Geschichtsbuch schon einmal das nächste Kapitel zu lesen. Eine nachhaltige Förderung der leistungsstarken Schüler kann man das nicht nennen. Weiterlesen

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Tropfende Dächer sind schuld

Die SPD will im Bundestagswahlkampf auch mit der Bildung punkten. In Anzeigen, die in Magazinen wie SPIEGEL oder „Stern“ platziert wurden, kann man lesen: „Wenn es in den Schulen ins Dach reinregnet oder die Kinder nicht zur Toilette gehen können, brauchen Sie…Handwerker.“ Gleichzeitig wurde bekannt, dass im rot-grün regierten Hamburg 5,1 Prozent der Abiturienten (das sind 500 Schüler) das Abitur nicht geschafft haben. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Anstieg um 0,4 Prozentpunkte. Hinzu kommt, dass schon im Vorfeld 7,9 Prozent der Schüler von allein aufgegeben hatten oder wegen schlechter Vorzensuren nicht zum Abitur zugelassen worden waren. Die schlechten Abiturleistungen erklären sich damit, dass zum ersten Mal Aufgaben aus dem bundesweiten Abituraufgaben-Pool verwendet wurden, mit  denen Hamburgs Abiturienten offensichtlich überfordert waren. Im Umkehrschluss kann man schlussfolgern, dass das Abitur in Hamburg  im Vergleich der Bundesländer  in den letzten Jahren zu leicht war. Angesichts der Hamburger Abiturergebnisse müsste die  SPD eigentlich  ihren Slogan ändern: „Wenn fünf Prozent der Abiturienten das Abitur nicht bestehen, muss dringend die Didaktik des Unterrichts  geändert werden.“ Eine solche Forderung wird man wohl vergeblich lesen. Für die SPD, die in den 1960er Jahren die Partei der bildungspolitischen Innovation schlechthin war, hat Bildung nur noch mit „mehr Geld“ zu tun. Was in den Klassenzimmern passiert, die schön saniert worden sind, interessiert sie weniger. Dabei gäbe es dafür Anlass genug. Weiterlesen

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Zeit für das Leistungsprinzip

Alle politischen Beobachter sind sich darüber einig, dass die  SPD-geführten Landesregierungen von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen auch deshalb abgewählt wurden, weil ihre  Schulpolitik gravierende Mängel aufweist, die den Eltern nicht verborgen bleiben konnten. Ich spreche hier nicht von den Dauerbaustellen „G8 oder G9?“  oder „Inklusion“, die vor allem in NRW negativ zu Buche schlugen, weil sich die grüne Bildungsministerin Sylvia Löhrmann nicht sehr professionell anstellte. Wenn ich von Defiziten spreche, meine ich die grundsätzliche Ausrichtung der Schulpolitik auf das  ewige  SPD-Ziel  „Mehr Gerechtigkeit“. Wenn man dieses Prinzip in der Schule nämlich überstrapaziert, muss es zwangsläufig mit einem anderen Prinzip kollidieren: mit der Leistungsfähigkeit der Schule, also  mit den schulischen Leistungen der Schüler und mit der Qualität der Abschlüsse, die sie erreichen. Weiterlesen

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Von Schulschwänzern, Helikopter-Eltern, Bildungsbürgern und Geschäftemachern

Der Leser wird sich fragen, was diese vier Begriffe miteinander zu tun haben. Eigentlich wenig. Einem Kommentator im Kulturradio im RBB ist es allerdings gelungen, die vier Vokabeln zusammenzurühren. Er heißt André Bochow und ist den Radiohörern in Berlin vor allem durch seinen  Satirischen Wochenrückblick bekannt, der am Sonnabend gesendet wird. Schon in diesen satirischen drei Minuten zeigt sich des Kommentators  starke linke Schlagseite, umso mehr in seinen Einlassungen in Kommentaren in voller  Länge.

Beim Kommentar vom 04. 01. 2017 ging es um die Frage, warum Berlins Schulen den bundesweiten Rekord an Schulschwänzern aufweisen. Im letzten Schulhalbjahr 2015/2016 haben in den Klassen 7 bis 10 mehr als 2.000 Schüler über vier Wochen, manche oder sogar über acht Wochen lang,  unentschuldigt gefehlt, weitere 2.300 Schüler schwänzten den Unterricht zwei bis vier Wochen. Rechnet man die Schwänzer in der Grundschule, die in dieser Statistik nicht erfasst sind, hinzu, kommt man auf eine riesige Zahl an Schulschwänzern an Berlins Schulen. Die Folgen sind bekannt: Die Schüler verlieren den Anschluss an den vermittelten Stoff, schreiben schlechte Klassenarbeiten, verlieren die Lust an der Schule  ganz  und bekommen zum Schluss keinen Schulabschluss. Weiterlesen

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Rote Laterne für Berlin

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bildungswelten, 17. 11. 2016

Rote Laterne für Berlin

von Rainer Werner

Lernbüros, Stationenlernen, Freiarbeit und offener Unterricht gelten als schülerfreundliche Methoden – auf ihre Wirksamkeit überprüft wurden sie aber nie. Berlin praktiziert sie dennoch weiter und muss bei Leistungsvergleichen eine Niederlage nach der anderen einstecken.

Seit Jahren belegt das Land Berlin im bundesweiten Schulvergleich den letzten oder vorletzten Platz. In diesem Jahr haben gleich zwei Studien diese trostlose  Platzierung   am Ende der Länderskala bestätigt: die Studien des „Instituts der Deutschen Wirtschaft“  und des „Instituts für Qualitätsentwicklung im  Bildungswesen“. Das Deprimierende dieser Befunde liegt darin, dass eine Besserung der Schulqualität nicht in Sicht  ist. Teilweise haben sich die schulischen Leistungen sogar  verschlechtert, wie die Erhöhung der Zahl der Schüler ohne   Schulabschluss von 9%  (2014) auf 11%  (2015) zeigt.

Die neue Legislaturperiode des Berliner Abgeordnetenhauses und des Senats von Berlin bietet die Gelegenheit, endlich die Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um aus dem „Tal der Tränen“ herauszukommen. Dabei sollte der neue Senat das beherzigen, was der pädagogische Sachverstand für die Qualitätssteigerung  einer Schule als besonders wirksam herausgefunden hat. In der Medizin gilt  es als  selbstverständlich, dass  nur Therapien und Medikamente zur Anwendung kommen, deren Wirksamkeit eindeutig erwiesen ist. In der Pädagogik kann man oft den Eindruck gewinnen, dass das   politisch Wünschenswerte an die Stelle dessen tritt, was wirklich Qualität verspricht.  Weiterlesen

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Bessere Bildung durch mehr Geld?

Über die Sozialdemokratie gibt es das Bonmot, wonach sie für jedes gesellschaftliche Wehweh ein passendes Pflaster parat hält: ein Geldgeschenk. Für eine Partei der Solidarität, die eigentlich ein kritisches Verhältnis zum Geld haben sollte, ist das zumindest eine merkwürdige Haltung. Als wollte die SPD das Vorurteil bestätigen, ihr gehe es nur ums Geld, wurde jüngst publik, dass sie folgende Forderungen ins „Wahlprogramm 2017“ schreiben wolle: Beitragsfreiheit für alle Kitas, neun Milliarden Euro für die Sanierung der Schulen, hohe Finanzmittel für die flächendeckende Einrichtung von Ganztagsschulen und hohe Beträge für die „digitale Aufrüstung“ der Schulen. Eine bessere Bildung durch höhere finanzielle Aufwendungen erzwingen zu wollen, ist gut gemeint, geht aber an der Problematik unseres Schulsystems vorbei. Weiterlesen

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Verteidigung der Gesamtschule

Das deutsche Erbrecht kennt die Regelung, dass man ein  Erbe   ausschlagen kann. Dies ist  vor allem dann ratsam, wenn man von dem Verstorbenen Schulden erbt, die man mit dem eigenen Vermögen nicht begleichen kann. In der Politik kommt es selten vor, dass man das politische oder moralische Erbe negiert, das von einem früheren Heros der Partei überkommen ist. So sonnt sich die  CDU  heute noch im Glanze  Konrad Adenauers. In der SPD ist Willy Brandt fast zur Heiligenfigur aufgestiegen. Mit der Sachpolitik früherer Parteiführer geht man schon etwas vorsichtiger um. Manches Erbteil wird auch schlicht verweigert.  So distanzieren sich heute große Teile der  SPD  von der Agenda 2010 von Gerhard Schröder, obwohl diese Reform die Grundlage für unser heutiges Wirtschaftswachstum gelegt und den Sozialstaat vor dem Kollaps bewahrt hat. Schändlich geht die SPD heute mit einer Schulform um, die sie einst erfunden hat und die auf eine lange, ehrwürdige Geschichte zurückblicken kann: die Gesamtschule. Weiterlesen

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