Rote Laterne auf ewig?

Berlin entwickelt sich  zum Italien der Schulpolitik, wenn es sich weiterhin weigert, von den erfolgreichen Bundesländern zu lernen. Einschneidende  Reformen sind unumgänglich.

In der  Bildungspolitik hat es noch nie geschadet, wenn der dafür verantwortliche Minister oder Senator vom Fach ist. Die Komplexität des  Kosmos Schule   kann nur jemand voll verstehen, der in der Schule als Lehrkraft oder – besser noch –  als Schulleiter gewirkt hat. Fehlt einem Verantwortlichen diese profunde Kenntnis, neigt er gerne dazu, sich an ideologischen Vorgaben seiner Partei  festzuhalten, die ihm Sicherheit versprechen. Pragmatische Problemlösungen  sind dann kaum zu erwarten.  Dass die Berliner Schule im Leistungsvergleich der Bundesländer  seit Jahren den letzten Platz belegt, hat auch etwas mit dem beruflichen Hintergrund der Schulsenatoren zu tun. In den letzten 40 Jahren  waren  nur zwei Bildungssenatoren  Lehrer:  Hanna-Renate Laurien (CDU) und Sybille Volkholz (Grüne). Alle  anderen hatten eine andere Profession. Es gab  Juristen (Klemann), Politologen (Böger), Chemiker (Zöllner) und  Sozialpädagoginnen (Stahmer, Scheeres). Wenn in einem  Krankenhaus eine bahnbrechende  neue Operationstechnik entwickelt wird, werden alle Krankenhäuser bemüht sein, die Erfindung zum Wohl der Patienten baldmöglichst einzuführen. Bei der  Berliner Bildungsbehörde muss man  hingegen den Eindruck gewinnen, dass sie es partout vermeidet, von den erfolgreichen Bundesländern zu lernen. Lieber will man  die Rote Laterne behalten,  als  sich einzugestehen, dass man jahrelang   falsche Konzepte verfolgt hat.

Wo liegen die Fehler der Berliner Schulpolitik? Sie beginnen schon in der Kita. Da  die Beherrschung der deutschen Sprache über den späteren Schulerfolg entscheidet, sollte kein Kind   mit mangelnden Sprachkenntnissen eingeschult werden. In Berlin geschieht das aber ziemlich häufig.  Für Kinder mit  Sprachdefiziten gibt es zwar  eine 18-monatige Kita-Pflicht, sie wird aber von den Behörden   nicht konsequent durchgesetzt.  Wenn Eltern ihre Kinder nicht zur  Sprachstanderhebung schicken, die über die Kita-Pflicht entscheidet, gehen genau  die Kinder durch die Lappen, die die Sprachförderung  am  dringendsten benötigen. Ohne konsequentes Verwaltungshandeln wird es  hier keinen Fortschritt geben.

Dass in Berlin die  Grundschule sechs  Jahre dauert, ist vor allem für die schnellen Lerner ein großer Nachteil.  Die extreme Heterogenität der Lerngruppen bringt es mit sich, dass die Schüler, denen das Lernen leicht fällt,  nicht das „geistige Futter“ bekommen, das ihrer Intelligenz angemessen wäre. Vergleiche mit Schülern, die nach der vierten Klasse auf eines der wenigen grundständigen Gymnasien wechseln konnten, zeigen, dass die Schüler der  Grundschulklassen 5 und 6 in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch  in ihrem Wissensstand bis zu einem vollen Schuljahr zurückliegen. Dass sich der Berliner Senat trotz vielfacher Elternwünsche strikt weigert, weitere Gymnasien ab Klasse fünf zuzulassen, hat rein ideologische Gründe. Die „Selektion“ soll nicht zu früh einsetzen, weil sie der Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit widerspricht, die den drei Parteien des Senats  wichtiger ist als pädagogische Plausibilität. Beim Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule setzt sich dieser Fehler fort. Anstatt die Auswahl der Schüler, die das Gymnasium besuchen dürfen, vom Urteil der Lehrkräfte der Grundschule abhängig zu machen, wird  den Eltern  die Wahl der Schulform überlassen. Bundesländer, die das Grundschulgutachten nicht völlig ausgemustert haben, besitzen deshalb  leistungsfähigere Gymnasien als Berlin. In  homogenen Klassen kann man, wie jede Lehrkraft weiß, eben leichter unterrichten, wovon die  Schüler profitieren. Hinzu kommt in Berlin noch eine fragwürdige Schüler-Lotterie, die dem Eignungsprinzip zuwiderläuft: Wenn bei einem  Gymnasium mehr Plätze nachgefragt werden, als es zur Verfügung hat, wird das Aufnahmeverfahren der Schule außer Kraft gesetzt und  ein Teil der  Schüler durch Losentscheid bestimmt. Auch dies führt zu einer heterogenen Zusammensetzung der Klassen, die der gymnasialen Leistungskultur nicht gut tut.

Das Bestreben der Berliner Schulverwaltung, alle Schüler über einen Kamm zu scheren, drückt sich in einer besonderen Absurdität aus: Am Gymnasium müssen auch die Schüler die Prüfung zum Mittleren Schulabschluss (MSA) absolvieren, die in die  gymnasiale Oberstufe übertreten wollen, um das Abitur abzulegen. Warum zwingt man  sie in eine Prüfung, die 98 Prozent der Schüler bestehen? Anscheinend soll damit  bewiesen werden, dass die Gymnasiasten gegenüber den Sekundarschülern nicht bevorzugt werden.  Viel sinnvoller wäre es, wenn die Gymnasien in der zweiten Hälfte der 10. Jahrgangsstufe ein Intensivprogramm für das Erlernen der Arbeitsmethoden der gymnasialen Oberstufe durchführten. Nach der Verkürzung der Gymnasialzeit auf 8 Schuljahre (in Berlin sind es 6) fehlt nämlich die „Einführungsphase“, die genau diese Vorbereitungsarbeit geleistet hat.

An den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen ist das größte Problem der fragwürdige   Umgang mit der großen Heterogenität der Schülerschaft. Das Berliner Schulgesetz schreibt vor, dass der leistungsdifferenzierte Unterricht  in Mathematik und Englisch ab Klasse 7 beginnen muss. In  Deutsch dürfen  sich die Schulen  bis Klasse  9 Zeit lassen. Problematisch ist, dass das Gesetz den  Schulen  freie Hand lässt, die Differenzierungsmethode  selbst  zu bestimmen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Kollegien, denen die soziale Gerechtigkeit am Herzen liegt, die Binnendifferenzierung bevorzugen werden. Sie gehört aber zu den schwierigsten Handwerkstechniken einer Lehrkraft. Es ist äußerst anspruchsvoll, alle Stoffe in drei Anspruchsniveaus aufzubereiten und sie dann in Form von  Gruppenarbeit erarbeiten zu lassen. Nach meiner Erfahrung meiden  viele Lehrkräfte diesen zeitlichen Aufwand und unterrichten lieber im Unterrichtsgespräch, was in heterogenen Lerngruppen nur von den guten Schülern bestritten wird. Schwache Schüler lernen  nur dann erfolgreich, wenn sie von der Lehrkraft Schritt für Schritt unterwiesen werden und wenn sie genügend Zeit zum Üben bekommen. Manchmal muss man ihnen einen Sachverhalt dreimal erklären, was wegen der starken Inanspruchnahme der Lehrkräfte in den heterogenen Klassen oft entfällt.  Viel besser wäre es, wenn den Sekundarschulen vorgeschrieben würde, die  Differenzierung in Form von  Fachleistungskursen vorzunehmen. Dieses Prinzip wird  an den Gesamtschulen bis heute erfolgreich angewendet. Wenn die schwachen Schüler in kleinen  homogenen Gruppen unterrichtet werden, erzielen sie deutlich bessere Leistungen, als wenn sie in der ganzen Klasse ständig mit den geistigen Überfliegern zusammen sind, deren Geistesblitze sie als demütigend erleben. Es ist fatal, dass die Gesamtschule, die zu den erfolgreichsten sozialdemokratischen Erfindungen im Bildungssektor gehört,   inzwischen auch unter Selektionsverdacht gestellt wird.

Sachsen hat gute Erfahrungen damit gemacht, das Abitur nur am Gymnasium ablegen zu lassen. Die Oberschule, die der Berliner Sekundarschule entspricht, bietet nur Bildungsgänge an, die zum Haupt- und Realschulabschluss führen. Deshalb kann sich diese Schule ganz auf die  Schüler konzentrieren, die praktisch, handwerklich oder technisch begabt sind. Durch Lehrpläne, die auf ihr Leistungsvermögen zugeschnitten sind, können sie optimal gefördert werden. In der hohen Zahl  bestandener MSA-Prüfungen zeigt sich der  Erfolg. Diese Konzentration auf das Wesentliche  führt auch  dazu, dass in Sachsen die Zahl der Schulabbrecher  um einen Prozentpunkt  niedriger ist als in Berlin (8  gegenüber  9 Prozent).

Die Berliner Schulinspektion ist eine segensreiche Einrichtung, hat sie doch manche Schule aus dem Dornröschenschlaf aufgeweckt, indem ihr nachgewiesen wurde, dass sie gegenüber der Konkurrenz signifikante  Defizite aufweist. Meist gelang es  der so  „verwarnten“ Schule schon nach kurzer Zeit, die Defizite zu beheben. Einen grundsätzlichen „Webfehler“ sollte die Schulinspektion allerdings  beheben. Sie sollte den Lehrkräften und Schulen  nicht länger die  Unterrichtsmethoden vorschreiben.  Besser wäre es,  alle Leistungsdaten zu bewerten:  die Qualität des Abiturs und des Mittleren Schulabschlusses, die Zahl der Schüler ohne Schulabschluss, das Abschneiden bei den Leistungstests PISA,  VERA, TIMMS, IGLU, IQB-Bildungstrend etc. Diese „harten“ Fakten geben echten Aufschluss über die Leistungsfähigkeit einer Schule und sind   für Eltern, die ihre Kinder einer Schule anvertrauen müssen, unverzichtbar.

Es ist nur schwer nachzuvollziehen, weshalb die Hauptstadt Berlin, die über drei  exzellente Universitäten verfügt, im Schulsystem  seit Jahren weit hinter den anderen  Bundesländern zurückbleibt. Das ganze System Schule gehört deshalb  auf den Prüfstand. Keine Reformüberlegung sollte dabei  tabu sein.

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Hochbegabte, Leistungsbereitschaft, Rolle des Lehrers, Stärkung des Gymnasiums, Unterrichtsqualität

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