Archiv der Kategorie: Verantwortung der Eltern

Es ist das Elternhaus, Dummerchen!

In der ZEIT vom 10. September 2020 ist  ein Artikel des „Bildungsexperten“   Anant Agarwala   zu lesen.   Darin  bedient er  ein gern gepflegtes Vorurteil: Wenn die Eltern  Ärztin  und  Rechtsanwalt   sind,  urteilt der Lehrer: „Na klar, diese Kinder müssen aufs Gymnasium“. Bei den Kindern einer Kassiererin  und eines Bandarbeiters   senkt die Lehrerin den Daumen: „Ab mit ihnen in die Hauptschule“. Wer einmal einen Fuß in einen Klassenraum gesetzt hat, weiß, wie absurd dieses Szenario  ist. Die Grundlagen  für eine erfolgreiche Schullaufbahn werden im Elternhaus gelegt. Auch für das Scheitern ist das Elternhaus verantwortlich. Bevor ein Kind in die Schule kommt, wurde es nämlich sechs Jahre lang zu Hause erzogen: zum Guten wie  zum Schlechten. Weiterlesen

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Schreiben an den Justizsenator von Berlin, Dr. Dirk Behrendt (Die Grünen)

Sehr geehrte Herr Senator,

ich beglückwünsche Sie zu dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zur Kopftuchproblematik in der Schule. Sie können zufrieden sein, weil   es  dieses Urteil  leichter macht, das fragwürdige  Berliner Neutralitätsgesetz auszuhebeln.  Die säkularen Kräfte, die krampfhaft an diesem Gesetz festhalten, verkennen, wie wichtig  Religion  in unserer Gesellschaft  geworden ist, seit die Christen nicht mehr unter sich sind. Die zahlreichen Muslime, die inzwischen in Deutschland leben, haben ein Recht darauf, dass sie ihre  Religion frei leben können, auch wenn es einigen atheistischen  Aktivisten, die mit Religion nie etwas am Hut hatten, missfällt.  Es schadet nichts, wenn das Kopftuch einer Lehrerin den Kindern vermittelt, dass Religiosität  genauso wichtig ist wie Bildung. Viele dieser Mädchen werden ohnehin früh  heiraten, weil es die familiäre Tradition  verlangt. Dafür ist eine gefestigte Bindung an die tradierte Religion wichtiger als der beste Schulabschluss. Dass  muslimische Eltern schulischen Erfolg  für ihre Mädchen nicht so wichtig finden, kann man  in Neukölln und Kreuzberg schon jetzt  täglich erleben. Immer mehr Imame stellen Atteste aus, die der Schulleitung anzeigen, dass das Mädchen der Familie Karimi ab jetzt ein Kopftuch trägt und das es ratsam sei, es  vom  Schwimmunterricht zu befreien. Dass diesen Mädchen Schulfeste und Klassenfahrten  verwehrt werden, kann man nur begrüßen,  weil dort die moralischen Gefährdungen am größten sind.  Das Kopftuchurteil wird schon bald  mehr muslimische Lehrerinnen in die Klassen der Berliner Schulen locken. Dann  wird es leichter sein, für die Rechte muslimischer Mädchen zu kämpfen und den Götzendienst, der  um die Bildung gemacht wird, in Frage zu stellen. Die Gegner  des Kopftuchs lassen nichts unversucht, muslimische Eltern ins Unrecht zu setzen. Sie behaupten, solche Eltern würden junge Mädchen schon im Alter   von 10 Jahren  unters Kopftuch zwingen, also  bevor sie überhaupt in der Pubertät sind. Dadurch würden ihre  Rechte als   Kinder verletzt. So ein Unsinn.  Mütter wissen am besten, wann bei  ihren Töchtern die Pubertät beginnt. Und früh mit den Traditionen der Familie und den Regeln der  Religion vertraut gemacht zu werden, kann den Mädchen nicht schaden. Das ist allemal besser, als sie den Gefährdungen unserer Großstädte auszusetzen, wo  Sex, Drogen und Alkohol  das Leben von Kindern und Jugendlichen gefährden. Dass minderjährige Mädchen noch nicht heiraten dürfen, ist ohnehin ein Vorurteil unserer eurozentrischen Rechtsauffassung. Auch hier wäre mehr Toleranz am Platze.

Sehr geehrter Herr Senator, Sie  sollten noch ein anderes Problem in den Blick nehmen und nach einer Lösung suchen. Immer mehr Väter aus arabischen Herkunftsländern stören sich daran, dass in den Berliner Schulen überwiegend Frauen unterrichten. Das ist für die Söhne dieser Familien ein echter Nachteil, weil  sie Frauen gegenüber nicht den Respekt aufbringen können, den sie für erfolgreiches Lernen benötigen. Wir sollten den Familien entgegen kommen und dann auf weibliche Lehrkräfte verzichten, wenn muslimische Eltern dies wünschen. Es ist ohnehin bedenklich, dass der Lehrerberuf inzwischen überwiegend ein Frauenberuf ist. Heranwachsende benötigen zur Ausbildung von Rollenbildern auch männliche Vorbilder. Vielleicht hat das weibliche Übergewicht in der Schule zur Verweichlichung unserer männlichen Jugend beigetragen. Bei muslimischen Familien ist das männliche Rollenbild ungleich wichtiger als bei deutschen Familien. Wir sollten  dieser kulturellen Eigenart Rechnung tragen und  den Vätern ein Mitspracherecht bei der Lehrerverteilung an den Schulen einräumen. Auch eine andere religiöse  Tradition  findet  in der Berliner Schule nicht die Beachtung, die  sie verdient. So sollten während des Ramadan  keine Klassenarbeiten geschrieben werden, weil muslimische Kinder wegen der Ernährungsriten nicht die nötige Konzentration aufbringen können.  Die offene und tolerante Gesellschaft verlangt, dass wir den Traditionen und Gepflogenheiten der Menschen, die aus fremden Kulturkreisen zu uns kommen,  mit Nachsicht und Entgegenkommen begegnen. Das Urteil aus Erfurt  könnte den Weg frei machen für mehr Mitsprache für muslimische Eltern in der Berliner Schule.

Eine unschöne Nebenwirkung des Urteils muss man vielleicht in Kauf nehmen. Neben  den anderen Religionsgemeinschaften werden bald auch weltanschauliche Gruppierungen vorstellig werden und verlangen, dass auch ihre Symbole in der Schule gezeigt werden dürfen. Es kann also sein, dass junge Lehrer mit Pegida-Stickern am Revers  oder mit den Aufklebern der Antifa in die Klassenzimmer stürmen. Ganz wird man das nicht verhindern können, wenn man der Freiheit des Bekenntnisses das Wort redet. Schüler sollen in der Schule nicht nur lernen. Sie sollen so früh wie möglich mit den Kontroversen, die es in unserer Gesellschaft gibt, vertraut gemacht zu werden.  Wissenschaftliche Bildung wird ohnehin überschätzt.  Früher hieß der gymnasiale Anspruch: „Nicht  für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ – Heute könnte es heißen: „Holen wir das pralle  Leben herein in die Schule.“

Für Ihre aufopferungsvolle Arbeit im Dienste unserer muslimischen  Community danke ich Ihnen aufrichtig.

Mit den besten Grüßen

Rainer Werner

Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politische Wissenschaft, Berlin

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Gibt es ein Recht auf ein offenherziges Dekollete´?

Während meines Skiurlaubs in den Alpen sah ich im Hotel eine Sendung, die ich zu Hause nie sehe: „Brisant“ (ARD). Ein Beitrag beschäftigte sich mit einem Vorfall, der sich  auf einem Flug der Thomas Cook Airlines von Birmingham nach Teneriffa ereignet hat. In der Kabine wird der 21-jährigen Emily O´Connor von einem Mitglied  des Kabinenpersonals mitgeteilt, dass ihre Kleidung nicht angemessen sei und dass sie damit die Vorgaben der Airlines verletze. Der Stuart  meinte das tief ausgeschnittene Dekolleté  der jungen Dame.  Nach den Regeln der meisten Airlines  kann  Passagieren, die „vulgär, obszön oder offensichtlich anstößig“ gekleidet sind, der Zutritt zum Flugzeug untersagt werden. Die Dame durfte erst mitfliegen, als sie  ein bis oben geschlossenes Hemd anzog. Es versteht sich von selbst, dass Miss O´Connor nach dem Flug gegenüber der Airlines den Vorwurf des Sexismus erhob. Ich frage mich, ob man nicht umgekehrt der Dame den Vorwurf machen könnte, durch die Ausstellung ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale sexistisch gehandelt zu haben – sexistisch im Sinne einer im Kontext einer Flugzeugkabine unangemessenen sexuellen Körpersprache. Was in einer Disco durchaus erwünscht ist und den Reiz  des Etablissements erhöht, verbietet sich in einer Umgebung, in der andere Menschen  nicht durch die erotischen Anzüglichkeiten einer Einzelnen  behelligt  werden wollen. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit findet eben dort ihre Grenze, wo die Freiheit anderer verletzt wird.

Als Lehrer musste ich häufiger  einschreiten, als Schülerinnen ähnlich offenherzig gekleidet wie Miss O´Connor in die Schule kamen. Auch sie verwies ich auf die Hausordnung, die für die Schule  eine „angemessene Bekleidung“ vorschreibt. Es gibt kein Recht von jungen Mädchen, in einem öffentlichen Raum wie der Schule Teile ihrer Brüste vorzuzeigen. Erstaunlicher Weise bekam ich den meisten Zuspruch von Schülerinnen. Sie fühlten sich durch das Auftreten ihrer Geschlechtsgenossinnen in ihrer Würde verletzt, die sie darin sahen, dass die Frau eben nicht auf die Rolle als Sexualobjekt  reduziert werden darf. Die  Mädchen, die meine Intervention verteidigten,  wollten mit ihren Geistesgaben glänzen und nicht mit ihren körperlichen Vorzügen. Sie hatten erkannt, dass die freizügigen  Mädchen der   Gleichberechtigung  der Geschlechter einen Bärendienst erweisen,   wenn sie durch ihre Kleidung signalisieren, dass es bei einer Frau  letztlich doch auf ihren Sexappeal  ankomme und nicht auf ihre geistigen  Gaben. Ich muss nicht betonen, dass ich von diesen klugen Mädchen begeistert war. Besser hätte ich das  Anliegen der Frauen  auch nicht ausdrücken können.

Merkwürdig fand ich die Kommentierung des Vorfalls durch die Moderatorin. Sie drückte sich vor einer eindeutigen Meinung und bat die Zuschauer, ihre Meinung auf der Facebook-Seite von „Brisant“ zu äußern. Eine eindeutige Haltung zu dem Vorfall  müsste der Moderatorin eigentlich nicht schwer gefallen sein, weil sie doch selbst –  im öffentlichen Raum  wirkend  –  dezent gekleidet war.

 

 

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Schwierige Schüler brauchen einfühlsame Lehrer

Veröffentlicht in der Tageszeitung DIE WELT vom 28. 01. 2020

Kinder mit Migrationshintergrund  sind in unserem Schulsystem benachteiligt, dabei ist Bildung die wichtigste Voraussetzung für das spätere Berufsleben. Das erfordert mutige Maßnahmen.

 

Als am Himmelfahrtstag 2018 die ehrwürdige Harvard-Universität in Boston die Graduierten verabschiedete, hielten drei Studenten des Jahrgangs die Abschiedsreden. Es waren eine Studentin aus der Dominikanischen Republik, eine Kommilitonin aus Algerien und ein Student aus Indien. Letzterer hielt seine Rede in flüssigem Latein. Deutlicher hätte nicht zum Ausdruck kommen können, dass es in einer offenen Gesellschaft, deren Bildungssystem nur dem Leistungsprinzip verpflichtet ist, auch Kinder aus Migrationsfamilien ganz nach oben schaffen können. Auch in Deutschland gibt es inzwischen viele  Beispiele für erfolgreiche Bildungsbiografien von Kindern mit Migrationsgeschichte. Unter den besten Abiturienten eines Jahrgangs finden sich regelmäßig  Schüler, deren Eltern aus ärmlichen Verhältnissen  nach Deutschland eingewandert sind, um hier ihr Glück zu suchen. Ihre Kinder haben es geschafft.

Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat nahezu jeder vierte  Deutsche einen Migrationshintergrund, bei Kindern ist es jedes dritte. Wie ist es um die  Bildung der Migrantenkinder bestellt?  Auskunft   gibt der  12. Bericht zur Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland, den die    Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration  Annette Widmann-Mauz im Dezember  2019 vorstellte.  Der Bericht zeigt gegenüber dem letzten Bericht aus dem Jahre 2016  eine  positive Entwicklung von Kindern mit Zuwanderungshintergrund  hin zu höher qualifizierten Abschlüssen.  Sie    schaffen häufiger den  Mittleren Schulabschluss  und  das Abitur. Die Quote derer, die nur den Hauptschulabschluss schaffen, hat abgenommen. Dennoch ist die Kluft  zwischen Migrantenkindern und Kinder aus deutschen Familien  noch immer  sehr groß. An den Schulbesuchsquoten kann man es ablesen. An Hauptschulen beträgt der  Anteil  ausländischer  Schüler  20,8 Prozent, der  deutscher  Schüler nur  6,3 Prozent; am Gymnasium beträgt er 24,7  Prozent gegenüber 49  Prozent bei deutschen Schülern.  Der Bericht sieht die Ursachen für das  fortbestehende Bildungsgefälle im Zusammenklang dreier  „Risikolagen“, von denen viele Kinder aus Einwandererfamilien  betroffen sind: Die Eltern haben oft einen geringen Bildungsstand, sind seltener erwerbstätig und verfügen über ein niedrigeres Einkommen. Während nur zwei  Prozent der Kinder ohne Migrationshintergrund von allen drei Risiken gleichzeitig betroffen sind, sind es bei Kindern mit Migrationsgeschichte acht  Prozent.  Diese Risikolagen bedingen einen schlechten Start in die frühkindliche Bildung. Kinder mit fremdländischen Wurzeln besuchen immer  noch seltener eine Kindertagesstätte als Kinder der Mehrheitsbevölkerung, wobei der Kita-Besuch mit dem Bildungsgrad der Eltern steigt. Alarmierend ist zudem, dass Kinder  aus dem Migrantenmilieu  seltener informelle Bildungs- und Fördergelegenheiten wahrnehmen, wie etwa Babyschwimmen, Kindersport oder musikalische Frühförderung. In der Entwicklungspsychologie gilt  als  gesichert, dass solche Angebote die Entwicklung eines Kindes günstig beeinflussen, weil in der Kleinkindphase  das  Zusammenspiel von Körper und Geist besonders wichtig ist. Grundschulstudien wie IGLU, TIMSS und IQB-Bildungstrend belegen, dass sich die Benachteiligung von Kindern aus Migrationsfamilien in der Grundschule fortpflanzt. Dort erzielen diese Kinder im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften schlechtere Ergebnisse als Kinder ohne Migrationshintergrund.

Leider differenziert der Bericht der Migrationsbeauftragten  nicht  nach  ethnischen Einwanderer-Gruppen. Deshalb muss man andere Studien zu Rate ziehen. Migrationsforscher  attestieren türkischen Schülern den schlechtesten Schulerfolg unter den Migrantengruppen.   Die Defizite türkischer Schüler  werden oft darauf zurückgeführt,  dass viele türkische Einwanderer aus der Unterschicht stammen, in der es keine familiäre Bildungstradition und auch keine positiven Vorbilder gebe. Bei asiatischen, polnischen und  russischen Einwanderern sei das anders,  weil sie oft der Mittelschicht entstammten. Wenn man, wie es das  Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB)  2015  in einer Studie  getan hat,  den sozialen Status der Eltern herausrechnet, sind  die „Kompetenznachteile“ türkischer Schüler immer  noch  „substantiell“. Andererseits weiß jeder Lehrer, dass Kinder am erfolgreichsten lernen, wenn sie sich wertgeschätzt und angenommen fühlen. Das ist bei türkischen Schülern offensichtlich nicht immer der Fall. Beobachtungen im Unterricht an Berliner Sekundarschulen zeigten, dass Schüler mit türkischen und arabischen Wurzeln bei einem Mathematiktest besser abschnitten, wenn sie vor dem Test von der Lehrkraft positiv motiviert worden sind. Es ist nicht auszuschließen, dass es Lehrkräfte gibt, die nach dem Prinzip der sich  selbst  erfüllenden Prophezeiung verfahren. Sie trauen Schülern mit türkischen Wurzeln weniger zu, was sich bei der Bewertung ihrer Leistungen dann auch tatsächlich  einstellt.

Bildung ist die wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches Berufsleben. Sie bietet auch Gewähr für eine aktive Teilhabe am kulturellen Leben.  In einer modernen Leistungsgesellschaft ist Bildung  zudem  der wichtigste Rohstoff, Garant für Wachstum und  Wohlstand. Wir sollten alles tun, um die Kluft zwischen deutschen Schülern und solchen mit Migrationsgeschichte zu schließen. Für Kinder jeglicher Herkunft gilt, dass  sich  Intelligenz  über Sprache bildet. Muttersprachliche Verbalisierungsstrategien schon  im frühesten Kindheitsalter   sind deshalb  die besten Garanten für schulischen Erfolg. Dies gilt in besonderem  Maße für Kinder aus Migrationsfamilien. Wenn dort nur eingeschränkt oder gar nicht Deutsch gesprochen wird, wenn auch das Fernsehen via Satellit nur in der Heimatsprache konsumiert wird,  geraten diese Kinder schon im frühen Alter gegenüber ihren deutschen Altersgenossen ins Hintertreffen. Sprachforscher haben festgestellt, dass diese Verbalisierungsrückstände nie mehr ganz aufgeholt werden können. Dies ist  auch die Ursache für den  deprimierenden Befund des Berichts der Integrationsbeauftragten, dass selbst Ausländerkinder mit Abitur als Erwachsene einem  höheren  Armutsrisiko ausgesetzt sind als deutsche Schüler mit Abitur. Sie tragen die Benachteiligung quasi als Handicap  durch ihr ganzen Leben.

In allen  Bundesländern gibt es inzwischen Sprachstandfeststellungen, mit deren Hilfe man die sprachlichen Defizite von Kindern noch  rechtzeitig vor der Einschulung erkennen kann.  Getestet werden in der  Regel Kinder  im Alter zwischen  drei  und  vier  Jahren. Das erste Testverfahren  wurde in den 1990er Jahren  in Berlin entwickelt. Es trägt den schönen Namen  „Bärenstark“. Das zu testende Kind wird mit einem Teddybären konfrontiert.  Das Kind muss den Bären beschreiben, einzelne Körperteile benennen und mit dem  Bären kommunizieren. Die Sätze des Kindes werden Wort für Wort protokolliert. Sprachforscher halten diesen Test für sehr aussagekräftig, weil er zeigt, wie differenziert  das  Sprachvermögen der Kinder ausgebildet ist. Ein eventueller  Förderbedarf lässt sich verlässlich feststellen. Die Krux dieser Tests liegt allerdings darin,  dass die Schulbehörden der Bundesländer  sich schwer damit tun, die Kinder mit Förderbedarf zu einem Kita-Besuch zu verpflichten. Kulanz gegenüber widerstrebenden Eltern ist  fehl am Platze, wenn es um die Zukunft der Kinder geht.

Mit der Sprachförderung in Kita und Grundschule ist es nicht getan. Für Schüler aus Ausländerfamilien  müsste man auch im Sekundarbereich  eine sprachliche Zusatzförderung  anbieten, die  den  regulären Fachunterricht  ergänzt. Das Ziel dieser Förderung müsste sein, dass sich  die Schüler dasselbe elaborierte Sprachverständnis aneignen, das Kinder aus  deutschen Familien in ihrer frühkindlichen Sozialisation naturwüchsig  erwerben. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man sich auf dem Niveau einer Zweitsprache artikulieren kann, wo  oft schon 5.000 Wörter für die Alltagskommunikation  ausreichen, oder ob man in der Lage ist, literarische Texte oder anspruchsvolle Sachtexte zu  verstehen, für die man einen Wortschatz von 20.000 Wörtern benötigt.  Schüler, die trotz dieser Fördermaßnahmen keinen Schulabschluss erreichen, sollte man so lange beschulen, bis   sie den  Hauptschulabschluss schaffen, der  ihnen den Weg in einen Lehrberuf ebnet. Dazu müsste die gesetzlich limitierte Dauer der Schulpflicht im Einzelfall verlängert werden können. Was spricht dagegen, für solche Schüler eine spezielle Einrichtung, eine „Schule Plus“, zu schaffen?  Dort sollten sie von  Lehrern betreut werden, die  wegen ihrer starken  Persönlichkeit  einen Zugang zu diesen Schülern finden. Leidenschaftlichen Lehrern kann es  gelingen, mit Sachkompetenz, Empathie und persönlicher  Ausstrahlung  selbst  schwierigste Schüler auf den richtigen Weg zu führen.

Vor dem  Hintergrund, dass ein Viertel der 15-jährigen Schüler mit Migrationshintergrund nur über eine eingeschränkte Lesekompetenz verfügt, drängt sich die Frage auf, ob  ein  Sprachförderpakt nicht  sinnvoller wäre  als der von der Regierung mit den Ländern verabredete Digitalpakt. Jeder Schule, die einen Ausländeranteil von mehr als 30 Prozent aufweist, sollte ein  Sprachlehrer mit DaF-Kompetenz zugewiesen werden, der die  Fachlehrer dabei unterstützt, die Sprachschulung der Schüler zur täglichen Pflicht zu machen. Man möchte sich nicht ausmalen, wie Schüler, die analphabetisch unterwegs sind, mit  ihren  Smartphones und Tablets hantieren. Die ihnen  antrainierte Technikaffinität wird ihre sprachlichen Defizite  mit Sicherheit  nicht  beheben können.

 

 

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Armut und Bildung

Erschienen in DIE WELT vom 7. März 2019

Wie kommt es, dass trotz einer boomenden Wirtschaft und Hunderttausender offener Stellen die Zahl der Abgehängten nicht sinkt? Viele Sozialpolitiker wollen das Problem durch höhere Sozialtransfers an bedürftige Familien lösen. Ein Fehler.

Deutschland hat in den letzten zehn Jahren einen beispiellosen Wirtschaftsboom erlebt. Seit dem Einbruch im Krisenjahr 2009 wächst das Bruttoinlandsprodukt stetig. Die Zahl der Beschäftigten ist auf  45 Millionen Menschen gestiegen, während die Arbeitslosenzahl auf 2,4 Millionen zurückging. Das entspricht einer Quote von 5,3  Prozent. Diese gute Bilanz wird  durch eine traurige Zahl getrübt: Der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen  ist seit 2010 annähernd konstant. Im Jahr 2018  betrug  er 34,8 Prozent.  Wie kommt es, dass trotz einer boomenden Wirtschaft und 758.000 offener  Stellen die Zahl der Abgehängten  nicht abnimmt? Lässt man Ursachen wie Krankheit oder Drogensucht beiseite, ist nicht von der Hand zu weisen, dass es sich bei den Arbeitslosen um Menschen mit niedrigen  Qualifikationen  handelt. Die meisten von ihnen haben keinen Schulabschluss und deshalb auch keinen erlernten Beruf. Man kann auch vermuten, dass sich von den 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in unserem Land  eine gehörige Anzahl unter diesen Dauerarbeitslosen findet. Weiterlesen

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Schule als Gefahrenzone

Der Beitrag wurde veröffentlicht in der WELT vom 06. 02. 2019.

Mobbing ist fatal. Schreitet niemand ein, können die Schikanen unter Kindern im schlimmsten Fall für Lebensüberdruss sorgen. Dabei gibt es für Lehrer bewährte  Methoden, die Klasse zu befrieden.

Vor kurzem starb ein 11-jähriges Mädchen, das eine Berliner Grundschule besucht hatte. Dem „Tagesspiegel“ zufolge soll es einen Suizidversuch unternommen haben und später an den Folgen im Krankenhaus gestorben sein.  Das Mädchen soll  zuvor  in ihrer  Klasse von  Mitschülern  verbal  und körperlich   attackiert worden  sein. Eltern aus der Klasse berichteten, dass  Lehrer und Schulleitung auf das Problem  schon lange vorher  aufmerksam gemacht  worden seien. Sie hätten jedoch abgewiegelt, weil doch alles nicht so tragisch sei. Ein fataler Irrtum. Mobbing ist für die Betroffenen immer tragisch. Es führt zu Angst,  Ohnmachtsgefühlen  und schließlich zu Lebensüberdruss. Es ist nur schwer nachzuvollziehen, dass eine Institution, der die Eltern ihre Kinder tagtäglich  anvertrauen, deutliche Hinweise auf  Mobbing nicht ernst nimmt. Weiterlesen

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Schule als neutralen Ort verteidigen

Veröffentlicht in der Tageszeitung DIE WELT vom 15. 11. 2018

 

Bei den Berliner Grünen gibt es Bestrebungen, das Berliner Neutralitätsgesetz aufzuweichen. Für den Schulfrieden hätte dies gravierende Folgen.

Meine erste Lehrerstelle erhielt ich  an  einem privaten  Oberstufen-Kolleg, das vom katholischen Franziskanerorden geführt wurde. Ein kleiner Teil des Kollegiums war weltlich, der überwiegende Teil gehörte dem Orden an. Die Mönche trugen die traditionelle  braune Kutte mit weißer Kordel und sommers wie winters Sandalen. Auch  religiöse Rituale gab es, die von allen Schülern befolgt wurden. Das ist nicht verwunderlich, da an Schulen mit konfessioneller Trägerschaft  der Hausherr  die Spielregeln bestimmen kann.  Die von den beiden christlichen Kirchen betriebenen Schulen tun  dies inzwischen sehr dezent. Schüler jeglicher Konfession, aber auch  Konfessionslose dürfen die Schulen  besuchen. Die Andachten zielen nicht auf religiöse Überwältigung, sondern auf geistige Anregung. Das Wertefundament, das an diesen Schulen vermittelt wird, ist bei Eltern  so beliebt, dass die Wartelisten für diese  Schulen  immer länger werden. An muslimischen Privatschulen geht es strenger zu, weil die Träger oft noch einem Selbstbild verpflichtet sind, das die islamische Identität höher veranschlagt als Offenheit und Toleranz gegenüber Angehörigen anderer Konfessionen. Weiterlesen

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Lernen mit Konfuzius

       Erschienen in der Tageszeitung DIE WELT vom 4. 9. 2019

 In Schulen hierzulande erzielen asiatische Kinder den größten Erfolg. Sie könnten Einheimischen und Zuwanderern als Vorbild dienen. Das Problem: Bei uns ist Spaß die wichtigste pädagogische Kategorie.

In den Klassenzimmern unserer Schulen sitzen  Schüler mit fremdländischen Wurzeln, die nie im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Sie schlagen  sich nicht auf dem Pausenhof, sind nicht aufsässig und verstoßen auch nicht  gegen die Regeln. Sie sind höflich, zuvorkommend und leistungsorientiert. Gemeint sind die Kinder asiatischer Eltern. In Deutschland leben zur Zeit 450.000 Menschen aus asiatischen Staaten.  Chinesen, Inder, Vietnamesen und Thais bilden unter ihnen die größten Gruppen. Oft habe ich im Lehrerzimmer  Kollegen  von asiatischen Schülern schwärmen hören, weil sie sich still und beharrlich, mit Fleiß und Ehrgeiz an die Leistungsspitze emporarbeiten. Die Zahlen sprechen für sich: In Deutschland schaffen 64 Prozent der vietnamesischen Kinder den Sprung aufs Gymnasium. Dieser Anteil ist um 11 Prozentpunkte höher als der Anteil der deutschen Schüler und  fünfmal so hoch wie bei türkischen Schülern. Weiterlesen

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Bildungsstand der Eltern und Schulerfolg

Bildungsforscher betonen immer wieder, dass die Bildungsnähe oder -ferne ein wichtiges Kriterium für den Schulerfolg der Kinder sei. Für Lehrkräfte, die in der Grundschule unterrichten, ist das keine neue Erkenntnis. Sie erleben, wie Kinder aus einem bildungsaffinen Elternhaus schon als 6-Jährige differenziert mit der Sprache umgehen können, während Kinder aus der sozialen Unterschicht nur in grammatisch einfachen Sätzen und mit einem reduzierten Wortschatz sprechen. Da außer den Naturwissenschaften der Lernprozess aller Schulfächer einen hohen sprachlichen Anteil  aufweist, muss man kein Prophet sein, um zu erahnen, dass Kinder mit  einem elaborierten Sprachvermögen eindeutig im Vorteil  sind. Kinder aus Migrantenfamilien sind besonders gefährdet, schon in der Grundschule abgehängt zu werden. Dies geschieht vor allem dann, wenn sie keine Kita besucht und deshalb nicht richtig  Deutsch gelernt haben. In Berlin müssen Kinder, die keine Kita besuchen, im vierten Lebensjahr an einer Sprachstandserhebung teilnehmen. Die Eltern werden von der Bildungsverwaltung angeschrieben. Trotzdem verweigern  jedes Jahr viele  Eltern diesen Test. Sie nehmen die schulischen Nachteile für ihre Kinder  offensichtlich  in Kauf. Und die Senatorin hat noch keinen Weg gefunden, die Eltern mittels Sanktionen in  die Pflicht zu nehmen. Weiterlesen

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Die Eltern mehr in die Pflicht nehmen

Erschienen in:  F.A.Z. – BILDUNGSWELTEN, DONNERSTAG, 03.05.2018
Die Fürsorgepflicht für die eigenen Kinder kann nicht einfach an die Schule delegiert werden, denn die ist damit überfordert / Von Rainer Werner

Keine Leistungsstudie kommt ohne die Botschaft aus, in Deutschland hänge der Schulerfolg der Kinder noch zu sehr vom sozialen Status ihrer Eltern ab. Politiker einer bestimmten Couleur spitzen den Satz gerne noch zu, indem sie behaupten, der „Geldbeutel der Eltern“ sei ausschlaggebend, ob ein Kind den Aufstieg durch Bildung schaffe oder nicht. Wie soll der Geldbeutel der Eltern den Schulerfolg der Kinder beeinflussen?

Der Besuch staatlicher Schulen und Universitäten ist kostenlos. Selbst Privatschulen stellen ein Drittel ihrer Schulplätze über Stipendien kostenlos zur Verfügung. Für minderbemittelte Eltern gibt es das „Bildungspaket“, in dem Geld für Bücher, Unterrichtsmaterial und Mittagessen in der Schulmensa enthalten ist. Für Klassenfahrten kommt entweder das Jobcenter oder der Sozialfonds der Schule auf. Die Mär vom Geldbeutel zielt auf das ganze Schulsystem, dem man allzu gerne vorwirft, es selektiere die Kinder, anstatt alle gleichberechtigt „mitzunehmen“.

Die Kritiker der „selektiven“ Schule nehmen mit ihrer Schelte in Kauf, dass in der Bevölkerung die krude Vorstellung hängenbleibt, vorurteilsbeladene Lehrer erkundigten sich, bevor sie Noten geben, im Schülerbogen nach Beruf und sozialem Status der Eltern, um dann zur Tat zu schreiten: Akademikerkinder ins Töpfchen, Kinder aus der Unterschicht ins Kröpfchen – sprich: in die unterste Leistungskategorie. Eine absurde Vorstellung.

Es ist an der Zeit, solchen Legendenbildungen mit Tatsachen zu begegnen. Versetzen wir uns dazu in eine Grundschullehrerin. Schon eine Woche nach der Einschulung der Kinder weiß sie, mit welcher Kluft sie es hinsichtlich der Fähigkeiten und Lerneinstellungen der Schüler zu tun hat. Kinder aus bildungsbeflissenen Elternhäusern können schon ansatzweise lesen und schreiben, sie können basteln und sich vernünftig ausdrücken. Kinder aus bildungsfernen Familien hingegen sprechen häufig nur in Einwortsätzen und haben noch nie eine Schere in der Hand gehabt. Diese Lehrerin sollte man nicht belehren, dass sie Teil einer selektiven Schule sei, weil sie es nicht schafft, allen Kindern die gleichen Bildungschancen zu eröffnen. Sie realisiert nämlich täglich, dass die Grundlagen für Ungleichheit und Ungerechtigkeit im Elternhaus gelegt werden. Wie sollte es auch anders sein: Sechs lange Jahre elterlicher Erziehung prägen ein Kind so stark, dass nach der Einschulung selbst ausgefeilte didaktische Konzepte nur noch wenig ausrichten können.

Die Iglu-Studie 2016 zum Lesevermögen von Grundschülern hat enthüllt, dass Schüler, die in einem Haushalt mit über hundert Büchern aufwachsen, ihren Mitschülern bei der Leseleistung ein ganzes Schuljahr voraus sind. Deutlicher kann die Bedeutung des kulturellen Niveaus der Elternhäuser für die Entwicklung der Kinder nicht nachgewiesen werden. Die Benachteiligung von Kindern beginnt, wie man heute weiß, sehr früh. Wenn kleinen Kindern regelmäßig vorgelesen wird, bilden sie ein differenziertes Sprachvermögen aus und schreiben schon in der Grundschule verblüffend gute Texte. Wenn ein Kind im Elternhaus erlebt, dass die Eltern elaboriert reden und diskutieren, überträgt sich dieses sprachliche Vermögen auf das Kind. Es wird zum verbal geschickten, selbstbewussten Streiter in eigener Sache. Falls ein Kind Lob und Zuspruch erfährt, wenn es die Welt im Spiel entdeckt, wird es später auch im schulischen Lernen Neugier und Ehrgeiz entwickeln.

Wenn man sich von all diesen stimulierenden Anreizen das Gegenteil denkt, kann man ermessen, wie tiefgründig und wie langwierig die Defizite sind, mit denen die Kinder zu kämpfen haben, die in bildungsfernen Elternhäusern heranwachsen müssen. Schon in der Grundschule sitzen sie im hintersten Waggon des Geleitzuges. Dieser Lernrückstand wird sich in der weiterführenden Schule fortpflanzen. Der Abstand zu den leistungsstarken Schülern wird über die Jahre noch größer werden, weil diese lernstarken Schüler von jedem Unterricht – auch einem schlechten – profitieren.

Ob ein Kind an einer weiterführenden Schule erfolgreich lernen kann, hängt sehr stark von seinen verbalen Fähigkeiten ab. In allen kulturwissenschaftlichen Fächern werden Texte gelesen und analysiert und auch eigene Texte geschrieben. Dabei steigen die Ansprüche von Klasse zu Klasse, bis sie in der Abiturstufe das Niveau erreicht haben, das Linguisten den „elaborierten Sprachgebrauch“ nennen. Wer über ihn verfügt, kann nicht nur Texte jeden Schwierigkeitsgrades verstehen, er kann sich auch mündlich und schriftlich auf höchstem Sprachniveau ausdrücken. Diese Fähigkeit kommt einem Schüler im Studium zugute, wo die Notwendigkeit zu verbalisieren in den meisten Fächern dominiert.

Immer wieder wird die Behauptung erhoben, Schüler aus bildungsfernen Familien würden bei gleicher Intelligenz gegenüber ihren Mitschülern aus dem Bildungsbürgertum benachteiligt. Dabei geraten diese Schüler in erster Linie wegen ihres oft reduzierten Sprachgebrauchs ins Hintertreffen. Vor allem am Gymnasium können sie ihre Intelligenz nicht voll zur Geltung bringen, weil diese – von Mathematik, Physik und Chemie abgesehen – häufig nur in der Form verbaler Ausdrucksformen abgerufen wird.

Wenn man die Bedeutung der häuslichen Prägung für den Schulerfolg von Kindern kennt, kann es nur einen erfolgversprechenden Weg aus der Misere geben. Die Eltern aus bildungsfernen Familien müssen mehr in die Pflicht genommen werden, damit sie lernen, ihren Kindern von klein an eine motivierende häusliche Umgebung zu schaffen. Lange haben es die Kultusminister vermieden, das Erziehungsverhalten der Eltern in den Blick zu nehmen und es notfalls staatlicherseits zu beeinflussen.

Dabei spricht unser Grundgesetz hinsichtlich des Erziehungsauftrages der Eltern eine deutliche Sprache: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft“ (Artikel 6 Absatz 2). Im öffentlichen Diskurs wird oft nur das Recht der Eltern, ihre Kinder eigenständig und ohne staatliche Einflussnahme zu erziehen, betont. Dass das Recht auch eine Pflicht einschließt, wird gerne verschwiegen, weil man den Eltern von Seiten der Politik nicht zu nahe treten möchte. Die Überwachung durch die „staatliche Gemeinschaft“ beschränkt sich deshalb nur auf krasse Fälle der Kindesvernachlässigung oder -misshandlung.

Ratsam wäre es, die allgemeine Schulpflicht, die für alle Kinder vom sechsten Lebensjahr an gilt, für Kinder mit sprachlichen Defiziten um eine Vorschulpflicht ab dem fünften Lebensjahr zu ergänzen. In einigen Bundesländern ist die Vorschule – sie ist meistens der Grundschule angegliedert – nur für Kinder verpflichtend, die von der Einschulung zurückgestellt wurden. Dies ist ungünstig, weil diese Kinder dann ein Schuljahr verlieren. Berlin hat 2005 die Vorschule ganz abgeschafft und die vorschulische Erziehung in die Kita verlagert. Da deren Besuch freiwillig ist, geht das sprachfördernde Angebot allzu oft an den wirklich bedürftigen Kindern vorbei. Um solche Kinder zu ermitteln, sollten speziell geschulte Erziehungsberater die Elternhäuser aufsuchen. Im Gespräch mit dem Kind erleben sie seine sprachliche Kompetenz. Sie schlagen gegebenenfalls eine Sprachstandsuntersuchung vor, der dann die Empfehlung für einen verpflichtenden Besuch einer der Grundschule vorgelagerten Vorschule folgen kann.

Für Kinder aus Migrantenfamilien wäre der zusätzliche Einsatz von „Stadtteilmüttern“ sinnvoll. Das sind Frauen, die selbst ein Einwanderungsschicksal haben und die sich als häusliche Erziehungsberaterinnen betätigen. Sie haben eine kompakte Ausbildung in Kindererziehung und Gesprächsführung absolviert und beraten vor allem Mütter aus der Migrantenschicht, die wegen mangelnder Sprachkenntnisse nie zu einer öffentlichen Familienberatung gehen würden.

Die Stadtteilmütter vermitteln Informationen zur Kindererziehung, zu Gesundheit und Familienrecht, zur Sprachförderung und zum Medienkonsum. Auch Suchtprophylaxe und Hilfe bei häuslicher Gewalt stehen auf dem Programm. Untersuchungen haben den Erfolg des Einsatzes der Stadtteilmütter bestätigt. Sie schaffen es auf der Basis gegenseitigen Vertrauens, die Mütter, die oft aus einem uns sehr fremden Kulturkreis stammen, für die Entwicklungsprobleme ihrer Kinder zu sensibilisieren und das Erziehungsverhalten in die richtigen Bahnen zu lenken. Durch diese Hilfestellung wird ihnen der Start in der Grundschule erleichtert.

Wenn die Kinder eingeschult sind, muss der staatliche Einfluss auf das Erziehungsverhalten der Eltern nicht aufhören. In einigen Bundesländern dürfen Schulen mit den Eltern „Erziehungsvereinbarungen“ abschließen, in denen sich diese mit ihrer Unterschrift verpflichten, das Lernverhalten ihres Sohnes oder ihrer Tochter positiv zu unterstützen. Dazu gehört auch die Auflage, täglich die Hausaufgaben zu kontrollieren oder den Fernseh- und Computerkonsum einzuschränken. Die Eltern können auch angeregt werden, ihren Kindern regelmäßig vorzulesen, ihnen Bücher zu schenken und sie gemeinsam mit ihnen zu lesen.

In der Pädagogik gilt es inzwischen als Allgemeingut, dass man die entscheidenden sechs Jahre vor der Einschulung nicht länger ausblenden darf und dass man die Eltern, die der erzieherischen Hilfe bedürfen, mehr unterstützen muss. Am schulischen Erfolg unserer Kinder müssen alle mitwirken: Eltern, Vorschulpädagogen, Lehrer, freiwillige Lesepaten und nicht zuletzt ein gesellschaftliches Klima, das das geschriebene Wort wieder als Kulturtechnik ersten Ranges wertschätzt.

Der Autor war Gymnasiallehrer in Berlin.

 

 

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