Schlagwort-Archive: Schulqualität

Pädagogische Gretchenfrage

Der bildungspolitische Streit zwischen dem rot-grünen und dem konservativen Lager macht sich vor allem an der Frage fest, wie man mit der Heterogenität der Schülerschaft umgehen soll. Selten wird in der Diskussion auf die Erfahrung der Lehrer zurückgegriffen. Dabei könnten  sie am besten über wirkungsvolle Unterrichtskonzepte Auskunft geben. Dies ist ein Plädoyer für  pädagogische  Vernunft.

Wer als Lehrer schon einmal in einer heterogen zusammengesetzten Klasse – etwa in einer Gesamtschule – unterrichtet hat, dem wird folgende Situation vertraut vorkommen. Die Lehrkraft erläutert im Geschichtsunterricht der 8.  Klasse die Gewaltenteilung, die in der Französischen Revolution das  absolute Herrschaftssystem der Könige zerbrochen hat. Schnell wird deutlich werden, dass die leistungsstarken Schüler das Prinzip der Trennung der staatlichen Gewalten im Nu  verstehen, während es den leistungsschwachen Schülern, denen abstraktes Denken oft nicht gegeben ist, schwer fällt, den Sinn dieser demokratischen Herrschaftsform zu begreifen. Der Lehrer  wird den Umweg über ein lebensnahes Beispiel – etwa aus dem schulischen Leben – nehmen müssen, um Gewaltenteilung auch für die Schüler mit geringem Abstraktionsvermögen sinnlich erfahrbar  und dadurch begreiflich  zu machen. Mit den guten Schülern hätte er  schon längst im Stoff voranschreiten und noch weit schwierigere Sachverhalte diskutieren können. Die meisten Lehrer  werden jedoch, dem  sozialen Anspruch der Gesellschaft und ihrem eigenen pädagogischen Gewissen gehorchend, so lange auf die Verständnisschwierigkeiten der leistungsschwachen Schüler eingehen, bis sie das Gefühl haben, dass sie das Geforderte annähernd verstanden haben. In der Regel bleiben während dieser „Förderphase“ die guten Schüler ohne Aufgabe, im besten Fall wird ihnen  die Lehrkraft raten, im Geschichtsbuch schon einmal das nächste Kapitel zu lesen. Eine nachhaltige Förderung der leistungsstarken Schüler kann man das nicht nennen. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Rolle des Lehrers, Schulformdebatte, Unterrichtsmethode, Unterrichtsqualität

Schulmisere in Berlin

Koalitionsvereinbarung  von Rot-Rot-Grün: eine einzige Enttäuschung

Seit 1996 stellt  die SPD in Berlin  ununterbrochen den Senator für Schulwesen. In jeder Koalition blieb ihr  diese Verantwortung erhalten, weil sie Schule und Bildung als Kernbereich sozialdemokratischer Identität ansah. Keine andere Partei wollte ihr diesen Anspruch streitig machen. Seit der Zeit August Bebels rangiert Bildung im sozialdemokratischen Ideenfundus ganz weit oben. Die SPD wollte den Unterprivilegierten aus der Arbeiterklasse den sozialen Aufstieg ermöglichen: durch Bildung. Viele Spitzenpolitiker in den eigenen Reihen sind diesen Weg selbst gegangen, bezeugen also durch ihre eigene Vita, dass Aufstieg von ganz unten nach oben durch Bildung möglich ist. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Innere Schulreform, Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsqualität

Rote Laterne für Berlin

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bildungswelten, 17. 11. 2016

Rote Laterne für Berlin

von Rainer Werner

Lernbüros, Stationenlernen, Freiarbeit und offener Unterricht gelten als schülerfreundliche Methoden – auf ihre Wirksamkeit überprüft wurden sie aber nie. Berlin praktiziert sie dennoch weiter und muss bei Leistungsvergleichen eine Niederlage nach der anderen einstecken.

Seit Jahren belegt das Land Berlin im bundesweiten Schulvergleich den letzten oder vorletzten Platz. In diesem Jahr haben gleich zwei Studien diese trostlose  Platzierung   am Ende der Länderskala bestätigt: die Studien des „Instituts der Deutschen Wirtschaft“  und des „Instituts für Qualitätsentwicklung im  Bildungswesen“. Das Deprimierende dieser Befunde liegt darin, dass eine Besserung der Schulqualität nicht in Sicht  ist. Teilweise haben sich die schulischen Leistungen sogar  verschlechtert, wie die Erhöhung der Zahl der Schüler ohne   Schulabschluss von 9%  (2014) auf 11%  (2015) zeigt.

Die neue Legislaturperiode des Berliner Abgeordnetenhauses und des Senats von Berlin bietet die Gelegenheit, endlich die Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um aus dem „Tal der Tränen“ herauszukommen. Dabei sollte der neue Senat das beherzigen, was der pädagogische Sachverstand für die Qualitätssteigerung  einer Schule als besonders wirksam herausgefunden hat. In der Medizin gilt  es als  selbstverständlich, dass  nur Therapien und Medikamente zur Anwendung kommen, deren Wirksamkeit eindeutig erwiesen ist. In der Pädagogik kann man oft den Eindruck gewinnen, dass das   politisch Wünschenswerte an die Stelle dessen tritt, was wirklich Qualität verspricht.  Weiterlesen

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Eingeordnet unter Leistungsbereitschaft, Rolle des Lehrers, Schulformdebatte, Unterrichtsmethoden, Unterrichtsqualität

Gut gehütete Tabus

Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8. 9. 2016 (Bildungswelten)

Mit Beginn des Schuljahres 2008/2009 startete die Pilotphase der Gemeinschaftsschule, an der zunächst  24  Berliner  Schulen teilnahmen. Inzwischen haben zwei  Schülergenerationen diese Schulform vollständig durchlaufen. Grund genug, Bilanz zu ziehen. Wenn eine neue Schulform gegründet wird, steht sie unter einem besonderen Rechtfertigungszwang. Sie muss unter Beweis stellen, dass sich ihre Gründung gelohnt hat, weil sie  gute Lernergebnisse erzielt. Dies wollen vor allem die Eltern wissen, die jedes Jahr aufs Neue vor der Frage stehen, in welche Schule sie ihre Kinder schicken sollen. Aber auch der Steuerzahler hat ein Recht darauf zu erfahren, ob die neue Schule die Investitionskosten wert ist, die sie verursacht hat.

Im März 2016 hat nun die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin, vertreten durch die Senatorin, Frau Sandra Scheeres, den Abschlussbericht zur Pilotphase der Gemeinschaftsschule der Öffentlichkeit vorgestellt und, wie es bei Politikern üblich ist, voreilig eine positive Bilanz gezogen. Bei genauerem Hinsehen ergeben sich jedoch Zweifel an der Erfolgsbilanz  und viele Fragen, die nicht beantwortet werden. Weiterlesen

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Schulqualität in Schleswig-Holstein

Da ich in Schleswig-Holstein ein privates Gymnasium in seiner pädagogischen Schulentwicklung unterstütze, habe ich mit besonderem Interesse den Teil der  Studie des „Instituts der Deutschen Wirtschaft“ („Bildungsmonitor 2016) vom August 2016 zur Kenntnis genommen, der sich mit diesem Bundesland befasst. Hier ist die Bewertung der Schulqualität in Schleswig-Holstein.

 

Bildung ist in Deutschland  föderal organisiert. Jedes Bundesland kann sein Schul- und Hochschulsystem nach eigenem Gutdünken gestalten. Von der  Kultusministerkonferenz (KMK) werden nur allgemeine Rahmenbedingungen festgelegt. Gegen einheitliche Prüfungsanforderungen beim  Mittleren Schulabschluss und beim Abitur wehren sich die Kultusminister hartnäckig, weil sie um ihre „Bildungshoheit“ fürchten. Deshalb wird unser Bildungssystem noch auf Jahre zerklüftet bleiben.

Wenn die Bundesländer schon auf der Eigenständigkeit der Bildungspolitik bestehen, müssen sie es sich zumindest gefallen lassen, dass die Qualität ihrer  Schulen und Hochschulen  von wissenschaftlichen Instituten mit der Qualität in anderen Bundesländern verglichen wird. Nur so kann ein Wettbewerb zwischen den Ländern entstehen, der letztlich zur Qualitätssteigerung beiträgt.  Auch in der Bildung belebt Konkurrenz das Geschäft. Weiterlesen

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Schulreform – aber richtig!

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Gute Schule – ein wichtiges Ziel der Bildungspolitik in unserem Lande!

In der Vergangenheit hat es in Deutschland einen unfruchtbaren Streit um die vermeintlich richtige Schulform gegeben. Die beiden großen politischen Lager blockierten sich gegenseitig, indem sie in ihrem Machtbereich (in den von ihnen regierten Bundesländern) nur die Schulformen zuließen, die ihren  politischen Vorstellungen  entsprachen. CDU und FDP hielten am dreigliedrigen Schulsystem fest und lehnten die Gründung von Gesamtschulen ab. SPD und Grüne hingegen favorisierten die Gesamtschule und neuerdings auch die Gemeinschaftsschule, die Kinder aller Begabungen und Lernvoraussetzungen gemeinsam unterrichtet. Neue Koalitionskonstellationen, aber vor allem auch der Rückgang der Schülerzahlen haben diese starren Fronten in Bewegung gebracht. In Nordrhein-Westfalen haben CDU und  SPD sogar einen „Schulfrieden“ ausgerufen, der auf einem Zwei-Säulen-Modell der Schule beruht. Auf diese  Zweigliedrigkeit wird die Entwicklung unseres Schulsystems im ganzen Land  hinauslaufen. Das klassische Gymnasium, das keine Partei anzutasten wagt, wird ergänzt durch die Sekundarschule, die in jedem Bundesland – dem Föderalismus ist es geschuldet – einen anderen  Namen trägt. Bild

Die Festschreibung der Zweigliedrigkeit des Schulsystems schafft gute Voraussetzung dafür, dass sich die Bildungspolitik den eigentlichen Zielen der Schulreform  zuwendet. Der Blick wird frei auf die zentralen Fragen: Wie können die Schulen noch besser werden? Wie können sie es schaffen, die Schüler noch fundierter  auf die Herausforderungen der modernen globalisierten Welt vorzubereiten? Wie kann der Schulerfolg der Schüler noch deutlicher von ihrer  sozialen Herkunft  entkoppelt werden?

Die Antwort auf  diese  Fragen findet man nur, wenn man den Unterricht der Lehrkräfte in den Blick nimmt. Das, was zwischen den vier Wänden eines Klassenzimmers tagtäglich in Tausenden von Schulen in unserem Lande geschieht, muss endlich einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Erst wenn es gelingt, an den vielen Stellschrauben des Unterrichts so zu drehen, dass er sich bei allen Lehrkräften verbessert, kann man von der eigentlichen Bildungsrevolution in Deutschland reden.

Dieser Blog soll mit seinen Beiträgen helfen, die  wichtigen Stellschrauben der inneren Schulreform zu finden. Die Artikel und Texte, die ich hier veröffentliche, basieren auf der Erfahrung von über 30 Jahren Unterricht in den Fächern Deutsch, Geschichte und Politische Wissenschaft an einer Gesamtschule und zwei Gymnasien in Berlin.

Die Artikel richten sich an die Praktiker der Schule, die Lehrer, aber auch an diejenigen, die als Wissenschaftler an den Universitäten kritisch über die Schule nachdenken. Abdrucke der Texte in Fachzeitschriften oder Presseorganen sind – mit dem Hinweis auf die Quelle versehen – erwünscht.

Rainer Werner

 

Um die Unterrichtsqualität zu verbessern, empfehle ich allen Lehrkräften, gelungene Unterrichtsideen auf einer Online-Plattform anzubieten, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Lehrkräfte bei der Vorbereitung ihres Unterrichts durch das Angebot qualitativ hochwertiger Unterrichtseinheiten zu unterstützen. Hier die Adresse des Online-Marktes: http://lehrerheld.com

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