„Das Wichtigste im Leben ist die Erfahrung von Sinn“ (Wilhelm Schmid)

Unterricht muss wieder vorrangig als geistiger Prozess verstanden werden

Wenn Eltern ihre Kinder beim Abendbrot fragen, was sie morgens im Deutschunterricht gelernt haben, kann es passieren, dass sie die Antwort erhalten: „Irgendetwas mit Grammatik“ oder „irgend so ein Gedicht.“ Genaueres ist oft nicht zu erfahren. Natürlich kann es sein, dass Jonas nicht aufgepasst hat, weil er sich auf den Vokabeltest in Englisch vorbereitete. Laura könnte abgelenkt gewesen sein, weil sie mit ihrer Freundin Alexandra Zettelchen austauschte. Aus meiner Erfahrung mit der Ausbildung von Referendaren weiß ich jedoch, dass es häufig die Lehrkräfte sind, die es nicht schaffen, ihre Schüler zu fesseln, ihnen den Lehrstoff mit Leidenschaft nahezubringen. Unterrichten ist in erster Linie eine Interaktion zwischen Menschen. Mit fachlichem Wissen, mit kommunikativem Geschick, mit Leidenschaft für den Gegenstand und mit dem Gewicht ihrer Persönlichkeit führt die Lehrkraft die Schüler durch die spannende Welt des Wissens. Ob dieser Weg von den Schülern holprig oder leichtfüßig zurückgelegt wird, liegt vor allem am Geschick des Lehrers, an seiner Ausstrahlung und seiner Überzeugungskraft – natürlich auch an seiner Fähigkeit, das immense Wissen „mundgerecht“ zu vermitteln.

Von dem Schriftsteller Klaus Mann kennen wir den Satz: „Ein Lehrer muss ein Seelenfänger sein.“ Damit meint er nicht, dass eine Lehrkraft die Schüler manipulieren solle. Gemeint ist, dass ein Lehrer für sein Fach brennen und die Lerngegenstände mit Leidenschaft vermitteln sollte. Schüler lieben „besessene“ Lehrer, oft springt von ihnen der Funke des fachlichen Interesses auf die Schüler über, was zu besseren Lernergebnissen führt. Die Kognitionsforschung hat herausgefunden, dass man sich Sachverhalte besonders gut merkt, wenn sie mit einem emotionalen Reiz verbunden sind. Deshalb lieben Schüler einen fesselnden Unterricht, der sie mit interessanten Gegenständen vertraut macht. Sie klagen darüber, dass es gerade daran im Unterricht häufig hapert. Langweilige Lehrkräfte nennen sie wenig schmeichelhaft „Schlafpille“ oder „Trantüte“. Wenn es den Lehrern gelänge, das spannende Potential freizulegen, das in den Lernstoffen ihrer Fächer schlummert, wäre für die Unterrichtsqualität viel gewonnen.

Wertvolle Lernmethode: das Unterrichtsgespräch

Ich kann mich noch gut an eine spannende Deutschstunde in einem Oberstufenkurs erinnern. Ich präsentierte den Schülern das Gedicht „Der Mensch“ von Matthias Claudius. Die Schüler tauchten ein in die für sie befremdliche Welt von Empfindsamkeit und naiver Frömmigkeit: „Empfangen und genähret / Vom Weibe wunderbar“. Das Wunder der Entstehung eines Kindes kommt zur Sprache. Die Diskussion wird erregter. Ist die Retortenzeugung von Kindern auch noch ein Wunder? Darf der Mensch in die Geschehnisse der Schöpfung eingreifen? Der Text von Claudius verstört durch seine unerschütterliche Ruhe und Glaubensgewissheit: „Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder / Und er kömmt nimmer wieder“. Der Blickwinkel der Diskussion weitet sich. Die letzten Dinge kommen zur Sprache. Schüler im Alter von 16 und 17 Jahren lieben den spekulativen Diskurs. Sie bringen alles ein, was zum Thema Tod gerade in Umlauf ist: Fernöstlich-Esoterisches, Naturwissenschaftliches, Christliches, auch Persönliches. Das Gedicht hat den Horizont geöffnet für eine Diskussion mit philosophischem Gehalt. Ich habe nie versäumt, die Schüler mit dem Leben des jeweiligen Dichters vertraut zu machen. Der Pfarrersohn Matthias Claudius war mit dem Tod schon früh vertraut. Als er 11 Jahre alt war, starben hintereinander drei seiner Geschwister. In seinen Texten sprach er später vom Tod als „Freund Hein“. Sein fröhliches Gottvertrauen hat sich Claudius bis zum Tode bewahrt. Das Unterrichtsgespräch zur Interpretation des Gedichts regte die Schüler an, über Dinge nachzudenken, die sie bislang nicht im Bewusstsein hatten. Glaubt jemand im Ernst, dieses Lehrer-Schüler-Gespräch hätte die Schüler dominiert, sie gar bevormundet? Lehrer haben nun einmal einen großen fachlichen Vorsprung. Es kommt darauf an, ihn im Sinne der Schüler zu nutzen. Gerade beim Unterrichtsgespräch ist der Lerneffekt besonders groß, weil die Lehrkraft hier den Lernstoff in idealer Weise mit dem Vorwissen der Schüler verknüpfen kann.

Seit sich die Didaktik den „schülerzugewandten“ Vermittlungsmethoden verschrieben hat, ist das vom Lehrer gelenkte Unterrichtsgespräch in Verruf geraten. Was sagt die empirische Lernforschung zum Unterrichtsgespräch? Gibt es Erkenntnisse darüber, wie wirksam lehrerzentrierte Lernformen wirklich sind? In seine Studie „Lernen sichtbar machen“ (2013) geht der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie der Frage nach, welche Lernformen am wirksamsten sind. An erster Stelle der Rangliste steht die klar strukturierte, auf die Vermeidung von Lernstörungen zielende Unterrichtsführung. Sehr wirksam ist auch ein zugewandtes, ermutigendes, Fehler verzeihendes, die Schüler unterstützendes Lernklima, für das die Lehrkraft zu sorgen habe. Lehrer, die tagtäglich im Unterrichtsraum stehen, haben immer schon skeptisch auf die Vorstellung reagiert, die Schüler könnten ihren Lernprozess eigenständig organisieren. Oft sind die Ergebnisse der Gruppenarbeit trotz der Hilfestellung durch den Lehrer nicht berauschend. Im Projektunterricht werden die Schüler besonders häufig mit dem Anspruch eigenständigen Lernens konfrontiert. Auch hier sind die Ergebnisse dürftig, weil die Schüler nicht über das Vorwissen verfügen, das es ihnen erlaubte, den Lernprozess eigenständig zu bewältigen.

Bei der Würdigung des Unterrichtsgesprächs sollte man einen gesellschaftlichen Aspekt nicht außer Acht lassen. Das Gespräch ist eine uralte, von den griechischen Philosophen erfundene Methode der geistigen Auseinandersetzung. Sie wussten: Im Austausch mit den Gedanken anderer kann man selbst am besten denken. Die Philosophen und Literaten des 18./19. Jahrhunderts wählten das Gespräch im Freundeskreis – im „Salon“ –, um sich ihrer eigenen Gedanken zu vergewissern und sie notfalls durch die Kritik der Freunde zu korrigieren. Das Gespräch in einer Schulklasse trägt, wenn es denn funktioniert, sehr zum inneren Frieden in der Klasse bei, es hat neben den Lerneffekten eine zivilisierende Wirkung, die in Hinblick auf die Festigung demokratischer Einstellungen bei den Heranwachsenden nicht zu unterschätzen ist. Aufgabe der Schule ist es nach wie vor, die Jugendlichen zu mündigen Bürgern zu erziehen. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Gruppen in den digitalen Medien vornehmlich aneinander vorbeireden, wo „Haltung“ Argumente ersetzt, kann die friedensstiftende Wirkung des Gesprächs nicht überschätzt werden.

Das spannende Potenzial in allen Unterrichtsfächern ausschöpfen

Ein fesselnder Unterricht ist auch in den Naturwissenschaften möglich. An einer Schule, die die kollegiale Hospitation der Lehrkräfte pflegt, habe ich die Biologiestunde eines älteren Kollegen erlebt. Fachlich hoch qualifiziert erzählte er im Gestus des dozierenden Professors, warum bei den Bonobo-Schimpansen die Weibchen das Sagen haben. Die Schüler hingen an seinen Lippen. Dieser Lehrer konnte durch sein immenses Fachwissen und durch die Begeisterung, die er für „sein“ Fach ausstrahlte, die Schüler mitreißen. Eine faszinierende Physikstunde konnte ich – wiederum fachfremd – in einer 8. Klasse eines Berliner Gymnasiums erleben. Thema war das Prinzip des Auftriebs, demonstriert an Ostereiern. Die Lehrerin stellte drei mit Flüssigkeit gefüllte Glaszylinder auf das Lehrerpult. Dann gab sie unterschiedlich gefärbte Ostereier hinein. Das rote Ei sank bis auf den Grund, das gelbe verharrte in der Mitte und das blaue blieb an der Oberfläche schweben. Die Schüler rätselten, warum sich die Eier so unterschiedlich verhielten. Nach vielen Irrwegen („Es liegt an der Farbe“, „Sie haben ein Ei ausgeblasen“) kam ein Schüler auf die richtige Idee: Es liegt am unterschiedlichen Zustand der Flüssigkeiten. Die Lehrerin hatte tatsächlich die Dichte des Wassers in den Zylindern durch die Beimengung von Salz erhöht. Der Rest der Stunde war klassische Physik mit Formeln und Rechenoperationen. Die Lehrerin hatte es verstanden, die Schüler durch die ungewöhnliche Versuchsanordnung zu fesseln. Nebenbei verdeutlichte sie das naturwissenschaftliche Prinzip, dass die Gesetze der Natur nicht an der Oberfläche der Phänomene zu erkennen sind. Man muss tief in das Wesen der Dinge eindringen. Guter Unterricht ist immer ein geistiger Prozess, der den Schülern intellektuelle Anstrengung und Konzentration zumutet.

Wenn sich Lernmethoden in den Vordergrund drängen

Nicht allen Lehrkräften gelingt es, den Schülern den Lernstoff so spannend zu vermitteln, weil sie das fesselnde Potential ihres Faches nicht immer erkennen. Eine Mitschuld trägt eine technokratische Didaktik, die zwar ein reichhaltiges Arsenal an Vermittlungsmethoden bereithält, dabei aber vergisst, dass Schüler primär durch spannende Inhalte begeistert werden müssen. In den meisten Bundesländern hat sich die didaktische Mode des „methodengeleiteten Unterrichts“ durchgesetzt. Um der Erwartungshaltung der Fachseminarleiter gerecht zu werden, wählen die Referendare vor allem die Methoden, die „selbstgesteuertes Lernen“ ermöglichen. Kaum eine Unterrichtsstunde kommt ohne Stationenlernen, Fishbowl und Lerntheke aus. Methodenvielfalt im Unterricht ist bis heute ein unhinterfragtes Axiom. Meine Beobachtung solcher Unterrichtsstunden hat gezeigt, dass das Bestreben, in einer Stunde mehrere Lernmethoden unterzubringen, häufig dazu führt, dass sich die Methoden von den zu lernenden Inhalten entkoppeln. Der gekonnte Umgang mit den Methoden wird dann unter der Hand zum eigentlichen Ziel des Unterrichts. Viel zielführender wäre es, vom geistigen Anspruch des Lerngegenstands auszugehen.

Selbstgesteuertes Lernen führt häufig zu einer Verflachung des Lernstoffes. Da Schüler komplexe Sachverhalte nicht allein bewältigen können, wird ihnen deren Erarbeitung erleichtert, indem die Aufgabenbögen die Lösung schon halb vorwegnehmen. Manche Lehrkräfte bieten von vornherein nur anspruchslose Inhalte an, weil sie einem Scheitern der Schüler vorbeugen wollen. Hauptsache, das Dogma des selbstständigen Lernens bleibt gewahrt. Wenn man solche inhaltlichen „Ermäßigungen“ auf ein Schuljahr hochrechnet, kann man ermessen, was den Schülern an Wissen fehlt.

Inzwischen nimmt die Zahl der Bildungswissenschaftler zu, die die Rückbesinnung auf Wissensinhalte fordern, weil sie den kompetenz- und methodenorientierten Unterricht für einen Irrweg halten. So insistiert der Züricher Pädagogikwissenschaftler Roland Reichenbach auf dem Primat des Unterrichtsstoffes gegenüber den didaktischen Methoden und Kompetenzen: „Eine pädagogische Beziehung definiert sich nicht primär über das sogenannte Interesse am Kind, sondern über die Inhalte, die man ihm vermittelt. Die Abwertung des Wissens ist ein großer Fehler. Die Kinder machen es uns vor. Sie interessieren sich für Dinosauriere oder für Flugzeuge. Das sind Stoffe, keine Kompetenzen.“ („Einspruch“, Zürich 2013) – Wir müssen den Unterricht wieder an hochwertigen Inhalten ausrichten, weil nur sie in der Lage sind, jungen Menschen die Welt des Wissens zu erschließen. Im Deutschunterricht ist die Interpretation wertvoller und anspruchsvoller Texte unverzichtbar. Denn nur das Beste bildet. Solange es in Deutschland keinen verpflichtenden Literaturkanon gibt, sollten die Deutsch-Fachkonferenzen für ihre Schule einen Kanon wertvoller literarischer Werke aufstellen, die mit den Schülern gelesen werden sollen.

Geistige Herausforderungen nicht scheuen

Guter Unterricht lebt nicht nur von seinen spannenden Momenten. Schüler lieben es auch, mit geistigen Herausforderungen konfrontiert zu werden. Sie dabei zu überfordern ist allemal besser, als sie mit flauen Inhalten abzuspeisen. In seinem Roman „Doktor Faustus“ lässt Thomas Mann den Erzähler Serenus Zeitblom ein Plädoyer für geistige Herausforderungen im Unterricht halten: „… wir hörten [einen Vortrag] so gern und mit so großen Augen, wie Kinder das Unverständliche, eigentlich noch ganz Unzukömmliche hören – und zwar mit viel mehr Vergnügen, als das Nächste, Wohlentsprechende, Angemessene ihnen gewährt. Will man glauben, dass dies die intensivste und stolzeste, vielleicht förderlichste Art des Lernens ist – das antizipierende Lernen, das Lernen über weite Strecken von Unwissenheit hinweg?“ – Was der Seelenkenner Thomas Mann hier empfiehlt, hat die Lernpsychologie empirisch untermauert. Herausforderungen zu meistern, sich bei schwierigen Aufgaben zu bewähren, ist der Kern der Leistungsmotivation. Wenn sie bei Kindern intakt ist, sind sie bereit, sich intellektuellen Herausforderungen zu stellen, ohne Versagensängste zu verspüren.

Geistige Orientierung bieten

In meinem Deutschunterricht habe ich gerne solche Texte besprochen, von denen ich annahm, dass sie für die geistige Reifung junger Menschen anregend sind. Dabei ließ ich mich von dem Vorsatz leiten: Inhalt vor Methode. Geistiger Mehrwert vor Kompetenz. Das Gedicht „An den Mond“ von Johann Wolfgang von Goethe („Füllest wieder Busch und Tal / Still mit Nebelglanz…“) war für mich immer erste Wahl. Zum einen ist es eines der wertvollsten Gedichte Goethes aus seiner klassischen Periode, erfüllt also einen hohen literarischen Anspruch. Zum anderen ist es makellos schön, vollendet in Gehalt, Form und sprachlicher Gestalt – es hat also eine ästhetische Qualität. Zum dritten enthält es eine Botschaft, die jungen Menschen auch in unserer modernen Zeit etwas Wichtiges vermitteln kann: Ein erfülltes Leben gibt es auch jenseits des großen Weltgetriebes („Selig, wer sich vor der Welt / Ohne Hass verschließt …“). Das Gedicht bietet also Sinnstiftung und geistige Orientierung. Wäre es wirklich vertretbar, eine solche Kostbarkeit unter den Tisch fallen zu lassen, weil sie wegen ihrer schwierigen Erschließbarkeit den „schülerzugewandten Lehrmethoden“ und der „Kompetenzorientierung“ widerstrebt? Man muss es sich vergegenwärtigen: Gerade das, was die Qualität unserer klassischen Texte ausmacht, ihre poetische Codierung, erweist sich als Hindernis für ihre Behandlung im Unterricht „moderner“ Prägung. Von dem Schweizer Literaturwissenschaftler Emil Staiger stammt die Erkenntnis, die Textinterpretation helfe uns dabei, zu „begreifen, was uns ergreift“. Deutschlehrer sollten sich diese Maxime zu Eigen machen.

Schulische Erziehung und Bildung dienen dazu, dem Kind die wunderbare Welt des Wissens zu erschließen und ihm das Tor zur Welt der Erwachsenen zu öffnen. Dabei kommt es vor allem darauf an, dass der Lehrer authentisch und glaubhaft für das steht, was er den Schülern vermittelt. Ich habe mich gerne von der „Erlaubnis“ des Pädagogen Jochen Grell leiten lassen: „Du darfst direkt unterrichten, auch die ganze Klasse auf einmal. Du brauchst dich nicht dafür zu schämen, dass du Schüler belehren willst. Die Schule ist ja erfunden worden, damit man nicht jedes Kind einzeln unterrichten muss.“ („Unterrichtsrezepte“, Weinheim 2011)

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Bildung ist nie gerecht

Schule als „selektives Bildungssystem“?

Veröffentlicht in CICERO-online, 15. 07. 2021

Der Schule immer wieder vorgeworfen, sie vertiefe die Kluft zwischen den Kindern aus dem Bildungsbürgertum und aus bildungsfernen Schichten. Die Kritiker lassen außer Acht, dass die Weichen für eine erfolgreiche Schulkarriere im Elternhaus gestellt werden.

In jeder Bildungsdebatte fällt der griffige Satz, der Geldbeutel der Eltern dürfe nicht länger über den Schulerfolg der Kinder entscheiden. Aus dem 19. Jahrhundert kennen wir die Gepflogenheit, dass Eltern das kärgliche Salär der Dorfschullehrer mit Naturalien auffrischten. Dabei mag es vorgekommen sein, dass der so bedachte Pädagoge beim Sohn des Großbauern, dem er ein fettes Suppenhuhn verdankt, ein Auge zudrückte, wenn er bei der Mathearbeit versagte. Was sollte heutige Lehrer bei ihrem mehr als auskömmlichen Gehalt dazu veranlassen, die Kinder vermögender Eltern denen aus armen Familien vorzuziehen? Lehrern ist es strikt untersagt, von Eltern auch nur einen Kugelschreiber als Geschenk anzunehmen. Was hat in unserer Wohlstandsgesellschaft der Schulerfolg der Kinder also mit dem Geldbeutel der Eltern zu tun? Der Besuch staatlicher Schulen und Universitäten ist kostenlos. Für minderbemittelte Eltern gibt es das Bildungspaket, in dem Geld für Bücher, Unterrichtsmaterial, das Mittagsessen in der Schulmensa sowie für Sportvereine und Musikschulen enthalten ist. Für Klassenfahrten kommt das Job-Center oder der Sozialfonds der Schule auf. Während des Corona-Lockdowns bekamen minderbemittelte Schüler Laptops von der Schulbehörde geliehen. Wo spielt das Geld also noch eine Rolle?

Eine Neidformel

Die Rede vom „Geldbeutel der Eltern“ ist eine Neidformel, die den wahren Sachverhalt verschleiert. In Wirklichkeit bestimmt nämlich nicht der Geldbeutel der Eltern über den Schulerfolg, sondern ihr Erziehungsverhalten. Und dieses wird geprägt vom sozialen Milieu, in dem die Eltern leben, und von ihrem Bildungsstand. Wenn das Kind einer deutschen Unterschichtfamilie nur in abgerissenen Satzfragmenten spricht, kann man erahnen, dass die Kommunikation im Elternhaus auf unterstem sprachlichem Niveau stattfindet. Wenn das Kind einer arabischen Familie bei der Einschulung nur gebrochen Deutsch spricht, weiß man, dass es keine Kita besucht hat, sondern von der Mutter oder Großmutter zu Hause erzogen wurde. Wenn ein Kind, wenn es in die Grundschule kommt, noch nie eine Schere in der Hand hatte, weiß die Lehrkraft, dass die Eltern mit dem Kind noch nie gebastelt haben. Man braucht kein Pädagoge zu sein, um die Prophezeiung zu wagen, dass diese Kinder in der Schule benachteiligt sein werden – bei gleicher Intelligenz wie ihre deutschen Klassenkameraden. Die überragende Bedeutung der erzieherischen Einflüsse in den ersten Kindheitsjahren ist wissenschaftlich bestens belegt. Der in Dublin lehrende Forscher Jan Skopek stellt in einer aktuellen Studie fest, dass sich die Wissensschere zwischen den Kindern der bildungsaffinen und bildungsfernen sozialen Schicht schon vom Tage der Geburt an öffnet. Der schichtenspezifische Entwicklungsindex der Kinder erreicht im siebten Lebensjahr – dem Jahr der Einschulung – seine größte Diskrepanz. Während der Schulzeit bleibt die Differenz immerhin konstant, was sich der homogenisierenden Schulkultur verdankt. Skopek spricht vom „standardisierten Milieu“ der Schule.

Auf die Familie kommt es an

Wenn man diesen Befund vorurteilsfrei bewertet, muss man zur Überzeugung kommen, dass die Schule gar nicht die „Sortiermaschine“ (Martin Spiewak) darstellt, als die sie von linken Bildungspolitikern immer bezeichnet wird. In Abwandlung eines Spruches von Bill Clinton könnte man sagen: „It´s the family, stupid!“. Warum verschweigen „fortschrittliche“ Bildungspolitiker diesen Sachverhalt, der Grundschullehrern am Tag der Einschulung unmittelbar in die Augen springt? Weil dann das übliche Ritual der Schuldzuweisung nicht mehr funktionieren würde. Dann wäre nicht mehr „das selektive Bildungssystem“ am Misserfolg der Kinder schuld, weil es Kinder nach dem Geldbeutel der Eltern behandle – die Kinder der Reichen fördernd, die Kinder der Armen benachteiligend. Dann rückte das Verhalten der Eltern in den Blick: ihre Ignoranz den Entwicklungsbedürfnissen ihrer Kinder gegenüber, ihr Unvermögen, fördernd und stimulierend auf den Geist der jungen Geschöpfe einzuwirken. Das Grundgesetz nimmt Eltern in die Pflicht: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ Die Politik tut sich schwer, diese Pflicht einzufordern, weil die Parteien auf das Wohlwollen der Eltern als Wähler angewiesen sind. Mit dem Finger auf die Schule zu zeigen, ist hingegen eine wohlfeile Übung.

Frühkindliche Prägungen

Die Benachteiligungen von Kindern beginnen, wie man heute weiß, sehr früh. Wenn eine schwangere Frau häufig klassische Musik hört, entwickelt das Neugeborene schon früh ein Rhythmusgefühl, die Vorstufe von Musikalität. Wenn kleinen Kindern regelmäßig vorgelesen wird, bilden sie ein differenziertes Sprachvermögen aus und schreiben schon in der Grundschule verblüffend gute Texte. Wenn ein Kind im Elternhaus erlebt, dass die Eltern elaboriert reden und diskutieren, überträgt sich dieses sprachliche Vermögen auf das Kind. Es wird zum verbal geschickten, selbstbewussten Streiter in eigener Sache. Wenn ein Kind Lob und Zuspruch erfährt, wenn es die Welt im Spiel entdeckt, wird es später auch im schulischen Lernen Neugier und Ehrgeiz entwickeln. Wenn man sich von all diesen stimulierenden Anreizen das Gegenteil denkt, kann man ermessen, wie tiefgründig und wie nachhaltig die Handikaps und Defizite sind, mit denen die Kinder zu kämpfen haben, die in bildungsfernen Elternhäusern heranwachsen müssen. Schon in der Grundschule sitzen sie im hintersten Waggon des Geleitzuges.

Die Grenzen kompensatorischer Bildung

Die entscheidende Frage für den Pädagogen ist: Kann Schule diese Defizite noch ausgleichen? Nach allem, was man über kompensatorische Bildung weiß, kann sie es nur sehr begrenzt. Sie kann es vor allem nicht dadurch, dass sie den leistungsstarken Schülern und den Schülern mit Lerndefiziten die gleichen Lernangebote macht. Wenn man den Befund der Studie von Jan Skopek ernst nimmt, müsste die Grundschule von der ersten Klasse an in den beiden wichtigsten Fächern Deutsch und Mathematik einen differenzierten Unterricht anbieten. In Deutsch müsste der Fokus für die Kinder aus bildungsfernen Schichten auf Lesen und Schreiben, der Erweiterung ihres Wortschatzes und der Festigung grammatischer Strukturen liegen. In Mathematik müsste der Zahlbegriff erarbeitet und die einfachen Rechenoperationen geübt werden. Die Kinder aus dem Bildungsbürgertum, die bei der Einschulung oft schon lesen und schreiben können, benötigen hingegen anspruchsvolles Unterrichtsmaterial, das sie geistig fordert. Ihnen sollte auch freigestellt werden, gleich in die zweite Klasse aufzurücken.   Dem bisher „heiligen“ Gleichheitsprinzip würde damit ein Konzept passgenauer Förderung entgegengestellt. Es müsste sich an der Einsicht des amerikanischen Psychologen Paul F. Brandwein orientieren: „Es gibt nichts Ungerechteres als die gleiche Behandlung von Ungleichen.“

Sprache ist entscheidend

Mit Ausnahme der Fremdsprachen ist in allen Schulfächern die Unterrichtssprache Deutsch. Ob ein Kind erfolgreich lernt, hängt deshalb sehr stark von seinen sprachlichen Fähigkeiten ab. Auf allen Schulstufen müssen Schüler Texte lesen und eigene Texte verfassen können. Die US-Forscher Todd Risley und Betty Hart stellten in einer Sprachstudie fest, dass Kinder aus der bildungsaffinen Mittelschicht mit drei Jahren ca. 1000 Wörter beherrschen, Kinder der Unterschicht nur die Hälfte. Mit dieser Hypothek starten diese Kinder in die erste Klasse. Eine deutsche Studie zeigt, dass Migrantenkinder in Mathematik deshalb schlechter abschneiden als ihre deutschen Klassenkameraden, weil sie mitunter den Text der Aufgabenstellung nicht richtig verstehen. Im Zuge der Einführung einer lebensnahen Mathematik ist die Didaktik nämlich dazu übergegangen, die Rechenoperationen in kleine Geschichten zu kleiden.  Schüler mit mangelhafter Sprachfertigkeit können ihre Intelligenz nicht voll zur Geltung bringen, weil diese häufig nur in der Form verbaler Ausdrucksformen abgerufen wird.

Migrantenkinder sollten in die Kita

Am Gymnasium ist der elaborierte Sprachgebrauch vollends unverzichtbar. Wer ihn beherrscht, kann nicht nur Texte jeden Schwierigkeitsgrades verstehen, er kann sich auch mündlich und schriftlich auf höchstem Sprachniveau ausdrücken. Diese Qualität kommt Schülern im Studium zugute, wo die Fähigkeit, Sachverhalte zu verbalisieren, in den meisten Fächern dominiert.  Wenn man diese Befunde ernst nimmt, muss man Eltern aus der spracharmen deutschen Unterschicht und aus Migrantenfamilien dringend raten, ihre Kinder in die Kita zu schicken. Dort lernen sie im Umgang mit ihren Spielkameraden auf spielerische Weise differenziert zu sprechen, was ihre Startchancen in der ersten Klasse der Grundschule enorm verbessert. In Dänemark gibt es für Kinder in sozialen Brennpunkten eine Kita-Pflicht ab dem ersten Lebensjahr. Eltern, die der Pflicht nicht nachkommen, kann das Kindergeld gestrichen werden.

Stadtteilmütter an die Front

In den Wohnvierteln unserer Großstädte, die überwiegend von Migranten bewohnt werden, hat sich eine Einrichtung besonderes bewährt: die Arbeit der Stadtteilmütter. Dies sind Frauen, die selbst ein Einwanderungsschicksal haben und die sich als häusliche Beraterinnen betätigen. Sie haben eine Ausbildung in Kindererziehung, Erwachsenenbildung und Gesprächsführung absolviert und beraten im häuslichen Gespräch vor allem Mütter aus der Migrantenschicht, die wegen mangelnder Sprachkenntnisse nie zu einer öffentlichen Familienberatung gehen würden. Die Stadtteilmütter vermitteln Informationen zur Kindererziehung, zu Gesundheit und Familienrecht, zur Sprachförderung und zum Medienkonsum. Auch Suchtprophylaxe und Hilfe bei häuslicher Gewalt stehen auf dem Programm. Studien haben den Erfolg des Einsatzes der Stadtteilmütter bestätigt. Sie schaffen es auf der Basis gegenseitigen Vertrauens, die Mütter, die oft aus einem uns sehr fremden Kulturkreis stammen, für die Entwicklungsprobleme ihrer Kinder zu sensibilisieren und das Erziehungsverhalten in die richtigen Bahnen zu lenken. Dieser Einsatz kann die Defizite, die Kinder aus der Migrantenschicht zwangsläufig haben, zumindest teilweise kompensieren.  Durch diese Hilfestellung wird ihnen der Start in der Grundschule erleichtert.

„Tausche Bildung gegen Wohnung“

Inzwischen gibt es viele zivilgesellschaftliche Initiativen, deren Mitglieder benachteiligten Kindern ehrenamtlich Nachhilfeunterricht erteilen. In Duisburg und Gelsenkirchen gibt es die Einrichtung „Tausche Bildung gegen Wohnung“. Junge Menschen dürfen in einer kommunalen Wohnung mietfrei wohnen, wenn sie sich dafür verpflichten, Kinder aus sozial schwachen Familien als Bildungspaten zu unterstützen. Ein solches Engagement kann die Defizite von Kindern aus der Unterschicht, die aus mangelnder häuslicher Unterstützung resultieren, ein Stück weit ausgleichen.

Ein Problem in Unterschichtfamilien ist der unregelmäßige Schulbesuch der Kinder. Immer wieder müssen die Ordnungsämter säumige Kinder zum Unterricht „vorführen“, weil sie von den Eltern nicht in die Schule geschickt wurden. In Berlin gab es eine Zeitlang eine Sondereinheit der Polizei, die morgens um 10 Uhr die Elektronikmärkte in den Einkaufszentren durchkämmte, um Schüler, die sich dort dem Videospiel hingaben, einzusammeln und in ihrer Schule abzuliefern. Man muss kein Lehrer sein, um zu erkennen, dass die Lücken, die durch unregelmäßigen Schulbesuch gerissen werden, die Schulkarriere eines Kindes ungünstig beeinflussen müssen. 

Auch schwierige Schüler haben Potential

Ich finde es beeindruckend, dass es immer wieder Lehrkräfte gibt, die freiwillig ein Gymnasium in einem gut situierten Bezirk verlassen, um die Kärrnerarbeit an einer Gesamt- oder Sekundarschule in einem Problemkiez auf sich zu nehmen. Sie motiviert nicht nur die Solidarität mit den sozial Schwachen und Abgehängten, sie trauen sich auch zu, solche Schüler mit der Kraft ihrer Persönlichkeit positiv zu beeinflussen. Vorurteilslos und offen nehmen sie sich ihrer an und schaffen selbst zu den schwierigsten Schülern einen Zugang. Diese ungewohnte Zuwendung löst bei den Schülern mitunter die   Lernblockaden und korrigiert auch ihr destruktives Verhalten.  Erfolgreiche Lehrer vermeiden das, was die Lernforschung „Etikettierung“ nennt. Die Zuschreibung von Schwächen – „ein Einstein wird nie aus dir!“ –  untergräbt das ohnehin schwache Selbstwertgefühl. Schädlich sind auch unbewusst ausgesandte nonverbale Signale, wie z. B.  herablassende Gesten oder zweifelnde Blicke.

Hausaufgaben den Lehrer zuliebe

Befragungen von Schulschwänzern haben ergeben, dass sie die Schule vor allem deshalb schwänzen, weil sie sich von einzelnen Lehrern ungerecht behandelt, stigmatisiert und ausgegrenzt fühlen.  Umgekehrt kennt man das Phänomen, dass Schüler zu Hause sagen, für ihren Biologielehrer würden sie die Hausaufgaben auch dann erledigen, wenn sie keinen Spaß machen. Sie machen sie ihm zuliebe, weil sie ihn nicht enttäuschen wollen. Der persönliche Faktor im Unterrichtsgeschehen wurde jahrelang unterschätzt, weil man das Heil immer nur in Strukturreformen gesehen hat.

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Wider die Nanny-Pädagogik

Veröffentlicht am 15. Juni 2021 auf Cicero-online

Zur geistigen Reife gehören der Drang nach Erkenntnis und das Interesse am anderen Standpunkt. Doch die Unterrichtskultur, die der Rationalität verpflichtet ist, gerät immer mehr unter Druck.  Identitätsdenken und Moralpolitik sind auf dem Vormarsch.

Als ich im Politikunterricht an der gymnasialen Oberstufe erwähnte, dass das reichste Zehntel der Bevölkerung mehr als 50 Prozent der Einkommensteuer trägt, meldete sich ein Schüler und stritt dieses Faktum strikt ab. Ich verwies auf das Statistische Bundesamt und das Finanzministerium, denen ich diese Information verdankte. Der Schüler hielt diese Fakten für Lügen, die verschleiern sollen, dass die Reichen bei uns keine Steuern zahlen. Wenn man in einem Teil unserer Presse ständig zu lesen bekommt, die Reichen rechneten sich zur Steuervermeidung mit Hilfe von Steueranwälten künstlich arm, muss man sich nicht wundern, wenn junge Menschen, denen die soziale Gerechtigkeit am Herzen liegt, selbst amtliche Verlautbarungen anzweifeln. Beim Thema „Arbeitslosengeld II“ (Hartz IV) erlebte ich Ähnliches. Die meisten Schüler kannten nur den monatlichen Regelsatz von 446 Euro, den sie für ein auskömmliches Leben für unzureichend halten mussten. Als ich ihnen erzählte, dass die Arbeitsagentur zusätzlich die Warmmiete übernimmt, erntete ich ungläubiges Staunen. In Zeiten, wo Familien in Ballungszentren bis zu 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Miete ausgeben müssen, ist die Übernahme der Miete für Bedürftige keine Kleinigkeit. „Armut durch Gesetz“, wie eine linke Partei „Hartz IV“ plakativ bezeichnet, sieht anders aus. 

Flüchtling wird zum Geflüchteten

An diesen Beispielen kann man ablesen, dass Fakten immer mehr in Konkurrenz zu Meinungen geraten, die in der Öffentlichkeit von Parteien, Medien und sozialen Netzwerken oft in sehr zugespitzter Form lanciert werden. Natürlich sollen sich Jugendliche auch selbst eine politische Meinung bilden. Es ist auch völlig legitim, wenn sie diese entschieden vertreten. Gefährlich wird es dann, wenn sie rationalen Argumenten nicht mehr zugänglich sind, wenn sie Fakten anzweifeln und wissenschaftliche Befunde als „Propaganda“ abtun. Im Deutschunterricht einer 11. Klasse besprachen wir journalistische Texte zum Thema Migration. Eine Schülerin meldete sich und forderte ihre Mitschüler auf, Flüchtlinge künftig nur noch Geflüchtete zu nennen. Das Wort Flüchtling habe eine negative Konnotation. Die Endung -ling komme vornehmlich in Wörtern vor, die bei den Menschen negative Assoziationen wecken: Fiesling, Feigling, Schwächling. Einige Schüler widersprachen und zählten Wörter mit -ling auf, die positiv besetzt sind: Liebling, Schmetterling, Säugling.

Politisch motivierte Sprachregelung

Als Deutschlehrer fühlte ich mich bemüßigt, den Schülern den Unterschied zwischen dem Gattungsbegriff Flüchtling und dem aus dem Partizip Perfekt abgeleiteten Substantiv Geflüchteter zu erklären.  Das Partizip Perfekt „geflüchtet“ verwendet man im Deutschen, um eine situativ bedingte, temporäre Ortsveränderung zu bezeichnen. Ein junges Mädchen kann seiner Mutter erzählen: „In der Disco war es so heiß, dass ich schon nach einer Stunde ins Freie geflüchtet bin.“ Damit ist sie eine Geflüchtete, aber kein Flüchtling. Ein Flüchtling ist ein Mensch, der durch Krieg, Verfolgung, Hunger, Naturkatastrophen oder Epidemien gezwungen ist, seine Heimat dauerhaft zu verlassen. Der existentielle Zwang und die oft lebenslange Vertreibung aus der Heimat fehlen bei dem „Geflüchteten“ völlig. Die politisch motivierte Sprachlenkung beim Wort Flüchtling ist ein schönes Beispiel dafür, wie eine gute Absicht mitunter das Gegenteil bewirkt:  Die Vokabel „Geflüchtete“ führt zu einer Verharmlosung und Banalisierung eines Tatbestandes, der für die betroffenen Menschen so schlimm ist, dass sich eine Verniedlichung verbietet. Kein vernünftiger und human denkender Mensch würde bei den Juden, die vor dem Holocaust aus Deutschland geflohen sind, von „Geflüchteten“ sprechen. Und wenn er es täte, würde er sich aus dem seriösen Diskurs verabschieden. Die Mehrzahl der Schüler in diesem Kurs reagierte auf meine Ausführungen betroffen. Die Aktivistin, die in der Flüchtlingshilfe arbeitete, konnte ich nicht überzeugen.

Klimamissionierung im Unterricht

Unterricht zu klimapolitischen Fragen ist inzwischen vermintes Gelände. Die Aktivisten von Fridays for Future sind zu einer einflussreichen Jugendbewegung aufgestiegen, die von Wissenschaft, Politik und Medien viel Unterstützung erfährt. Auf den Unterricht wirkt sich ihr missionarisches Auftreten nicht immer positiv aus. In einem Politikkurs kritisierte ein kluger Schüler die Strategien der Bundesregierung zur Eindämmung der CO2-Emissionen. Er verwies darauf, dass Deutschland nur für 2 Prozent der weltweiten Emissionen dieses Treibhausgases verantwortlich sei. Umgerechnet auf den Anstieg der Weltjahrestemperatur betrage der deutsche Anteil 0,04 Grad Celsius. Er warnte davor, für diesen kleinen Klimabeitrag den Industriestandort aufs Spiel zu setzen. Er plädierte für Augenmaß und für technische Hilfen für die Hauptverursacher des Temperaturanstiegs, China und Indien. Der Schüler wurde von klimabewegten Mitschülern attackiert, als habe er etwas Obszönes geäußert. Fürs Klima legen sich junge Leute mit einer quasi-religiösen Haltung ins Zeug. Sie fordern die strengsten Maßnahmen, als wollten sie für sündiges Verhalten Buße tun. In dieser Unterrichtsstunde war es schwer, der Vernunft eine Bresche zu schlagen.

Schüler attackieren wie in der Politik

In meinem Oberstufenkurs zum Thema „Strategien gegen die Erderwärmung“ hielt eine Schülerin ein Referat zu der Frage, inwieweit die Zunahme der Sonnenflecken an der Erderwärmung beteiligt ist. Mir war bewusst, dass dieser Ansatz innerhalb der Klimawissenschaft nur eine Außenseitermeinung darstellt. In der Schule geht es aber darum, sich mit allen wissenschaftlichen Ansätzen auseinanderzusetzen, sie zu prüfen und ggf. zu verwerfen. Das schult das Denken und verhindert vorschnelle, einseitige Festlegungen. Umstrittene Ansätze von vornherein aus dem Diskurs zu verbannen, ist in der Schule keine vernünftige Option. Einige Klimaaktivisten im Kurs regten sich über das Referat so sehr auf, dass sie der Referentin ständig ins Wort fielen.  Dabei fielen Worte wie „Klimaleugnerin“ oder „Kohletante“. Die angriffslustigen Schüler haben offensichtlich von der Politik gelernt. Dort ist es inzwischen üblich, dass nicht das Argument widerlegt, sondern die Person, die es äußert, moralisch gebrandmarkt wird. Der Regisseur und Autor Bernd Stegemann hat in einem Beitrag für die ZEIT treffend formuliert, was auf dem Spiel steht: „Der zwanglose Zwang zum besseren Argument gehört zu den wichtigsten zivilisatorischen Leistungen der deutschen Nachkriegsgesellschaft“. Wir müssen aufpassen, dass an unseren Schulen nicht die Ausgrenzung unliebsamer Inhalte und die Etikettierung missliebiger Personen die rationale Auseinandersetzung mit Fakten und Meinungen verdrängt.

Giffeys Regenbogenportal

Manchmal werden Probleme auch von außen in die Schule hineingetragen, die es dort vorher gar nicht gab. 2019 schaltete die damalige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey das „Regenbogenportal“ frei, das dazu beitragen soll, „sexuelle Vielfalt in der Schule anzuerkennen und zu unterstützen“. In dem Portal wird mit den Vokabeln der sexuellen Identitätspolitik nur so um sich geworfen: „bisexuell, nicht-binär, queer, LSBTIQ-Empowerment, Trans- und Intergeschlechtlichkeit“ usw. Ich bin in meiner Lehrertätigkeit nie auf das Problem gestoßen, dass ein Junge oder Mädchen damit gehadert hätte, dass die eigene geschlechtliche Identität nicht respektiert würde. Die heutige Schülergeneration ist viel weiter, als es die Ex-Ministerin in ihrem „Regenbogenportal“ suggeriert. Dass es unterschiedliche Lebensweisen mit diversen sexuellen Identitäten gibt, halten Schüler heute für selbstverständlich. Bei Belehrungen durch Erwachsene reagieren sie deshalb eher gelangweilt.

Politiker mit Missionsdrang

An einem Berliner Gymnasium habe ich erlebt, dass sich ein Zehntklässler (nach Absprache mit mir) in seiner Klasse als homosexuell geoutet hat. Er bat seine Klassenkameraden darum, ihn genauso zu behandeln, wie sie ihn vorher behandelt hatten. Er bekam spontanen Beifall. Im nächsten Schuljahr wurde er zum Klassensprecher gewählt. Ich habe auch erlebt, dass ein Mädchen im Unterricht erzählt hat, dass es gerade eine Hormontherapie mache, um herauszufinden, was ihr wahres Geschlecht sei. Auch das wurde mit viel Anteilnahme und Solidarität aufgenommen. Politiker mit Missionsdrang unterschätzen den Reifegrad von Schülern. Nanny-Pädagogik mögen diese überhaupt nicht. An der Identitätsdebatte stört mich der Fokus auf das Sexuelle. Sollte dies nicht Privatsache sein?  Wäre hier nicht mehr Diskretion angebracht? Mir hat sich noch nie erschlossen, warum für die geschlechtsidentitären Aktivisten das stille Örtchen so wichtig ist wie für Katholiken der Tabernakel. Ist das nicht ein wenig peinlich? Statt von Geschlechtsidentitäten rede ich in der Schule konsequent von Intelligenz, Auffassungsgabe, Kreativität, Anstrengungsbereitschaft und Ehrgeiz – natürlich auch von Empathie und Solidarität.  Das sind die Bausteine, aus denen sich schulischer Erfolg und berufliche Karrieren bauen lassen.

Mutter oder Elternteil 1

Für Lehrer hatte Franziska Giffeys „Regenbogenportal“ besonders aparte Ratschläge parat. Sie sollen eine „diskriminierungsfreie Lernatmosphäre“ erzeugen, indem sie z.B.  Beispiel „Poster aufhängen, die Vielfalt sichtbar machen“ oder „Bücher mit lesbischen, schwulen und bisexuellen Charakteren für die Schulbibliothek anschaffen“. Wenn sie für die Eltern Formulare ausfüllen, sollen sie auf geschlechtsneutrale Formulierungen achten und „nicht mehr ´Mutter` und ´Vater` schreiben, sondern nur noch ´Elternteil 1` und ´Elternteil 2`“. Die Ex-Ministerin hatte offensichtlich kein Gefühl dafür, dass eine solche Bürokratensprache das Menschliche in der Pädagogik beschädigt. Wie würde ich die begeisterte junge Mutter von Orkan aus der 7 c verletzen, wenn ich sie als Elternteil 1 titulierte! Wie würde ich den stolzen Vater von Alma aus der 8 a kränken, wenn ich ihn als Elternteil 2 anspräche.

Vernunftgeleitetes Denken verteidigen

Die Gesellschaft wirkt immer in die Schule hinein.  Gesellschaftliche Trends aufzunehmen, bedeutet jedoch nicht, ihnen im Unterricht unbesehen freie Entfaltung zu ermöglichen. Sie müssen im Kontext des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule behandelt werden. Dazu gehört der Auftrag, die Schüler zu selbstbestimmten und rational denkenden jungen Menschen zu bilden. Zur Selbstbestimmung gehört die Lust auf Dialog und Debatte. Zur geistigen Reife gehören der Drang nach Erkenntnis und das Interesse am anderen Standpunkt. Im Deutschunterricht habe ich mich stets um eine rationale Debattenkultur bemüht, die alle Meinungen zu Wort kommen lässt. Ich habe Texte besprochen, die den Schülern die Augen darüber öffneten, wohin Fanatismus und Verfeindungsdenken führen.

Gesinnungsüberschuss der Gymnasiasten

Zu meinen Lieblingslektüren im Literaturunterricht gehörten „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist und „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Beide Texte eignen sich vorzüglich, mit idealistisch geprägten Heranwachsenden über die Selbstermächtigung des Individuums zu diskutieren. In den Abiturkursen hatte ich heftige Debatten mit Hausbesetzern, Greenpeace-Aktivisten, Waldhüttenbewohnern und Linksautonomen zu bestehen und habe es als Erfolg verbucht, wenn sie schließlich einsahen, dass das Gewaltmonopol des Staates eine zivilisierende Wirkung entfaltet, weil es das Recht des Stärkeren einhegt.  Den Einsturz des „ganzen Baus der sittlichen Welt“ (Karl Moor) wollten die rebellischen Gymnasiasten bei allem Gesinnungsüberschuss dann doch nicht riskieren. 

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Haltungsnoten statt Leistungsmessung

„Kreative“, politisch forcierte Lernformen genießen einen großen Vertrauensvorschuss. Dabei ist ihre Wirksamkeit nicht erwiesen. Die Veröffentlichung von Schulleistungsdaten könnte Klarheit schaffen.

Veröffentlicht auf CICERO-online am 20. 05. 2021

Schöne neue Schülerwelt: Lernwerkstatt, Logbuch, Lernbüro, Lerntheke, Förderband – mit solchen erfinderischen Lernmethoden werben die sieben Schulen, die am 10. Mai 2021 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden. Er wird alljährlich von der Robert Bosch Stiftung, der Heidehof Stiftung, der ARD und der ZEIT-Verlagsgruppe verliehen. Schirmherr ist der Bundespräsident. Wenn es darum geht, ihre Pädagogik griffig zu beschreiben, sind die preisgekrönten Schulen um Superlative nicht verlegen: Ihre Schulkultur sei demokratisch und vielfältig; ihre Pädagogik achtsam und kooperativ; ihr Anspruch antirassistisch, gewaltpräventiv und nachhaltig. Nach einer Information sucht man auf der Website der Schulen allerdings vergeblich: nach den von den Schülern erbrachten Leistungen. Keine der mit dem Schulpreis ausgezeichneten Schulen hat auf ihrer Website die Schulleistungsdaten der letzten Jahre veröffentlicht.  Nach den Ergebnissen des IQB-Bildungstrends, der VERA-Vergleichstests und – nur in Hamburg – von KESS und KERMIT sucht man vergeblich. Eltern wüssten sicher auch gerne, wie hoch die Quote der Schüler ist, die die Schule nach der 10. Klasse ohne Abschluss verlassen.

Im „Handbuch Gute Schule“, welches die Jury des Deutschen Schulpreises ihrem Urteil zugrunde legt, steht an prominenter Stelle, Leistung sei ein „wichtiges Qualitätsmerkmal guter Schulen“. Ziel eines guten Unterrichts müsse die „Lernwirksamkeit“ sein.  Bei ihrer Preisvergabe hat sich die Jury an diese Prämisse offensichtlich nicht gehalten. Sie hat die von den Preisträgerschulen angepriesenen „innovativen Schulkonzepte“ beim Wort genommen, ohne ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Gewürdigt wurden „individuelle Förderung“, das Bemühen um „Bildungsgerechtigkeit“, „selbstorganisiertes Lernen“, die „Stärkung von Teams“ und digitale Fitness. Leistung ist im Bildungsbereich offensichtlich zu einem Unwort geworden, das man tunlichst vermeidet.

Haltungsnoten statt Leistungsüberprüfung

In der Presse wurden die prämierten Schulen euphorisch gefeiert und dem Rest der Republik als Vorzeigeschulen empfohlen. Auch Journalisten lassen sich gerne von der polierten Oberfläche einer Schule begeistern. Ideen, die als „kreativ“, und Lernformen, die als „schülerzugewandt“ angepriesen werden, finden immer Zustimmung.  Letztlich vergeben Journalisten mit ihrem Lob Haltungsnoten, die über das, was beim Lernen wirklich wichtig ist – den Zuwachs an Wissen und Kompetenz – nichts aussagen. Es wäre so, als würde man beim Fußballspiel künftig auf die Spielresultate verzichten und stattdessen die Performance der Spieler bewerten: „dribbelstarker Spieler im Eins-gegen-Eins“ oder „passsicherer Stratege im Mittelfeld“. Schon Bertolt Brecht wusste, dass man sich bei der Beurteilung einer Institution nicht mit der Betrachtung der Fassade begnügen darf: „Eine Photographie der Krupp-Werke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute.“ (Brecht: „Über Film“) Um die Leistungsfähigkeit einer Schule ermessen zu können, muss man den Wirkungsgrad des Unterrichts in Erfahrung bringen, der an der Schule stattfindet. Nur so erkennt man, ob die   praktizierten Lehr- und Lernmethoden geeignet sind, den Schülern das Wissen zu vermitteln, das sie für einen qualifizierten Schulabschluss benötigen. Aufschluss darüber geben die Schulabschlussdaten und die Ergebnisse der bundesweiten Vergleichstests.

Politisch erwünscht – aber unwirksam

Wie sich eine Schulverwaltung jahrelang ungestört der Illusion hingeben kann, ihr Werk sei von Erfolg gekrönt, zeigt das Beispiel Berlin. Im bundesdeutschen Schulvergleich tragen Berlins Schulen seit über zehn Jahren die Rote Laterne. Um die Schulen endlich aus der Dauermisere herauszuführen, hat Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) vor zwei Jahren eine Expertenkommission unter Leitung des Kieler Bildungsforschers Olaf Köller eingesetzt. Im Oktober 2020 hat die Kommission ihre Ergebnisse öffentlich vorgestellt.  Die Wissenschaftler sprechen von der „ausbleibenden Wirksamkeit“ der in den letzten Jahren an Berlins Schulen praktizierten Lernkonzepte. Im Kapitel „Unterrichtsqualität“ wird festgestellt, maßgeblich für die Qualität von Unterricht seien nicht die „Oberflächenstrukturen, z.B. die Frage, ob Stationenlernen oder Klassengespräche den Unterricht bestimmen, sondern die sogenannten Tiefenstrukturen.“ Damit ist das gemeint, was die Bildungsforschung „kognitive Aktivierung“ nennt. Die Schüler werden mit einem Lerngegenstand konfrontiert, den sie unter Anleitung des Lehrers geistig erschließen. Es geht also um intellektuelles Verstehen und um die Speicherung des Gelernten im Gedächtnis. Einer Unterrichtsmethode Unwirksamkeit zu attestieren, ist das härteste Urteil, das in der Pädagogik möglich ist. Man muss es sich vergegenwärtigen: Jahrelang haben Berlins Lehrer Lernmethoden angewandt, die zwar politisch erwünscht waren, die aber den Schülern nicht das nötige Wissen vermittelt haben. Es gehört zu den Eigenarten der „schülerzugewandten“ Pädagogik, dass sie keine Rechenschaft ablegen muss, ob ihre „kreativen“ Methoden überhaupt wirksam sind. Da diese Methoden bei vielen Pädagogen per se als wünschenswert gelten, ist man geneigt, ihnen einen unbegrenzten Vertrauensvorschluss zu gewähren. Die hohe Zahl an Schulabbrechern in Deutschland spricht allerdings eine andere Sprache.

Schulversagen mit steigender Tendenz    

Vor der Corona-Pandemie blieben in Deutschland jährlich 50.000 Schüler ohne Schulabschluss. Studiert man den ISQ-Bildungstrend, erfährt man den Grund für dieses Schulversagen. Eine erhebliche Prozentzahl unter den deutschen Schülern liest und rechnet an den weiterführenden Schulen noch auf Grundschulniveau, mehr als die Hälfte erreicht nicht die erwünschten Durchschnittsstandards. Das während des Lockdowns praktizierte Homeschooling hat die Wissenslücken der Schüler noch einmal vergrößert. Auch hier sind die Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern benachteiligt. Einer Studie aus den Niederlanden zufolge hat sich während des ersten Lockdowns im Frühsommer 2020 bei dieser Schülergruppe der Lernrückstand um bis zu 60 Prozent vergrößert.  Bildungsexperten rechnen für das Jahr 2021 – pandemiebedingt – bei uns mit einer Zahl von bis zu 100.000 Schülern ohne Schulabschluss. Bildungsökonomen haben errechnet, dass sich solche Lernrückstände auf das ganze Leben gesehen in einem niedrigeren Erwerbseinkommen niederschlagen. Es gibt nur wenige Bildungsexperten, die den Verdacht offen äußern, dass die modernen Unterrichtsformen, die auf Selbststätigkeit der Schüler setzen und die Anleitung durch den Lehrer hintanstellen, maßgeblich zum Schulversagen beitragen. Bestätigen ließe sich diese Mutmaßung, wenn die Schulen, die diese Lernmethoden anwenden, ihre Leistungsdaten veröffentlichten. Dass die Kultusminister darauf drängen, kann man kaum erwarten. Schlechte Schülerleistungen würde die Öffentlichkeit als Beleg für schulpolitisches Versagen interpretieren.

Schulinspektion auf Abwegen

Am Beispiel der Berliner Schulinspektion kann man lernen, wie ein Verfahren, das eigentlich der Qualitätsmessung dienen soll, unter der Hand zum politischen Lenkungsinstrument wird. So erhalten Schulen eine Abwertung, wenn sie bei der Gestaltung des Unterrichts die Prinzipien „innere Differenzierung“, „selbstständiges Lernen“ und „kooperatives Lernen“ vernachlässigen. Dabei bleibt unhinterfragt, ob diese Lernmethoden überhaupt wirksam sind. Es gibt wissenschaftliche Befunde, die belegen, dass sie Kindern mit geringem kulturellem Kapital eher schaden. Solche Schüler brauchen traditionelle Lernmethoden mit einer engen Anleitung durch die Lehrkraft. Die Berliner Schulinspektion lässt zudem den wichtigsten Beleg für Schulqualität, die Leistungen der Schüler, völlig außer Acht. Es werden weder die Qualität der Schulabschlüsse noch die Ergebnisse der Vergleichstests (VERA, IGLU) in die Bewertung einbezogen. Leidtragende dieses Versäumnisses sind Schulen, die sich den Herausforderungen einer schwierigen Schülerschaft stellen, die dabei aber nicht die von der Politik gewünschten Lernmethoden anwenden. So hat der Leiter der Berliner Friedrich-Bergius-Sekundarschule Michael Rudolph den Unterricht an seiner Schule strikt an dem Ziel ausgerichtet, jedem Schüler zu einem Schulabschluss zu verhelfen. Sein Erfolgsrezept: klare Regeln und Rituale und wiederholtes Üben des Grundwissens. Selbstbestimmten Unterricht hält er für seine Schülerklientel aus überwiegend bildungsfernen Milieus für wenig hilfreich. Der Erfolg gibt ihm recht. Seine Schüler erzielten deutlich bessere Schulabschlüsse als die Schüler an Sekundarschulen, die die methodischen Vorgaben der Politik befolgen.

Gute Resultate – aber falsche Methode

Die Berliner Schulinspektion zeigte sich ungehalten. Sie attestierte der Friedrich-Bergius- Schule „erheblichen Entwicklungsbedarf“. Der Unterricht sei zu wenig individualisiert und zu stark ausgerichtet auf den Abruf fachlichen Wissens, sozialer Normen und Sekundärtugenden. Was lernt man daraus? In Berlins Schulen zählen nicht die Lernergebnisse, sondern die praktizierten Methoden. Ein Berliner Schüler kann, wenn er den Schulabschluss nicht schafft, wenigstens sagen, er sei mit fortschrittlichen Lernmethoden unterrichtet worden. Michael Rudolph machte seinem Unmut über solche Ungereimtheiten in einem Zeitungsinterview Luft: „Warum ist bei einer Inspektion die erreichte Leistung der Schüler egal? Hier liegt die Erklärung, warum Berlin bei Vergleichsstudien immer auf den letzten Plätzen landet: Leistung ist unwichtig“. Wie weit sich didaktische Zwänge von der schulischen Wirklichkeit entfernen können, zeigt die ironische Aussage eines inzwischen pensionierten Direktors eines renommierten Berliner Gymnasiums. In einem Brief an die Eltern schrieb er sinngemäß, seine Schule schneide in allen Bereichen blendend ab:  bei VERA, beim MSA, beim Abitur, bei Wettbewerben und bei „Jugend forscht“. Leider erzielten die Lehrkräfte diese Erfolge laut Inspektionsbericht mit der „falschen“ Unterrichtsmethode.

Von der Medizin lernen

In der Medizin werden nur solche Medikamente und Heilmethoden angewandt, die ihre Wirksamkeit erwiesen haben. Auf Placebo-Effekte möchten sich Patienten lieber nicht verlassen. Die Schule ist eine der letzten Bereiche unserer Gesellschaft, in der der gute Wille der Akteure und pädagogische Verheißungen im Schulprogramm mehr zählen als wissenschaftliche Evidenz. Es ist an der Zeit, alle modernen Lernmethoden auf den Prüfstand zu stellen und ihre Wirksamkeit zu überprüfen.  Im Zeitalter von Transparenz und Offenheit sollte es keiner Schule mehr erlaubt sein, der interessierten Öffentlichkeit ihre Schulleistungsdaten vorzuenthalten.

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Individuelles Lernen – ein Tabubruch zu Lasten der Schüler

veröffentlicht auf CICERO-online am 3. Mai 2021

Die Grünen favorisieren die Methode des individuellen Lernens. Was gut ist für die Kinder des Bildungsbürgertums, erweist sich für Kinder aus sozial benachteiligten Familien als schädlich. 

Wer als Lehrer schon einmal in einer heterogen zusammengesetzten Klasse – etwa in einer Gesamtschule – unterrichtet hat, dem wird folgende Situation vertraut vorkommen. Die Lehrkraft erläutert im Geschichtsunterricht der 8.  Klasse die Gewaltenteilung, die in der Französischen Revolution das absolute Herrschaftssystem der Könige zerbrochen hat. Schnell wird deutlich werden, dass die leistungsstarken Schüler das Prinzip der Trennung der staatlichen Gewalten im Nu verstehen, während es den leistungsschwachen Schülern schwerfällt, den Sinn dieser demokratischen Herrschaftsform zu begreifen. Die Lehrkraft wird den Umweg über ein lebensnahes Beispiel – etwa aus dem schulischen Leben – nehmen müssen, um Gewaltenteilung auch für die Schüler mit geringem Abstraktionsvermögen sinnlich erfahrbar und dadurch begreiflich zu machen. Mit den guten Schülern hätte sie schon längst im Stoff voranschreiten und noch weit schwierigere Sachverhalte diskutieren können. Die meisten Lehrkräfte werden jedoch, dem sozialen Anspruch der Gesellschaft und ihrem pädagogischen Gewissen gehorchend, so lange auf die Verständnisprobleme der leistungsschwachen Schüler eingehen, bis sie das Gefühl haben, dass sie das Geforderte annähernd verstanden haben. In der Regel bleiben während dieser „Förderphase“ die guten Schüler ohne Aufgabe, im besten Fall wird ihnen die Lehrkraft raten, im Geschichtsbuch schon einmal das nächste Kapitel zu lesen. Eine nachhaltige Förderung der leistungsstarken Schüler kann man das nicht nennen.

Ausweg individualisiertes Lernen

Die Grünen sind an elf Landesregierungen beteiligt, stellen aber in keinem der Länder den Kultusminister. Dennoch haben sie es geschafft, der Schulpolitik der Länder eine grüne Handschrift zu verpassen. Sie konnten ihre Lieblingsschulform, die Gemeinschaftsschule, in den jeweiligen Schulgesetzen verankern. In dieser Schule werden Schüler unterschiedlicher Begabung, sozialer und ethnischer Herkunft gemeinsam unterrichtet. Die Heterogenität im Klassenzimmer ist gewollt, weil sie nach Meinung der Grünen die gesellschaftliche Wirklichkeit ideal abbildet.  Um mit den großen Unterschieden bei Begabung, Vorwissen und Lernmotivation umgehen zu können, muss das Lernen individualisiert werden.  Jeder Schüler erhält einen auf ihn abgestimmten persönlichen Lernplan und das dazugehörige Unterrichtsmaterial, das er eigenständig abarbeitet. Die Kunst der Lehrkräfte besteht darin, die Lernpläne passgenau nach Intelligenz und Auffassungsgabe der Schüler zu erstellen. Wie die praktischen Erfahrungen zeigen, geht die Lernentwicklung innerhalb einer Klasse schon nach wenigen Tagen stark auseinander. Die Begabungsvielfalt schlägt sich in unterschiedlichen Lerntempi nieder. Die Situation ist vergleichbar mit einem 5000 m-Lauf, bei dem professionelle Läufer gemeinsam mit Hobby-Läufern antreten. Schon nach wenigen Runden werden die ersten Amateure von den Profis überrundet. Das individuelle Lernen trägt den unterschiedlichen Lerntempi dadurch Rechnung, dass die Lernerfolgskontrollen zu unterschiedlichen Zeiten angesetzt werden. Die lernstarken Schüler schreiben sie zuerst, die langsameren Lerner folgen im zeitlichen Abstand zur Spitzengruppe. Die Lehrer fungieren beim individuellen Lernen als „Lernbegleiter“. Ihre Aufgabe ist es, die Schüler fachlich zu unterstützen und mental zu ermuntern. Dabei gilt die Prämisse, dass die Schüler die Lösung der im Lernmaterial gestellten Aufgaben zuerst selbst finden sollen, bevor sie die Hilfe des Lehrers in Anspruch nehmen.  

Selektion durch die Hintertür?

Da diese Lernform recht jung ist, gibt es noch keine belastbaren wissenschaftlichen Studien über ihre Effektivität. Es gibt allerdings Erfahrungsberichte von Eltern. Darin wird vor allem die Besorgnis ausgedrückt, dass die langsamen Lerner sich gegenüber   den schnellen zurückgesetzt fühlen. Von einem „Rattenrennen“ und einer neuen Form von Stigmatisierung ist die Rede, die die alte, durch „Selektion“ nach Begabungen erzeugte, abgelöst habe. Wissenschaftliche Kritiker bemängeln vor allem, dass die starke Spreizung der Begabungen und das unterschiedliche Lerntempo kein Unterrichtsgespräch mehr zulasse. Die Klasse kommt nämlich, wenn das „Rennen“ erst einmal begonnen hat, nie mehr an einen gemeinsamen Punkt, wo sich eine Zusammenfassung der Lernergebnisse oder eine Problematisierung der Gegenstände anbieten würde. Die Befürworter des individuellen Lernens betonen, dass diese Lernform die einzige Methode sei, die ein gemeinsames Lernen von Kindern völlig unterschiedlicher Begabung zulasse. Sie sei der Differenzierung nach Fachleistungskursen, wie sie die Gesamtschule praktiziert, vorzuziehen, weil die individuellen Lernpläne noch zielgenauer als die Fachleistungskurse auf das Persönlichkeitsbild der Schüler abgestimmt werden könnten.

Einzelkämpfer erwünscht

Dass die Schüler nach einer kurzen Einführung durch die Lehrkraft mit dem Lernstoff allein gelassen werden, wie es das Dogma vom individualisierten Lernen verlangt, ist die große Schwäche dieser Methode. Jeder, der anderen schon einmal etwas vermittelt hat – ob Kindern oder Erwachsenen -, weiß:  Auch das Denken will angeleitet sein. Das ist ja gerade der große Vorzug des vom Lehrer gelenkten Unterrichtsgesprächs, dass er in jeder Phase des gemeinsamen Lernprozesses die Impulse so setzen kann, dass die Schüler auf die richtige Fährte gelenkt werden. Die schöne Metapher, dass „jemandem ein Licht aufgeht“, veranschaulicht diesen Erkenntnisprozess. Wie sollen solche Gedankenblitze entstehen, wenn ein Kind allein vor sich hinbrütet und immer gesagt bekommt, es dürfe die Lehrkraft nur zu Hilfe rufen, wenn es unbedingt nötig sei?  Eltern berichten, dass die Kinder den Lehrer in seiner traditionellen Rolle vermissen: als Erklärer, Ratgeber, Helfer, Inspirator, Vorbild.  Im herkömmlichen Unterricht haben diejenigen Lehrer den größten Erfolg, die für ihren Lernstoff „brennen“, die ihn mit Leidenschaft vermitteln und durch ihr „Feuer“ die Kinder dafür begeistern. Wie soll das Feuer zünden, wenn die Lehrkraft zum „Lernbegleiter“ degradiert wird, der nur noch für unvermeidbare Nachfragen der Schüler zur Verfügung steht? Das individualisierte Lernen beschädigt eine wichtige Kulturform: das Gespräch. Erfahrene Lehrer wissen, dass die effektivste Sozialform des Unterrichts – aller moderner Unterrichtsmethoden zum Trotz – immer noch das Gespräch darstellt. Es ist nicht nur eine ideale Methode, individuelle Einsichten, die jeder einzelne Schüler auf seine spezielle Art gewonnen hat, mit anderen Schülern auszutauschen. Es hat auch eine erzieherische Funktion, weil es eine wichtige Grundlage unserer Demokratie stärkt: den vernunftgeleiteten Diskurs.

Eltern an die Front

Umfragen unter Eltern haben ergeben, dass die Kinder an Gemeinschaftsschulen sehr stark auf die Hilfestellung ihrer Eltern angewiesen sind. Sie müssen zu Hause das erklären, was die Lehrkraft im Unterricht nicht geleistet hat. Die Eltern fühlen sich in eine Rolle gedrängt, die nicht die Ihre ist. Schlechtes Gewissen bei Misserfolgen des Kindes in der Schule und Konflikte zwischen Eltern und Kind sind die unvermeidliche Folge. Es entbehrt nicht der Ironie, dass eine Bildungspolitik, die den Lernerfolg der Kinder „vom Geldbeutel der Eltern“ entkoppeln will, durch eine problematische Lernmethode genau diese Abhängigkeit wieder verfestigt. Den Kindern aus dem Bildungsbürgertum wird nämlich zu Hause die Hilfe zuteilwerden, auf die viele Kinder aus der Unterschicht oder aus dem Migrantenmilieu verzichten müssen. Das Homeschooling während der Corona-Lockdowns war ein Großversuch in individualisiertem Lernen. Er hat gezeigt, dass Kinder aus bildungsaffinen Elternhäusern gut damit zurechtkommen, während viele Kinder aus der sozialen Unterschicht abgehängt werden. Schuld daran ist weniger das unterschiedliche digitale Equipment als der Grad an Unterstützung durch die Eltern.

Lernmethode für die guten Schüler

Ein Aspekt wird von den Befürwortern des individualisierten Lernens gerne übersehen. Von dieser Lernform profitieren in erster Linie die leistungsstarken Schüler, weil sie sich selbst gut organisieren und disziplinieren können.  Der Nestor der (west-)deutschen Didaktik Hermann Giesecke warnte schon vor Jahren vor der Illusion, lernschwache Kinder könnten von heterogenen Lerngruppen profitieren, wenn man nur das Lernen differenzierte: „Nahezu alles, was die moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt die Kinder aus bildungsfernem Milieu. Gerade das sozial benachteiligte Kind bedarf, um sich aus diesem Status zu befreien, eines geradezu altmodischen, direkt angeleiteten, aber auch geduldigen und ermutigenden Unterrichts.“ Und dieser „direkt angeleitete“ Unterricht, das vom Lehrer gelenkte Gespräch, ist nur in relativ homogenen Lerngruppen zu leisten. Wer das eine –  „gemeinsames  Lernen“ – will, muss das andere –  das gegliederte Schulsystem mit seinen homogenen Klassen  – verteidigen.

Die Klasse als Heimat

Das individualisierte Lernen macht Kinder zu Einzelkämpfern.  Es geht vor allem   das verloren, was ein Klassenverband für die Schüler immer auch bedeutet:  Ort der Gemeinschaft, des Schutzes und der Kameradschaft zu sein. Bis heute hat die Klasse die Funktion, dass sich die Kinder aneinander messen können, dass sie sich gegenseitig anspornen, sich aber auch solidarisch helfen, wenn es nötig ist. Warum eine Politik, die Bildung gerne durch die „soziale Brille“ betrachtet, ausgerechnet die soziale Funktion einer Schulklasse geringachtet, gehört zu den vielen Ungereimtheiten, mit denen diese Lernmethode behaftet ist. Das individualisierte Lernen erweist sich letztlich als isoliertes, im Wortsinn unsoziales Lernen: „Irgendwie paradox: Auf Unterrichtsebene wird Vereinzelung propagiert, während man auf Schulstrukturebene `länger gemeinsam lernen´ skandiert.“, so der Lehrer und Autor Michael Felten.

Die Schwächung, ja Auflösung des Klassenverbandes kommt einem sozialen Kulturbruch gleich. Die Schulromane „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner, „Die Feuerzangenbowle“ von Heinrich Spoerl und die Schulgeschichten aus den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann wären ohne die Schulklasse als Organisationsform nicht geschrieben worden. Die Klasse ist für die Schüler nicht nur Lernort, sie ist auch Ort der sozialen Auseinandersetzung, der Selbstbehauptung und Rollenerprobung. Und sie ist Schutzraum vor den Zumutungen rabiater Lehrer, schulischer Dramen   oder persönlicher Krisen. Welchem Erwachsenen hat sich „seine“ Schulklasse nicht ins Gedächtnis eingegraben?  Wem ist „seine“ Klasse nicht als der Ort vor Augen, in dem man Jahre seines jungen Lebens an der Seite von Freunden und Kameraden zugebracht hat?  Diesen Ort preiszugeben, ist eine pädagogische Ursünde, weil sie den Kindern einen wichtigen Schonraum raubt und sie als Einzelwesen auf sich selbst zurückwirft.

Ermutigung

Allen Lehrern dieser Republik lege ich die „gedruckte Erlaubnis“ des Pädagogen Jochen Grell ans Herz: “Du darfst direkt unterrichten, auch die ganze Klasse auf einmal. Du brauchst dich nicht dafür zu schämen, dass du Schüler belehren willst. Die Schule ist ja erfunden worden, damit man nicht jedes Kind einzeln unterrichten muss.”

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Wir lassen kein Kind zurück

Veröffentlicht auf CICERO-online am 6. April 2021

Auf Aktionspläne der Bundesregierung zur Behebung der Lernrückstände der Schüler können sich die Schulen nicht verlassen. Es geht darum, eigene Kompetenzen zu entwickeln und das beste Konzept für den Schulalltag zu übernehmen.

Während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 schilderte eine Berliner Tageszeitung, wie die Schulen in ihrem Einzugsgebiet mit den Herausforderungen des Homeschoolings umgingen. Der Bericht offenbarte, dass die Kluft zwischen cleveren Lösungen und totalem Versagen groß war. An einer Berliner Sekundarschule riefen die Lehrer die Eltern an und baten sie, ein Familienmitglied in die Schule zu schicken. An den Garderobehaken in den Fluren hingen Plastiktüten, in denen sich das Unterrichtsmaterial für eine Woche befinde. Die Schüler sollten die Aufgaben bearbeiten und die ausgefüllten Bögen am Wochenende wieder an die Haken hängen. Sie bekämen dann zeitnah eine Rückmeldung.

„Nun lernt mal schön!“

Kleinlaut mussten die Lehrer eingestehen, dass nach einem Monat immer noch einige Plastiktüten in den Fluren hingen. Sie waren nie abgeholt worden. Einige Schüler waren der Schule offensichtlich abhandengekommen. Vorbildlich agierte ein Gymnasium in Hohen Neuendorf (Brandenburg). Die Schule hatte schon vor Jahren Gelder aus dem Digitalpakt abgerufen, was in Berlin viele Schulen bis heute nicht getan haben. Die funktionierende digitale Infrastruktur erlaubte es der Schule, während des Lockdowns den Unterricht nach Stundenplan durchzuführen. Die Schüler versammelten sich zur gegebenen Zeit vor ihren Bildschirmen zur Video-Konferenz und lösten die Aufgaben, die ihnen die Lehrkraft zu Beginn der Stunde stellte. Freiräume im Stundenplan gab es nur in Fächern, die sich nur in Präsenz unterrichten lassen, z. B. in Sport und Musik.  Diese „Freistunden“ sollten die Schüler zum Selbststudium nutzen. Das Lernen nach Stundenplan half den Schülern, ihrem diffusen Alltag im Kinderzimmer eine Struktur zu verleihen. Auch von Erwachsenen ist bekannt, dass sie das Homeoffice besonders gut bewältigen, wenn sie dem Tagesablauf eine feste Struktur geben. Schülern mit der freundlichen Aufforderung „Nun lernt mal schön!“ lediglich Material zuzuschicken, ist ein Form von pädagogischer Vernachlässigung.

Pädagogische Kompetenz beweisen

Jede Schule hat es in der Hand, ihren Schülern gute Lösungen anzubieten, die ihnen die schwere Zeit des schulfernen Lernens erleichtern. Ob einer Schule das gelingt, liegt an der Kreativität und Tatkraft der Lehrer, vor allem aber an ihrem pädagogischen Ethos. Wenn eine Schulleitung ihr höchstes Bestreben nur darin sieht, die Schule möglichst „fehlerfrei“ zu verwalten, hat sie gegenüber kreativen und einsatzfreudigen Schulen schon verloren. Die Lehrerverbände waren bislang leider keine große Hilfe. Ihr größtes Bemühen galt der Verstärkung der Schutzmaßnahmen für ihre Klientel. Nach einfallsreichen Bildungskonzepten, wie die Schüler mit der erzwungenen Häuslichkeit am besten umgehen können, sucht man bei den Berufsverbänden der Lehrer vergebens. Dass die GEW jetzt auch noch fordert, die Abiturprüfungen ausfallen zu lassen und durch die Semesterzensuren zu ersetzen, passt ins Bild. Die Lehrergewerkschaft mutet den Abiturienten zu, sich mit einem zweitklassigen Corona-Notabitur an den Universitäten oder auf dem Arbeitsmarkt zu bewerben.

Wissenslücken identifizieren

Wenn sich eines Tages alle Schüler wieder zum Präsenzunterricht einfinden, wäre es verfehlt, zum business as usual überzugehen. Die Lehrer müssen davon ausgehen, dass die Schüler unterschiedlich mit den erschwerten Bedingungen des häuslichen Lernens zurecht- gekommen sind. Bildungsbeflissene Eltern werden ihre Kinder optimal unterstützt haben, während Kinder in sozial schwierigen Familien ihre liebe Not hatten, den Anschluss an ihre Mitschüler nicht zu verlieren. Es muss unbedingt vermieden werden, dass die Lehrer beim Neubeginn über die Köpfe der abgehängten Schüler hinweg unterrichten.  Um den Umfang der vorhandenen Wissenslücken zu ermitteln, können Tests durchgeführt werden, die die Bildungsstandards des letzten Schuljahres zum Gegenstand haben. Wenn die Tests die verbindlichen Mindest- und Regelstandards abfragen, bekommen die Lehrkräfte aussagekräftige Hinweise darauf, welche Stoffe vorrangig unterrichtet werden müssen. Wenn sich bei einige Schülern die Defizite als zu groß herausstellen, kann die Wiederholung der Klasse eine sinnvolle Option sein. Die meisten Kultusminister haben eine Wiederholung zugelassen, die nicht als „Sitzenbleiben“ zählt. Von einem Stigma kann dann keine Rede mehr sein, eher von einem nützlichen Neustart.

Wissensflut kreativ strukturieren

Die Methode des exemplarischen Lernens könnte dabei helfen, die überbordende Stofffülle der Fächer sinnvoll zu reduzieren. Beim exemplarischen Lernen erarbeiten sich die Schüler Lerngegenstände selbst, nachdem sie zuvor im Unterricht anhand typischer Beispiele Wesentliches und Gesetzmäßiges darüber erfahren haben. Wenn ein Deutschlehrer in der 8. Klasse die Analyse einer Kurzgeschichte   sorgfältig einführt, können die Schüler diese Fertigkeit auf andere Texte übertragen. Für die Quellenanalyse im Geschichtsunterricht gilt dasselbe. Die Schulen sollten in einem internen Curriculum festlegen, welche Gegenstände „exemplarisch“ gelernt werden sollen. Dadurch wird ein einheitliches inhaltliches und methodisches Fundament gelegt, auf das im weiteren Unterricht sinnvoll aufgebaut werden kann. Dabei sollte Wert auf Orientierungswissen gelegt werden, das dabei hilft, die Wissensflut zu strukturieren.

„Steine im Fluss“

Die Didaktik kennt die Lerntheorie „Steine im Fluss“. Darunter versteht man die Vermittlung von Wissensbeständen, die unverzichtbar sind, um neues Wissen aufnehmen und es an schon Gelerntes andocken zu können. Der Lernende schreitet quasi trockenen Fußes von Stein zu Stein, bis er das andere Ufer, den neuen Wissenshorizont, erreicht. In jedem Unterrichtsfach gibt es ein solches Basiswissen. Die Basics der Mittelstufenmathematik sind z.B. Multiplikation, Division, Flächenberechnungen, Bruch- und Prozentrechnung, Dreisatz, Gleichungen und Potenzen. In Geschichte sind bilden solche Orientierungspunkte die zentralen Epocheneinschnitte: Reformation, Renaissance, Aufklärung, Französische Revolution, die anderen bürgerlichen Revolutionen, Novemberrevolution, Weimar, „Drittes Reich“, BRD und DDR sowie die Wiedervereinigung. Wenn sich die Lehrkräfte in allen Fächern anfangs auf das elementare Wissen konzentrieren, können sie am ehesten die entstandenen Lücken schließen. Die Fachkonferenzen sind dazu berufen, die elementaren Gegenstände für ihr Fach festzulegen.

Warum nicht Sommerschulen?

Für hochbegabte Schüler gibt es in den meisten Bundesländern Einrichtungen, die es ihnen ermöglichen, sich außerhalb des Schulbetriebs zusammen mit gleichbegabten Jugendlichen an schwierigen Lerngegenständen zu erproben. Diese Sommerschulen und Junior-Akademien finden in den großen Ferien statt, häufig in reizvoller, naturnaher Umgebung, so dass auch für eine angenehme Freizeitbeschäftigung gesorgt ist. Was spricht dagegen, solche Einrichtungen auch für lernschwache und sozial benachteiligte Schüler zu schaffen? Wenn die Förderkurse drei Wochen dauern, hätten die Schüler immer noch genügend Zeit, mit ihren Eltern zu verreisen oder ihren Hobbys nachzugehen. In Deutschland gibt es ein riesiges Reservoir an pensionierten Lehrkräften, die sich bester Gesundheit erfreuen. Warum ist noch kein Kultusminister auf die Idee gekommen, die motivierten unter ihnen für die Unterstützung der abgehängten Schüler zu gewinnen? Auch Lehramtsstudenten könnte man für diese Aufgabe motivieren. Wenn man ihren praktischen Einsatz an der Lernfront „vergütet“, indem man ihnen dafür die Belegung eines theoretischen Pädagogikseminars erlässt, gäbe es zwei Gewinner: Die Schüler fänden motivierte Unterstützer und die angehenden Lehrer lernten schon während ihres Studiums den pädagogischen „Ernstfall“ kennen. Was kann ihnen Besseres passieren?

Wir lassen kein Kind zurück

An einem Berliner Gymnasium habe ich einmal gemeinsam mit einer Kollegin beschlossen, eine uns anvertraute 7.  Klasse (in Berlin ist dies die Eingangsklasse im Gymnasium) so zu unterstützen, dass die ganze Mittelstufe hindurch kein einziger Schüler sitzen bleibt. Unser Motto hieß: „Wir lassen keine(n) zurück! Jede(r) kann es schaffen!“ – Wir initiierten ein Patenschafts-Modell. Jedem Schüler wurde in seinem schlechten Fach ein guter Schüler aus der Klasse als Lernpate zur Seite gestellt.  Er unterstützte ihn bei den Hausaufgaben, lernte mit ihm gemeinsam auf Tests und Klassenarbeiten.  Reichte die Hilfe durch Mitschüler nicht aus, nahmen wir Kontakt zu den jeweiligen Fachlehrern auf, um sie für weitere Hilfsmaßnahmen zu gewinnen. Der Erfolg blieb nicht aus:  Vier Jahre lang blieb kein einziger Schüler der Klasse sitzen.  Quantitativ bestraften wir uns selbst, weil am Ende jedes Schuljahres „von oben“ Sitzenbleiber in unsere Klasse kamen. Zum Schluss saßen 36 Schüler in der Klasse.  Qualitativ hat dieses Modell jedoch die Klasse enorm gestärkt. Der Zusammenhalt und das Selbstbewusstsein waren nach vier Jahren ungleich stärker entwickelt als in den Parallelklassen.  Aus einer Ansammlung von Einzelkämpfern war eine echte Klassengemeinschaft gewachsen.  Damit haben wir – ohne es zu wissen – ein wichtiges Merkmal erfolgreichen Lernens erfüllt, das der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie als unverzichtbar einschätzt. Er hält den „Klassenzusammenhalt, das Gefühl, dass alle (Lehrperson und Lernende) gemeinsam für positive Lernerfolge arbeiten“, für eine der wirksamsten Lernmethoden. 

Keine bequemen Ausreden mehr

In Deutschland haben die Schulen große Gestaltungsspielräume. Im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben und der Fachlehrpläne können sie nach Gutdünken pädagogische Lösungen entwickeln, die das Lernen der Schüler effektiver gestalten und den sozialen Zusammenhalt der Schüler fördern. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Man muss nur die Internetauftritte der Schulen quer durch die Republik aufrufen, um zu sehen, wie kreativ und einfallsreich sich viele Schulen den Herausforderungen des Lernens unter Corona-Bedingungen stellen. Auf Hilfe „von oben“ zu warten, ist für Schulen oft nur eine bequeme Ausrede, wenn es ihnen an Einfallsreichtum und Wagemut mangelt. Lethargie und Selbstgenügsamkeit sollten angesichts der Herausforderungen, vor die uns die Corona-Krise stellt, ein Ende haben. Die Kinder dürfen nicht zu den Verlierern der Pandemie werden.

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Unterricht gehört regelmäßig auf den Prüfstand

Veröffentlicht auf CICERO-online am 28. Februar 2021

Veröffentlicht auf CICER-online am 28. Februar 2021

Das  Homeschooling  offenbart, dass viele Schüler vom selbständigen Lernen überfordert sind. Auch die soziale Bildungskluft vergrößert sich. Aber ziehen die Schulen auch Lehren aus der Krise? Der langjährige Lehrer Rainer Werner berichtet aus dem Klassenzimmer.

Im Netz stößt man auf Hilferufe von Schülern, die mit ihren Hausaufgaben überfordert sind. Eine Schülerin, die an einer Gedichtanalyse verzweifelt, schreibt: „Halloooo, ich sitze schon wirklich lange am Verständniss dieses Gedichtes. Ich soll es mit dem Gedicht von Günter Eich vergleichen…jedoch weiß ich nicht was dieses Gedicht mit das von Günter Eich im Hut hat…Das von Günter Eich ist ja unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg geschrieben worden und das von Christa Reinig 1965….Gedichte sind leider nicht meine Stärke…“ (Grammatik und Orthografie nach dem Original) – Was sich hier wie ein Hilferuf aus dem Homeschooling liest, wurde schon vor Corona-Zeiten ins Netz gestellt. Die Schülerin verzweifelt an einer alltäglichen Hausaufgabe. Sie zeigt nicht nur gravierende Rechtschreib- und Grammatikschwächen, sie hat offensichtlich auch nicht verstanden, wie man Gedichte interpretiert. Im Unterricht ist alles schon einmal „dran gewesen“, hängen geblieben ist wenig. Die Klage der Schülerin lässt ahnen, wie es um das Lernen bestellt ist, wenn die Schule über Wochen hinweg ins Elternhaus verlagert wird. Die Lernerträge, die die Schüler beim digitalen Lernen in den häuslichen vier Wänden erzielen, werden noch hinter den schulischen Ergebnissen zurückbleiben.

Den Präsenzunterricht in den Blick nehmen

Politiker äußern sich besorgt über die Lerndefizite, die das Homeschooling mit sich bringt. Sie klagen darüber, dass Kinder aus bildungsfernen Familien abgehängt würden, weil sie mit dem Lernen zu Hause überfordert seien und zudem nicht über das nötige digitale Equipment verfügten. Die Vorsitzende der Grünen Annalena Baerbock fordert gar einen „Bildungsschutzschirm“, der die zutage getretenen Schwächen im Fernunterricht ausgleichen solle. In Berlin dürfen Schüler, die Lernlücken aufweisen, eine Ehrenrunde drehen, ohne dass dies als Sitzenbleiben gewertet wird. Das große Kümmern um die Bildungsverlierer mutet merkwürdig an, wenn man bedenkt, dass schon vor der Corona-Pandemie jedes Jahr rund 50.000 Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Sie sind im Präsenzunterricht gescheitert. Sie haben keine besorgten Fürsprecher gefunden, niemand hat für sie Schutzschirme aufgespannt und Hilfspakete geschnürt. Man hat sie damit allein gelassen, dass sie im Unterricht zu wenig gelernt haben.  Das Homeschooling legt die Schwächen bloß, die im normalen Unterricht schon lange existieren. Wir sollten deshalb aus dem Befund des nationalen Großversuchs „Schüler lernen zu Hause“ die richtigen Lehren ziehen: Das Lernen muss effektiver, das Wissen nachhaltiger als bislang in den Köpfen verankert werden.

Die Wirksamkeit des Unterrichts überprüfen

In Deutschland unterrichten täglich 800.000 Lehrkräfte, ohne dass die Wirksamkeit ihres Tuns je auf den Prüfstand gestellt würde. Man traut den Lehrern aufgrund ihrer hochwertigen akademischen Ausbildung einfach zu, dass sie den Schülern ihr Wissen erfolgreich vermitteln können. Die Lehrerverbände mauern, wenn es darum geht, die Performance der Lehrkräfte im Unterricht zu überprüfen. Sie wollen ihre Mitglieder nicht vor den Kopf stoßen. Auch die Schulbehörden blockieren aus falscher Rücksichtnahme die Evaluierung von Unterricht. Dabei wäre sie leicht möglich. Man bräuchte nur die Ergebnisse der Lernstandserhebungen TIMMS und VERA und beim Mittleren Schulabschluss nach Lerngruppen differenziert auszuwerten. Lehrkräfte mit besonders schlechten Ergebnissen wären dann gezwungen, die Wirksamkeit ihres Unterrichts zu überprüfen und vorhandene Schwächen in Fortbildungen auszubügeln. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hält die Selbstevaluation der Lehrkräfte für eine der wichtigsten Produktivkräfte für einen guten Unterricht: „Meine Rolle als Lehrperson ist es, den Effekt, den ich auf meine Schülerinnen und Schüler habe, zu evaluieren.“ – Die Lernforschung hat herausgefunden, dass sich ein Teil des erworbenen Wissens schon nach wenigen Wochen wieder verflüchtigt, weil es nur im Kurzzeitspeicher des Gehirns abgelegt worden war. Schüler kennen die Effektivität dieses Speichers sehr gut, wenn sie zum Leidwesen von Lehrern und Eltern immer erst auf den letzten Drücker, also in der Nacht vor der Klausur, lernen. Sie pochen jedoch darauf, dass es für sie die beste Methode sei, sich den Stoff zu merken. Damit haben sie sicher recht. Nachhaltig gelernt haben sie allerdings nicht. Dieses ständige Vergessen eines Teils des Stoffes infolge nur oberflächlicher Rezeption senkt den Wirkungsgrad von Lernprozessen entscheidend. Die Flüchtigkeit des Wissens ist zudem eine Vergeudung einer kostbaren Ressource: der vorher aufgewandten Lehr- und Lernbemühung. Wie man beim Lernen das Langzeitgedächtnis aktivieren kann, ist hinlänglich bekannt. In die Unterrichtspraxis haben solche Methoden kaum Eingang gefunden. Es muss uns zu denken geben, dass sich Schüler, die am Vormittag mit Selbstlernmethoden traktiert werden, zu Hause den gekonnten Vortrag eines Youtube-Lehrers gönnen, der die Sachverhalte so anschaulich erklärt, dass der Groschen schließlich fällt. Diese Abstimmung per Mausklick für den viel gescholtenen Frontalunterricht ist ein Misstrauensvotum gegen „schülerzugewandte“ Lernmethoden, die ihre Versprechen nicht einzulösen vermögen.

Feedback  per Fragebogen

Ich habe an einem Berliner Gymnasium unterrichtet, das zu den Pionieren der Feedback- Kultur zählt. Von Klasse sieben bis zum Abitur dürfen die Schüler ihre Lehrkräfte mit altersgerechten Fragebögen bewerten. In den unteren Klassen geht es neben der Qualität des Unterrichts („Ist der Lehrer optimal vorbereitet?“) vor allem um emotionale Aspekte, die in dieser Altersstufe beim Lernen besonders wichtig sind: „Mag euch euer Lehrer?“. In den oberen Klassen sind die Fragebögen anspruchsvoller. Sie nehmen die didaktische Qualität des Unterrichts in den Blick: „Ist der Unterricht motivierend und abwechslungsreich gestaltet?“, „Wie viel habt ihr im Unterricht gelernt?“ – Ich habe mich – auch bei der Bewertung meines eigenen Unterrichts – immer gewundert, wie präzise und aussagekräftig die Urteile der Schüler sind. Wenn man jahrelang die Schulbank drückt, können einem die Stärken und Schwächen von Lehrern nicht verborgen bleiben.  Schülerbewertungen sind aber nur dann nützlich, wenn die Lehrkräfte daraus die richtigen Konsequenzen ziehen. Wenn die Schüler ihrem Geschichtslehrer bescheinigen, bei ihm wenig gelernt zu haben, muss er seinen Unterricht hinterfragen, ggf. muss er Hilfe von erfahrenen Kollegen in Anspruch nehmen.

Die zweite Reform an meinem Gymnasium betraf die kollegiale Hospitation: Lehrkräfte desselben Faches besuchen sich gegenseitig im Unterricht, um von den originellen und erfolgreichen Methoden des Kollegen zu profitieren. Beide Feedback-Methoden haben die Unterrichtsqualität der ganzen Schule binnen weniger Jahre verbessert. Die Schule stieg aus dem Mittelfeld an die Spitze aller Berliner Gymnasien auf.

Guten Unterricht teilen

Was Lehrkräfte sich am meisten wünschen, ist eine digitale Plattform, auf der vorbildliche Unterrichtsstunden aus ganz Deutschland abrufbar sind.   Warum ist es nicht möglich, die grandiose Stunde eines Physiklehrers in Kiel den Lehrern in der ganzen Republik zugänglich zu machen? Warum sollten nur die Schüler einer Schule in Passau in den Genuss einer genialen Musikstunde kommen? Die Arbeitserleichterung durch eine solche „geteilte Nutzung“ wäre enorm und der Effekt der Unterrichtsoptimierung nicht zu unterschätzen. Wenn „Sharing Economy“ einen Sinn hat, dann hier.  Wenn alle Lehrkräfte in Deutschland nur noch Musterstunden – gerne auch die oft vorbildlich ausgearbeiteten Stunden von Referendaren – unterrichten würden, wäre dies ein Qualitätsschub sondergleichen. Wann kommt die Cloud „Guter Unterricht für alle“? Hier hätten Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerin eine dankbare Aufgabe.

Den Wirkungsgrad des Unterrichts steigern

Es führt kein Weg daran vorbei: Unsere Schulen müssen ihr Qualitätsmanagement verbessern. Künftig sollte es selbstverständlich sein, dass der Unterricht der Lehrkräfte auf den Prüfstand gestellt wird. Digitale Bewertungsplattformen können dabei hilfreich sein. Es muss vor allem sichergestellt werden, dass nur wirksame Unterrichtsmethoden zum Zuge kommen. Welche das sind, hat der Lernforscher John Hattie in seiner Großstudie plausibel dargelegt. Nachdem wir in der Corona-Zeit gelernt haben, evidenzbasiert zu operieren, sollte wissenschaftliche Plausibilität auch in der Pädagogik Einzug halten. Das Wünschbare reicht offenkundig für den Schulerfolg unserer Schüler nicht aus.

Was der Ottomotor kann…

Mich hat es immer schon gewundert, dass im Land der Tüftler und Erfinder der Wirkungsgrad aller technischen Geräte gemessen wird, dass aber nach dem Effekt schulischen Lernens   kaum jemand fragt. Wenn der Wirkungsgrad eines Ottomotors 40 Prozent beträgt, sollte es doch möglich sein, den Wirkungsgrad des Unterrichts auf über 50 Prozent zu steigern, zumal diesem Ziel physikalische Gesetzmäßigkeiten nicht im Wege stehen.

Der Autor unterrichtete an einem Berliner Gymnasium Deutsch und Geschichte. Er verfasste das Buch „Fluch des Erfolgs. Wie das Gymnasium zur ´Gesamtschule light` mutiert“.

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Eine vorbildliche Schule

Von Rainer Werner

Die staatliche Schule leidet darunter, dass sich die politischen Entscheidungsträger von der wissenschaftlichen Evidenz weitgehend verabschiedet haben. Obwohl Studien belegen, dass das „individuelle Lernen“ Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteiligt, wird es an den Gemeinschaftsschulen unverdrossen weiter praktiziert. Das Wünschbare ist offensichtlich wichtiger als pädagogische Plausibilität. Der Kieler Bildungsforscher Olav Köller hat als Vorsitzender einer Qualitätskommission der Berliner Schule attestiert, dass die bislang angewandten Konzepte wirkungslos geblieben seien. Von einem Umsteuern unter Berufung auf Erprobtes und Bewährtes ist nichts bekannt. Auch in Berlin malt sich eine Regierungspartei eine schöne neue Schulwelt, die in der Praxis versagt. Es rächt sich bitter, dass sich das staatliche Schulsystem die bahnbrechenden Erkenntnisse des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie („Lernen sichtbar machen“, 2013) nie zu Eigen gemacht hat.

Zu den defizitären Staatsschulen gibt es seit 2006 ein attraktives Kontrastprogramm: die Leibniz Privatschule in Elmshorn und Kaltenkirchen.  1.700 Schüler besuchen gegenwärtig die Schule an ihren beiden Standorten. Die Leibniz Privatschule hat von Anfang an den Rat wissenschaftlicher Experten eingeholt und sie an der Ausarbeitung des Schulkonzepts beteiligt. Der Kieler Linguistik-Professor Henning Wode entwarf das „Konzept der sieben Säulen“, auf dem der Unterricht basiert: Die Sportbetonung soll nach dem antiken Wahlspruch „mens sana in corpore sano“ die körperliche Fitness stärken, die für Heranwachsende genauso wichtig ist wie die Entwicklung des Geistes. In den Naturwissenschaften werden die Erfindungen der Zukunft generiert. Die Beherrschung der Medien ist in unserer modernen Welt für mündige Staatsbürger unverzichtbar.  Englisch öffnet Schülern die Tür zur Welt, auch zu einem Studium im Ausland. Begabtenförderung steht bei „Leibniz“ nicht unter dem Verdacht der Elitebildung. Das Programm „Leistung macht Schule“ bietet begabten Schülern optimale Entfaltungsmöglichkeiten.  „Ohne Wirtschaft ist alles andere nichts.“ – Diese Einsicht wird an der Leibniz Privatschule beherzigt, indem Wirtschaftslehre ab der 5. Klasse altersgerecht unterrichtet wird. Über alle Unterrichtsfächer wölbt sich eine Werteerziehung, die die sozialen Tugenden für ein gedeihliches Miteinander vermittelt.

Der Hamburger Unterrichtsplaner Gerhard Förderer hat zusammen mit der Sonderpädagogin Bettina Marquardt das Unterrichtskonzept und den Verhaltenskodex der Schulgemeinschaft entwickelt. Dem Neurobiologen Gerhard Roth verdankt die Leibniz Privatschule die Anwendung „hirngerechter“ Lehr- und Lernformen. Sie garantieren, dass der Wirkungsgrad des Lernens hoch ist, weil sich das Gelernte im Gedächtnisspeicher der Schüler festsetzt.

Wie sieht eine Unterrichtstunde an der Leibniz Privatschule aus? Sie folgt dem klassischen Dreischritt, der geistigen Prozessen eigen ist: Der Einstieg sichert die Aufmerksamkeit für das Thema der Stunde. Er knüpft an bisher Gelerntes an, indem er das Vorwissen aktiviert und es für Neues sensibilisiert. In der Erarbeitungsphase analysieren die Schüler das dargebotene Material. Die dabei verwendete Methode ist variabel und abhängig vom Lernstoff. Die abschließende Reflexionsphase sichert das Lernergebnis. Das Stundenergebnis wird im Heft vermerkt. Wie machen sich die „hirngerechten“ Lehr- und Lernformen im Unterrichtsverlauf bemerkbar? Lernen funktioniert dann am besten, wenn der neue Stoff an das bisher Gelernte andocken kann. Das Lernarrangement muss deshalb so gestaltet sein, dass die Schüler das aktuell Dargebotene mit dem Vertrauten verknüpfen können. Die nötige Aufmerksamkeit der Schüler ist nur gegeben, wenn der Unterricht ruhig und störungsfrei verläuft. Deshalb sind im Konzept der Leibniz Privatschule die Unterrichtsregeln keine reinen Disziplinierungsmittel, sondern wichtige Voraussetzungen für effektives Lernen. Die systematische Wiederholung des Lernstoffes stellt sicher, dass er wirklich im Langzeitgedächtnis ankommt.

In meiner aktiven Zeit als Lehrer war es mir ein Anliegen, die Wirksamkeit meiner Lernmethoden zu testen. Dazu ließ ich meine Schüler einen Grammatiktest schreiben, dessen Resultate das übliche Notenbild ergaben.  Nach vier Wochen schrieb ich denselben Test ein zweites Mal. Jetzt fiel die Durchschnittsnote gegenüber dem ersten Ergebnis deutlich ab. Teile des Gelernten waren offensichtlich aus dem Gedächtnisspeicher wieder verschwunden. Wie konnte das geschehen? Schüler sind clevere Lerner. Sie wissen um die Fähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses, einen Stoff kurzfristig sicher abspeichern zu können. Deshalb lernen sie auf Tests und Klassenarbeiten gerne „auf den letzten Drücker“. Nachhaltiges Lernen sieht allerdings anders aus. Nach diesem Selbsttest stellte ich meinen Unterricht um. Ich baute in meine Stunden regelmäßige Wiederholungsphasen ein. Bei Klassenarbeiten reservierte ich immer eine Aufgabe für zurückliegende Lernstoffe. So waren die Schüler gezwungen, das Gelernte ins Langzeitgedächtnis zu befördern. Von einem Lernforscher lernte ich noch eine andere probate Methode nachhaltigen Lernens. Ich forderte Schüler auf, das Wissen zurückliegender Lernphasen in Kurzvorträgen zu präsentieren. Die Referenten bestimmte ich per Losverfahren.  Die Lernforschung hat herausgefunden, dass die Inhalte, die man anderen vorträgt, am sorgfältigsten gelernt werden. Das nachhaltige Abspeichern des Stoffes ist dann gewährleistet.

In der staatlichen Schule wird die Lehrkraft nie dazu angeregt, die Wirksamkeit ihres Tuns zu überprüfen. Ich habe diese Versuche aus eigenem Antrieb angestellt. Angeregt wurde ich durch einen Satz von John Hattie: „Meine Rolle als Lehrperson ist es, den Effekt, den ich auf meine Schülerinnen und Schüler habe, zu evaluieren.“ (John Hattie, Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen, 2014) – In der Technik ist es üblich, den Wirkungsgrad einer Maschine anzugeben. Ziel ist es, ihn durch technische Optimierung zu erhöhen. In der staatlichen Schule kann es geschehen, dass Lehrer jahraus, jahrein Unterrichtsmethoden anwenden, deren Wirksamkeit fraglich ist.  Man muss sich nicht wundern, dass 6,3 Prozent unserer Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen und ein Drittel der Bachelor-Studenten das Studium abbricht.

Wenn die Politiker, die die staatliche Schule verwalten, nicht so voreingenommen wären, würden sie von unseren Privatschulen lernen. Vom Ballast staatlicher Vorgaben (weitgehend) befreit, können diese experimentieren und auf neue Forschungsergebnisse schnell reagieren. In den Privatschulen schlummert – bislang unerkannt – ein Modell für die Schule der Zukunft. Die Leibniz Privatschule kann sich rühmen, eine solche Vorzeigeschule zu sein.

Allen pädagogisch Interessierten sei ein Buch zur Lektüre empfohlen, welches die Leibniz Privatschule vor kurzem herausgebracht hat: „Ein Modell für Schule. Die Leibniz Privatschule in Elmshorn und Kaltenkirchen“, Leibniz Blätter Verlag, 2021.  Es kostet 19,95 Euro.

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Grüne Bildungspolitik: Thema verfehlt

Veröffentlicht als Gastbeitrag auf CICERO-online am 2. Februar 2021

Das neue Grundsatzprogramm der Grünen versteht Bildungspolitik primär als Sozialpolitik. Den Anforderungen unserer Wissens- und Leistungsgesellschaft wird es   nicht einmal ansatzweise gerecht.

Wörter sind verräterisch, weil sie die Geisteshaltung der Autoren enthüllen. Im Bildungskapitel des neuen Grundsatzprogramms der Grünen findet sich zehn Mal das Wort „sozial“, ergänzt durch „ungleich“, „benachteiligt“ und „prekär“. Man glaubt, ein Dokument des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zu lesen. Folgerichtig wird dann auch – in einem Bildungsprogramm! – eine „höhere Besteuerung von Vermögen und Erbschaften“ gefordert. Die Grünen versuchen gar nicht erst zu verbergen, was sie in der Bildungspolitik antreibt. Sie schreiben: „Bildungspolitik und Sozialpolitik gehören zusammen“.   Die sozialpolitische Dominanz sieht man auch daran, dass es im Bildungskapitel ständig um Finanzen geht. Es trägt die Überschrift „In Bildung investieren“, wo man doch eigentlich erwartet hätte: Die beste Bildung für unsere Kinder!  Der innerdeutsche Leistungsvergleich zeigt deutlich, dass höhere Bildungsausgaben keineswegs bessere Schulleistungen verbürgen. Das Siegerland Sachsen gibt im Jahr pro Schüler 7.400 Euro aus; das Schlusslicht Berlin 9.700 Euro. Nicht Geld entscheidet über Bildungserfolge, sondern das pädagogische Konzept und seine praktische Umsetzung.

Vom Schulprogramm einer Partei erwartet man, dass es auf die evidenten Schwächen unseres Schulsystems Bezug nimmt und stimmige Lösungen anbietet. Ein ins Auge springender Mangel ist die hohe Quote an Schülern, die jährlich die Schule ohne Abschluss verlassen. Laut „Bildungsmonitor“ des Instituts der Deutschen Wirtschaft von 2020 ist dieQuote der Schulversager in Deutschland seit 2013 von 5,2 Prozent auf 6,8 Prozent gestiegen.  Jedes Jahr werden 54.000 Schüler – das entspricht der Einwohnerschaft von Wetzlar – in eine ungewisse Zukunft entlassen.    Wenn sie einen Lehrberuf beginnen, scheitern sie häufig an den Ansprüchen der Berufsschule.  Oft   landen sie   in Billigjobs, im Hartz IV-System, nicht selten auch in der Delinquenz. Was sagt das grüne Schulprogramm zu diesem alarmierenden Befund? Es fordert lapidar: „Kein Bildungsschritt soll ohne Abschluss bleiben.“ – Nach pädagogischen Rezepten, wie das gelingen kann, sucht man vergebens.  

In Deutschland ist die Schülerschaft insgesamt in ihren Leistungen zurückgefallen. Lagen deutsche Schüler beim PISA-Test 2015 in Mathematik noch 16 Punkte über dem OECD-Durchschnitt, sind es 2019 nur noch 11 Punkte.  Dieser Trend nach unten wird durch die Zahlen des IQB-Bildungstrends 2018 betätigt. Demnach sind die Leistungen von Neuntklässlern in den Fächern Mathematik und in den MINT-Fächern Biologie, Physik und Chemie im Vergleich zu 2012 signifikant schlechter geworden. Alarmierend ist die Zahl der Schüler, die in einigen Bundesländern unter den Mindeststandards für den Mittleren Schulabschluss bleiben. In Schleswig-Holstein sind es 28,5 Prozent, in Hamburg 28,8, im Saarland 31,2, in Berlin 33,9 und – absoluter Negativrekord – in Bremen 40,6 Prozent. Nur Sachsen und Bayern schaffen es durchgängig, bei ihren Schülern die Regel- und Mindeststandards zu sichern.

Wenn Schüler im Unterricht zu wenig lernen, liegt es häufig daran, dass sie die Lehrkraft mit ihren didaktischen Angeboten nicht erreicht.  In unseren Klassenzimmern werden heute viele „moderne“ Lernmethoden angewandt, mit denen die „kognitive Aktivierung“ der Schüler, die der Bildungsforscher Olaf Köller für wesentlich hält, nicht optimal gelingt. Die Schüler sind im Klassenzimmer aktiv, greifen sich am „Lernbüffet“ Material ab und kommunizieren mit ihren Klassenkameraden im „Karussell-Gespräch“. Was dabei an Lernfortschritt und Wissenszuwachs herauskommt, ist in den meisten Fällen dürftig. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die didaktische Mode des „selbstregulierten Lernens“ die Mehrzahl unserer Schüler überfordert. Nach meiner Erfahrung als Lehrer für Deutsch und Geschichte können nur leistungsstarke Schüler mit „offenen“ Unterrichtsformen wie dem „individuellen Lernen“ gewinnbringend umgehen. Das Münchener Ifo-Institut hat in einer Studie herausgefunden, dass ein Lehrer bei seinen Schülern einen Wissenszuwachs von ein bis zwei Monaten erzielen könnte, wenn er zehn Prozent mehr Zeit auf frontales Unterrichten verwendete (Guido Schwerdt, 2103) Der Lüneburger Erziehungswissenschaftler Martin Wellenreuther plädiert aus demselben Grund dafür, in stark heterogenen Lerngruppen das „entdeckende Lernen“ zugunsten der „direkten Instruktion“ der Lehrkraft und des von ihr gelenkten Unterrichtsgesprächs zu reduzieren. Er verweist dabei auf Erkenntnisse der Kognitionsforschung. Demnach erzeugt der offene Unterricht im Gehirn nicht die kognitiven Strukturen, an die die Schüler neu erworbenes Wissen andocken können. Da in den Bundesländern mit schlechten Schülerleistungen überwiegend in integrativen Schulformen gelernt wird, deren Klassen eine starke Heterogenität aufweisen, ist nicht von der Hand zu weisen, dass die dort praktizierten Varianten der Binnendifferenzierung einem effektiven Lernfortschritt im Wege stehen. Im   Unterricht an einer Berliner Gesamtschule lernte ich, dass vor allem die schwächeren Schüler auf die helfende Hand der Lehrkraft angewiesen sind. Notfalls muss man ihnen einen Sachverhalt mehrfach erklären. Solche Hilfestellungen sind bei einer Lernform, die den Lehrer zum Lernbegleiter herabstuft, nicht vorgesehen. Was sagt das grüne Schulprogramm zur Problematik der geringen Wirksamkeit von Unterricht?  Auf fünf Programmseiten findet sich zum Unterricht nur ein lapidarer Satz: Der „Unterricht [ist] so [zu] gestalten, dass er den natürlichen Wissensdurst, die Neugier und die Spielfreude junger Menschen fördert.“ Ob das die Botschaft ist, auf die 800.000 Lehrer in Deutschland gewartet haben? Sollte man vom Schulprogramm einer Partei, die sich anschickt, Regierungspartei zu werden, nicht erwarten dürfen, dass es wenigstens in Ansätzen den Stand des wissenschaftlichen Diskurses reflektiert?

Wenn ein Schulkonzept der „sozialen Gerechtigkeit“ verpflichtet ist, geraten die Akteure gerne in Versuchung, bei der Vergabe von Schulabschlüssen großzügig zu verfahren. In Berlin ist an den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen die Zahl der Schüler deutlich gestiegen, die den Übergang auf die gymnasiale Oberstufe schaffen. Dabei weisen sie, wie Olaf Köller in einem Interview im „Tagesspiegel“ enthüllte, ein niedrigeres Leistungsniveau auf als die vorigen Jahrgänge.   Die Berliner Abiturienten erzielten im Corona-Abitur 2020 mit 2,3 einen besseren Notendurchschnitt als die Prüflinge des Vorjahrs, obwohl in den Wochen vor der Prüfung   der Präsenzunterricht ausgefallen war. Auch die Quote der Abiturienten mit der Idealnote 1,0 ist binnen Jahresfrist von 2,1 auf 2,5 Prozent gestiegen. Wunderbare Intelligenzvermehrung in Corona-Zeiten?  Es liegt nahe, dass in einem schulischen Klima, in dem ständig das „Soziale“ eingefordert wird, bei Leistungsschwächen der Schüler großzügig verfahren wird. Man tut es ja für einen guten Zweck. Vor diesem Hintergrund versteht man die hohe Zahl an Studienabbrechern, die seit Jahren ca.  30 Prozent beträgt. Wie das Bundesbildungsministerium ermittelt   hat, liegen die wichtigsten Ursachen in zu hohen Leistungsanforderungen (30 Prozent) und mangelnder wissenschaftlicher Motivation (17 Prozent). Wäre es nicht die wichtigste Aufgabe des Gymnasiums, seine Absolventen auf die Anforderungen des Studiums vorzubereiten?

Insgesamt liest sich das grüne Schulprogramm wie ein provinzielles Kiez-Manifest. Die Wissenskonkurrenz, in der unser Land und die EU in der Welt stehen, wird völlig ausgeblendet.   Die PISA-Studie von 2019 hat gezeigt, dass sich unter den zehn besten Ländern sieben aus Asien befinden.  Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Innovationsstandort Deutschland verliert unser Land bei den wichtigen Zukunftstechnologien zunehmend an Bedeutung. Gehörte Deutschland 2010 noch in 47 dieser 58 Technologien zu den drei Nationen mit den meisten Weltklassepatenten, so hat sich dieser Anteil 2019 auf 22 Technologien mehr als halbiert. Deutschland vernachlässigt offensichtlich die Förderung seiner intellektuellen Talente. Zwei Prozent unserer Schüler gelten als hochbegabt, weil sie einen Intelligenzquotienten von über 130 besitzen.  Bei einer Gesamtschülerzahl von 10,9 Millionen sind das 218.000 Schüler.  Dies entspricht der Einwohnerzahl der Stadt Mainz. Diese Schüler im Unterricht nicht ausreichend zu fördern, verstößt nicht nur gegen das Gebot der Humanität.  Es ist auch töricht, weil es diese jungen Menschen sind, die später die kreativen Geschäftsmodelle generieren, die unseren Wohlstand mehren. Statt noch mehr Sozialpolitik in der Schule benötigen wir eine intellektuelle Bildungsreform, die die schulischen Leistungen aller Schülergruppen verbessert. Maßstab für Unterrichtsqualität sollten die anspruchsvollen Bildungsstandards sein, die die KMK schon vor Jahren für alle Fächer beschlossen hat. Sie müssen nur konsequent durchgesetzt werden.

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Verirrungen der Gendersprache

Bei Umfragen geben über 70 Prozent der Bevölkerung zu erkennen, dass sie die Gendersprache ablehnen. Was macht der Tagesspiegel? Er möchte sie künftig in seinen Artikeln unterbringen. Wenigstens kann man im gedruckten Text die Zungenbrecher nicht hören, die Claus Kleber und Petra Gerster vom ZDF veranstalten, um die Schnittstelle zwischen  Stamm- und Endsilbe („Klimaaktivist – hicks – innen“) zu verdeutlichen.  Die Versuche, die andere Zeitungen beim Gendern unternommen haben, sind wenig verheißungsvoll.  Oft wird die weibliche Form nur benutzt, wenn das Wort in der öffentlichen Wahrnehmung positiv konnotiert ist: Klimaaktivist*in, Virolog*in, Krankenpfleger*in. Bei   Attentäter und Straftäter werden gerne männliche Formen verwendet. Wer beim Gendern nach dem Gehalt der Substantive selektiert, führt die Intention der Gendersprache ad absurdum. Diese dient feministischen Linguistinnen ja dazu, das (grammatisch korrekte) generische Maskulinum durch das (neu erfundene) generische Femininum zu ersetzen. Wenn man bei anstößigen Wörtern wie Kinderschänder oder Serientäter doch auf die maskuline Form zurückgreift, gibt man zu erkennen, dass es gar nicht um eine frauenfreundliche Grammatik geht, sondern um die Bewusstseinslenkung der Bevölkerung: Frauen sind die Guten, Männer die Bösen.

Als Germanist widerstrebt mir das Gendern unserer Sprache grundsätzlich. Diesem Konzept liegt der Irrtum zugrunde, in der Form der Substantive bilde sich das Geschlecht derer ab, die sie benennen. Simple Beispiele können dies widerlegen. Die Führungskraft ist grammatisch weiblich, und zwar auch dann, wenn es sich um einen Mann handelt. Der Mond ist in Deutschland männlich, in Italien weiblich. Gibt es im Kosmos zwei Monde? Bei der Sonne ist es umgekehrt. Das generische Geschlecht geht eigene Wege, die mit dem realen Geschlecht (Sexus) nichts zu tun haben. Im Russischen heißt der Mann „muzhchina“, hat also eine weibliche (!) Endung. Wie müsste hier gegendert werden? 
Der Schriftsteller Eugen Ruge, der als DDR-Bürger die Sprachregelungen der SED über sich ergehen lassen musste, hat in einem ZEIT-Beitrag die Absurditäten der Gendersprache trefflich beschrieben: „Dass der Läufer grammatisch männlich ist, kommt nicht daher, dass Frauen im Patriarchat nicht laufen durften, sondern weil Substantive, die auf -er gebildet werden, fast immer männlich sind.  Die Leiche ist nicht weiblich, weil nur Frauen sterben, sondern weil Substantive auf -e in der Regel weiblich sind.“ Ergo: Das biologische Geschlecht hat mit dem grammatischen Geschlecht nichts zu tun. 

Vollends absurd wird es, wenn Gattungsbezeichnungen durch das Partizip I ersetzt werden. Ein Student ist jemand, der an der Hochschule eingeschrieben ist und einen akademischen Abschluss anstrebt. Ein Studierender ist jemand (Frau oder Mann), der gerade am Schreibtisch sitzt und einen Essay über das Verschwinden der Schmetterlinge schreibt. Wenn der Student mit seinen Freunden in der Kneipe zecht, bleibt er ein Student. Ein Studierender in der Kneipe ist absurd, es sei denn er studiert beim Trinken die Qualität der Biersorten. Auf die Spitze des Unsinns trieb es die grüne Umwelt- und Verkehrsministerin von Berlin, Regine Günther. Im Dezember 2020 meldete ihre Behörde, dass es im Jahr 2020 insgesamt 17 „tote Radfahrende“ gegeben habe. Man traut den Grünen ja allerhand zu. Dass sie aber die Auferstehung von den Toten zustande bringen und tote Radfahrer wieder „fahrend“ machen, übersteigt dann doch alle Erwartungen.

Wie man sieht, kennt die Fantasie beim Gendern keine Grenzen. Man kann dem Tagesspiegel nur wünschen, dass er im Genderrausch nicht zum Witzblatt mutiert.

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