Vom Betroffenheitskult zum Bildersturm

Es gehört schon eine gehörige Portion Ignoranz dazu, in dem Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer eine sexistische Botschaft zu entdecken: „….alleen und blumen und frauen und /ein bewunderer“. Wenn man sich nur genügend betroffen fühlt, scheint alles möglich. Subjektive  Betroffenheit ersetzt ästhetischen Sachverstand und historisches Bewusstsein. Ein Gedicht, das  vor 67  Jahren entstanden ist, wird mit der moralischen Messlatte von heute taxiert und für anstößig empfunden. Mit dem Verdikt aus feministischem Munde wird eine ganze Poetik des Begehrens dem  Orkus anheimgegeben. Seit es Liebeslyrik gibt, wird sie bestimmt vom männlichen Blick auf das Objekt der Begierde, die Frau. Und dort, wo es Lyrik von Frauen gibt (ja, es gibt sie auch),  ist es umgekehrt. Else Lasker-Schüler war nicht zimperlich, das Objekt ihrer Begierde poetisch zu umreißen: „An dem seligen Glanz deines Leibes / Zündet mein Herz seine Himmel an“. Am schönsten hat den männlichen  Blick auf die Frau Johann Wolfgang von Goethe in seinen „Römischen Elegien“ gestaltet: „Und belehr ich mich nicht, indem ich des lieblichen Busens / Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab?“. Den weiblichen Körper zu erkunden, war dem großen Erotiker auch ein Bildungserlebnis. Den lüsternen Blick, den die Berliner Studentinnen fälschlich in das harmlose Gedicht der „Konkreten Poesie“ hineinlesen, könnte man eher beim Erkunder römischer Kunstschätze und Frauen – Goethe –  entdecken: „Folgte Begierde dem Blick, folgte Genuss der Begier“.

Die feine Weimarer Gesellschaft zerriss sich ob der Unmoral, die aus den Elegien spreche, die Mäuler, besonders Charlotte vom Stein und Charlotte von Schiller. In den ersten gedruckten Ausgaben waren die anstößigen Stellen getilgt und mit Auslassungspunkten versehen. Goethe hat mit seinen erotischen Gedichten Maßstäbe gesetzt, an denen sich spätere Dichtergenerationen orientieren sollten. Und viele taten es ihm an erotischen Erkundungen  gleich.  Der kommunistische Dichter Bertolt Brecht integrierte sein sehr freizügiges Liebesleben –  geschäftstüchtig, wie er war –  in den Produktionsprozess seiner Werke. Seine Nebenfrauen versüßten nicht nur seine Nächte, sie schrieben auch mit an seinen Dramen – für beschämend geringes Salär. Obendrein  mussten sie  erdulden, dass der Meister auch ihre erotischen Qualitäten qualifizierte, z.B. in dem „Sonett über einen durchschnittlichen Beischlaf“.

Kunst macht all dies möglich, und die Freiheit der Kunst schützt die Werke vor Anfeindungen, seien sie religiöser, puritanisch-moralischer oder – neu: feministischer Natur. Im Grunde ersetzen die  feministischen Sprachwächter  den Vorwurf des Unmoralischen nur durch den Vorwurf des Sexistischen. Moralische und gendergetriebene Urteile  beschädigen das Kunstwerk gleichermaßen, weil sie die Ebene der ästhetischen Kritik verlassen und sich auf das Gelände der Ideologie begeben. Von ideologischer Kunstbetrachtung hatten wir in der deutschen Geschichte genug. An einer Renaissance dieser  kunstfernen Unart kann niemandem gelegen sein.

Wenn man ohne ästhetischen Sachverstand und literaturhistorischen Sinn nur die Worte eines Gedichts, also nur seine  Oberfläche,  bewertet, kann aus Goethes „Heideröslein“ leicht die Rechtfertigung eine Vergewaltigung herauslesen („Röslein wehrte sich und stach, / Half ihm doch kein Weh und Ach,/Musst’ es eben leiden“). Seine Ballade  „Der Erlkönig“ wird dann zur Darstellung eines schändlichen Übergriffs durch einen Pädophilen („Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an! / Erlkönig hat mir ein Leids getan!„). Goethe hat in seinem „Faust“ selbst die Gebrauchsanweisung zum Verständnis literarischer Texte gegeben  –  in weiser Voraussicht, dass sie zum Sezierobjekt von Ignoranten werden könnten: Es glaube der „Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen“. Das sollten sich unsere Kunstverächter  hinter die Ohren schreiben.

Die Politische Korrektheit, die sich hier an der Kunst austobt, hat auch längst die Bildungseinrichtungen erobert. Aus US-amerikanischen Hochschulen kennen wir den „Trigger-Alarm“. Mit sogenannten „trigger warnings“ werden Studenten von ihren Dozenten vorsorglich darauf aufmerksam gemacht, dass ein Aufsatz, ein literarisches Werk,  ein Vortrag  das Publikum verunsichern und verstören könnte. Selbst Romane und Dramen der Weltliteratur können dem Warnsystem zum Opfer fallen, wenn  sie den sensiblen Studenten in ihrer emotionalen Betroffenheit nicht zugemutet werden können. Durch diese Selbstinfantilisierung bleibt die intellektuelle Neugier, die zum Lebenselixier eines wissenschaftlichen Studiums gehört,  auf der Strecke.

In Deutschland macht sich der Korrektheitswahn vor allem im Umgang mit Schülern bemerkbar. Es gibt keine Zeugnisse mehr, in denen  schlechte Leistungen und unziemliches Verhalten  explizit benannt werden dürften. Alles muss so positiv umschrieben werden, wie wir es aus der Wirtschaft von den geschönten Zeugnissen gekündigter Mitarbeiter her kennen. Dort  führte es zu einem System der Heuchelei, weil pfiffige Personalchefs lernten, den Geheimcode der Zeugnisse zu lesen.  Die Gewerkschaften haben ebenfalls euphemistische Sprachregelungen durchgesetzt, um Berufe mit mäßigem Image  aufzuwerten: Aus der Putzfrau wurde die Reinigungsfrau und schließlich die Reinigungsfachkraft. Wie sieht  die Sprachregelung auf den Schülerzeugnissen aus? Wenn ein Schüler durch unflätige Ausdrücke Mitschüler beleidigt, heißt es im Zeugnis: „Ronald muss lernen, seinen Mitschülern noch freundlichlicher zu begegnen.“ Fortschrittliche Didaktiker schlagen vor, negatives Schülerverhalten euphemistisch aufzuwerten. Aus einem „verhaltensgestörten“ oder „verhaltensauffälligen“ Schüler soll ein „verhaltenskreativer“ Junge werden.  Aus negativ mach positiv! Diese  Umwertung anstößigen Verhaltens ins Positive signalisiert:  Nicht der Schüler muss sein Verhalten ändern. Nein, die Lehrkraft muss in der Störung ein verstecktes kreatives Potential entdecken. Die neue Sprachregelung verlangt von Schülern nicht mehr, dass sie ihr Verhalten kontrollieren und dem Bedürfnis der Gemeinschaft anpassen. Nein, die Gemeinschaft muss ertragen, das ein Mitglied „kreativ“ aus der Reihe tanzt. Man kann den Individualismus auch so   auf die Spitze treiben, dass er zum krassen Egoismus mutiert.

Dass die historische Bildung unserer Schüler zu wünschen übrig lässt, pfeifen inzwischen die Spatzen von den Dächern. Dass aber auch gebildete Erwachsene die geschichtliche Wahrheit umdeuten, ist dann doch alarmierend. Die politisch motivierte Sprachreinigung hat inzwischen auch historische Persönlichkeiten entdeckt, die es aus dem öffentlichen Raum zu vertilgen gilt.  In Berlin wurde vor einiger Zeit der Name einer Kita vom Namensgeber  „Turnvater Jahn“ gesäubert. In Greifswald  wurde der Name der Universität vom Namenspatron Ernst Moritz Arndt „befreit“. Beide Male wurde über  die Personen wegen ihrer Gesinnung, die sie vor 150 Jahren an den Tag gelegt haben, der Stab gebrochen. Dabei legen die Moralwächter  ohne Skrupel  die Elle des politisch korrekten Verhaltens von heute an. Sie sind nicht in der Lage oder nicht willens, das aus heutiger Sicht  anstößige Verhalten historischer Persönlichkeiten aus dem historischen Kontext heraus zu verstehen. Der Nationalismus, den sie beiden Persönlichkeiten vorwerfen, war im 19. Jahrhundert ein linkes, fortschrittliches Projekt, weil er die Kleinstaaterei überwinden und ein demokratisches Deutschland schaffen wollte. Der Franzosenhass, der in  heutigen Ohren anstößig klingt, verdankt sich dem brutalen Besatzungsregime Napoleons. Theodor Fontane beschreibt in seinem Roman „Vor dem Sturm“, wie sich die einfache Landbevölkerung Preußens nach Befreiung vom französischen Joch sehnt und sich schließlich dem Landsturm anschließt. Es ist doch nicht zu viel verlangt, dass man  versuchsweise die Perspektive der damals handelnden Personen einnimmt, bevor man mit der Elle heutiger Moralvorstellungen über sie den Stab bricht.

Die „Säuberungen“ von Kunstwerken aus Anthologien und Museen und die Tilgung historischer Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Raum sind deutliche Anzeichen geistiger Verarmung. Sie sind auch Ausdruck von Kunstverachtung, als seien Gedichte und Gemälde Waren, die man bei Nachweis toxischer Spuren vorsorglich  aus dem Regal nimmt. Kunst ist ein Lebenselixier, das man braucht wie Luft, Liebe und Nahrung. Rainer Maria Rilke schrieb in seinem Gedicht über den „Archäischen Torso Apollos“: „…denn da ist keine Stelle, /  die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern“. Große Kunstwerke machen etwas mit uns, sie erbauen und läutern uns und sie können uns tatsächlich verändern. Es wird Zeit, dass die Kunstliebhaber die Kunst gegen  alle Ignoranten, in welcher Verkleidung sie auch immer auftreten mögen, verteidigen.

 

 

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