Inselparadies mit dunkler Vergangenheit

Auf der Insel Reiswerder im Tegeler See versteckten sich 1943 fünf Juden. Nach 18 Monaten wurden sie von der Gestapo entdeckt und in verschiedene  Konzentrationslager verschleppt.

Betritt man nach kurzer Fahrt mit der Fähre das kleine Eiland Reiswerder im Tegeler See, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt: Kleine Lauben, eine Gaststätte namens „Inselbaude“, ein insulares Rathaus versammeln sich  unter dem Kronendach  hoher alter Bäume stattlichen Ausmaßes. Die Uferzonen sind durch dichtes Gestrüpp und grüne  Schilfgürtel  vom bunten Treiben auf der Insel abgetrennt. Auf Reiswerder gibt es seit 1914 den „Verein der Naturfreunde Baumwerder-Reiswerder e.V.“, der den „ökologisch verwalteten ´Inselstaat`“ – so der zweite Vorsitzende des Vereins Lothar Berndorff – organisiert. Auf der Insel können Städter  dem Großstadttrubel  entkommen und  in unberührter Natur Ruhe  und Entspannung  finden.

In der Geschichte dieses weltabgewandten Eilands gibt es  eine „Wunde“, die ihm von der großen Politik zugefügt wurde. 1943 flohen fünf Berliner Juden nach Reiswerder, um sich der Verfolgung durch die Gestapo und die SS zu entziehen. Von nichtjüdischen Laubenbesitzern wurden sie versteckt und mit Lebensmitteln versorgt, da sie als untergetauchte  Juden keine Lebensmittelkarten besaßen. Es waren ein Ehepaar, ein Mann, eine Frau und ein siebzehnjähriges Mädchen. Sie gehörten zu den 7.000 Juden, die in Berlin untergetaucht waren, um der Deportation in die Konzentrationslager zu entgehen. Sie versteckten sich auf Dachböden, in Kellerverschlägen, in Laubenkolonien, ja sogar auf Friedhöfen. Zu ihrer Tarnung gehörten  gefärbte Haare und falsche Papiere. Wichtig war ein echt aussehender „Ariernachweis“, der bei einer Verhaftung zumindest vorläufigen Schutz bot. Laubenkolonien waren für  Juden beliebte und auch relativ sichere Verstecke, weil sie in Berlin besonders zahlreich waren und eine große Ausdehnung hatten. Sie zu durchkämmen, war mit großem Aufwand verbunden. Von den in Berlin untergetauchten Juden überlebten nur 1.500 den Vernichtungsfuror.  Die Nationalsozialisten setzten beim Aufspüren der Untergetauchten vor allem auf Spitzel. Besonders gefährlich waren jüdische Spitzel („Greifer“), die das Milieu gut kannten, weil sie in der Regel selbst im Untergrund gelebt hatten, bevor sie von der Gestapo aufgegriffen wurden.  Häufig war der Verrat ein Ergebnis von Erpressung: Sie wurden von der Gestapo vor die Wahl gestellt, mit ihr zusammenzuarbeiten oder in ein Vernichtungslager deportiert zu werden.
Die fünf auf Reiswerder untergetauchten Juden wurden von einem jüdischen Spitzel namens Peter Friedländer verraten. Seine Vita ist bis heute ungeklärt. Die Gestapo setzte am 23. August 1944 von Tegelort aus mit Booten nach Reiswerder über, durchkämmte die Lauben und nahm die versteckten Juden fest. Sie wurden in verschiedene Konzentrationslager eingeliefert. Drei von ihnen überlebten die Tortur in den Lagern und wurden 1945  von den Alliierten befreit.

Die Geschichte der Juden von Reiswerder kann man in einem Buch nachlesen, das Christiane Carstens im Frühjahr  2019 in einem Berliner Verlag herausgebracht hat:  Christiane Carstens: „Untergetaucht auf Reiswerder. Spurensuche auf einer Insel im Norden Berlins“. Die Autorin ist von Beruf Schauspielerin und Filmemacherin. Als Mitglied im Verein der Naturfreunde stieß  sie auf die Information, dass sich  während der Kriegsjahre 1943/1944 auf der Insel Juden versteckt hätten, dass sie schließlich doch entdeckt und verhaftet wurden. Auf der Grundlage akribischer Recherchen in verschiedenen Archiven zeichnet Christiane Carstens das Schicksal der Juden auf Reiswerder nach. Sie gibt  den Opfern, die sonst nur als Zahl  in einer anonymen  Statistik vorkommen, ein Gesicht. Das Buch ist ein Stück politischer Heimatkunde und  ein „wertvoller Beitrag zur Sozialgeschichte deutscher Juden im Holocaust“ (Lothar Berndorff). Ohne ein historisches Studium absolviert zu haben, hat es die Autorin geschafft, uns das traurige Lebensschicksal von fünf Berliner Juden  durch ihre genaue Recherche,  durch  Einfühlungsvermögen und Empathie nahezubringen. Der Leser findet in dem Buch zahlreiche Fotos in Schwarz-Weiß, die das Leben auf der Insel Reiswerder von der Weimarer Republik bis heute veranschaulichen.

Das Buch eignet sich hervorragend für den Geschichtsunterricht unserer Schulen.  Schüler können dabei lernen, wie brutal  das grausame Räderwerk nationalsozialistischer Verfolgung in das Leben der Menschen eingriff und es vernichtete, wenn es der Rassenwahn gebot. Das Buch steht in der Tradition von „oral history“, einer Geschichtsschreibung, die die übliche Form strukturalistischer Historiographie durch den Blick „von unten“ ergänzt. Wenn Zeitzeugen nicht mehr zur Verfügung stehen, um „ihre Geschichte“ zu erzählen, müssen  Historiker die Aufgabe übernehmen, den Nachgeborenen die Lebensschicksale von Menschen zu erzählen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben. Das Buch von Christiane Carstens fügt sich ein in die Reihe der Bücher, die das Gedächtnis  der Opfer lebendig halten.

 

Berlin, im September 2019

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Geschichtsunterricht, Historisches Bewusstsein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s