Ein neuer Feiertag

Abgedruckt in der WELT vom 6. 6. 2018

Die  Norddeutschen  bekommen schon dieses Jahr  einen neuen Feiertag geschenkt. Die Landtage von Schleswig-Holstein und Hamburg haben  den Reformationstag am 31. Oktober  zum gesetzlichen Feiertag erklärt. Die Parlamente von Bremen und Niedersachsen werden sich diesem Votum voraussichtlich  anschließen. In Berlin ist noch nicht entschieden, welcher Tag künftig als neuer Feiertag begangen werden soll. In Frage käme der 9. November, der Tag, an dem  in Berlin die Mauer  fiel. In die Freude über dieses historisch einmalige Ereignis („Wahnsinn“) müsste   sich jedoch Nachdenklichkeit und Trauer mischen, weil am 9. November 1938 auch die Reichspogromnacht war, bei der Schlägertrupps der SA Synagogen und jüdische Geschäfte in Brand steckten. Im Gespräch sind auch  der 17. Juni, der an den Volksaufstand in der DDR 1953 erinnert, und  der 8. Mai, der dann als „Tag der Befreiung“ gefeiert würde. Dass die Linkspartei den 8. Mai bevorzugt, bedarf keiner Erklärung. Zu sehr erinnerte der Volksaufstand in der DDR am  17. Juni 1953  an das Versagen des Sozialismus, den Bürgern erträgliche Lebensbedingungen zu bescheren.  Mit dem 8. Mai hingegen könnten sie sich  auf die Seite der siegreichen    Sowjetunion stellen, die  schon 1965  den 9. Mai  zum  öffentlichen  Feiertag  erklärt hat. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller hat seine  persönliche Wahl noch nicht getroffen. Es wäre ihm freilich zuzutrauen, dass er sich um des lieben Friedens mit der Linken  willen  für den 8. Mai entscheidet. Es wäre eine schlechte Wahl.

Der 8. Mai 1945  war nur für die Westdeutschen und Westberliner  ein wirklicher Tag der Befreiung. Für sie öffnete sich die Tür zu einem demokratischen Staatswesen, zu einem Rechtstaat mit Gewaltenteilung und der Garantie der Menschenrechte.  Für die Bürger in der „Sowjetischen Besatzungszone“ hingegen begann mit diesem Tag  der Weg in eine neue, diesmal rote  Diktatur, die 1949 auch staatliche Gestalt annahm:  mit der  Gründung der DDR. Wäre der 8. Mai  in Berlin ein Feiertag, könnten die  Westberliner  feiern, dass sie nach Kriegsende  auf der Sonnenseite der Geschichte gestanden haben. Die  Ostberliner hingegen  würden den Lebenschancen nachtrauern, die der DDR-Sozialismus ihnen und ihren Eltern  geraubt hat. Will der Senat  wirklich eine so gespaltene Wahrnehmung des neuen Feiertags riskieren?

Für die Frauen Berlins begann mit dem 8. Mai ein Martyrium der besonderen Art. Die DDR-Forscher Ilko-Sascha Kowalczuk und Stefan Wolle gehen davon aus, dass von Mai bis Dezember 1945 bis zu  800.000 Frauen von russischen Soldaten vergewaltigt wurden. Der sowjetische Stadtkommandant Nikolai E. Bersarin, der damals  seiner Soldateska freien Lauf gelassen hat, ist übrigens seit 2003  Ehrenbürger Berlins. Ihm würde durch einen Feiertag am 8. Mai eine nachträgliche  Ehrung zuteil.  Die Wahl  des  8. Mai als Feiertag hätte noch eine weitere, unschöne Nebenwirkung. Berlin begäbe sich unfreiwillig in die Nähe zum  neuen Kreml-Zaren  Wladimir Putin, der  die Feierlichkeiten am 9. Mai  zur Demonstration  seines gewaltigen Militärapparats nutzt. Auch Triumphgesänge wegen der  „patriotischen Siege“  in der Ukraine und in Syrien gehören neuerdings zum offiziellen  Festritual.  Sollen die Berliner  in diese nationalistischen Jubelchöre in Moskau einstimmen?

Es kann nur einen sinnvollen Termin für einen neuen Feiertag in Berlin geben: den 18. März. An diesem Tag brachen 1848  in Berlins Mitte, auf dem Schlossplatz, die revolutionären Märzkämpfe aus, die 200 Berlinern das Leben kosteten. Als die Toten am nächsten Tag vor dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt aufgebahrt wurden, bezeigte ihnen König Friedrich  Wilhelm IV.  seine Achtung, indem er – mit schwarz-rot-goldener Schärpe angetan – vor den „Märzgefallenen“ die Mütze zog. Die Revolution, die Historiker später die „bürgerliche“ nennen sollten, breitete sich im ganzen Deutschen Bund aus. Ein Höhepunkt war die Zusammenkunft der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Am 28. März 1849 verabschiedete sie die „Paulskirchenverfassung“, die als erste wirklich demokratische Verfassung der Deutschen in die Geschichte einging. Die deutschen Fürsten erkannten  dieses wegweisende Dokument  jedoch nicht  an. In allen Landesteilen schlugen sie  die aufflackernden Revolten der Bürger militärisch nieder. Die Verfassungen, die sie danach  in ihren Ländern erließen, waren nicht demokratisch verfasst, sondern bestätigten die konstitutionelle Monarchie.  Viele Revolutionäre flohen enttäuscht  ins Ausland, einige von ihnen auch in die USA. Zu den „Forty-Eighters“, wie sie in den USA genannt werden, gehörten Friedrich Hecker, Carl Schurz, Gustav Struve, Wilhelm Weitling und Karl Pfizer (der  Gründer von „Pfizer“). Sie genießen heute noch in den Staaten große Verehrung.

Die deutsche Geschichte ist wahrlich  reich an Katastrophen. Die Verbrechen, die Deutschland im 20. Jahrhundert verübt hat, übersteigen alles bislang Dagewesene. Es  gibt aber  auch eine Tradition der Demokratie, die es wert ist, dass man sich ihrer erinnert. Die Versuche im 19. Jahrhundert,  auf deutschem Boden ein demokratisches Gemeinwesen zu begründen, schufen selbst im Scheitern wichtige Bausteine für die Gründung der deutschen Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg (1918). Das „Wartburgfest“ (1817), das „Hambacher Fest“ (1832), die Revolution von 1848 mit dem Paulskirche-Parlament sollten im Gedächtnis der Deutschen genauso ihren Platz haben wie der Widerstand gegen Hitler (20. Juli 1944) und der Volksaufstand in der DDR (17. Juni 1953). Ein Glanzpunkt deutscher Geschichte ist natürlich die friedliche Revolution 1989 in der DDR mit dem Höhepunkt des Mauerfalls am 9. November.

Mit einem Berliner  Feiertag am 18. März gedächten wir nicht nur der Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens für die Staatsform gekämpft haben, die wir heute als  selbstverständlich genießen. Wir zeigten dadurch auch, dass es sich immer lohnt, mit „Mut vor Fürstenthronen“ (Ernst Moritz Arndt)  für die Freiheitsrechte einzustehen. In einer Zeit, in der die Freiheit der Menschen überall in der Welt bedroht ist, wäre das kein schlechtes Signal.

 

 

 

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Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Historisches Bewusstsein

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