Wir unterfordern die Kinder

 Erschienen in der Zeitung DIE WELT vom 12. Mai 2018

Unser Autor war Lehrer und weiß: Mädchen und Jungen brauchen früh Anreize, um ihr intellektuelles und sinnliches Potenzial zu entfalten. Es sind vor allem Erfahrungen außerhalb des normalen Kita- und Schulprogramms, die sie die Welt entdecken lassen.

Jedes Jahr zur Osterzeit können Musikfreunde  in der  Berliner Philharmonie ein ungewöhnliches Konzert erleben. In den Konzertchor, der die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach darbietet, hat sich eine Schar von Jungen und Mädchen im Alter von 7 bis 15 Jahren eingereiht. Es sind die „Cantores minores“, die kleinen Sänger, ein Kinderchor-Ensemble der Evangelischen Luisenkirche  und der Evangelischen Schule in Berlin-Charlottenburg. Angeleitet von ausgebildeten Sängerinnen entwickeln  die Kinder ihre Stimmen so gut, dass sie schon nach einem Jahr die Choräle der großen Passionen  des Barock-Meisters mitsingen können. Der Dirigent  Gerhard Oppelt, der dieses Chorprojekt 2007 ins Leben gerufen hat, berichtet, dass die Kinder die außergewöhnliche Qualität der Musik Bachs spüren und ganz  von ihr eingenommen sind. Auch  ihre spirituelle Dimension nehmen sie schon wahr. Die Exzellenz der Musik bildet bei den Kindern ein musikalisches  Qualitätsbewusstsein aus, das sie ihr ganzes Leben  begleitet. 

Im Stadtwald Blieskastel bei Saarbrücken können Schulklassen einen Kurs in „Wald-Werken“ belegen. Unter Anleitung eines Tischlers „ernten“ sie einen kleinen Baum, entrinden das frische Holz und entwerfen  auf Pappbögen  Stuhlmodelle. Sie lernen die Technik des Zapfenschneidens,  Bohrens,  Leimens und  Verspannens der Stuhlleinwand. Auch das Finish mit Leinöl gehört zum Knowhow. Zum Schluss halten die Schüler  mit Handwerkerstolz  ihren selbstverfertigten Stuhl in Händen. Pädagogen, die  diesen Kurs mit einer Klasse absolviert haben, berichten von der völligen Hingabe der Schüler an die Sache und der fast gläubigen Verehrung des Meisters.  „Kinder erfahren die Aura der Meisterschaft“ – davon ist die Leiterin der Kinder-Akademie Fulda, Gabriele König, überzeugt, weshalb sie Pädagogen ermutigt, Schülern das Lernen von wahren Könnern zu ermöglichen.

Was zeigen diese beiden Beispiele?

Entwicklungspsychologen sind davon überzeugt, dass Kinder  im Vorschulalter am lernbegierigsten sind. Gehirn und  Sinne gleichen einem trockenen Schwamm, der  sich mit Wasser vollsaugt. Kinder dieses Alters sind auf der Stufe des empirischen Denkens angelangt, das mit  Neugier und Experimentierfreude einhergeht. Deshalb ist es wichtig,  die intellektuellen und sinnlichen Potenziale durch  Anreize zur Entfaltung zu bringen. Die größte Gefahr für Vorschulkinder sehen Psychologen in der Unterforderung. Kita und Grundschule können solche Anreize häufig nicht bieten, weil sie Mühe haben, die stark heterogen  Lerngruppen, in denen sich die  sozialen Verwerfungen der Elternhäuser abbilden, in den Griff zu bekommen und  das Lernen in der Gruppe einzuüben. Dabei böten gerade die außergewöhnlichen Lernarrangements die Möglichkeit, Konzentration und Beharrlichkeit zu lernen, Tugenden, die auch beim  „normalen“ Lernen unverzichtbar sind.

Es ist unbestritten, dass die  Grundschule der  Vermittlung der elementaren Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen wieder den Vorrang einräumen muss. Nur so kann die hohe Zahl der Schulversager vermindert werden. Jede  Grundschule sollte zugleich einen Zeitraum festlegen, in dem  die Schüler die intellektuell-sinnlichen Erfahrungen der oben beschriebenen Art außerhalb  der Schule machen können. Grundschulen können    Kooperationen mit außerschulischen Lernorten eingehen, die den Kindern das Lernen mit allen Sinnen, mit Herz, Kopf und Hand  ermöglichen. Dabei gilt:  Selber-Tun ist wichtiger als Lernen aus zweiter Hand; Lernen von handwerklichen und künstlerischen Könnern ist der Anleitung durch Lehrkräfte vorzuziehen.

Als ich in den 1990er Jahren in dem Berliner Internatsgymnasium Schulfarm Scharfenberg als Lehrer wirkte, war die Arbeit auf dem schuleigenen  Bauernhof noch fest in den Lehrplan der Schule eingebunden. Jede Klasse war für die Betreuung einer Tierart zuständig: Klasse 7 für die Kaninchen, Klasse 8 für die Hühner, Klasse 9 für Schweine und Kühe und schließlich Klasse 10 für die Pferde. Zur Betreuung gehörte das Füttern der Tiere, die Reinigung der Ställe, das Abholen der Eier, das Striegeln der Pferde. Die Schüler taten das mit Hingabe und einer Zuverlässigkeit, die man ihnen von ihrem  Engagement im Unterricht  her nicht zugetraut hätte. Niemand wollte  sich nachsagen lassen,  „seine Tiere“ vernachlässigt zu haben. Wenn Grundschulen Kooperationen  mit ökologisch wirtschaftenden Bauernhöfen eingehen, werden sie bei ihren Schülern dieselben Erfahrungen machen. Der Umgang mit Tieren bildet Tugenden aus, die der herkömmliche Unterricht nicht zu entwickeln vermag. Tiere fördern  Fürsorglichkeit und  Verantwortung. Sie erziehen zu Pünktlichkeit und Selbstdisziplin. Der Körperkontakt mit  Tieren ist zudem ein Seelenbalsam für Kinder. Er  kann ihre Phantasie anregen und ihre Erlebnisfähigkeit vertiefen. Die Empathie, die sie  für Tiere empfinden, wird auch dem Umgang mit Menschen zugutekommen.

Schulen können selbst keine Tiere halten. Eine kleine Imkerei kann aber  jede Schule einrichten. In Städten fühlen sich Bienen besonders wohl, weil Parks, Bahnareale und Brachflächen mit Wildkräutern aller Art bewachsen  sind, die man auf den industriell genutzten Ackerflächen nicht mehr findet.  Bienen sind faszinierende Tiere. Kinder sind vom Sammlerfleiß und vom Gemeinsinn der Völker sehr angetan. Je tiefer sie, unterrichtet vom Imker,  in das Leben eines Volkes eindringen, desto besser verstehen sie sein ausgeklügeltes Kommunikationssystem und  die herrschende Hierarchie im Volk. Den selbst geschleuderten Honig auf dem Elternabend zu verkaufen, erfüllt die kleinen Imker mit Stolz.  Imker-Vereine unterstützen Schulen gerne  beim Aufbau einer Imkerei und begleiten deren Arbeit. So schafft man sich ein Stück Natur in der Schule.

Forschern ist es immer noch ein Rätsel, weshalb die abstrakteste der Künste, die  Musik, die Seele der Menschen so  in Schwingung bringen kann. Warum berührt uns ein Schubert-Lied? Warum wühlt uns das Mozart-Requiem auf?  Die emotionale Dimension der Musik erfahren am unmittelbarsten diejenigen, die selbst Musik machen. Für Kinder und Jugendliche ist musizieren deshalb unverzichtbar.  Ein Instrument zu spielen trainiert motorische Fähigkeiten, schult  Aufmerksamkeit und Disziplin. Studien zeigen, dass Kinder an musikbetonten Gymnasien bessere sprachliche und mathematische Fähigkeiten  entwickeln als ihre Kameraden an normalen Schulen. Dass  Musik Stress abbaut und Menschen friedlich stimmt, hat Kitas in den USA bewogen,   klassische Musik von der CD abzuspielen. Sogar Kühe sollen mehr Milch geben, wenn sie mit einem Mozart-Divertimento  beschallt werden. Seit einigen Jahren gibt es an  Gymnasien  Bläserklassen, in denen jeder Schüler ein Blasinstrument lernt. Besser wäre es, damit schon in der Grundschule  zu beginnen. Denn auch beim Musizieren machen  Kinder  in diesem Alter  die schnellsten Fortschritte.  Wenn jedes Kind ein Instrument spielt, hätte der sterile Musikunterricht ein Ende, der den Schülern das Erlernen der Harmonielehre als „Trockenübung“ zumutet. Den Quintenzirkel lernt man am besten beim Musizieren.

Die meisten Schüler  gehen in ihrer Heimatstadt achtlos  an  Kirchen vorbei. Wenn sie keiner christlichen Konfession angehören, kann es sein, dass sie nie eine Kirche von innen sehen. In Deutschland gibt es 45.000 Kirchen und 2.600 Moscheen. Darunter sind berühmte Baudenkmale, wie der Kölner Dom, das Ulmer Münster und der  Dom zu Aachen. Die meisten  Kirchen stammen aus dem Mittelalter. Sie erzählen, wenn man sie befragt,  bewegende  Geschichten von Glaubensgewissheit,  Glaubenszweifel und Glaubenskrieg. Oft sind sie architektonische und ästhetische Meisterwerke, aber auch ökologische Biotope, die seltenen  Vögeln wie Wanderfalken und Mauerseglern ein  Zuhause bieten. Wenn man aus dem Getriebe einer Großstadt in eine Kathedrale tritt, taucht man  in eine andere Welt ein, erlebt Stille und Erhabenheit.   Erfahrungen mit Schülern zeigen, dass sie eine Kirche nur verstehen, wenn sie sich intensiv mit all ihren Aspekten beschäftigen. Schon Schüler der 5./6. Klassen können damit beginnen. Wenn sich eine Klasse die Kirche im Schulkiez vornimmt und sie intensiv erkundet, sind die Schüler bald in der Lage, interessierte Menschen durch „ihre“ Kirche zu führen. Sie werden dabei über sich hinauswachsen. Denn: Was man anderen  erklären will, muss man sich zuvor intensiv angeeignet haben.  So früh kann Expertentum beginnen.

Intellektuelle und sinnliche Lernanreize für Kinder und Jugendliche können in Natur, Kultur und Kunst gefunden werden. Solches Lernen beschert nicht nur ungewöhnliches Wissen, es bereichert auch die Persönlichkeit – und  es schafft  eine Identifikation mit unserer Heimat.

 

Der Autor unterrichtete an einem Berliner Gymnasium Deutsch und Geschichte. Er ist Verfasser des Buches „Auf den Lehrer kommt es an“.

 

 

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Eingeordnet unter Bildungserlebnisse, Der richtige Umgang mit Schülern

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