G8, G9 oder doch lieber G8+9?

Nach  vierzigjähriger Tätigkeit als Lehrer habe ich mir abgewöhnt, daran zu glauben, dass Schulpolitiker mit ihren Entscheidungen vor allem den Schülern ihres Landes Gutes tun wollen. Sie arbeiten genauso die Agenda ihrer Partei ab, wie das die  Verkehrs-, Wirtschafts- und Landwirtschaftsminister tun. Deshalb sollte man auch bei schulpolitischen Entscheidungen immer nach dem zugrunde liegenden ideologischen Kern fragen. Von lyrischen Wortgirlanden sollte man sich nicht verwirren lassen.

Eines der strittigsten Themen in der Schulpolitik der Länder ist gegenwärtig  die Frage, ob das acht- oder neujährige Gymnasium zu bevorzugen sei. G8 oder G9? Das ist hier die Frage. Nachdem noch vor wenigen Jahren alle Bundesländer dem Vorbild der neuen Länder im Osten der Republik gefolgt waren und die Schulzeit am Gymnasium auf acht Jahre verkürzt hatten, sind die meisten vor dem vermeintlichen Elternwillen wieder eingeknickt und haben die Rolle rückwärts zu G9 eingeleitet. Der „Elternwille“ wurde reklamiert  von  lautstarken und kommunikativ professionell agierenden Lobbygruppen, die keinesfalls die  Elternschaft  in Gänze repräsentieren. Die Politik ist ihnen leider auf den Leim gegangen.

Viele Politiker nutzen allerdings  die Reform der Reform, um damit einem  schon lange verfolgten  Ziel näher zu kommen: der Schwächung des Gymnasiums. Die  Politiker aus dem rot-grünen Lager, denen ein egalitäres Schulsystem am Herzen liegt, sehen in der Wiedereinführung  des  neunjährigen Gymnasium  nämlich die Chance, diese erfolgreiche Schule zu einer „Schule für alle“ zu machen. Als es die Alternative G8 (Gymnasium) und G8 (Gesamtschule/Gemeinschaftsschule) gab, bevorzugten nämlich die Schüler, die mehr Zeit zum Lernen benötigen, die Gesamtschule, während die schnellen Lerner sich am Gymnasium sammelten. Dadurch war genau das eingetreten, was linke und grüne Schulpolitiker eigentlich verabscheuen: Die „Selektion“ im Schulsystem hatte sich verstärkt. Wenn beide Schulformen in neun Jahren zum Abitur führen, hat man wieder ein Stück mehr Egalität bewirkt.

Die Elternlobby kämpft im Grunde darum, dass die Kinder, die sich mit dem Lernen schwer tun, auch am Gymnasium eine Chance bekommen. Denn das Gymnasium hat als Label bei weitem den besten Ruf. Im Grunde wollen die Eltern beides haben: ein Lerntempo wie an der Gesamtschule, aber  garniert mit dem  Flair des Gymnasiums. Linke und grüne Politiker tun ihnen den Gefallen, wenn sie jetzt zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren. Dass sie damit den Schulformen schaden, die ihnen doch eigentlich eine Herzensangelegenheit sein sollten – der  Gesamt- und Gemeinschaftsschule -, nehmen sie billigend in Kauf. Zu G9 kehren Niedersachsen (ganz), Bayern (ganz), Baden-Württemberg (teilweise), Nordrhein-Westfalen (teilweise)  und Rheinland-Pfalz (teilweise) zurück. Hessen kreiert eine Novität: G8 und G9 unter einem Dach. Das Verwaltungschaos ist an diesen Schulen vorprogrammiert.

Die  egalitären Schulformen Gesamt- und Gemeinschaftsschule  sind dringend auf Schüler angewiesen, die eine Gymnasialempfehlung der Grundschule mitbringen, aber nach einer Schule suchen, in der sie es langsamer angehen lassen können als am achtjährigen Gymnasium. Sie  sorgen  an der Gesamtschule  für die ideale Schülermischung aus begabten und weniger begabten Kindern.  Wenn G8 nun wieder zu G9 wird, werden diese Schüler wieder ans Gymnasium abwandern. Die Schüler mit Haupt- und Realschulempfehlung bleiben  dann wieder unter sich, was diesen Schulformen, die auf Drittelparität der Schulempfehlungen angewiesen sind, nicht gut tut. SPD-Politiker in Berlin und Schleswig-Holstein haben dies erkannt und lehnen deshalb die Rückkehr zu G8 ab. Sie wollen lieber die integrativen Schulen schützen, als sich an der fragwürdigen Schwächung des Gymnasiums beteiligen.

Im Grunde könnte es so einfach sein. Die Schüler, die sich mit dem Lernen leicht tun, sollten an einem achtjährigen Gymnasium das Abitur machen dürfen. Die Schüler, denen nicht alles so leicht zufliegt und die deshalb mehr Zeit zum Lernen benötigen, sollten an einer Gesamt- oder Gemeinschaftsschule das Abitur in neun Schuljahren anstreben. Alle Wege führen nach Rom. Das Gymnasium ist nicht mehr die einzige Schule, die den Weg zur Hochschule öffnet. In Deutschland werden ca. 40% aller Abiturprüfungen  an nicht-gymnasialen Schulen, wozu auch die Fachoberschulen und Oberstufenzentren  zählen, abgelegt.

Dass Schüler am G8 keinem Hobby mehr nachgehen könnten, weil sie vom Lernen völlig absorbiert würden, dass sie unter Stress und Leistungsdruck litten, der ihnen die Lebensfreude raubt,  sind propagandistische Behauptungen, für die es keinerlei Belege gibt. Von den Schulen in den ostdeutschen Bundesländern,  wo der Weg zum Abitur immer schon acht Schuljahre dauerte, hat man nichts dergleichen gehört. Schulstress entsteht nach meiner Erfahrung immer dann, wenn Eltern ihre nur mittelmäßig begabten Kinder partout am Gymnasium anmelden, um vom hohen Sozialprestige dieser Einrichtung zu profitieren.

Politiker sind nicht gewählt worden, um einen diffusen und oft widersprüchlichen Elternwillen zu befriedigen. Sie sollen Entscheidungen fällen, die die Leistungsfähigkeit unseres Schulsystems stärken. G8 und parallel dazu G9 haben dann eine Berechtigung, wenn die beiden Schultypen von Schülern besucht werden, die für das jeweilige Lerntempo geeignet sind.

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit den Eltern, Der richtige Umgang mit Schülern, Schulformdebatte

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