Alternative Fakten im Bildungsdiskurs

Als Lehrer bin ich immer wieder aufs Neue irritiert, wenn ich Artikel in seriösen Presseerzeugnissen lesen muss, die von „Bildungsexperten“ verfasst worden sind und die dennoch der Komplexität des Themas in keiner Weise gerecht werden. So erging es mir, als ich den Artikel „Auslese fürs Gymnasium / So sortiert Deutschland seine Kinder aus“ in der Online-Ausgabe des  SPIEGEL lesen musste (13. 05. 2017). Autorin ist Silke Fokken, ihres Zeichen freischaffende Autorin mit dem Schwerpunkt Bildung. Schon die Überschrift des Artikels  ist auffallend reißerisch. Die Begriffe „Auslese“ und „sortieren“ erzeugen die Assoziation  einer kalten Sortiermaschine, mit  deren Hilfe faules Obst oder angeschlagene Eier aussortiert und anschließend entsorgt werden. Wie die  Zwischenüberschriften zeigen („Wir haben ein schreiend ungerechtes Schulsystem“), sind solche Konnotationen durchaus gewollt. Es hätte mich auch gewundert, wenn in dem Artikel die Lieblingsvokabel rot-grüner Schulkritik – Selektion – gefehlt hätte.

Worum geht es? Die Autorin versucht zu beweisen, dass das Aufnahmeverfahren ins Gymnasium in Deutschland ungerecht sei, weil es die Kinder aus der bürgerlichen Mittelschicht bevorzuge. Ihr  entscheidender Satz lautet: „Beim Übergang zählt nicht die Leistung, sondern zum Teil auch soziale Herkunft.“ Dem uninformierten Leser muss sich, wenn er diesen Satz liest, die Vorstellung  aufdrängen,  die Lehrer sortierten am Ende der Grundschule die Kinder nach dem sozialen Status der Eltern: Ist Renates Vater  Chefarzt, erhält sie eine Gymnasialempfehlung. Ist Roberts Vater  Busfahrer bei den Verkehrsbetrieben, erhält er nur eine Empfehlung für die Gesamtschule. So bleiben die Akademikerkinder schön unter sich und können ungestört lernen und Abitur machen.

Solche Unterstellungen sind nicht nur grob irreführend, sie sind auch ehrenrührig – für die Lehrkräfte. Wenn man der Sache auf den Grund geht, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Eine Grundschullehrerin erkennt nach der Einschulung  schon in der ersten Woche, welche Kinder in der häuslichen Erziehung so gefördert wurden, dass sie nicht nur den Stoff mühelos verstehen, sondern auch über die für erfolgreiches Lernen unverzichtbaren Sekundärtugenden verfügen: Wissbegierde, Ehrgeiz, Konzentrationsfähigkeit und Durchhaltevermögen. Bevor Kinder in die Schule kommen, wurden sie sechs Jahre lang zu Hause erzogen. Sie sind in eine familiäre Kultur hineingewachsen, die sie auf unterschiedliche Weise auf die Schule vorbereitet. Die Mechanismen der frühkindlichen Sozialisation sind sehr gut erforscht. Hier einige Beispiele: Wenn eine schwangere Frau häufig klassische Musik hört, entwickelt das Neugeborene schon früh ein Rhythmusgefühl, die Vorstufe von Musikalität. Wenn kleinen Kindern regelmäßig vorgelesen wird, bilden sie ein differenziertes Sprachvermögen aus und schreiben schon in der Grundschule verblüffend gute Texte. Wenn ein Kind im Elternhaus erlebt, dass die Eltern elaboriert reden und diskutieren, überträgt sich dieses sprachliche Vermögen auf das Kind. Es wird zum verbal geschickten, selbstbewussten Streiter in eigener Sache. Wenn ein Kind Lob und Zuspruch erfährt, wenn es die Welt im Spiel entdeckt, wird es später auch im schulischen Lernen Neugier und Ehrgeiz entwickeln. Wenn man sich von all diesen stimulierenden Anreizen das Gegenteil denkt, kann man ermessen, wie tiefgründig und wie nachhaltig die Handikaps und Defizite sind, mit denen die Kinder zu kämpfen haben, die in bildungsfernen Elternhäusern heranwachsen müssen. Schon in der Grundschule sitzen sie im hintersten Waggon des Geleitzuges.

Die entscheidende Frage ist nun, wie die Schulpolitik mit den hier geschilderten Unterschieden  innerhalb der Schülerschaft  umgehen soll.  Es ist verständlich, dass viele Eltern möchten, dass ihr Kind am Gymnasium weiterlernt. Das Gymnasium hat nun einmal unter allen Schulformen bei weitem den besten Ruf. Und wer  schmückt sich nicht gerne mit dem Sozialprestige einer  angesehenen und  erfolgreichen „Marke“? Das Gymnasium ist jedoch keine „Schule für alle“. Dafür gibt es die Gesamtschule und seit einigen Jahren auch die Gemeinschaftsschule. Auch diese beiden  Schulformen führen  zum Abitur. Dies verschweigt der Artikel von Silke Fokken, wie er auch unterschlägt, dass ca. 40% der deutschen Abiturienten ihr Abitur gar nicht am Gymnasium erwerben. Es gibt also vielfältige Möglichkeiten, das Abitur abzulegen, ohne ein Gymnasium besucht zu haben. Warum werden diese schulischen Wege immer noch als Makel verkauft? Den Lehrkräften an diesen Schulen, die sich redlich um den Erfolg ihrer Schüler bemühen, tut man damit keinen Gefallen.

Der Artikel verschweigt zudem, dass in allen rot-grün regierten Bundesländern – und diese stellen im Reigen der Länder die Mehrheit – nur noch der Elternwille zählt, wenn es um den Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule geht. Von einer „Auslese“, von „Selektion“ oder einer “kinderfeindlichen“ Politik kann also gar nicht die Rede sein. Dass trotzdem nicht alle Eltern ihre Kinder am Gymnasium anmelden, liegt daran,  dass sie bei aller Liebe und Fürsorge, die sie  für ihre Kinder empfinden,  erkannt haben, dass  deren Geistesgaben  für das anspruchsvolle Lernen am Gymnasium  nicht ausreichen. Am Gymnasium können nur die Kinder erfolgreich sein, denen  abstraktes Denken gegeben ist und denen es gelingt, Sachverhalte differenziert zu verbalisieren. Letzteres ist übrigens der Grund, weshalb viele Kinder aus der deutschen Unterschicht und aus der Migrantenschicht am Gymnasium  keine Chance hätten, wenn sie  es  dort versuchen würden. Wenn es die Grundschule nicht schafft, die von zu Hause mitgebrachten sprachlichen Defizite zu kompensieren, sind diese Schüler bei gleicher Intelligenz gegenüber den sprachlich elaborierten Schülern stets  im Hintertreffen. Ich habe erlebt, wie Schüler leiden, wenn sie von ihren Eltern gegen den Rat der Grundschulpädagogen am Gymnasium angemeldet wurden. Sie fühlen sich gedemütigt, wenn  sie ständig erleben müssen, dass die klugen Mitschüler durch Geistesblitze brillieren, denen sie kaum folgen können. Eltern, die ihren Kinder solche Erlebnisse dauerhaft zumuten, kann man wohl  kaum als fürsorglich bezeichnen.

Ich weiß, dass es Bildungspolitiker gibt, die das beschriebene Dilemma dadurch lösen wollen, dass sie das Gymnasium kurzer Hand in eine Gesamtschule umwandeln wollen. Dann wären alle Schüler willkommen und die Lehrer müssten in den Klassen, wie es an der Gesamtschule üblich ist,  nach Leistungsvermögen differenziert unterrichten. Unabhängig davon, dass solche Vorschläge politisch unrealistisch sind, wäre ihre Verwirklichung auch pädagogisch  töricht. Warum kann man nicht das Gymnasium Gymnasium sein lassen, wenn es doch als zweiten Pfeiler daneben noch die Schulform gibt, nach der Politiker, die sich der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet fühlen, stets verlangen: die Gesamt- und Gemeinschaftsschule. Das Gymnasium, das auf das stolze Alter von 205 Jahren zurückblicken kann, hatte als vornehmste Aufgabe stets die (Aus-)Bildung der Schüler zur Studierfähigkeit. An der Hochschule erfolgreich studieren kann jedoch nur jemand, der am Gymnasium das wissenschaftliche in Ansätzen gelernt hat. Er muss in der Lage sein, fremde Sachverhalte schnell zu begreifen, sie in abstrakte Zusammenhänge einzuordnen und sie korrekt zu beschreiben. Dem Gymnasium sollte man auch in Zukunft  gestatten, diese Aufgaben kompetent zu meistern, ohne ständig durch Neid-Debatten („Schule für alle“) in Frage gestellt zu werden.

Das Gymnasium in eine weitere egalitäre Schulform umzuwandeln, in der dann nur noch in heterogenen Klassen unterrichtet werden könnte, würde zu einem starken Leistungsabfall führen. Die Autorin schreibt, dass es keinen Beweis dafür gebe, dass heterogen organisierte Schulen schlechter abschnitten als homogene. Dies entspricht nicht der Wahrheit. Sie hätte sich nur die Ergebnisse des Mittleren Schulabschlusses (MSA) anschauen müssen, die man für jedes Bundesland online einsehen kann. Für Berlin ergeben die Zahlen ein eindeutiges Bild: Während am Gymnasium,  der homogenen Schulform, im Schuljahr 2014/2015 97% der Schüler am Ende der 10. Klasse den Mittleren  Schulabschluss erwarben, waren es an den Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftschulen, den beiden heterogenen Schulformen, nur 64%. Krasser kann der  Leistungsunterschied nicht sein. Bei den Vergleichstests VERA 8 ergibt sich das gleiche Bild: Die Schulen, in  denen in homogenen Klassen unterrichtet werden kann, sind den Schulen, in denen in heterogenen Klassen unterrichtet werden muss, hinsichtlich der Schülerleistungen deutlich überlegen. Alle Differenzierungskunst der Lehrkräfte und alle Selbstlernstrategien für die Schüler  können diesen Sachverhalt nicht verändern. Allerdings fällt es den Befürwortern eines egalitären Schulsystems schwer, diese Fakten anzuerkennen, weil sie dem Wünschenswerten, man könnte auch sagen: der politischen Utopie,  widersprechen.

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes Heinz-Peter Meidinger weist die Autorin darauf hin, dass das gymnasiale Anspruchsniveau heute schon aufgeweicht werde, was dazu führe, dass bei den Abiturienten die Studierfähigkeit abnehme. Die Autorin stellt diese Aussage in Frage, wenn sie behauptet, es gebe dafür keine Belege. Der Beweis liegt auf der Hand. Man muss sich nur die Abbrecher-Quoten an den Hochschulen anschauen. Sie beträgt quer durch alle Fachrichtungen ca. 30%. Untersuchungen der Universität Konstanz haben ergeben, dass die Studenten äußerten,  sie seien daran gescheitert, dass sie  durch das Gymnasium nicht ausreichend auf das wissenschaftliche Arbeiten vorbereitet worden seien. Gleichzeitig sind aber die Abiturnoten immer besser geworden und ist die Zahl der 1,0-Abiturienten sprunghaft gestiegen. Das kann ja wohl nur bedeuten, dass den immer besser werdenden Abiturnoten keine besseren Leistungen zugrunde liegen.

Die Schule ist ein komplexer Kosmos. Seine Gesetzmäßigkeiten kann man nur verstehen, wenn man sie in  praktischer Anschauung erlebt. Deshalb kann ich jedem „Experten“, der über die Schule schreiben will, nur raten, eine Schulklasse mindestens eine Woche lang zu begleiten. Wenn man dies an unterschiedlichen Schulformen tut, kann  man ein einigermaßen verlässliches Bild davon bekommen, wie Schule funktioniert und wo die Probleme liegen. Vor allem  wird man feststellen, dass die wahren Probleme der Schule selten etwas mit den großen Entwürfen zu tun haben, von denen in der Politik immer die Rede ist. Wichtiger sind  Fragen wie diese: Gelingt es der Lehrkraft,  ihre Schüler für das Lernen zu begeistern? Herrscht in der Klasse ein ansteckendes Lernklima? Kann angstfrei gelernt werden? Gilt es in einer Klasse nicht als anrüchig, Leistung zu verlangen? All dies hat mit der Lehrperson zu tun, über deren Qualitäten im Bildungsdiskurs viel zu wenig diskutiert wird. Als journalistischer  „Experte“ nur  die Meinung anderer „Experten“ wiederzugeben, wie es die Autorin dieses Artikels getan hat, bietet keine ausreichende Grundlage, um einen kompetenten und aussagekräftigen  Bildungsartikel verfassen zu können.

 

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Schulformdebatte, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsqualität

2 Antworten zu “Alternative Fakten im Bildungsdiskurs

  1. Silke

    Super Text. Kann ich fast alles so unterschreiben. Einen Einwand habe ich aber: Hier wird suggeriert, dass für das Gymnasium geeignete Kinder in der Grundschule grundsätzlich durch Wissbegierde und Ehrgeiz auffallen, sofern sie im Elternhaus gut gefördert werden. Was ist mit den intelligenten, aber faulen und unangepassten Kindern, die nur bei bestimmten Themen wissbegierig sind? Davon gibt es eine ganze Menge! Mancher Gymnasiast fängt erst in der Mittel- oder Oberstufe an, Ehrgeiz zu entwickeln, kenne da mehrere Beispiele in der Familie. Bei überdurchschnittlicher Intelligenz kommen auch faule Schüler ohne großen Ehrgeiz weit.

    • Sie haben recht, Frau Schmitt. Das Schülerverhalten, das Sie beschreiben, kann man selbst noch im Sekundarbereich beobachten. Nach meiner Erfahrung liegt es u.a. auch daran, dass man den hochbegabten Schülern im Unterricht zu wenig „Futter“ gibt, das sie als Anreiz empfinden könnten, ihre Passivität aufzugeben. Ich habe mich bemüht, im Unterricht immer ein kleines „Aufgabenpäckchen“ gegen die Langeweile der Klugen dabei zu haben. Manchmal hats gefruchtet. Das Problem ist, dass sich viele Schulen nicht um diese klugen Schüler kümmern. Es war ja lange Zeit auch als Elitenbildung stigmatisiert. Und in der Grundschule sind die meisten Lehrkräfte durch die extreme Heterogenität überfordert. Hier täte die Begabtenförderung besonders not.

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