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Freiheit für die Schulen

Warum es an der Zeit ist, die Schulen aus der politischen Bevormundung zu entlassen

„Political correctness“ im Unterricht?
In den 1980er Jahren ist ein Funktionswandel der Schule eingetreten, der ihr heute noch zu schaffen macht, ja, der – frei nach Goya – immer neue „Ungeheuer gebiert“. Die Schule – so der damalige modische Impetus – sollte sich „gesellschaftlich relevanten Themen“ öffnen und sie im Unterricht behandeln. Verkehrserziehung, Drogenprävention, AIDS-Prophylaxe, Ernährungsberatung, Sexualerziehung hießen die neuen Fächer, von vielen Pädagogen ironisch „Orchideenfächer“ genannt. Mit diesem gesellschaftlichen „Auftrag“ verbindet sich die Erwartung, die Schule sei der geeignete Ort, die Schüler mit den Gefahren des Lebens vertraut zu machen, sie durch Information und Belehrung dagegen zu wappnen. Moralische Orientierung und Lebenshilfe für die jungen Menschen waren das Ziel.
In letzter Zeit haben neue Vorstöße dieser Art zu schulischen Konflikten geführt, die teilweise in einen Kulturkampf ausarteten. In Baden-Württemberg sorgte der Entwurf für einen neuen Bildungsplan landesweit für Aufregung. Darin war zu lesen, dass die Schüler über „alle Formen familiären und partnerschaftlichen Zusammenlebens“ aufgeklärt werden sollten. Ziel sei es, die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ bei den Schülern zu wecken oder zu verstärken. Die Autoren des Entwurfs bedienten sich der kruden Diktion der umstrittenen Gender-Theorie. Es war die Rede von der „bisexuellen, transsexuellen, transgender- und intersexuellen Identität“, mit der die Schüler des Landes vertraut gemacht werden sollten. Als dieses Ansinnen bekannt wurde, hagelte es heftige Proteste. Einem von einem Lehrer initiierten Internet-Protest schlossen sich binnen kürzester Zeit Tausende von Unterstützern an. Die beiden christlichen Kirchen forderten kategorisch, „jeder Form der Funktionalisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination […] zu wehren.“ (FAZ, 10. 1. 2014) Die Kirchen befürchteten eine sexualpolitische Indoktrination der Schüler, die dem Geist des Schulgesetzes und der Landesverfassung widerspreche, in der das christliche Menschenbild verankert sei. Außerdem spreche das Grundgesetz den Eltern ausdrücklich das Recht zu, ihre Kinder selbst zu erziehen. Gerade in einer so heiklen Frage wie der Sexualerziehung könne dieses Recht nicht an die Schule delegiert werden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ging mit diesem Bildungsplan hart ins Gericht und sprach von einem „Gesinnungslehrplan“: „Die Einstellungen der Schüler müssen auch in Baden-Württemberg unverfügbar bleiben.“ (Heike Schmoll, FAZ vom 24. 01. 2014)
Ein anderes Beispiel für einen fragwürdigen Eingriff in die Bildung war in Nordrhein-Westfalen zu beobachten. Seit Jahren fordern Bildungsexperten, an unseren allgemeinbildenden Schulen „Wirtschaft“ als eigenständiges Unterrichtsfach einzuführen. Es soll dem bestehenden Fach „Politische Weltkunde“ ebenbürtig zur Seite gestellt werden. Die Plausibilität dieses Vorschlags liegt auf der Hand. In der globalisierten Welt gibt es kaum noch eine politische Entscheidung, die ohne Einsicht in wirtschaftliche Implikationen verständlich wäre. In Nordrhein-Westfalen weigerte sich die Landesregierung, einen seit 2012 bestehenden Modellversuch mit dem Fach „Wirtschaft“ in den Regelbetrieb zu überführen. Stattdessen sollte ein Fach „Verbraucherbildung“ eingeführt werden, das sich mit den Themen Konsum, Ernährung und Gesundheit befasst. Das klingt sehr nach politischer Opportunität: Verbraucherberatung statt Einblick in die Mechanismen der sozialen Marktwirtschaft? Das Misstrauen der Bildungsplaner gegen „die Wirtschaft“ ist mit Händen zu greifen.
Im oben erwähnten Bildungsplan von Baden-Württemberg werden folgende „Leitprinzipien“ für den Unterricht benannt: „Berufliche Orientierung, Nachhaltigkeit, Medienbildung, Gesundheitsförderung, Verbraucherbildung“. Hier wird der Schüler als zukünftiger Verbraucher wahrgenommen, nicht aber als mündiger Staatsbürger, der vordringlich mit den Prinzipien unserer Demokratie, mit Rechtstaatlichkeit und den Menschenrechten, vertraut gemacht werden sollte. Der allgemeinbildende, auf die Demokratie verpflichtete Unterricht wird zugunsten einer platten Verbraucherschutzideologie aufgegeben: Zoon politikon wird ersetzt durch homo oeconomicus (Eberhard Keil, „Reform in Permanenz“, 2014).
Aushöhlung der wissenschaftlichen Fundierung des Unterrichts
An diesen Beispielen kann man sehen, dass die Versuchung der Politik groß ist, ihre eigene, parteipolitisch oft sehr enge Agenda vorschnell und ohne die an der Schule beteiligten Gruppen – Lehrer, Schüler, Eltern – mitzunehmen, in Lehrpläne zu gießen und den Schulen auf amtlichen Wege zu verordnen. Oft sind diese Themen in der Gesellschaft höchst umstritten, oft lassen sie auch eine wissenschaftliche Fundierung vermissen. Seit Humboldts Zeiten ist die schulische Bildung – vor allem am Gymnasium – wissenschaftspropädeutischen Zielen verpflichtet. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in diesen modischen, „politisierten‘“ Fächern die Wissenschaftlichkeit – das oberste Gebot des gymnasialen Unterrichts – Schaden leidet. Der Berliner Philosoph Norbert Bolz nennt diese vorgeblich „gesellschaftlich relevanten Bildungsinhalte“ denn auch „Schulungskurse für Political Correctness“ („Cicero“, 27. 9. 2012).
Fraglich ist zudem, ob man Verhaltensmotivationen im Unterricht lehrhaft vermitteln kann, zumal die erteilten Ratschläge sehr stark vom persönlichen Gusto der Lehrkraft, von ihrer eigenen Lebenseinstellung, abhängen. Wie will man hier die Grenzziehung zwischen Wissensvermittlung und Werbung für persönliche Lebensstile verantwortungsvoll ziehen? Zum anderen gehen diese neuen Fächer zu Lasten des klassischen Bildungskanons. Da sich eine Ausweitung der Wochenstundenzahl wegen jugendgesetzlicher Restriktionen verbietet, müssen die Stunden den traditionellen Fächern weggenommen werden. Wäre es nicht viel zielführender, die klassischen musischen Fächer (Kunst, Musik, Theater) und den Schulsport zu stärken? Hier könnten die Schüler die mentale Stärke und seelische Ausgeglichenheit erlangen, die sie gegen manche Gefahren des Lebens immunisiert. Wer intensiv Sport treibt und im Theaterspiel seine Erfüllung findet, ist stärker gefeit gegen Drogenkonsum als derjenige, der nur in der Clique „abhängt“. Die oben genannten politisch gewollten Inhalte sollten dort vermittelt werden, wo sie hingehören: in der Volkshochschule, in Jugendfreizeitstätten und im Elternhaus.

Chaosunternehmen „G 8“
Im deutschen Volksmund gibt es die Redensart: „Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“. Manchmal muss man den Eindruck gewinnen, Bildungspolitik funktioniere nach diesem Prinzip. Im Jahre 2009 wurde in allen Bundesländern bis auf Rheinland-Pfalz die Schulzeit am Gymnasium von 9 auf 8 Jahre verkürzt (Die neuen Bundesländer waren nach der Wiedervereinigung bei 8 Schuljahren geblieben). Im Pädagogen-Deutsch heißt die neue Gymnasialform „G 8“. Die Verkürzung der Schulzeit hatte ihre Berechtigung. Im internationalen Vergleich gingen die deutschen Schüler entschieden zu lang zur Schule. Ein spätes Einschulungsalter, eine lange Gymnasialzeit und lange Studienzeiten führten dazu, dass die Heranwachsenden viel zu spät in den Beruf eintraten. Dies ist volkswirtschaftlich, aber auch menschlich problematisch. Die Zeit der größten Leistungsfähigkeit und Kreativität im Leben eines Menschen sollte im Beruf verbracht werden und nicht in der Ausbildung. Nach der Einführung von „G8“ formierten sich Protestgruppen – vornehmlich von Eltern initiiert -, die die Rückkehr zum alten neujährigen Gymnasium, zu „G 9“, forderten. Als Begründung wurde ins Feld geführt, den Kindern fehlte wegen der Ausdehnung der Schulzeit auf den Nachmittag die Zeit für ihre Hobbys. Zudem mache der zunehmende Leistungsstress die Kinder krank. Von einer gestohlenen Kindheit war gar die Rede.
Die meisten Schulverwaltungen haben ihren Teil zum negativen Image von „G 8“ beigetragen. Anstatt die ohnehin schon überbordende Stofffülle einzugrenzen, wurde das Lernen einfach auf den Nachmittag ausgedehnt. Dabei hätte man mit Hilfe des altbewährten Prinzips des „exemplarischen Lernens“ die Stoffmenge didaktisch sinnvoll reduzieren können. Auf der anderen Seite haben es die Bildungsminister der Länder versäumt, in der Öffentlichkeit für die Reform zu werben. Es hätte nämlich gute Argumente dafür gegeben. So haben Leistungsvergleiche zwischen den beiden Jahrgängen „G9“ und G8“, die gleichzeitig ihr Abitur ablegten, ergeben, dass es zwischen den beiden Abiturjahrgängen keine signifikanten Leistungsunterschiede gibt. Ein Schuljahr ist also offensichtlich entbehrlich.
Jetzt, wo ihnen der Wind ins Gesicht bläst, rudern die Bildungsminister reihenweise zurück, weil sie fürchten, von den aufgeregten Eltern bei den nächsten Wahlen abgestraft zu werden. Niedersachsen hat beschlossen, komplett zu „G 9“ zurückzukehren. In Bayern und Hamburg fordern Volksinitiativen die Rückkehr zu „G 9“. Die meisten Bundesländer wollen es künftig den Schulen gestatten, neben „G 8“ auch noch „G 9“ laufen zu lassen. Das wird dazu führen, dass es an den Gymnasien künftig zwei Zweige geben wird: den für die Schnell-Lerner („G 8“) und den für die Langsam-Lerner („G 9“). Der bürokratische Aufwand wird riesig sein. Wie sich Schüler der beiden Zweige unter einem Dach vertragen, bleibt abzuwarten.
Die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium wird dazu führen, dass diese beliebte Schulform noch mehr Schüler anzieht, als dies bisher der Fall war. Inzwischen hat sich in unserem Land die Gymnasialquote eines Jahrgangs auf 45% erhöht. Lehrer klagen darüber, dass in den unteren Klassen eine Art von „Gesamtschule light“ entstanden sei, weil immer mehr Eltern ihre Kinder auch gegen das Grundschulgutachten am Gymnasium anmelden. Der gymnasiale Leistungsanspruch ist bei der heterogenen Schülermischung kaum noch aufrechtzuerhalten. In Berlin mussten im Jahre 2012 rund 1000 Schüler das Gymnasium nach dem Probejahr wieder verlassen. Die Wiedereinführung von „G9“ wird bewirken, dass immer mehr Kinder gegen ihr eigentliches Leistungsvermögen am Gymnasium landen, wo ihr Scheitern vorprogrammiert ist. Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass viele Eltern deshalb für die Verlängerung der gymnasialen Schulzeit kämpfen, weil sie ahnen, dass ihre Kinder dem Leistungsanspruch des Gymnasiums nicht gewachsen sind. Hier hätte die Politik die Aufgabe gehabt, den Eltern zu erklären, dass es kein menschlicher Makel ist, wenn ein Kind „nur“ die Realschule oder die Sekundarschule besucht.
Wenn die Bundesländer das „G9“-Gymnasium wieder einführen, verursachen sie eine unangenehme Nebenwirkung. Den bei den Eltern unbeliebten Sekundarschulen geht das Alleinstellungsmerkmal, das Abitur nach 9 Schuljahren abzulegen, verloren. Künftig werden kluge Schüler, die aber nicht zu den Schnell-Lernern gehören (wollen), das Gymnasium dieser Schulform vorziehen. Bildungspolitische Konfusion in Reinkultur. Die eine Hand weiß anscheinend nicht, was die andere tut. An der „G8-Baustelle“ kann man ablesen, wie Schulpolitik funktioniert. Reformen werden im Geschwind-Galopp durchgepeitscht, ohne die Risiken und Nebenwirkungen zu bedenken. Es werden vor allem nicht diejenigen gefragt, die mit dem Schaden leben müssen, den die Reformen anrichten: die Lehrer und die Schulleiter. So wurde ein an sich löbliches Vorhaben durch eine falsche politische „Exekution“ bei allen Beteiligten gründlich diskreditiert.
Ideologische Setzung statt praktischer Evidenz
Die Politik scheut inzwischen auch nicht davor zurück, sich in Bereiche einzumischen, die nach den geltenden Schulgesetzen zum genuinen Recht des Lehrers gehören. In Baden-Württemberg wurde den Lehrern unter dem freundlichen Label einer „neuen Lernkultur“ verordnet, dass das „selbstorganisierte Lernen“ und die „individuelle Förderung“ an die Stelle des herkömmlichen Unterrichts treten solle, bei dem die Lehrkraft die Lernmethoden eigenverantwortlich nach fachlich-didaktischen Erfordernissen wählt. Die Verpflichtung auf politisch gewünschte Unterrichtsmethoden widerspricht dem Schulgesetz von Baden-Württemberg, in dem es unter § 38, 6 heißt: „Die Lehrkräfte tragen […] die unmittelbare pädagogische Verantwortung für die Erziehung und Bildung der Schüler.“ Die Planer in der Kultusverwaltung legen sich auch mit der höchstrichterlichen Rechtsprechung an. In einem Grundsatzurteil hat das Bundesverfassungsgericht 1977 die Eigenverantwortung des Lehrers bei der Gestaltung des Unterrichts bekräftigt: „Einzelheiten der Lehr- und Lernmethoden können daher grundsätzlich nicht der gesetzlichen Regelung vorbehalten sein, zumal da solche Einzelheiten kaum normierbar sein werden.“ (BVerfGE 47, 46)

Auch in anderen Bundesländern nehmen die Schulbehörden Einfluss auf die Gestaltung des Unterrichts. In Berlin hat sich das Schulamt dazu eine besonders raffinierte Methode einfallen lassen. Um die Methode des „individuellen Lernens“ an den Schulen durchzusetzen, hat sie dieses Merkmal in den Inspektionsbericht aufgenommen, mit dem die Berliner Schulen im 5-Jahres-Rhythmus bewertet werden. Dies führt zu absurden Resultaten. In Berlin wandte sich der Schulleiter eines renommierten Gymnasiums per Internet an die Öffentlichkeit. Er berichtete, dass seine Schule beim Schul-Test in allen Bereichen bestens abgeschnitten habe: beim Abitur, beim Mittleren Schulabschluss und bei fachlichen Wettbewerben. Nur: „Sorry, wir erzielten diese blendenden Ergebnisse leider mit der falschen Methode!“ – Bei der Evaluation steht offensichtlich nicht das eigentliche Ziel von Unterricht im Vordergrund: der bestmögliche Lerneffekt und die daraus resultierenden Lernergebnisse. Nein, eine politisch gewollte Methode, die des individuellen Lernens, wird absolut gesetzt und, wenn sie von der Lehrkraft nicht praktiziert wird, selbst gegen hervorragende Unterrichtsergebnisse aufgerechnet. Hier kann man ablesen, wie abstrus es wird, wenn politische Vorgaben wichtiger sind als die praktische Evidenz des Unterrichts und die Erfahrungen der Lehrkräfte. Warum kommt kein Politiker auf die Idee, allen Herzchirurgen künftig eine Methode der Operation vorzuschreiben? In der Bildung glaubt jeder Politiker, ein Experte zu sein und in die sensiblen Prozesse von Unterricht und Erziehung hineinregieren zu dürfen. Deshalb muss die Verantwortung für die realen Lernprozesse bei denen bleiben, die dafür die Kompetenz besitzen – bei den Lehrern.
Selbst Schüler wissen manchmal besser als Politiker, welche Form des Unterrichts ihnen gut tut. Als vor dem Zeitalter der Individualisierung die Gruppenarbeit als Allheilmittel angepriesen wurde (Stichwort: „Solidarität als Lernziel“), waren es die Schüler schon nach kurzer Zeit leid, in jedem Fach das obligatorische Tische-Karree bilden zu müssen, um dann im anstrengenden Palaver zu viert ein Thema zu bearbeiten. Vor allem die guten Schüler sträubten sich dagegen, weil sie sehr schnell erkannten, dass sie die Hauptarbeit erledigen mussten, während sich die „Trittbrettfahrer“ im Team zurücklehnten. Sie bekamen ja dieselbe Note, da das Gruppenergebnis gewertet wurde. Dazu Norbert Bolz: „Der Teamgeist ist der größte Feind des wirklichen Geistes. Sie können mit einer Gruppenorientierung ein sehr stabiles Durchschnittsniveau finden, aber Exzellenz wird niemals in Gruppen entstehen.“ (ebd.) – Manche Bildungspolitiker tun sich eben sehr schwer mit Exzellenz. Sie begnügen sich durchaus mit einem „stabilen Durchschnittsniveau“, weil dies ihrem gesellschaftlichen Ideal von sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit am besten entspricht. Sie glauben, dadurch eine Elitenbildung verhindern zu können. Dabei weiß jeder Praktiker des Unterrichts: Die schwachen Schüler werden nicht dadurch besser, dass man die leistungsstarken bremst.

Verteidigung der Professionalität
Lehrer und Eltern sollten in Zukunft selbstbewusster gegenüber der Politik auftreten. Sie sollten sich dafür einsetzen, dass sachfremde, politisch motivierte Eingriffe in die Bildung an unseren Schulen abgewehrt werden. Vor allem sollten sie darauf pochen, dass an der wissenschaftlichen Orientierung der Unterrichtsfächer festgehalten wird. Die Schule muss sich wieder darauf konzentrieren, was seit jeher ihr Auftrag war: die Formung junger Charaktere im Medium der Bildung. Ein solcher Bildungsansatz lässt der Lehrperson die Freiheit, den fachlichen Gegenstand so aufzubereiten, wie sie es für richtig hält, um die Schüler auf dem Weg in die Welt des Wissens mitzunehmen.
Dabei kommt der einzelne Schüler keineswegs „unter die Räder“, wie die Apologeten der Individualisierung stets insinuieren. Jede verantwortungsvolle Lehrkraft wird sich darum bemühen, dass sich alle Schüler entwickeln können, wie es ihrer natürlichen Begabung und ihrer häuslichen Prägung entspricht. Die Garantie für die positive Entwicklung der Kinder sind nicht „passende“ Schulformen und nicht verordnete Lernmethoden, sondern gute Lehrer. Zum guten Lehrer braucht es nicht nur fachliches Wissen und didaktisches Geschick. Genauso wichtig sind „weiche“ Faktoren wie Empathie, kommunikative Kompetenz und Humor. Wenn gute Lehrer eine gute Schule ausmachen, gilt es vor allem sie zu stärken. Davon ist leider bei den Verfechtern von „Strukturreformen“ selten die Rede.
Eine vernünftige Schulpolitik hält auch in der Schule am Leistungsgedanken fest. Leistung als „Anschlag auf die Kinder“ zu stigmatisieren, ist die Sicht von Erwachsenen, die ihre eigenen Vorurteile auf die Kinder projizieren. Es ist nämlich keinesfalls so, dass Kinder und Jugendliche Leistung verabscheuen. Im Sport und in der Musik orientieren sie sich stets nur an den besten Vorbildern. Und wer einmal Kinder beobachtet hat, wie sie stundenlang Puzzles zusammensetzen oder Lego-Burgen bauen, wird bestätigen, dass Kinder durchaus leistungsorientiert sein können – aber nur, wenn sie die Sinnhaftigkeit ihres Tuns einsehen und dabei Freude empfinden. Dieser emotionale Aspekt der Leistung geht im schulischen Lernen leider manchmal verloren, weil die Lernarrangements nicht immer spannend und die Stundenabläufe manchmal zu routiniert und wenig inspirierend sind. Eine flächendeckende Fortbildung der Lehrkräfte könnte dies ändern.
Autonomie der Schulen
Eine vernunftgeleitete Schulpolitik würde den Streit um die richtige Schulform ein für alle Mal beenden. Es genügte völlig, wenn die Schulbehörde eines Bundeslandes die Standards für die zentralen Abschlussprüfungen (Mittlerer Schulabschluss und Abitur) festlegte. Über den Weg dahin, über Schulform, Schulprofil und Unterrichtsmethoden sollte dann jede Schule autonom entscheiden dürfen. Liegt die Schule in einem Stadtviertel, das als sozialer Brennpunkt gilt, wird sie in erster Linie versuchen, die soziale Kompetenz, das Selbstvertrauen und die Sekundärtugenden der Kinder zu stärken. Sportlicher Wettkampf, Musik und Theater sind dafür probate Mittel. Liegt die Schule in einem Bezirk mit hohem Akademikeranteil, wird sie den Unterricht abstrakter anlegen und auch Programme für Hochbegabte auflegen. Jeder Lehrer weiß, dass der Einzugsbereich der Schule Unterrichtsstil und Lernerfolg der Schüler entscheidend prägt. Die einzelnen Lehrer sollten mit dieser Aufgabe nicht länger allein gelassen werden. Die ganze Schule muss ihre Lernkultur auf die Mentalität ihrer „Kunden“ abstellen.
Dazu muss Schule allerdings von der bürokratischen Fesselung befreit werden. Was in einigen Bundesländern unter dem Label „Schule in erweiterter Verantwortung“ mehr zaghaft als mutig angestoßen worden ist, sollte flächendeckend in die Tat umgesetzt werden. Die volle Verantwortung für Personal, Budget, Schulform, pädagogisches Profil, Lernmethoden und für die Evaluation der Lernergebnisse muss endlich der Institution gegeben werden, die in der täglichen Unterrichts- und Erziehungsarbeit auch die Verantwortung trägt. Man kann getrost davon ausgehen, dass die an den Schulen versammelte Intelligenz und die an der täglichen Arbeit der Lehrer ablesbare Professionalität den Denkhorizont von Politik und Verwaltung deutlich übersteigen. Es ist ein vordemokratisches Relikt, dass diejenigen, die etwas „von oben“ verordnen, für die Resultate ihres Tuns nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Die Einführung des Haftungsprinzips in der Bildung tut also genauso Not wie im zügellos agierenden Finanzwesen. Die Schulen sollten deshalb künftig nur noch einer Instanz gegenüber verantwortlich sein: ihren Schülern und deren Eltern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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