Schlagwort-Archive: Individualisirung des Lernens

Sozialer Status der Eltern und Schulerfolg der Kinder

Es gibt kaum eine Studie über die Schulerfolge von Kindern, in der nicht darauf hingewiesen würde, dass in Deutschland der soziale Status der Eltern über den schulischen Erfolg eines Kindes entscheide. Besonders vehement wird diese These von der OECD und der Bertelsmann-Stiftung vertreten. Diese Behauptung ist nicht nur grob irreführend, sie ist auch ehrenrührig – für die Lehrerinnen und Lehrer. Sie unterstellt, die Lehrkräfte würden die Kinder bewusst nach dem „sozialen Status der Eltern“ sortieren: Ist der Vater von Renate Chefarzt einer Klinik, erhält sie in Deutsch eine „Eins“. Ist der Vater von Robert Bus-Fahrer bei den Verkehrsbetrieben, erhält er in Deutsch eine „Vier“. In den anderen Fächern laufe  es analog.

Wenn man der Sache auf den Grund geht, ergibt sich ein völlig  anderes Bild. Ein Grundschullehrer erkennt schon in der ersten Stunde, welche Kinder in der häuslichen Erziehung so gefördert wurden, dass sie nicht nur den Stoff mühelos verstehen, sondern  auch über die für erfolgreiches Lernen unverzichtbaren Sekundärtugenden verfügen: Wissbegierde, Ehrgeiz, Konzentrationsfähigkeit.  Bevor Kinder in die Schule kommen, wurden sie sechs Jahre lang zu Hause erzogen. Sie sind in eine familiäre Kultur hineingewachsen, die sie auf unterschiedliche Weise auf die Schule vorbereitet.   Die Mechanismen der frühkindlichen Sozialisation sind sehr gut erforscht. Hier einige Beispiele:  Wenn eine schwangere Frau häufig klassische Musik hört, entwickelt das Neugeborene schon früh ein Rhythmusgefühl, die Vorstufe von Musikalität. Wenn kleinen Kindern  regelmäßig vorgelesen wird, bilden sie ein differenziertes Sprachvermögen aus und schreiben schon in der Grundschule verblüffend gute Texte. Wenn ein Kind im Elternhaus erlebt, dass die Eltern  elaboriert reden und  diskutieren, überträgt sich dieses sprachliche Vermögen auf das Kind. Es wird zum verbal geschickten, selbstbewussten Streiter in eigener Sache. Wenn ein Kind Lob und Zuspruch erfährt, wenn es die Welt im Spiel entdeckt, wird es später auch im schulischen Lernen  Neugier und Ehrgeiz entwickeln. Wenn man sich von all diesen stimulierenden Anreizen das Gegenteil denkt, kann man ermessen, wie tiefgründig und wie nachhaltig die Handikaps und Defizite sind, mit denen die Kinder zu kämpfen haben, die in bildungsfernen Elternhäusern heranwachsen müssen. Schon in der Grundschule sitzen sie im  hintersten Waggon des Geleitzuges.

Die entscheidende Frage für den Pädagogen ist: Kann Schule diese Defizite noch ausgleichen? Nach allem, was man über kompensatorische Bildung weiß, kann sie es nur sehr begrenzt. Sie kann es vor allem nicht dadurch, dass man die schwachen Schüler mit den Kindern gemeinsam unterrichtet, die überragende Fähigkeiten besitzen. Letztlich wird der Lehrer in einem Unterricht in so stark heterogenen Lerngruppen keiner der beiden Schülergruppen gerecht. Jeder, der einmal in einer normalen Schulklasse im Gymnasium unterrichtet hat, weiß, wie schwierig es ist, den Lernstoff so aufzubereiten, dass er bei seinem Vorgehen in der Stunde allen Lernniveaus gerecht wird. Binnendifferenzierung gehört nämlich zu den schwierigsten Handwerkstechniken eines Lehrers. Wie soll dies erst  gelingen, wenn alle Kinder eines Jahrganges – unabhängig von ihren intellektuellen Fähigkeiten – in einer Klasse sitzen.

Einige Bundesländer haben aus diesem Dilemma die Konsequenz gezogen, in einer neu gegründeten Schulform – der Gemeinschaftsschule – die Lehr- und Lernmethode völlig umzukrempeln. Das individuelle Lernen löst das gemeinsame Lernen im Klassenverband ab. Jeder Schüler erhält  von der Lehrkraft einen persönlichen  Lernplan, der auf seine Vorkenntnisse und auf seine Lerngeschwindigkeit passgenau abgestimmt ist. Diesen Lernplan arbeitet der Schüler ab und wird dabei von der Lehrkraft, die in die Rolle des „Lernbegleiters“ schlüpft, unterstützt. Da Auffassungsgabe, Motivation und  Lerngeschwindigkeit  bei den Kindern unterschiedlich stark ausgeprägt sind, ergibt sich schon nach wenigen Tagen eine starke Differenzierung. Die Lernkontrollen und Tests werden  nicht von allen  gemeinsam am gleichen Tag   geschrieben, sondern sukzessive von  kleinen Gruppen, die ein gemeinsames Tempo vorgelegt haben und gemeinsam an einer „Zwischenstation“ angekommen sind. Wenn man den Befürwortern dieser Lernform Glauben schenken darf, funktioniert diese Art der Stoffvermittlung. Den Schülern wird  zudem bescheinigt, dass sie durch die Selbstständigkeit, mit der sie zu Werke gehen (müssen), viel Selbstbewusstsein erworben hätten.

Aus Elternsicht sieht das Ergebnis dieser Lernform weniger rosig aus. Viele Eltern klagen in Internetforen  darüber, dass die Kinder, die am langsamsten lernen, stigmatisiert würden, dass sie für sich das Gefühl  entwickeln, zu den Schlechten, den „Doofen“ zu gehören. Diese Lernmethode hat eine Art von  „Rattenrennen“ in Gang gesetzt.  Alle gieren danach, unter den ersten zu sein, die den Test schreiben dürfen. Auf diese Art wird eine Konkurrenz erzeugt, die man in einer „Gemeinschaftsschule“ eigentlich nicht erwarten würde. Die Schüler können sich nicht mehr wie früher im Klassenverband auch einmal zurücklehnen, wenn sie einmal nicht motiviert  sind. Sie müssen immer „am Ball bleiben“. Und schlechte Schüler können sich nicht mehr  in der Masse „verstecken“. Im früheren Klassenverband  hat es  immer einige gute Schüler gegeben, die im Unterrichtsgespräch dominierten und dem Lehrer das Gefühl vermittelten, sein Stoff sei bei den Schülern angekommen. Beim individualisierten Lernen ist jeder Schüler auf sich selbst gestellt. Jeder muss für sich den Lernplan  erfolgreich  absolvieren, um beim Test gut abzuschneiden. Auf Hilfe vom Nachbarn kann er sich nicht verlassen, weil dieser genauso stark unter Erfolgsdruck steht wie er selbst.

Das zweite Manko des individualisierten Lernens betrifft die völlig veränderte  Rolle der Lehrkraft. Sie wird auf eine Moderatoren- und Helfer-Rolle reduziert. Sie  stellt das differenzierte  Material bereit und  arbeitet die Lernpläne und die Lernkontrollen aus. Während der aktiven Phase des Lernens pendelt die Lehrkraft  von Schüler zu Schüler, um sie  beim Lernen  zu unterstützen. Ein Unterrichtsgespräch, bei dem die ganze Klasse über den gelernten Stoff reflektiert und  diskutiert, ist bei diesem Verfahren nicht mehr oder nur in Ausnahmefällen vorgesehen. Es wäre bei den sehr unterschiedlichen  intellektuellen Voraussetzungen der Schüler auch ein schwieriges Unterfangen. Neueste Erkenntnisse aus Lernstudien (vor allem aus der  großen  Studie des Pädagogen John Hattie) beweisen jedoch, dass gerade dem Lehrer eine wichtige Rolle im Lernprozess zukommt. Der Unterricht zeigt die besten Resultate, wenn er  von der Lehrkraft klar strukturiert worden ist und  auf der Methode des „reziproken Lehrens“(Hattie) – sprich: des Unterrichtsgespräches – basiert. Selbst die „direkte Instruktion“(Hattie)  –  in der öffentlichen Diskussion häufig als „undemokratischer Frontalunterricht“  geschmäht – hat Hattie zufolge eine hohe Effektivität.

Was heißt das für die Schulform, in der die Schüler lernen sollten? Das gegliederte System bietet immer noch die besten Voraussetzungen für ein Lernen, das auf unterschiedliche Begabungen, intellektuelle Voraussetzungen und häusliche Prägungen Rücksicht nimmt. Da das Gymnasium inzwischen fast 40% eines Schülerjahrgangs aufnimmt, kann von einer elitären Abschottung ohnehin nicht mehr die Rede sein. In einer Gesamtschule oder Integrierten Sekundarschule sollte die Differenzierung nach Leistungsniveaus stattfinden, damit die Heterogenität der Schülerschaft im Klassenverband  nicht so groß wird, dass ihr nur noch durch „Individualisierung“ beizukommen ist.

Fazit: Wenn man aus sozialen Gründen, wie es rot-grüne Bildungspolitiker  wollen, alle  Schüler eines Jahrgangs  in einer Schule unterrichtet, kommt man um die  Auflösung des Klassenverbandes und die Individualisierung des Lernens nicht herum, will man überhaupt noch vernünftige Lernergebnisse erzielen. Dann muss man aber  die oben beschriebenen sozialen und psychologischen Nachteile für die Schüler – ihre Vereinzelung und  Konkurrenz –  in Kauf nehmen. Wenn jedoch die Unterrichtsergebnisse in solchen Lernarrangements  signifikant schlechter ausfallen als in den Klassen des gegliederten  Systems, sollte man zum Lernen im Klassenverband und zur Differenzierung nach Leistungsniveaus zurückkehren.

Die Gemeinschaftsschulen sind noch zu jung, um belastbare Ergebnisse ihres Lernerfolgs zur Verfügung zu  haben. Die Erfahrungen, die an den Integrierten Sekundarschulen (z.B. in Berlin) gemacht wurden, sind jedoch alles andere als ermutigend. Letztlich werden die Eltern darüber entscheiden, ob sie dem Sozialen oder dem Pädagogischen den Vorzug geben wollen. Schließlich geht es um das Wohl ihrer Kinder.

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Unterrichtsmethoden, Unterrichtsqualität