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Pädagogik der Vereinzelung

 

Wenn Sozialdemokraten und Grüne über Bildung reden, werden immer dieselben Formeln bemüht: Es gelte, die Bildungschancen unserer Kinder von ihrer sozialen  Herkunft zu entkoppeln;  den Kindern der Unterprivilegierten sollte durch Bildung die Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht werden; der Schlüssel zur besseren Integration von Kindern mit Migrationshintergrund sei eine bessere Bildung. Diesen Zielen wird kein vernünftiger Mensch, schon gar kein Pädagoge widersprechen können. Bildung war immer schon der Türöffner für den sozialen Aufstieg, für ein Leben in Wohlstand und Würde. Alle wohlhabenden Nationen dieser Welt   haben ihren Aufstieg über Ausbildung, Forschung, wissenschaftliche Entdeckungen  und technische Innovationen geschafft.

So unstreitig die Zielbeschreibung von Rot-Grün ist, so problematisch wird es, wenn man genauer betrachtet, wie diese  Ziele pädagogisch in die Tat umgesetzt werden. Dem gegliederten Schulsystem setzt Rot-Grün die Gemeinschaftsschule entgegen. In ihr ist die Aufteilung der Schüler nach ihren Begabungen aufgehoben. Da in den gemischten Klassen ein vernünftiger Klassenunterricht nicht mehr möglich ist, haben die rot-grünen Bildungsplaner das „individuelle Lernen“ entdeckt. Jeder Schüler erhält einen an  seinen Kenntnisstand und sein Leistungsvermögen angepassten Lernplan. Ihn arbeitet er nach eigenem Gutdünken und mit der ihm zuträglichen Geschwindigkeit ab. Da nie alle Schüler eine Lernsequenz gleichzeitig abschließen, werden die Tests zur Überprüfung des Gelernten zeitlich gestaffelt geschrieben.  Die Guten zuerst, die Schlechten zum Schluss.

Ein Axiom des individualisierten Lernens ist die nur noch beratende Rolle der Lehrkraft. Sie ist nicht mehr Initiator des Lernprozesses, nicht mehr Lehrender und Erklärender, sondern nur noch Lernbegleiter. Die Schüler sind weitgehend auf sich allein gestellt: Das Verstehen aus eigener Kraft hat  Vorrang vor der Erläuterung durch den Lehrer.

In der Theorie hört sich all  dies gut an. Zum Glück gibt es schon Erfahrungsberichte aus den Schulen, die Einblick in die praktische Umsetzung des neuen Lernkonzepts  gewähren.  Sie trüben  das schöne Bild vom  Lernglück. In einem Bericht beschreibt eine Mutter, wie die  Kinder der  Grundschulklasse ihres Sohnes ihre  eigene „Lernstraße“ entlanggehen, sich abstrampeln, um  sich zu den Guten hochzuarbeiten.  Ihr Fazit:  „Allerdings stellte sich schnell heraus, dass es nur für die Kinder aus dem vorderen Leistungsdrittel wirklich motivierend und gewinnbringend und leichtfüßig ist. Die Kinder der beiden anderen Leistungsdrittel, die nicht so fit sind, irren irgendwann alleingelassen und orientierungslos umher.“ Die Kinder, die mit dem durchschnittlichen Lerntempo in der Gruppe nicht mithalten können, geraten immer mehr ins Hintertreffen. Ständig sehen sie, dass ihre Mitschüler  schon mehr bearbeitete Lernblätter abgeheftet haben als sie selbst, dass sie im Lehrbuch schon zwei Kapitel weiter sind als sie. Sie bekommen mit, welche Klassenkameraden schon den ersten Lerntest schreiben dürfen. Die Mutter: „Stets wird dem Kind klar: ich hänge hintendran.“

Eine wichtige Errungenschaft der modernen Schule ist die Achtung der Persönlichkeit der Schüler. Jede Form der  Herabwürdigung ihrer Leistungen oder ihrer Person ist verpönt. Positive Bestärkung, Lob, Ermutigung sind die wichtigsten pädagogischen Instrumente, um die Schüler zum Lernen zu ermuntern und ein harmonisches Lernklima zu erzeugen.  Jeder vernünftige Lehrer geht heute auf schwache Schüler ein, stellt ihnen  leistungsstarke Schüler als Lernpaten zur Seite, organisiert  Fördermodelle nach dem Motto: „Wir lassen keinen zurück!“  Deshalb ist es so verstörend, dass ausgerechnet die Parteien, denen das Menschliche in der Schule, die soziale  Kompetenz  der Schüler immer besonders  am Herzen lagen, einer Pädagogik das Wort reden, die die Vereinzelung der Schüler und ihre  Separierung in  Gut und Schlecht fördert. Die verpönte „Selektion“ des gegliederten Schulsystems kehrt in sublimer Form in die Lerngruppe zurück.  In Umkehrung des bekannten Spruches von Mephisto aus Goethes „Faust“ könnte man sagen:  Hier waltet der Geist einer Pädagogik, die   das Gute will und   das Böse schafft.

Die Schwächung, ja Auflösung des Klassenverbandes durch das individuelle Lernen kommt einem Kulturbruch gleich. Die Schulromane  „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner, „Die Feuerzangenbowle“ von Heinrich Spoerl und die Schulgeschichten aus den  „Buddenbrooks“ von Thomas Mann wären ohne die Schulklasse als Organisationsform nicht möglich gewesen. Die Klasse ist für die Schüler nicht nur  Lernraum, sie ist auch Ort der sozialen Auseinandersetzung, der Selbstbehauptung und Rollenerprobung. Und sie ist  Schutzraum vor den Zumutungen rabiater Lehrer, schulischer Dramen   oder  persönlicher Krisen. Welchem  Erwachsenen hat sich „seine“ Schulklasse nicht ins Gedächtnis eingegraben?  Wem ist seine  Klasse nicht als der Ort vor Augen, in dem man Jahre seines jungen Lebens an der Seite von Freunden und Kameraden  zugebracht hat?  Diesen Ort preiszugeben, um eine zur heiligen Kuh erklärte Schulform – die Gemeinschaftsschule – verwirklichen zu können, ist eine pädagogische Ursünde. Schlimmer noch: Es ist ein unsozialer Akt, weil  er den Kindern einen wichtigen Schonraum raubt und sie als Einzelwesen  auf sich selbst zurückwirft.

Das segensreiche Miteinander der Schüler im Klassenverband ist schon lange bekannt. Wilhelm von Humboldt, der große Bildungsreformer, schreibt 1810, dass das gemeinsame Lernen in der Klasse wichtig sei, „damit die gelingende Thätigkeit des Einen den Anderen begeistere und Allen die hervorstrahlende Kraft [des Wissens] sichtbar werde.“ Auch aktuelle Untersuchungen stützen die Wichtigkeit der Lerngruppe für den Lernprozess des Einzelnen. In der  Studie des neuseeländischen Pädagogen John Hattie  kann man nachlesen, dass ein positives Klima in der Klasse für die Lernleistung der Schüler  von ausschlaggebender Bedeutung ist.   Klassenzusammenhalt  ist für ihn  das „Gefühl, dass alle (Lehrperson und Lernende) gemeinsam für positive Lernerfolge arbeiten.“ Jeder, der schon einmal als Lehrer vor einer Klasse stand, wird bestätigen, dass das Klima in der Klasse das Lernen entscheidend bestimmt. Ein aggressives, widerständiges Verhalten der Schüler blockiert den Lernprozess, ein offenes, erwartungsvolles Verhalten beflügelt ihn. Das Klima zu beeinflussen ist in erster Linie die Aufgabe der Lehrkraft. Deshalb sind sozialpsychologische Fähigkeiten so wichtig. Mit Empathie, Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen kann ein Lehrer die  Stimmungen  in einer Klasse erkennen und  sie für den Lernprozess nutzbar machen.  Dazu braucht es aber eine Lehrperson und keinen  Lernbegleiter.

Der Regisseur Helmut Weiss hat seiner Verfilmung des Romans „Die Feuerzangenbowle“ ein Zitat aus dem Roman vorangestellt:  „Dieser Film ist ein Loblied auf die Schule, aber es ist möglich, dass  die Schule es nicht merkt.“ Heute wissen wir, was  eine gute Schule ausmacht und dass  vieles an der „alten“ Schule so schlecht nicht war.  Diejenigen, die eine altbewährte Schulkultur auf dem Altar des vermeintlich Progressiven opfern, sollten sich später nicht damit herausreden dürfen, dass sie nicht wussten, was sie taten.

 

 

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