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Bildungserlebnisse im Unterricht

Am 31. 10. 2013 fragte ich die Schüler meines Geschichtskurses in der Gymnasialen Oberstufe eines Berliner Gymnasiums, ob sie wüssten, welchen Tag wir heute feierten. „Halloween“ schallte es mir vielstimmig entgegen. An meiner Miene, die sich verfinsterte, merkten die Schüler, dass ihre Antwort nicht optimal ausgefallen war. Nach längerem Nachfragen fand sich  endlich die richtige Antwort: den Reformationstag. Was Luther damals wollte und worin seine bleibende geschichtliche Leistung besteht, wussten die Schüler nicht zu sagen. Im Geschichtsunterricht war das sicher irgendwann einmal „dran gewesen“. Nur hängen geblieben ist nichts. So sieht es auch mit anderen wichtigen historischen Ereignissen aus. Kaum ein Schüler weiß etwas über die wichtigsten römischen Kaiser der Deutschen im Mittelalter zu sagen, die Frage nach den demokratischen Bestrebungen  im 19. Jahrhundert, nach Wartburgfest,  Hambacher Fest und Paulskirche, bleibt ohne Antwort.

Als ich nach einigen Jahren des Unterrichtens meine Scheu vor den  Lehrplänen  abgelegt hatte, zwackte ich an wichtigen Jahrestagen, Gedenktagen und Geburtstagen unserer Dichter und  Denker einen Teil der Unterrichtszeit ab und bot ein Extempore: Beim Geburtstag Goethes eine kurze Besprechung seines Gedichts „Ich ging im Walde so für mich hin“, beim Todestag Schillers das Gedicht „Nänie“. Bei historischen Gedenktagen eine kurze Schilderung des Ereignisses. Selbst fachfremd begann ich zu „wildern“:  Bei Mozarts Todestag erklang ein Satz aus der „Kleinen Nachtmusik“, bei Schumanns  Geburtstag  die „Träumerei“. Die moderne Technik kam mir zu Hilfe. Ein Smartphone mit Lautsprecher genügt, um eine der vielen Aufnahmen von YouTube abzuspielen. Zuerst reagierten die Schüler in meinen Kursen befremdlich. Später wollten sie die kleinen Bildungserlebnisse, die ich ihnen  frei Haus bescherte, nicht mehr missen. Und sie gingen aufmerksamer durch das Kalenderjahr.

Warum bleibt eine solche Erinnerung der persönlichen Initiative eines Lehrers überlassen? Warum ist sie nicht selbstverständlicher Teil des gymnasialen Unterrichts? Dafür gibt es mehrere Gründe. In den 1970er Jahren geriet  im Gefolge der Studentenbewegung die Wissensvermittlung in den Verdacht, die Schüler an der Ausbildung eines „kritischen Bewusstseins“ zu hindern. Die  Einübung von Problembewusstsein wurde gegen die verpönte  „Stoffhuberei“ in Stellung gebracht. Mit fatalen Folgen.  Faktenwissen zu vermitteln trat in den Hintergrund, das Hinterfragen von Sachverhalten und Meinungen dominierte. Doch brauche ich nicht  zu allererst  Wissen, bevor ich es hinterfragen kann? Die Ausläufer dieser Fehlentwicklung kann man in den Talkshows der Nation besichtigen.  Jeder Gast  tut seine  Meinung vollmundig kund, ohne dass  immer ersichtlich wäre, dass er den Gegenstand, über den er redet, geistig  durchdrungen hätte.

Die Schulreformen   nach dem ersten PISA-Test taten ein Übriges. „Bildung“  wurde immer mehr zur „Ausbildung“. Die modisch gewordene  Kompetenzorientierung fragt zuerst nach der methodisch-handwerklichen Fähigkeit eines Schülers, nicht aber nach einem profunden Wissen.  Die modernen  Lehrpläne geben mit entwaffnender Offenheit zu, dass Inhalte nur noch eine „dienende Funktion“ gegenüber den Kompetenzen hätten. Früher fragte ein Referendar bei der Vorbereitung einer Lehrprobe im Fach Deutsch, welchen „guten“ Text er einsetzen könnte, um  die Begeisterung seiner  Schüler zu wecken. Heute fragt er danach, mit welchem Text er am besten die Methode „Lernen an Stationen“ demonstrieren könnte. Sie muss schließlich noch „abgearbeitet“ werden.  Können Kafka und Hölderlin „an Stationen“ gelernt werden? Bräuchte  es dazu nicht eines soliden Bahnhofs? Müsste man sich dabei nicht intensiv auf  die gedankliche Tiefe und die sprachliche Gestalt  der Texte  einlassen?

Bei meinen persönlichen Erinnerungsfeiern im Unterricht versuchte ich durchaus auch Stolz auf unsere großen Vorfahren zu vermitteln:  Von Luther stammt  die deutsche Bibelübersetzung und unser  Hochdeutsch!  Einstein verdanken wir das moderne physikalische Weltbild!  Es ist freilich ein gewagtes Unterfangen, in unserem Land von Stolz zu reden. Was in anderen Ländern selbstverständlich ist, gerät bei uns unter Nationalismus-Verdacht.   Schüler erzählten mir nach ihrem Austauschjahr in den USA, dass an ihrer Schule  vor dem Unterricht der Fahneneid gemeinsam gesprochen wurde.  Danach trat ein Schüler nach vorne und verlas  einen der berühmten Texte aus der amerikanischen Verfassungsgeschichte: die „Unabhängigkeitserklärung“  oder die „Gettysburg Address“. Hätten wir nicht auch berühmte  Texte, die es wert wären, dass die Schüler sie kennen? Ließe sich mit ihnen nicht ein  aufgeklärter  Patriotismus  begründen?  Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann (SPD)  vom Fenster des Reichstags aus (1918),  die Rede von Otto Wels (SPD) zur Ablehnung des Hitlerschen Ermächtigungsgesetzes (1933), die Flugblätter von Sophie und Hans Scholl (1942/43).

Es fällt schwer, daran zu glauben, dass irgendeine Bildungsbehörde bereit wäre, solch ein Wagnis einzugehen. Zu heftig wäre der Gegenwind, der von linken und grünen  Kreisen ausginge. Patriotismus jeder Spielart gerät sofort in den Verdacht, die bösen Geister der  deutschen Vergangenheit  wieder erwecken  zu wollen. Dabei werden von unserer 2000-jährigen Geschichte die zwölf unseligen Jahre herausgegriffen und zum Maßstab unseres Geschichtsgedenkens gemacht. Als sich Deutschland im November 1989 im Freudentaumel befand, warnten die Anti-Patrioten lautstark vor einem „Vierten Reich“. Günter Grass hielt die Teilung Deutschlands für die gerechte Strafe für den Holocaust, wobei er großzügig  darüber hinweg  sah, dass nur ein Viertel der Deutschen gezwungen war, die Strafe abzubüßen.

Allenfalls bei sportlichen Groß-Ereignissen lässt man patriotische Gefühle zu („Sommermärchen“, WM 2006), im normalen gesellschaftlichen Leben und auch in der Schule stellt  man solche Emotionen unter Quarantäne.  Deutschland ist als demokratische Nation heute so gefestigt und durch ein Netz von Bündnissen international so eingebunden, dass   nationalistische Eskapaden nicht mehr zu erwarten sind. Im Gegenteil: Von den Europäern werden wir aufgefordert, mehr Verantwortung zu übernehmen. Aus Kriegen halten wir uns, wenn sie nicht von der UN gebilligt sind, heraus. Wäre es da nicht an der Zeit, unserer Jugend ein Bild von unserem Land zu vermitteln, das durch gute und durch schlechte Zeiten gegangen ist, das aber wie jedes andere Land auch wert ist, als Heimat der Menschen geachtet und verehrt zu werden. Die Schule wäre für einen solchen sanften Patriotismus der richtige Ort.

 

 

 

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