Unterricht gehört regelmäßig auf den Prüfstand

Veröffentlicht auf CICERO-online am 28. Februar 2021

Veröffentlicht auf CICER-online am 28. Februar 2021

Das  Homeschooling  offenbart, dass viele Schüler vom selbständigen Lernen überfordert sind. Auch die soziale Bildungskluft vergrößert sich. Aber ziehen die Schulen auch Lehren aus der Krise? Der langjährige Lehrer Rainer Werner berichtet aus dem Klassenzimmer.

Im Netz stößt man auf Hilferufe von Schülern, die mit ihren Hausaufgaben überfordert sind. Eine Schülerin, die an einer Gedichtanalyse verzweifelt, schreibt: „Halloooo, ich sitze schon wirklich lange am Verständniss dieses Gedichtes. Ich soll es mit dem Gedicht von Günter Eich vergleichen…jedoch weiß ich nicht was dieses Gedicht mit das von Günter Eich im Hut hat…Das von Günter Eich ist ja unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg geschrieben worden und das von Christa Reinig 1965….Gedichte sind leider nicht meine Stärke…“ (Grammatik und Orthografie nach dem Original) – Was sich hier wie ein Hilferuf aus dem Homeschooling liest, wurde schon vor Corona-Zeiten ins Netz gestellt. Die Schülerin verzweifelt an einer alltäglichen Hausaufgabe. Sie zeigt nicht nur gravierende Rechtschreib- und Grammatikschwächen, sie hat offensichtlich auch nicht verstanden, wie man Gedichte interpretiert. Im Unterricht ist alles schon einmal „dran gewesen“, hängen geblieben ist wenig. Die Klage der Schülerin lässt ahnen, wie es um das Lernen bestellt ist, wenn die Schule über Wochen hinweg ins Elternhaus verlagert wird. Die Lernerträge, die die Schüler beim digitalen Lernen in den häuslichen vier Wänden erzielen, werden noch hinter den schulischen Ergebnissen zurückbleiben.

Den Präsenzunterricht in den Blick nehmen

Politiker äußern sich besorgt über die Lerndefizite, die das Homeschooling mit sich bringt. Sie klagen darüber, dass Kinder aus bildungsfernen Familien abgehängt würden, weil sie mit dem Lernen zu Hause überfordert seien und zudem nicht über das nötige digitale Equipment verfügten. Die Vorsitzende der Grünen Annalena Baerbock fordert gar einen „Bildungsschutzschirm“, der die zutage getretenen Schwächen im Fernunterricht ausgleichen solle. In Berlin dürfen Schüler, die Lernlücken aufweisen, eine Ehrenrunde drehen, ohne dass dies als Sitzenbleiben gewertet wird. Das große Kümmern um die Bildungsverlierer mutet merkwürdig an, wenn man bedenkt, dass schon vor der Corona-Pandemie jedes Jahr rund 50.000 Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Sie sind im Präsenzunterricht gescheitert. Sie haben keine besorgten Fürsprecher gefunden, niemand hat für sie Schutzschirme aufgespannt und Hilfspakete geschnürt. Man hat sie damit allein gelassen, dass sie im Unterricht zu wenig gelernt haben.  Das Homeschooling legt die Schwächen bloß, die im normalen Unterricht schon lange existieren. Wir sollten deshalb aus dem Befund des nationalen Großversuchs „Schüler lernen zu Hause“ die richtigen Lehren ziehen: Das Lernen muss effektiver, das Wissen nachhaltiger als bislang in den Köpfen verankert werden.

Die Wirksamkeit des Unterrichts überprüfen

In Deutschland unterrichten täglich 800.000 Lehrkräfte, ohne dass die Wirksamkeit ihres Tuns je auf den Prüfstand gestellt würde. Man traut den Lehrern aufgrund ihrer hochwertigen akademischen Ausbildung einfach zu, dass sie den Schülern ihr Wissen erfolgreich vermitteln können. Die Lehrerverbände mauern, wenn es darum geht, die Performance der Lehrkräfte im Unterricht zu überprüfen. Sie wollen ihre Mitglieder nicht vor den Kopf stoßen. Auch die Schulbehörden blockieren aus falscher Rücksichtnahme die Evaluierung von Unterricht. Dabei wäre sie leicht möglich. Man bräuchte nur die Ergebnisse der Lernstandserhebungen TIMMS und VERA und beim Mittleren Schulabschluss nach Lerngruppen differenziert auszuwerten. Lehrkräfte mit besonders schlechten Ergebnissen wären dann gezwungen, die Wirksamkeit ihres Unterrichts zu überprüfen und vorhandene Schwächen in Fortbildungen auszubügeln. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hält die Selbstevaluation der Lehrkräfte für eine der wichtigsten Produktivkräfte für einen guten Unterricht: „Meine Rolle als Lehrperson ist es, den Effekt, den ich auf meine Schülerinnen und Schüler habe, zu evaluieren.“ – Die Lernforschung hat herausgefunden, dass sich ein Teil des erworbenen Wissens schon nach wenigen Wochen wieder verflüchtigt, weil es nur im Kurzzeitspeicher des Gehirns abgelegt worden war. Schüler kennen die Effektivität dieses Speichers sehr gut, wenn sie zum Leidwesen von Lehrern und Eltern immer erst auf den letzten Drücker, also in der Nacht vor der Klausur, lernen. Sie pochen jedoch darauf, dass es für sie die beste Methode sei, sich den Stoff zu merken. Damit haben sie sicher recht. Nachhaltig gelernt haben sie allerdings nicht. Dieses ständige Vergessen eines Teils des Stoffes infolge nur oberflächlicher Rezeption senkt den Wirkungsgrad von Lernprozessen entscheidend. Die Flüchtigkeit des Wissens ist zudem eine Vergeudung einer kostbaren Ressource: der vorher aufgewandten Lehr- und Lernbemühung. Wie man beim Lernen das Langzeitgedächtnis aktivieren kann, ist hinlänglich bekannt. In die Unterrichtspraxis haben solche Methoden kaum Eingang gefunden. Es muss uns zu denken geben, dass sich Schüler, die am Vormittag mit Selbstlernmethoden traktiert werden, zu Hause den gekonnten Vortrag eines Youtube-Lehrers gönnen, der die Sachverhalte so anschaulich erklärt, dass der Groschen schließlich fällt. Diese Abstimmung per Mausklick für den viel gescholtenen Frontalunterricht ist ein Misstrauensvotum gegen „schülerzugewandte“ Lernmethoden, die ihre Versprechen nicht einzulösen vermögen.

Feedback  per Fragebogen

Ich habe an einem Berliner Gymnasium unterrichtet, das zu den Pionieren der Feedback- Kultur zählt. Von Klasse sieben bis zum Abitur dürfen die Schüler ihre Lehrkräfte mit altersgerechten Fragebögen bewerten. In den unteren Klassen geht es neben der Qualität des Unterrichts („Ist der Lehrer optimal vorbereitet?“) vor allem um emotionale Aspekte, die in dieser Altersstufe beim Lernen besonders wichtig sind: „Mag euch euer Lehrer?“. In den oberen Klassen sind die Fragebögen anspruchsvoller. Sie nehmen die didaktische Qualität des Unterrichts in den Blick: „Ist der Unterricht motivierend und abwechslungsreich gestaltet?“, „Wie viel habt ihr im Unterricht gelernt?“ – Ich habe mich – auch bei der Bewertung meines eigenen Unterrichts – immer gewundert, wie präzise und aussagekräftig die Urteile der Schüler sind. Wenn man jahrelang die Schulbank drückt, können einem die Stärken und Schwächen von Lehrern nicht verborgen bleiben.  Schülerbewertungen sind aber nur dann nützlich, wenn die Lehrkräfte daraus die richtigen Konsequenzen ziehen. Wenn die Schüler ihrem Geschichtslehrer bescheinigen, bei ihm wenig gelernt zu haben, muss er seinen Unterricht hinterfragen, ggf. muss er Hilfe von erfahrenen Kollegen in Anspruch nehmen.

Die zweite Reform an meinem Gymnasium betraf die kollegiale Hospitation: Lehrkräfte desselben Faches besuchen sich gegenseitig im Unterricht, um von den originellen und erfolgreichen Methoden des Kollegen zu profitieren. Beide Feedback-Methoden haben die Unterrichtsqualität der ganzen Schule binnen weniger Jahre verbessert. Die Schule stieg aus dem Mittelfeld an die Spitze aller Berliner Gymnasien auf.

Guten Unterricht teilen

Was Lehrkräfte sich am meisten wünschen, ist eine digitale Plattform, auf der vorbildliche Unterrichtsstunden aus ganz Deutschland abrufbar sind.   Warum ist es nicht möglich, die grandiose Stunde eines Physiklehrers in Kiel den Lehrern in der ganzen Republik zugänglich zu machen? Warum sollten nur die Schüler einer Schule in Passau in den Genuss einer genialen Musikstunde kommen? Die Arbeitserleichterung durch eine solche „geteilte Nutzung“ wäre enorm und der Effekt der Unterrichtsoptimierung nicht zu unterschätzen. Wenn „Sharing Economy“ einen Sinn hat, dann hier.  Wenn alle Lehrkräfte in Deutschland nur noch Musterstunden – gerne auch die oft vorbildlich ausgearbeiteten Stunden von Referendaren – unterrichten würden, wäre dies ein Qualitätsschub sondergleichen. Wann kommt die Cloud „Guter Unterricht für alle“? Hier hätten Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerin eine dankbare Aufgabe.

Den Wirkungsgrad des Unterrichts steigern

Es führt kein Weg daran vorbei: Unsere Schulen müssen ihr Qualitätsmanagement verbessern. Künftig sollte es selbstverständlich sein, dass der Unterricht der Lehrkräfte auf den Prüfstand gestellt wird. Digitale Bewertungsplattformen können dabei hilfreich sein. Es muss vor allem sichergestellt werden, dass nur wirksame Unterrichtsmethoden zum Zuge kommen. Welche das sind, hat der Lernforscher John Hattie in seiner Großstudie plausibel dargelegt. Nachdem wir in der Corona-Zeit gelernt haben, evidenzbasiert zu operieren, sollte wissenschaftliche Plausibilität auch in der Pädagogik Einzug halten. Das Wünschbare reicht offenkundig für den Schulerfolg unserer Schüler nicht aus.

Was der Ottomotor kann…

Mich hat es immer schon gewundert, dass im Land der Tüftler und Erfinder der Wirkungsgrad aller technischen Geräte gemessen wird, dass aber nach dem Effekt schulischen Lernens   kaum jemand fragt. Wenn der Wirkungsgrad eines Ottomotors 40 Prozent beträgt, sollte es doch möglich sein, den Wirkungsgrad des Unterrichts auf über 50 Prozent zu steigern, zumal diesem Ziel physikalische Gesetzmäßigkeiten nicht im Wege stehen.

Der Autor unterrichtete an einem Berliner Gymnasium Deutsch und Geschichte. Er verfasste das Buch „Fluch des Erfolgs. Wie das Gymnasium zur ´Gesamtschule light` mutiert“.

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