Eine vorbildliche Schule

Von Rainer Werner

Die staatliche Schule leidet darunter, dass sich die politischen Entscheidungsträger von der wissenschaftlichen Evidenz weitgehend verabschiedet haben. Obwohl Studien belegen, dass das „individuelle Lernen“ Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteiligt, wird es an den Gemeinschaftsschulen unverdrossen weiter praktiziert. Das Wünschbare ist offensichtlich wichtiger als pädagogische Plausibilität. Der Kieler Bildungsforscher Olav Köller hat als Vorsitzender einer Qualitätskommission der Berliner Schule attestiert, dass die bislang angewandten Konzepte wirkungslos geblieben seien. Von einem Umsteuern unter Berufung auf Erprobtes und Bewährtes ist nichts bekannt. Auch in Berlin malt sich eine Regierungspartei eine schöne neue Schulwelt, die in der Praxis versagt. Es rächt sich bitter, dass sich das staatliche Schulsystem die bahnbrechenden Erkenntnisse des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie („Lernen sichtbar machen“, 2013) nie zu Eigen gemacht hat.

Zu den defizitären Staatsschulen gibt es seit 2006 ein attraktives Kontrastprogramm: die Leibniz Privatschule in Elmshorn und Kaltenkirchen.  1.700 Schüler besuchen gegenwärtig die Schule an ihren beiden Standorten. Die Leibniz Privatschule hat von Anfang an den Rat wissenschaftlicher Experten eingeholt und sie an der Ausarbeitung des Schulkonzepts beteiligt. Der Kieler Linguistik-Professor Henning Wode entwarf das „Konzept der sieben Säulen“, auf dem der Unterricht basiert: Die Sportbetonung soll nach dem antiken Wahlspruch „mens sana in corpore sano“ die körperliche Fitness stärken, die für Heranwachsende genauso wichtig ist wie die Entwicklung des Geistes. In den Naturwissenschaften werden die Erfindungen der Zukunft generiert. Die Beherrschung der Medien ist in unserer modernen Welt für mündige Staatsbürger unverzichtbar.  Englisch öffnet Schülern die Tür zur Welt, auch zu einem Studium im Ausland. Begabtenförderung steht bei „Leibniz“ nicht unter dem Verdacht der Elitebildung. Das Programm „Leistung macht Schule“ bietet begabten Schülern optimale Entfaltungsmöglichkeiten.  „Ohne Wirtschaft ist alles andere nichts.“ – Diese Einsicht wird an der Leibniz Privatschule beherzigt, indem Wirtschaftslehre ab der 5. Klasse altersgerecht unterrichtet wird. Über alle Unterrichtsfächer wölbt sich eine Werteerziehung, die die sozialen Tugenden für ein gedeihliches Miteinander vermittelt.

Der Hamburger Unterrichtsplaner Gerhard Förderer hat zusammen mit der Sonderpädagogin Bettina Marquardt das Unterrichtskonzept und den Verhaltenskodex der Schulgemeinschaft entwickelt. Dem Neurobiologen Gerhard Roth verdankt die Leibniz Privatschule die Anwendung „hirngerechter“ Lehr- und Lernformen. Sie garantieren, dass der Wirkungsgrad des Lernens hoch ist, weil sich das Gelernte im Gedächtnisspeicher der Schüler festsetzt.

Wie sieht eine Unterrichtstunde an der Leibniz Privatschule aus? Sie folgt dem klassischen Dreischritt, der geistigen Prozessen eigen ist: Der Einstieg sichert die Aufmerksamkeit für das Thema der Stunde. Er knüpft an bisher Gelerntes an, indem er das Vorwissen aktiviert und es für Neues sensibilisiert. In der Erarbeitungsphase analysieren die Schüler das dargebotene Material. Die dabei verwendete Methode ist variabel und abhängig vom Lernstoff. Die abschließende Reflexionsphase sichert das Lernergebnis. Das Stundenergebnis wird im Heft vermerkt. Wie machen sich die „hirngerechten“ Lehr- und Lernformen im Unterrichtsverlauf bemerkbar? Lernen funktioniert dann am besten, wenn der neue Stoff an das bisher Gelernte andocken kann. Das Lernarrangement muss deshalb so gestaltet sein, dass die Schüler das aktuell Dargebotene mit dem Vertrauten verknüpfen können. Die nötige Aufmerksamkeit der Schüler ist nur gegeben, wenn der Unterricht ruhig und störungsfrei verläuft. Deshalb sind im Konzept der Leibniz Privatschule die Unterrichtsregeln keine reinen Disziplinierungsmittel, sondern wichtige Voraussetzungen für effektives Lernen. Die systematische Wiederholung des Lernstoffes stellt sicher, dass er wirklich im Langzeitgedächtnis ankommt.

In meiner aktiven Zeit als Lehrer war es mir ein Anliegen, die Wirksamkeit meiner Lernmethoden zu testen. Dazu ließ ich meine Schüler einen Grammatiktest schreiben, dessen Resultate das übliche Notenbild ergaben.  Nach vier Wochen schrieb ich denselben Test ein zweites Mal. Jetzt fiel die Durchschnittsnote gegenüber dem ersten Ergebnis deutlich ab. Teile des Gelernten waren offensichtlich aus dem Gedächtnisspeicher wieder verschwunden. Wie konnte das geschehen? Schüler sind clevere Lerner. Sie wissen um die Fähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses, einen Stoff kurzfristig sicher abspeichern zu können. Deshalb lernen sie auf Tests und Klassenarbeiten gerne „auf den letzten Drücker“. Nachhaltiges Lernen sieht allerdings anders aus. Nach diesem Selbsttest stellte ich meinen Unterricht um. Ich baute in meine Stunden regelmäßige Wiederholungsphasen ein. Bei Klassenarbeiten reservierte ich immer eine Aufgabe für zurückliegende Lernstoffe. So waren die Schüler gezwungen, das Gelernte ins Langzeitgedächtnis zu befördern. Von einem Lernforscher lernte ich noch eine andere probate Methode nachhaltigen Lernens. Ich forderte Schüler auf, das Wissen zurückliegender Lernphasen in Kurzvorträgen zu präsentieren. Die Referenten bestimmte ich per Losverfahren.  Die Lernforschung hat herausgefunden, dass die Inhalte, die man anderen vorträgt, am sorgfältigsten gelernt werden. Das nachhaltige Abspeichern des Stoffes ist dann gewährleistet.

In der staatlichen Schule wird die Lehrkraft nie dazu angeregt, die Wirksamkeit ihres Tuns zu überprüfen. Ich habe diese Versuche aus eigenem Antrieb angestellt. Angeregt wurde ich durch einen Satz von John Hattie: „Meine Rolle als Lehrperson ist es, den Effekt, den ich auf meine Schülerinnen und Schüler habe, zu evaluieren.“ (John Hattie, Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen, 2014) – In der Technik ist es üblich, den Wirkungsgrad einer Maschine anzugeben. Ziel ist es, ihn durch technische Optimierung zu erhöhen. In der staatlichen Schule kann es geschehen, dass Lehrer jahraus, jahrein Unterrichtsmethoden anwenden, deren Wirksamkeit fraglich ist.  Man muss sich nicht wundern, dass 6,3 Prozent unserer Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen und ein Drittel der Bachelor-Studenten das Studium abbricht.

Wenn die Politiker, die die staatliche Schule verwalten, nicht so voreingenommen wären, würden sie von unseren Privatschulen lernen. Vom Ballast staatlicher Vorgaben (weitgehend) befreit, können diese experimentieren und auf neue Forschungsergebnisse schnell reagieren. In den Privatschulen schlummert – bislang unerkannt – ein Modell für die Schule der Zukunft. Die Leibniz Privatschule kann sich rühmen, eine solche Vorzeigeschule zu sein.

Allen pädagogisch Interessierten sei ein Buch zur Lektüre empfohlen, welches die Leibniz Privatschule vor kurzem herausgebracht hat: „Ein Modell für Schule. Die Leibniz Privatschule in Elmshorn und Kaltenkirchen“, Leibniz Blätter Verlag, 2021.  Es kostet 19,95 Euro.

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