Es ist das Elternhaus, Dummerchen!

In der ZEIT vom 10. September 2020 ist  ein Artikel des „Bildungsexperten“   Anant Agarwala   zu lesen.   Darin  bedient er  ein gern gepflegtes Vorurteil: Wenn die Eltern  Ärztin  und  Rechtsanwalt   sind,  urteilt der Lehrer: „Na klar, diese Kinder müssen aufs Gymnasium“. Bei den Kindern einer Kassiererin  und eines Bandarbeiters   senkt die Lehrerin den Daumen: „Ab mit ihnen in die Hauptschule“. Wer einmal einen Fuß in einen Klassenraum gesetzt hat, weiß, wie absurd dieses Szenario  ist. Die Grundlagen  für eine erfolgreiche Schullaufbahn werden im Elternhaus gelegt. Auch für das Scheitern ist das Elternhaus verantwortlich. Bevor ein Kind in die Schule kommt, wurde es nämlich sechs Jahre lang zu Hause erzogen: zum Guten wie  zum Schlechten.

Die Benachteiligungen von Kindern beginnen, wie man heute weiß, sehr früh. Wenn eine schwangere Frau häufig klassische Musik hört, entwickelt das Neugeborene schon früh ein Rhythmusgefühl, die Vorstufe von Musikalität. Wenn kleinen Kindern  regelmäßig vorgelesen wird, bilden sie ein differenziertes Sprachvermögen aus und schreiben schon in der Grundschule verblüffend gute Texte. Wenn ein Kind im Elternhaus erlebt, dass die Eltern  elaboriert reden und  diskutieren, überträgt sich dieses sprachliche Vermögen auf das Kind. Es wird zum verbal geschickten, selbstbewussten Streiter in eigener Sache. Wenn ein Kind Lob und Zuspruch erfährt, wenn es die Welt im Spiel entdeckt, wird es später auch im schulischen Lernen  Neugier und Ehrgeiz entwickeln. Wenn man sich von all diesen stimulierenden Anreizen das Gegenteil denkt, kann man ermessen, wie tiefgründig und wie nachhaltig die Handikaps und Defizite sind, mit denen die Kinder zu kämpfen haben, die in bildungsfernen Elternhäusern heranwachsen müssen. Schon in der Grundschule sitzen sie im  hintersten Waggon des Geleitzuges. Wenn das Kind einer arabischen Familie bei der Einschulung nur gebrochen Deutsch spricht, braucht man kein Pädagoge zu sein, um die Prophezeiung zu wagen, dass dieses Kind in der Schule benachteiligt sein wird – bei gleicher Intelligenz wie seine deutschen Klassenkameraden. Warum spricht das Kind nicht Deutsch, obwohl es in unserem Land geboren ist? Weil im Elternhaus nur Arabisch gesprochen wird und weil  es nicht den  Kindergarten besucht hat. Es wurde  von den Eltern, Großeltern und Tanten erzogen, die mit dem Kind in ihrer Muttersprache gesprochen haben. Nur wenige Bundesländer setzen  vorschulische  Deutschkurse  für solche Kinder durch. Wenn das Kind einer deutschen Unterschichtfamilie nur in abgerissenen Satzfragmenten spricht, kann man erahnen, dass die Kommunikation im Elternhaus auf unterstem sprachlichen Niveau stattgefunden hat. Wenn ein Kind, wenn es in die Grundschule kommt, noch nie eine Schere in der Hand hatte, weiß die Lehrkraft, dass die Eltern mit dem Kind noch nie gebastelt haben. Neuerdings tragen schon  10-jährige muslimische  Mädchen in der Grundschule  ein Kopftuch. Die Botschaft  ist eindeutig: Religion ist für uns wichtiger als Bildung.

Nicht der „Geldbeutel der Eltern“ bestimmt also  über den Schulerfolg, sondern ihr Erziehungsverhalten  gegenüber ihren Kindern. Und dieses Verhalten wird geprägt vom sozialen und religiösen Milieu, in dem die Eltern leben. Warum verschweigen „fortschrittliche“ Journalisten  solche Sachverhalte, die jedem Sozialpädagogen und Lehrer sofort  in die Augen springen, wenn er mit solchen Kindern zu tun hat? Weil dann das  übliche Ritual der Schuldzuweisung  nicht mehr  funktionieren würde. Dann wäre nicht mehr „das Bildungssystem“ am Misserfolg der Kinder  schuld, weil es  Kinder nach dem „Geldbeutel der Eltern“ behandle – die Kinder der Reichen fördernd, die Kinder der Armen benachteiligend. Dann rückte das Verhalten der Eltern selbst in den Blick: ihre Ignoranz den Entwicklungsbedürfnissen ihrer Kinder gegenüber; ihre Unfähigkeit, fördernd und stimulierend auf den Geist der jungen Geschöpfe einzuwirken.

Die  ZEIT hat offensichtlich  keine Autoren, die die Schule von innen kennen. Das ist umso verwunderlicher, als Lehrkräfte das größte Kontingent unter den Lesern stellen. Wie lange lassen sie sich wohl  noch mit so halbgaren Botschaften wie der von Anant Agarwala abspeisen?

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Islam in der Schule, Migrantenkinder in der Schule, Ricchtiger Umgang mit der Sprache, Verantwortung der Eltern

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