Religion oder Bildung?

Das Kopftuch in der Schule

Dass das Kopftuch für muslimische Frauen und Mädchen ein Symbol des politischen Islam darstellt, habe ich in meiner langjährigen Tätigkeit als Lehrer erfahren. Als ich 1977 als Deutschlehrer an einer Berliner Gesamtschule meine erste Stelle antrat, trug keines der vielen muslimischen Mädchen ein Kopftuch. Sie waren auch genau so locker gekleidet wie die deutschen Teenager. Das änderte sich fundamental, als die weltpolitischen Erschütterungen nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 einsetzten. Den Krieg der NATO  gegen die Taliban in Afghanistan beantworteten die Muslime in aller Welt mit einer Rückbesinnung auf eine dogmatische Auslegung des  Islam. Plötzlich trugen auch im Westen  muslimische Frauen in der Öffentlichkeit Kopftuch  und auch die ersten Schülerinnen kamen mit Kopftuch in den Unterricht. Heute fühlt sich der politische Islam in Deutschland  so stark, dass er  versucht, auf die weltanschaulich neutrale Schule Einfluss zu nehmen. Ein Berliner Schüler forderte von seiner  Schule die Einrichtung  eines Gebetsraums. Das Ansinnen musste von einem Gericht zurückgewiesen werden. In Berlin-Neukölln forderte ein muslimischer Vater vom Schulleiter, er solle aus der Klasse seines Sohnes alle Lehrerinnen entfernen. Sein Sohn habe vor Frauen nicht den Respekt, den er für ein erfolgreiches Lernen benötige. Eine Schulleiterin wurde von muslimischen Vätern aufgefordert, bei der nächsten Elternversammlung ein Kleid  zu tragen, das bis auf den Boden reicht. Islamverbände forderten von der Berliner Schulverwaltung, sie möchte während des Ramadan den Unterricht eine Stunde später beginnen lassen. Zudem sollten in diesem Monat keine Klassenarbeiten geschrieben werden, weil die muslimischen Kinder wegen des Fastens unterzuckert seien. Der Glaubenskrieg wird auch  schon von Kindern ausgetragen. Sunnitische Jungen schlugen   alevitische  Klassenkameraden, weil diese während des Ramadan ihr Pausenbrot verzehrten.  Jungen bedrängen muslimische Mädchen, wenn sie (noch) kein Kopftuch tragen. Solche Animositäten lernen Kinder nur von ihren religiös übermotivierten Eltern.

Ich kenne die Mentalität muslimischer Schülerinnen ganz gut. Im Grunde möchten sie genauso erfolgreich lernen wie ihre deutschen Freundinnen  und sie möchten dasselbe freie Lebensgefühl erleben, das diesen Mädchen eigen ist. Deshalb kann man erahnen, was geschieht, wenn schon Grundschülerinnen  von ihren Eltern das Kopftuch verordnet bekommen:  Sie hören auf, unbeschwert herumzutollen. Sie stellen sich auf dem Pausenhof  stumm an den Rand und schauen dem ausgelassenen Treiben ihrer Kameradinnen  zu. Das Kopftuch und der lange Umgang, der mit dem Kopftuch einher geht, haben  diese Mädchen noch in ihrer  Kindheit domestiziert. Wenn man all das erlebt hat, weiß man, welche Wirkung von dem Kopftuch ausgeht, das eine Lehrerin trägt. Für Schüler sind Lehrer Vorbilder. Eine Lehrerin mit Kopftuch signalisiert den muslimischen Mädchen, dass eine streng religiöse Einstellung letztlich  wichtiger  sei als gute  Bildung. Solche Mädchen werden kaum Widerstand leisten können, wenn ihre Eltern bestimmen, dass sie nach der 10. Klasse die Schule verlassen, um zu heiraten. Dabei zählen  gerade muslimische Mädchen, wenn sie es bis zum Abitur schaffen, zu den Besten.

Dass das Kopftuch ein Symbol des politischen Islam ist, versteht man, wenn man Zeitschriften aus den  1960er Jahren durchblättert. Da sieht man Fotos von Frauen, die in Kabul, Kairo, Tunis und Rabat in kurzen Röcken  die Boulevards entlang schlendern und dabei ihre langen Haare frei flattern lassen. Bevor Erdogan  die säkularen Gesetze kassierte, galt in der Türkei für Schülerinnen und Studentinnen ein Kopftuchverbot. Als der Islamische Staat im Irak  geschlagen war, konnte man TV-Berichte  sehen, in denen Frauen ihr Kopftuch vom Kopf rissen, es auf den Boden warfen und  darauf herumtrampelten. Intellektuelle  Muslimas  betonen stets, sie trügen das Kopftuch aus freien Stücken. Wenn es wirklich ein Akt freier Selbstbestimmung ist, der sie zu dem Tuch greifen lässt, wäre es  zumutbar, es ebenfalls aus freien Stücken um der  Neutralität willen während des Unterrichts  abzulegen. Das  würde das pädagogische Ethos, der Respekt vor den Schülern  verlangen.  Ihre Weigerung, das zu  tun, lässt dann doch noch andere Beweggründe durchscheinen.

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Islam in der Schule, Migrantenkinder in der Schule, Neutralitätsgebot, Rolle des Lehrers

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