„Mutter“ oder „Elternteil 1“?

Wie Familienministerin Giffey zur Identitätspolitikerin mutiert

Familienministerin Franziska Giffey ist im Sommerloch 2020 hyperaktiv. Mal stellt sie neue Initiativen zur Gleichstellung der Frau vor, mal will sie   Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung eine Bresche schlagen. Sie hat ja auch noch viel vor. Ihr nächstes Ziel ist es, den farblosen Regierenden Bürgermeister von Berlin Michael Müller abzulösen. Es lohnt sich, die Initiativen der Ministerin genauer zu betrachten. Ich habe mir das „Regenbogenportal“ angesehen, welches  Frau Giffey neulich vor der Presse vorgestellt hat. Es hat mich gehörig befremdet – vor allem die Ratschläge für die Schule.  Einer der schrägen Vorschläge:  Um Menschen, die sich  nicht den beiden Geschlechtern „m“ oder „w“ zuordnen wollen, nicht zu benachteiligen, sollen Lehrer künftig nicht „Vater“ und „Mutter“ sagen, sondern „Elternteil 1“ und „Elternteil 2“. Ich habe den Eindruck, dass die Ministerin mit solchen Vorschlägen  Probleme in die Schule hineinträgt, die es dort bislang gar nicht gibt. Ich bin jetzt seit 40 Jahren Lehrer, habe an zehn  Schulen unterrichtet und bin dabei nie auf das Problem gestoßen, dass ein Junge oder Mädchen damit gehadert hätte, dass die eigene geschlechtliche Identität nicht geachtet würde. Ich halte dies für die fixe Idee einer Identitätspolitik, die akribisch  nach sexuellen Benachteiligungen  sucht, damit  sie dann als Helferin in der Not auftreten kann.  Die heutige Schülergeneration ist viel weiter, als  es die Ministerin in ihrem  „Regenbogenportal“ suggeriert. Dass es unterschiedliche Lebensweisen mit diversen sexuellen Identitäten gibt, halten Schüler heute für selbstverständlich. Bei Belehrungen durch Erwachsene  fangen sie deshalb  an zu gähnen. An einem Gymnasium habe ich erlebt, dass sich ein Zehntklässler (nach Absprache mit mir) in der Klasse als homosexuell geoutet hat. Er bat seine Klassenkameraden darum, ihn genauso zu behandeln wie alle anderen Schüler auch. Er bekam spontanen Beifall. Im nächsten Schuljahr wurde er zum Klassensprecher gewählt. Ich habe auch erlebt, dass ein Mädchen im Unterricht erzählt hat, dass es gerade  eine Hormontherapie mache, um herauszufinden, was ihr wahres Geschlecht sei. Auch das wurde mit viel Anteilnahme und Solidarität akzeptiert. Politiker mit Missionsdrang unterschätzen gerne  den Reifegrad von Schülern. Nanny-Pädagogik mögen diese freilich  überhaupt nicht.

An der  Identitätsdebatte stört mich der Fokus auf das Sexuelle. Sollte dies nicht Privatsache sein?  Wäre hier nicht mehr  Diskretion angebracht? Ich habe nie verstanden, warum  Angehörige einer von  „m“  und „w“ abweichenden Identität ihre Eigenart partout  in aller Öffentlichkeit zelebrieren müssen. Heterosexuelle tun dies doch auch nicht unentwegt. Skurril wird es, wenn lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Personen in öffentlichen Gebäuden (auch in Schulen!) eine dritte Toilette fordern. Was geschähe, wenn jede dieser Identitäten eine   e i g e n e  Toilette einklagte, weil  sie die Benutzung der anderen als Diskriminierung empfände? Müsste es dann drei, vier, fünf… Toiletten geben? Bei Facebook kann man auf Formularen unter 60 Geschlechtern wählen. Nach der Logik der Identitätspolitik wäre die Zahl der zu bauenden Toiletten nach oben unbegrenzt. Mir hat sich noch nie erschlossen, warum  für die  Geschlechteridentitären das stille Örtchen so wichtig ist wie für  Katholiken das Tabernakel. Ist das nicht ein wenig peinlich?

In der Schule sollte es primär um  Pädagogik gehen. Jährlich verlassen  ca. 50.000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss – mit steigender Tendenz. Sie können keinen Beruf erlernen und  landen in Billigjobs,  im Hartz IV-System oder in der Delinquenz. Das ist einer Bildungsnation unwürdig.  Hier liegt  ein Feld brach, das  die Familienministerin gut  beackern könnte. Alle Studien besagen, dass die Schulversager überwiegend Kinder aus sozial benachteiligten Haushalten oder aus Migrantenfamilien sind. Sie bekommen nicht die häusliche Förderung und Unterstützung, derer sie bedürften, um ihre intellektuellen und kreativen Potentiale ausschöpfen zu können. Das während des  Corona-Lockdowns  praktizierte  Homeschooling hat diese Defizite noch  verschärft. Pädagogikwissenschaftler  sprechen von einer verlorenen Generation. Glaubt die Ministerin wirklich, dass ihr  LSBTI-Ratgeber in einer solchen Situation hilfreich ist? Warum gründet  sie  keine Initiative „Eltern Plus“, in der sich Lehrer im Ruhestand freiwillig ehrenamtlich in der häuslichen  Unterstützung benachteiligter Kinder engagieren? Auch Lehramtsstudierende könnte man ins Boot holen, indem man an ihr pädagogisches Gewissen appelliert. Man könnte ihnen sogar Bonuspunkte für ihr Bachelor-Examen anrechnen.

Es gibt noch ein anderes Feld, auf dem die  Familienministerin tätig werden könnte. Die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes  gab Ende 2019 bekannt,  dass  in Deutschland  70.000  Frauen und Mädchen von einer Genitalverstümmelung  betroffen sind.  Das ist ein Anstieg von acht Prozent gegenüber dem Vorjahr und ein Anstieg von 44 Prozent gegenüber 2016. Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher liegen, weil die Beschneidungen in einem Dunkelfeld, oft auch im Ausland geschehen. In Berlin sind 4.000 Frauen von Beschneidung betroffen. Ungefähr  700 Mädchen – also Schülerinnen –  sind gefährdet, beschnitten zu werden. Ich habe wegen dieses Skandals  an den Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) geschrieben – ohne Resonanz.  Der Senator hatte andere Prioritäten. Wichtig waren  für ihn  die „dritte“ Toilette auf den Berliner Bezirksämtern und  das fragwürdige Antidiskriminierungsgesetz. Es ist beschämend, dass wichtige Bestimmungen unseres Grundgesetzes wie die Unantastbarkeit der Würde eines jeden  Menschen und das Recht auf körperliche Unversehrtheit   für muslimische Mädchen offensichtlich  nicht gelten.

Ich werde die Begriffe „Elternteil 1“ und „Elternteil 2“ im  Umgang mit meinen Eltern nicht verwenden. Mit einer  Bürokratensprache, die das Menschliche in  der Pädagogik  beschädigt, kann ich mich nicht anfreunden. Wie könnte ich den  stolzen  Vater von Alma aus der 8a kränken, indem ich ihn als „Elternteil 1“ anspreche! Wie könnte ich die  begeisterte junge Mutter von Orkan  aus der 9 c  verletzen, wenn ich  sie  als  „Elternteil 2“ tituliere! Statt von Geschlechteridentitäten spreche ich  an der Schule konsequent von Intelligenz, Auffassungsgabe, Kreativität, Anstrengungsbereitschaft und Ehrgeiz – natürlich auch von Empathie und Solidarität.  Das sind die Bausteine, aus denen sich schulischer Erfolg und eine berufliche Karriere bauen lassen.

Nach Meinung von Parteienforschern hat die SPD deshalb so stark an Zuspruch verloren, weil sie sich mit Hingabe den Problemen der Identitätspolitik widmet. Die Mehrzahl der Bevölkerung findet solche Themen völlig unwichtig. Als 2017 die gleichgeschlechtliche Ehe  eingeführt wurde, versammelte sich die Führungsriege der SPD unter Martin Schulz jubelnd am Brandenburger Tor um eine riesige Regenbogentorte. Der Auftritt glich dem Tanz um das Goldene Kalb. Als 2015 der flächendeckende gesetzliche Mindestlohn eingeführt wurde, war die SPD unsichtbar: Es gab kein Fest, keine Torte, keinen Sekt!  Deutlicher  kann man die politischen Prioritäten, denen man folgt,  nicht  zeigen. Dass die SPD in Umfragen  bei 15 Prozent Zustimmung verharrt, hat sie einer Politik zuzuschreiben, die am Lebensgefühl der meisten Menschen vorbeigeht.

 

 

 

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Eingeordnet unter Armut und Bildung, Der richtige Umgang mit den Eltern, Der richtige Umgang mit Schülern, Diskriminierung, Rolle des Lehrers, Schulversager, Sozialer Aufstieg durch Bildung

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