Sozialpolitik statt Bildungspolitik

Das  neue Grundsatzprogramm der Grünen versteht Bildungspolitik primär als Sozialpolitik. Den Anforderungen unserer  Wissens- und Leistungsgesellschaft wird das Programm dadurch nicht  gerecht.

Wörter sind verräterisch, weil sie  die Geisteshaltung der Autoren enthüllen. Im Bildungskapitel des neuen Grundsatzprogramms der Grünen  findet sich  sieben Mal das Wort „sozial“, ergänzt durch  „ungleich“, „benachteiligt“ und „prekär“. Man glaubt, ein Dokument des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zu lesen. Folgerichtig wird dann auch  – in einem Bildungsprogramm! – eine „höhere Besteuerung von Vermögen und Erbschaften“ gefordert. Die Grünen versuchen gar nicht zu verbergen, was sie in der Bildungspolitik antreibt: „Bildungspolitik und Sozialpolitik gehören zusammen“.   Die  sozialpolitische  Dominanz sieht man daran, dass es in dem  Text  ständig um Finanzen geht. Das Bildungskapitel trägt die Überschrift „In Bildung investieren“, wo man doch eigentlich erwartet hätte: Die beste Bildung für unsere Kinder ermöglichen. Hier feiert die  fragwürdige   Bildungsökonomie der 1960er Jahre fröhliche Auferstehung.

Schulische Bildung ist ein geistiger Prozess, bei dem die Schüler sich mit dem Weltwissen auseinandersetzen und dabei ihre Persönlichkeit bereichern. Unterricht ist in erster Linie eine Interaktion zwischen Menschen. Dabei müssen Lehrende und Lernende ihrer  jeweiligen Rolle gerecht werden. Von einer guten Lehrkraft erwartet man, dass sie  das fachliche Wissen so veranschaulicht, dass es  Schüler auf ihrer  jeweiligen intellektuellen Entwicklungsstufe  verstehen. Von den Schülern kann man erwarten, dass sie sich mit Wissbegier, Entdeckerfreude  und Ehrgeiz auf das angebotene Bildungswissen einlassen.  Zu einer guten Unterrichtskultur gehört auch die Vermittlung von Sekundärtugenden wie Beharrlichkeit, Ausdauer und  Fleiß.  Wie Studien belegen, sind diese „weichen“ Faktoren für den Wissenserwerb genauso wichtig wie die kognitive Auffassungsgabe  der Schüler.

Taugen die grünen Rezepte für die schulische Praxis? Skepsis ist angebracht. In der gleichen Woche, in der die Grünen ihr neues Grundsatzprogramm vorstellten, wurde der „Bildungsmonitor“ des Instituts der Deutschen Wirtschaft veröffentlicht. Darin ist zu lesen, dass die Quote der Schulversager in Deutschland  seit  2013  von 5,3 Prozent  auf 6,8 Prozent gestiegen ist.  Jährlich verlassen  54.000 Schüler  unsere Schulen ohne Abschluss.  Diese Zahl entspricht der Einwohnerschaft von Passau oder Speyer. Hinter  den nackten Ziffern  stehen  Schicksale junger Menschen, die ohne Schulabschluss nie einen Beruf ergreifen können. Viele  landen in Billigjobs,  im Hartz IV-System, nicht wenige auch  in der Delinquenz. Was sagt das grüne Schulprogramm zu diesem alarmierenden Befund? Es fordert lapidar: „Kein Bildungsschritt soll ohne Abschluss bleiben.“ – Nach pädagogischen  Rezepten, wie  das  bewerkstelligt werden soll, sucht man  vergebens.  Dabei liegen die Ursachen für Schulversagen auf der Hand.  Oft schafft es der  Unterricht   nicht,  sich auf die  verminderte  Auffassungsgabe  und die Defizite im Sozialverhalten  leistungsschwacher  Schüler  einzulassen. Viele dieser  Schüler haben zu Hause  nie gelernt, sich längere Zeit  einer geistigen Anstrengung zu  unterziehen. Frustrationstoleranz und Disziplin sind gering, Widerstreben und  Fluchtverhalten groß. Es gibt Schulen, die es  dennoch schaffen, auch diese Schüler mitzunehmen. Was machen sie richtig?  Ihre  Lehrkräfte gehen mit einer positiven Grundhaltung ans Werk. Sie wissen, dass man mit Ermutigung und Zutrauen mehr bewirken kann als mit  Disziplinierung und Sanktionen. Schüler mit sozialen und mentalen Defiziten benötigen starke, charismatische Lehrerpersönlichkeiten, denen sie vertrauen, weil sie in ihnen selbstlose  Helfer und engagierte Unterstützer sehen.

Wenn man das Schulprogramm der Grünen liest, ist man nicht überrascht, dass Wörter  wie Leistung und Unterrichtsqualität fehlen. Wenn das Soziale im Mittelpunkt steht, können  Begriffe, die die Unterschiede der Schüler betonen, nur stören. Es ist der große Irrtum  linker Schulreformer,  schulische Bildung ließe sich nach den Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit organisieren. Aus diesem Grundirrtum resultieren viele der Probleme, die vor allem Lehrer  an unseren Schulen beklagen. Bei  Eltern fällt der Appell an das „Soziale“ allerdings auf fruchtbaren Boden, erhoffen sie sich doch eine Chance auf einen guten Schulabschluss ihrer Kinder selbst dann, wenn diese nur mittelmäßig begabt sind. Aufstieg durch Bildung: Was früher die Leistung bewirkte, soll heute die „soziale Gerechtigkeit“ schaffen. Um sie zu realisieren, werden in den integrativen Schulformen die Lerngruppen unabhängig von  Auffassungsgabe und Intelligenz  der Schüler  „sozial gerecht“, also heterogen,  gemischt.  Die Erfahrung zeigt jedoch,  dass die Lehrkraft  bei einer  zu starken Spreizung der Lernvoraussetzungen  weder den schwachen Lernern noch den geistigen Überfliegern gerecht werden  kann.  Ich kenne kein Unterrichtsverfahren und kein Lernmaterial, die es schaffen könnten, die Kluft zwischen Hauptschülern hier und künftigen  Abiturienten dort zu überbrücken. Die Gemeinschaftsschulen, die von den Grünen favorisiert werden,  suchen ihr Heil  in der  Individualisierung des Lernens. Der gemeinsame Lernprozess in der Gruppe wird fragmentiert, indem jeder Schüler seinem eigenen Lernprogramm folgt. Die Ironie dabei ist, dass eine Schulpolitik, die das „längere gemeinsame Lernen“ propagiert, im Mikrokosmos der Schule der Individualisierung und Vereinzelung der Schüler das Wort redet.   Für mich kommt eine Schule dem Gerechtigkeitspostulat dann am nächsten, wenn  sie  allen Kindern  ungeachtet ihrer Begabungen, ihrer in der Familie erworbenen Sozialisation und ihrer  ethnischen Herkunft die bestmöglichen Lernerfolge ermöglicht.  Nach allem, was man über erfolgreiche Lernprozesse weiß, kann dies am besten  in homogenen Lerngruppen gelingen. Deshalb ist die Didaktik der Gemeinschaftsschule  ein Irrweg, der den Eltern etwas vorgaukelt, was diese Schulform gar nicht  erfüllen  kann.

Schulbehörden, die sich primär der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet fühlen, stehen immer in der Versuchung, bei der Vergabe von Schulabschlüssen  großzügig zu verfahren. In Berlin ist an den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen die Zahl der Schüler deutlich  gestiegen, die den Übergang auf die gymnasiale Oberstufe schaffen. Dabei weisen sie, wie der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller in einem Interview enthüllte, ein niedrigeres Leistungsniveau auf  als die vorigen Jahrgänge.   Die Berliner Abiturienten erzielten im Corona-Abitur mit 2,3  einen besseren Notendurchschnitt als die Prüflinge des Vorjahrs, obwohl vor der Prüfung   der Präsenzunterricht ausgefallen war. Auch die Quote  der Abiturienten  mit der Idealnote 1,0  ist binnen Jahresfrist  von 2,1 auf 2,5 Prozent  gestiegen. Wunderbare Intelligenzvermehrung in Corona-Zeiten?  Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in einem schulischen Klima, in dem ständig das „Soziale“ eingefordert wird,  bei Leistungsschwächen der Schüler großzügig verfahren wird. Man tut es ja für einen guten Zweck. Vor diesem Hintergrund versteht  man  die hohe Zahl an Studienabbrechern, die seit Jahren  ca.  30 Prozent beträgt. Wie das Bundesbildungsministerium ermittelt   hat, liegen die wichtigsten  Ursachen in zu hohen  Leistungsanforderungen (30 Prozent) und  mangelnder wissenschaftlicher  Motivation (17 Prozent). Ist es nicht die wichtigste Aufgabe des Gymnasiums, seine Absolventen auf die Anforderungen des  Studiums  vorzubereiten?

Insgesamt liest sich das grüne  Schulprogramm wie ein provinzielles  Kiez-Manifest. Die Wissenskonkurrenz, in der unser Land und die EU in der Welt  stehen, wird völlig ausgeblendet.   Die PISA-Studie von  2019 hat gezeigt, dass  sich unter den zehn besten Ländern sieben aus Asien befinden.  Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Innovationsstandort Deutschland verliert unser Land bei den wichtigen Zukunftstechnologien zunehmend  an Bedeutung. Gehörte Deutschland 2010 noch  in 47 der 58 Technologien  zu den drei Nationen mit den meisten Weltklassepatenten, so  hat sich dieser Anteil 2019 auf 22 Technologien mehr als halbiert. Deutschland  vernachlässigt offensichtlich die Förderung  seiner  intellektuellen Talente. Zwei  Prozent der Schüler  gelten als hochbegabt, weil sie einen  Intelligenzquotienten von über 130 haben.  Bei einer Gesamtschülerzahl von 10,9 Millionen sind das  218.000  Schüler.  Dies entspricht  der Einwohnerzahl der Stadt Mainz. Diese Schüler  im Unterricht nicht  zu fördern, verstößt nicht nur  gegen das Gebot der Humanität.  Es ist auch töricht, weil es diese jungen Menschen sind, die später die kreativen Geschäftsmodelle generieren, die unseren Wohlstand mehren. Statt noch mehr Sozialpolitik in der Schule benötigen wir eine echte Bildungsreform, die die schulischen Leistungen aller Schülergruppen verbessert. Maßstab für Unterrichtsqualität  sollten die  anspruchsvollen Bildungsstandards sein, die die KMK schon vor Jahren für alle Fächer  beschlossen hat.

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Abitur, Der richtige Umgang mit Schülern, Hochbegabte, Leistungsbereitschaft, Rolle des Lehrers

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