Journalistische Schulschelte

In den letzten drei  Monaten mussten viele Eltern notgedrungen als Hilfslehrer der Nation fungieren. Ihre Kinder saßen zu Hause fest und erhielten – mehr oder weniger zuverlässig – von ihren Lehrern Aufgaben zugeschickt.  Manchmal  wurden sie auch in  kleine  Video-Konferenzen eingebunden. Man kann sich vorstellen, dass manche Eltern damit überfordert waren, sich neben ihrer beruflichen Tätigkeit  im Homeoffice auch noch um die quengelnden Sprösslinge zu kümmern.  Auch einige  Journalisten  scheinen damit  schlechte Erfahrungen gemacht zu haben.   In Artikeln  haben sie   ihrer   Frustration Luft gemacht. Im SPIEGEL schrieb  ein Redakteur, „keine anderer Bereich unserer Gesellschaft [habe] in der Coronakrise annähernd so versagt wie das Schulsystem“. In der ZEIT forderte ein Autor   „gewisse Minimalstandards“, die man von „Schulen beim Lernen erwarten dürfte“. Im  Homeschooling ist sicher nicht alles rund gelaufen.  Da es in den Bundesländern  für die Schulen keine einheitlichen digitalen Standards gibt, blieb bei der digitalen Unterrichtsversorgung der Schüler vieles dem Zufall und dem persönlichen Engagement  der  Lehrkräfte  überlassen. Mich ärgert allerdings  der Zeitpunkt der harschen Schulkritik.  Geht man als Journalist  schulischen Mängeln nur auf den Grund, wenn man  persönlich davon  betroffen ist?  Wenn spätestens nach den Sommerferien die Schulen aller Bundesländer  wieder zum Normalbetrieb zurückkehren, werden die  Forderungen  nach mehr Schulqualität  wieder verstummen. Niemand wird sich  dann noch  um „Minimalstandards“ kümmern, die  doch  auch  der Präsenzunterricht  allzu selten erfüllt.

Jedes Jahr verlassen 50.000 Schüler unsere Schulen ohne Abschluss. Sie schaffen nicht einmal den Mittleren Schulabschluss, dessen Anforderungen  gegenüber der früheren Mittleren Reife  bereits  deutlich ermäßigt wurden. Diese Zahl entspricht der Einwohnerschaft von Passau oder Speyer. Hinter  dieser Zahl stehen  Schicksale junger Menschen, die ohne Schulabschluss nie einen Beruf ergreifen können. Viele  landen im Hartz IV-System, nicht wenige auch  in der Delinquenz. Die Zahl  50.000 ist wie in Beton gegossen – schon seit über zehn Jahren! Kein seriöses Presseorgan  – auch nicht SPIEGEL und  ZEIT – kam in Normalzeiten auf die Idee, diesem  gesellschaftlichen Skandal auf den Grund zu gehen und „gewisse Minimalstandards“ für schulisches Lernen zu fordern. Dabei sind die Ursachen für das Versagen der Schulen bekannt. Schuld ist ein mit Mängeln behafteter, ineffektiver  Unterricht und die Aushöhlung des Leistungsgedankens, der durch Wohlfühlexerzitien  ersetzt  wurde. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe jahrelang Referendare ausgebildet und  dabei  festgestellt, dass ihnen in  den Fachseminaren  vor allem  Lehr- und Lernmethoden beigebracht werden, die zwar die Schüleraktivität erhöhen, deren Lernertrag aber deutlich hinter klassischen Methoden, wie  dem vom Lehrer gelenkten Unterrichtsgespräch, zurückbleibt.  Was einen guten Unterricht ausmacht, gilt als  von der Wissenschaft bestens erforscht. Man müsste sich nur daran halten – sprich: die Schulbehörden müssten den Unterricht der Lehrkräfte auf den Lernerfolg der Schüler hin evaluieren. An dieses heiße Eisen trauen sich die Kultusminister nicht heran, weil sie es sich  mit der Lehrern, die auch Wähler sind, nicht verscherzen wollen. Berlin und Bremen weigern sich seit Jahren, die erfolgreichen Unterrichtskonzepte der  PISA-Sieger Bayern und Sachsen zu übernehmen. Lieber teilen sie sich die Rote Laterne im Ranking der Schulqualität der Bundesländer. Und dies nun schon über zehn Jahre.  Dass beide Länder  die höchsten Zahlen an Schulversagern haben, stört die verantwortlichen Politiker offensichtlich nicht.

Auf die Lehrergewerkschaften kann man nicht zählen, wenn man  schulische  „Minimalstandards“ erreichen will. Die GEW führt zwar noch die Begriffe „Erziehung“ und „Wissenschaft“ im Namen,  ist aber längst zu einem Verband mutiert, der nur noch die materiellen Interessen ihrer Mitglieder verteidigt. Die GEW lehnt Leistungsüberprüfungen der Lehrkräfte vehement  ab, weil sie ihre Klientel vor Zumutungen schützen will. Die Interessen der Schüler spielen für sie  keine Rolle.  In Berlin hat diese Gewerkschaft  vor zwei Jahren die angestellten Lehrkräfte just am Tag des mündlichen Abiturs zum Streik aufgerufen, um bei  Gehaltsforderungen maximalen Druck auf den Dienstherrn aufzubauen. Verbeamtete Lehrer (wie ich)  mussten dann Abiturienten prüfen, die sie im Unterricht nie gesehen hatten. Pädagogisches Ethos? Kann man bei der GEW  getrost vergessen.

Es wäre wünschenswert, wenn sich Zeitschriften wie  SPIEGEL und  ZEIT  nach der Coronakrise der Frage widmen würden, was eine gute Schule ausmacht. Dabei sollte sie sich vor allem an den  Kriterien orientieren, die den Lernerfolg der Schüler sicher stellen. Ein angenehmes Lernklima ist eine prima Sache (und eigentlich selbstverständlich), wichtiger  ist eine Kultur des Lernens und der Anstrengungsbereitschaft, weil  nur sie  die Schüler zum Erfolg führt.

Wie weit sich staatlich  vorgegebene  didaktische Zwänge  von der schulischen Wirklichkeit entfernen können, zeigt die ironische Aussage des Direktors eines renommierten Berliner Gymnasiums. In einem Brief  an die Eltern schrieb er sinngemäß, seine Schule schneide in allen Bereichen blendend ab:  bei VERA, beim MSA, beim Abitur, bei Wettbewerben und  bei „Jugend forscht“. Leider erzielten die Lehrkräfte  diese Erfolge laut staatlichem  Inspektionsbericht mit der „falschen“ Unterrichtsmethode.   Wenn man  den Unterricht an unseren Schulen wirklich  verbessern will, kommt man nicht umhin,   lieb gewordene  Gewissheiten  in Frage  zu  stellen.

Die Probleme unserer Schulen zeigen sich im  Normalbetrieb.  Welche Zeitung hat den Mut, deren  Ursachen  zu erkunden?

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Digitalisierung, Leistungsbereitschaft, Rolle des Lehrers, Schülerleistungen, Schulinspektion, Schulstreik, Unterrichtsmethoden

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