Die Schule von morgen

Das  Homeschooling  offenbart, dass viele Schüler vom selbständigen Lernen überfordert sind. Auch die  soziale Bildungskluft vergrößert sich. Umso wichtiger ist es, dass die Schulen jetzt  die richtigen Lehren   ziehen.

Im Netz stößt  man  auf  Hilferufe von Schülern, die mit  ihren Hausaufgaben überfordert sind. Eine Schülerin, die an einer Gedichtanalyse verzweifelt, schreibt: „Halloooo,  ich sitze schon wirklich lange am Verständniss dieses Gedichtes. Ich soll es mit dem Gedicht von Günter Eich vergleichen…jedoch weiß ich nicht was dieses Gedicht mit das von Günter Eich im Hut hat…Das von Günter Eich ist ja unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg geschrieben worden und das von Christa Reinig 1965…. Gedichte sind leider nicht meine Stärke…“ – Was sich hier wie ein Hilferuf aus dem aktuellen  Homeschooling liest, ist schon älteren Datums, die Aufgabe eine ganz normale, alltägliche Hausaufgabe. Die Verzweiflung  der Schülerin enthüllt, womit wir zu rechnen haben, wenn die Schule über Wochen hinweg ins Elternhaus verlagert wird. Die Schülerin zeigt  nicht nur gravierende Rechtschreib- und Grammatikschwächen, sie hat offensichtlich auch  nicht verstanden, wie man Gedichte interpretiert. Im Unterricht ist alles schon einmal „dran gewesen“, hängen geblieben ist  wenig. Wenn man solche Kenntnislücken  auf die Republik hochrechnet, kann man  unterstellen, dass der Lerneffekt, der in den häuslichen vier Wänden erzielt wird, noch hinter den schulischen Lernergebnissen  zurückbleibt. Hausaufgaben kann man  nur  selbstständig  lösen, wenn man ein grundlegendes Verständnis des Gegenstands erworben hat. Andernfalls ist  man hilflos und auf fremden Beistand  angewiesen. Der große Zuspruch, den Lernvideos auf  YouTube  erfahren, verdankt sich der Ineffektivität des schulischen Lernprozesses.

Studien  besagen, dass ein Drittel der Schüler  Hausaufgaben nicht oder nur unregelmäßig erledigen. Dazu kommen diejenigen, die die Lösungen  von Klassenkameraden abschreiben. Häufig erzählen Schüler, dass sie  die Aufgabenstellung nicht verstanden hätten. Viele notieren sich  die Aufgaben gar nicht, weil die Lehrkraft sie am Stundenende  im allgemeinen Aufbruchstrubel   stellt. Der Ertrag von Hausaufgaben stellt sich zudem nur ein, wenn sie von der Lehrkraft regelmäßig kontrolliert werden, was keinesfalls selbstverständlich ist. Warum sollten diese Schwierigkeiten beim staatlich  verordneten häuslichen Lernen plötzlich verschwunden sein?  Man darf auch nicht vergessen, dass jedes Jahr ca. 50.000 Schüler unsere Schulen ohne Abschluss verlassen. Sie sind im Präsenzunterricht gescheitert. Wie mag es diesen lernschwachen Schülern beim häuslichen Lernen  ergangen sein?

Das Homeschooling legt  die Schwächen offen, die im normalen Unterricht schon lange  existieren. Wir sollten deshalb  aus den Ergebnissen des  nationalen Großversuchs „Schüler lernen  zu Hause“  die richtigen Lehren ziehen: Das  Lernen muss effektiver werden,  das Wissen muss nachhaltiger als bislang in den Köpfen  verankert werden.  Wenn man sich als Lehrer die Mühe macht – ich habe dies aus Interesse   getan -, dieselbe Klassenarbeit nach einem Monat zu wiederholen, wird man feststellen, dass die  Ergebnisse  deutlich  schlechter ausfallen als beim ersten Durchgang. Schon nach einem Monat hat sich ein  Teil des vorher vorhandenen Wissens  offensichtlich wieder verflüchtigt, weil es  nur im Kurzzeit-Speicher des Gehirns abgelegt worden war. Schüler kennen die Effektivität dieses Speichers  sehr gut, wenn sie zum Leidwesen von Lehrern und Eltern immer erst „auf den letzten Drücker“, also in der Nacht vor der Klausur,  lernen. Sie pochen jedoch darauf, dass es für sie die beste Methode sei, sich den Stoff zu merken. Damit haben sie sicher recht. Nachhaltig gelernt haben sie allerdings  nicht. Dieses ständige Vergessen eines Teils des Stoffes infolge nur oberflächlicher Rezeption senkt den Wirkungsgrad von Lernprozessen entscheidend. Die Flüchtigkeit des Wissens  ist zudem eine Vergeudung einer kostbaren Ressource: der vorher aufgewandten  Lehr- und Lernbemühung.

Die Lernforschung hat sich Gedanken darüber gemacht, wie man den Wirkungsgrad des Lernens erhöhen könnte. Sie hat in Experimenten unterschiedliche Lern-Arrangements geschaffen und die Effektivität der einzelnen Methoden gemessen. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Beim Nur-Hören des Stoffes – Stichwort: Lehrervortrag – beträgt die Erinnerungsquote nur 2o Prozent, bei der visuellen Darbietung mit Hilfe von Bildern und Folien steigt sie auf 30 Prozent, bei einer Mischung aus beiden Darbietungsformen auf 40 Prozent. Unschlagbar ist das „Selber-Tun“ mit  einem Lerneffekt von 70 Prozent. Am nachhaltigsten  lernt ein Schüler also, wenn er sich ein Sachgebiet eigenständig erarbeiten und die Ergebnisse einer  Gruppe von Schülern  in einem Vortrag vermitteln muss. Jeder Erwachsene kennt diesen Effekt. Hat er je vor einer Gruppe von Menschen über ein Sachgebiet referieren müssen, gelang  ihm dies nur dann perfekt und stressfrei, wenn er zuvor tief in die Materie eingedrungen war. Nur wenn man sich in einem Wissensgebiet souverän zu bewegen weiß, kann man aus dem Vollen  schöpfen  und auch kritischen Fragen Paroli bieten. Die wirksamste Lernmethode wäre also, wenn man die Wissensgebiete aller Schulfächer parzellierte und den Schülern zur selbsttätigen Erarbeitung überließe. Danach müssten sie als „Experten“ den Schülern ihrer Lerngruppe den Stoff ihrer Sachgebiete  präsentieren. Eigene Erfahrungen bestätigen die Effektivität dieses Verfahrens. Schüler können sich, wenn sie  längst Abitur gemacht haben,   noch  sehr gut daran erinnern, dass sie in der 12. Klasse einen Vortrag über die „Kubakrise 1962“ gehalten haben und von der Klasse und dem Lehrer dabei ins Kreuzverhör genommen wurden. Sie wissen sogar noch die zentralen Thesen ihres Vortrags.  Es ist natürlich nicht möglich, alle Stoffgebiete der  Fächer  von den Schülern eigenständig erarbeiten zu lassen. Die Einführung neuer  Gegenstände muss weiterhin in der Hand des Lehrers bleiben. Nur auf der Basis eines verinnerlichten Grundwissens können sich die  Schüler so  sicher bewegen, dass sie Teilbereiche eigenständig erarbeiten und ihren Mitschülern  in Form von Vorträgen und Präsentationen vermitteln können.

Die Methode des exemplarischen Lernens könnte dabei helfen, die überbordende Stofffülle der Fächer sinnvoll zu reduzieren. Dann bliebe mehr Raum für Methoden, die die Selbsttätigkeit der Schüler anregen. Wenn ein Deutschlehrer in der 8. Klasse  die Analyse einer Kurzgeschichte   sorgfältig  einführt,  können die Schüler  diese Fertigkeit   auf andere Texte übertragen. Für die  Quellenanalyse im  Geschichtsunterricht gilt dasselbe. Viele Schulen legen in einem internen Curriculum fest, welche  Gegenstände  „exemplarisch“ gelernt werden sollen. Dadurch wird ein einheitliches inhaltliches und methodisches Fundament gelegt, auf das  im weiteren Unterricht  sinnvoll aufgebaut werden kann. Dabei sollte Wert auf Orientierungswissen gelegt werden, das dabei hilft, die  Wissensflut zu strukturieren.

Die Kognitionsforschung hat herausgefunden, dass man sich Sachverhalte  besonders gut merkt, wenn sie mit einem emotionalen Reiz verbunden sind.  Schüler lieben einen  fesselnden Unterricht, der sie mit der Welt des Wissens vertraut macht. Sie klagen darüber, dass es gerade daran im Unterricht häufig hapert. Langweilige Lehrkräfte  nennen  sie  wenig schmeichelhaft „Schlafpille“ oder „Trantüte“. Natürlich kann man nicht in jeder Unterrichtsstunde ein aufregendes Feuerwerk zünden. Oft gewinnt man aber  den Eindruck, dass verfestigte  Routinen – Wir machen das doch schon immer so – die Suche nach spannenden Lernarrangements im Wege stehen. Wenn es gelänge, in allen Fächern das spannende Potential freizulegen, das in den Lerngegenständen schlummert,  wäre schon viel gewonnen.

Die Parzellierung der Lerngegenstände durch die  klassischen Unterrichtsfächer steht  einem spannenden Unterricht  ebenfalls  im Wege. Der Reformpädagoge  Hartmut von Hentig wusste vom Nutzen  fachübergreifenden Lernens, wenn er schreibt:  „Man lernt besser im Zusammenhang der Dinge“. Wenn eine Mutter beim Stadtspaziergang  ihrem Kind   eine Kathedrale erklärt, nutzt sie verschiedene Wissensgebiete: Geschichte, Kunst, Architektur und  Religion. Der traditionelle Fachunterricht lässt das  ganzheitliche Lernen nur begrenzt zu. Bei den  aktuellen Themen Globalisierung,   Migration und   Klimawandel  liegt es auf der Hand, dass man zum  Verständnis der Problematik Erkenntnisse aus mehreren Fachgebieten benötigt. Fächerverbindendes Lernen gelingt am besten beim Projektlernen, bei dem  die Schüler für ein  komplexes Problem Lösungen erarbeiten. Diese Lernform verbürgt Lebensnähe, Problembewusstsein und fördert ein  Denken über die Fachdisziplinen hinaus.

Mich hat es immer schon gewundert, dass im Land der Tüftler und Erfinder der Wirkungsgrad aller technischen Geräte gemessen  wird, dass  aber nach dem Effekt schulischen Lernens   kaum jemand fragt. Wenn der Ottomotor einen Wirkungsgrad von 35 Prozent hat, sollte es doch möglich  sein, den Wirkungsgrad des Unterrichts auf über 50 Prozent  zu steigern, zumal diesem Ziel  physikalische Gesetzmäßigkeiten nicht im Wege stehen.

 

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Exemplarisches Lernen, ganzheitliche Bildung, Reformpädagogik, Rolle des Lehrers, Unterrichtsinhalte, Unterrichtsmethode

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