Ego-Trip der Jugend

 Die Jugend steht vor einer ungewohnten Bewährungsprobe.  Sie muss ihren     Selbstverwirklichungsdrang   zügeln  und Solidarität lernen.

Als  immer mehr Bundesländer dazu übergingen, das öffentliche Leben weitgehend  einzuschränken, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, konnte man erleben, dass viele Jugendliche sich nicht an das Gebot hielten, sozialen Abstand zu wahren. Als bundesweit die Schulen schlossen, gingen viele Schüler nicht nach Hause, sondern zogen  – mit Sixpacks ausgerüstet – in Parks, um dort Corona-Partys zu feiern. Viele hatten noch die bunten Gewänder an, die sie für die Motto-Woche ihres Gymnasiums angezogen hatten.  In den lauen Frühlingsabenden feierten Jugendliche  an den üblichen örtlichen  Hot-Spots: im Berliner Mauerpark, im Englischen Garten in München und auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Ein schwäbischer  Jugendlicher erzählte einem Reporter des Süddeutschen Rundfunks, er fürchte sich nicht vor einer Infektion, weil ihn sein starkes Immunsystem schütze. Die Botschaft, dass es darum gehe, andere Menschen, vor allem die Risikogruppe  der Senioren, vor Ansteckung zu bewahren, ist  bei diesen Jugendlichen offensichtlich  nicht angekommen. Im Biologieunterricht haben sie gelernt, dass man als Virusträger andere Menschen auch dann anstecken kann, wenn man selbst keine Symptome zeigt. Wenn es  um das Ausleben des eigenen Egos   geht, werden  wissenschaftliche Informationen offensichtlich verdrängt. Hieß es nicht immer, man lerne in der Schule für das Leben?

Natürlich reagieren Jugendliche auf Verbote anders als Erwachsene. Im Überschwang ihrer Unantastbarkeit  wollen sie  Grenzen austesten. Dazu gehört auch, dass sie    Normen und Spielregeln  übertreten  und  versuchen, Autoritäten durch provozierendes Verhalten zu verunsichern und herauszufordern. Dies  verschafft ihnen einen Lustgewinn und stärkt ihr  Selbstwertgefühl. Vor allem während der Pubertät schlagen  Jugendliche gerne über die Stränge, weil in diesem fragilen Balancezustand zwischen  Noch-Kind-Sein und Schon-Erwachsen-Sein-Wollen  der Kompass des Verhaltens – hormonbedingt – die wildesten Ausschläge erfährt. Jeder Lehrer, der schon einmal Schüler dieses Alters unterrichtet hat, weiß, wie wenig mit ihnen in dieser Zeit anzufangen ist, wie sehr sie mit sich selbst oder  mit dem anderen Geschlecht beschäftigt sind. Dennoch sollte die Botschaft, dass es jetzt ernst ist, wie es die Kanzlerin in ihrer Fernsehansprache ausgedrückt hat, auch bei den jungen rebellischen Geistern und hedonistischen Genießern angekommen sein. Unsere freiheitliche Gesellschaft hat der Jugend in den letzten Jahrzehnten sehr viel gegeben: eine gute Ausbildung, materielle Sicherheit, unbegrenztes Reisen  und die Möglichkeit, ein freiheitliches Lebensgefühl auszuleben. In der gegenwärtigen Ausnahmesituation  sollte  sie lernen, dass Freiheit immer auch Verantwortung für das Ganze bedeutet, dass der  Selbstverwirklichung dort Grenzen gesetzt sind, wo andere geschädigt werden.

Viele der Schüler, die sich heute  den Anordnungen der Politik  nicht fügen wollen, sind im Jahr 2019 für „Fridays for Future“ auf die Straße gegangen  und haben für die „Rettung der Welt“  demonstriert. Auch dort ließen sie Empathie für die Menschen, die von ihren radikalen Forderungen betroffen wären, vermissen. Der sofortige Ausstieg aus der Kohle  hätte 50.000 Familien um ihre Ernährungsgrundlage gebracht. Die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer forderte in einem Gespräch mit   Siemens-Chef Jo Kaeser, einen Auftrag für die australische Kohlenmine  des Adani-Konzerns  zu stornieren.  Dabei gab sie sich als Interessenvertreterin der Ureinwohner der Region, der Aborigines, aus. Die Wahrheit ist, dass die dort ansässigen Aborigines gar nichts gegen den Kohleabbau durch Adani haben, weil sie auf die Arbeitsplätze angewiesen sind. In jener Region beträgt die Arbeitslosigkeit unter den Ureinwohnern nämlich bis zu 75 Prozent. Wenn moralisch übermotivierte  Aktivisten vorgeben, für Menschheitsinteressen zu kämpfen, ist Vorsicht geboten. Allzu häufig kommen dabei  die Interessen konkreter Menschen unter die Räder. „Im Mittelpunkt steht der Mensch, nicht der Einzelne“, dichtete der Schriftsteller Reiner Kunze aus leidvoller DDR-Erfahrung. Vor wenigen Tagen postete ein junger Klimaaktivist auf Twitter eine ungeschminkt egoistische Botschaft: „Was soll ich jetzt auf die alten Weißen Rücksicht nehmen, wenn sie es die ganzen Jahrzehnte auch nicht für mich gemacht haben. #Klimakrise. Und so denke  nicht nur ich, sondern alle Jugendlichen, die derzeit sich gegen das autoritäre Gelaber widersetzen und raus gehen feiern!“ – Das Fehlen von  Empathie konnte man auch  bei der legendären Wutrede  Greta Thunbergs beim New Yorker Klimagipfel 2019 studieren: „Wie konntet ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen“. Im Unterricht lernen Schüler, dass laut UNICEF pro Jahr fünf  Millionen Kinder  in der Welt  an Unterernährung, schlechter Hygiene und mangelhafter gesundheitlicher Versorgung sterben.  Und wer das erschütternde UNICEF-Foto des Jahres 2019 gesehen hat, das ein 13-jähriges Mädchen zeigt, wie es in Hafenbecken von Manila Plastik aus dem verdreckten Meer fischt, ist peinlich berührt, wenn das Wohlstandskind  Greta Thunberg davon spricht, dass ihr die Kindheit gestohlen worden sei.

Wenn man am Gymnasium unterrichtet, hat man schon häufig  Jugendliche erlebt, die mit Verve ein „gesellschaftliches Anliegen“ verfechten, sei es als  „autonome“  Hausbesetzer, als Greenpeace-Kämpfer für die Walrettung, als Flüchtlingshelfer  oder als Aktivisten für die Aktion „Ende Gelände“. Die jungen Streiter sind  belesen und von ihrer Sache überzeugt, immunisieren sich jedoch gegen jedes rationale Argument, das ihre Mission in Zweifel ziehen könnte.  Jugendliche finden  ihren Weg in die Gesellschaft oft  über  ein radikales Engagement für eine „gerechte Sache“. Erst nach Eintritt in das Erwachsenenleben  schleifen sich die Radikalismen  ab und werden  mit der Realität geerdet. Als Lehrer kann man kaum etwas  anderes tun, als den jungen Menschen zu  zeigen, wo die Grenze ihres Engagements liegt: dort, wo  Dritte Schaden nehmen. Diesen Test müssen die Jugendlichen in diesen Tagen und Wochen bestehen.

Wenn die gegenwärtigen gesellschaftlichen Restriktionen die Ausbreitung des Virus nicht hemmen und das Gesundheitssystem an seine Grenzen gerät, ist nicht auszuschließen, dass ein  Sozialdarwinismus Platz greift, der zu Lasten der Alten, Gebrechlichen und Schutzbedürftigen geht.  Jetzt rächt sich vielleicht doch, dass  die Gesellschaft zu  nachsichtig damit umgegangen ist, als die Alten  zu  Feindbildern ausgerufen wurden. Einen Tag  vor Heiligabend 2019 hieß es in einem Tweed von „Fridays for Future Germany“:  „Warum reden uns die Großeltern eigentlich immer noch jedes Jahr rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei.“ Diesen Spruch, meinte der Verfasser, könne man „sowohl an Weihnachten als auch im Angesicht der Klimakrise sagen“. Soll er  jetzt auch in der Corona-Krise gelten?  Auch öffentlich-rechtliche Institutionen beteiligten sich am Senioren-Bashing:  Der Westdeutsche Rundfunk ließ  seinen Kinderchor  singen: „Meine Oma ist ´ne alte Umweltsau“. Der Hinweis des Senders, der Text sei satirisch gemeint gewesen, macht die Sache nicht besser. Kein 10-jähriges Kind weiß, was Satire ist. Freiwillig würde es  nie singen, dass die Oma eine „Umweltsau“ sei. Wenn man – und sei es nur im  Scherz – die ältere Generation an den Pranger stellt, muss man sich nicht wundern, wenn es Menschen gibt, die  jetzt  Schutzmaßnahmen für die Betagten für überflüssig halten.

Europäische Virologen schauen bewundernd auf die Erfolge, die asiatische Länder bei der Eindämmung der Corona-Pandemie erzielt haben. Vor allem das demokratische Südkorea kann man als Vorbild empfehlen. Diszipliniert  befolgen die Menschen  die Einschränkungen des täglichen Lebens. Von hedonistischem  Widerstandsgebaren hat man nichts gelesen. Woran liegt das?  Die konfuzianisch-buddhistisch geprägte Kultur Asiens verlangt, dass der Mensch im Einklang mit dem Kosmos lebt. Dieses Postulat hat zur Folge, dass man sich harmonisch in die vorgegebene Gesellschaft einfügt und alles unternimmt, um deren Anforderungen optimal zu erfüllen: „Wo immer du bist, trage dazu bei, dass die Gemeinschaft in Harmonie lebt“ (Konfuzius). Nur mit einer solchen Haltung könne man   „Harmonie und Mitte, Gleichmut und Gleichgewicht“  gewinnen. Aufschlussreich  ist auch ein chinesisches Sprichwort, das  in vielen anderen asiatischen Ländern populär ist: „Wenn du die Welt verbessern willst, so gehe einmal um dein  eigenes Haus“. In der Schule habe ich mit asiatischen Kindern nur gute Erfahrungen gemacht. Aufsässigkeit und Widerborstigkeit  sind ihnen fremd. Die Selbstverwirklichung, die in den letzten Jahrzehnten unser Ich befeuert  hat, steht jetzt vor einer ernsten Bewährungsprobe.  Friedrich Schiller hat dafür ein passendes Motto parat: „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt.“

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Jugendkultur, Klimathematik in der Schule, Rolle des Lehrers

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