Noten für Lehrer

Veröffentlicht in der Tageszeitung DIE WELT vom 06. 12. 2019

Für  Arztpraxen oder  Restaurants ist es  normal, dass sie auf Online-Portalen  bewertet werden.  Lehrer hingegen  sträuben sich  gegen das  Feedback durch ihre Schüler, weil sie sich vor unsachlicher Kritik  fürchten. Der Widerstand ist aber fehl am Platze.

Im Jahr  2007 wurde Deutschlands  Lehrerschaft  aufgeschreckt, als drei Kölner Studenten die Plattform „spickmich.de“  ins Netz stellten, auf der Schüler ihre Lehrer mit Kommentaren und Noten anonym bewerten konnten. Es ging um  Motivation und fachliche Kompetenz,  persönliches Auftreten und Kleidungsstil. Da die Betreiber keinerlei Filter eingebaut hatten, häuften sich spaßhafte Bewertungen und rachegetriebene Verunglimpfungen. Als Lehrer wegen Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte gegen die Plattform  klagten, bekamen die Schüler vor den Gerichten recht:  Ihre Kommentare seien keine Tatsachenbehauptungen, sondern Werturteile. Und die seien gesetzlich erlaubt. 2009 wurden die Klagen der Lehrer gegen „spickmich.de“ vom Bundesgerichtshof  höchstrichterlich abgewiesen. 2014 wurde die Internetseite ohne Begründung abgeschaltet.

Die neueste Variante der Lehrerbewertung hat der 17-jährige Österreicher Benjamin Hadrigan mit seiner App „Lernsieg“ geschaffen. Sie startete fulminant. Schon nach drei Tagen zählte sie  mehr als 70.000 Downloads. Für Schulen  gab es  16.513 Bewertungen, für Lehrkräfte über 172.000. Die meisten sollen positiv gewesen sein.  Bald wurde das Portal jedoch wieder offline gestellt, weil der Initiator mit einer Flut an Hassmails bombardiert worden war. Solche Attacken sind die offene Flanke der Bewertungsportale für Lehrer. Selbst wenn man wie auf „Lernsieg“ nur Bewertungspunkte vergeben und keine  Kommentare schreiben kann, finden böswillige  Nutzer einen Weg, den Betreiber des Portals auf seinem Mail-Account  mit einem  Shit-Storm zu überziehen. Keine Schulbehörde in Deutschland hat deshalb Bewertungsportale externer privater Anbieter offiziell zugelassen. Sie erfüllen weder datenschutzrechtliche Vorgaben  noch bieten sie  die Gewähr, die Lehrkräfte vor ungebührlichen Schmähungen zu schützen.

Das erste Bundesland, das ein eigenes „amtliches“  Evaluationsportal für Lehrer eingeführt hat, ist Berlin. Dort sind Lehrkräfte  seit 2011 verpflichtet, sich alle zwei Jahre von ihren Schülern bewerten zu lassen. Das Ergebnis ist  ernüchternd. Von den 29.000 Berliner Lehrern ist  bislang nur eine kleine Minderheit der Verpflichtung nachgekommen. Konsequenzen drohen den Verweigerern  keine.  Kritiker verweisen  darauf, dass Zwang auf diesem sensiblen Gebiet  eher kontraproduktiv sei. Erst wenn sich an einer Schule eine Feedback-Kultur etabliert habe, würden die Lehrer ihre Scheu überwinden, sich dem Urteil  ihrer Schüler zu stellen. Bewertungen durch Schüler  kratzen   am Selbstverständnis  von Lehrern, die in der Vergangenheit  stets  darauf vertrauen konnten, dass man ihre pädagogische Kompetenz nicht hinterfragt. Die öffentliche Meinung gab ihnen lange  recht:  Wer ein akademisches Studium absolviert und dann noch eine pädagogische Ausbildung   hinter sich gebracht hat, sollte das Metier eigentlich  beherrschen. Dem ist leider nicht so, wie jeder Schulleiter weiß. Er kennt die Kollegen genau, die einen eher bescheidenen Unterricht abliefern, aber auch diejenigen, die die Schüler durch ihre Leidenschaft für die Sache mitreißen.

Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hat in seiner großen Studie „Lernen sichtbar machen“ (2013) nachgewiesen, dass das  Feedback der Schüler an ihre Lehrer zu den stärksten Einflüssen auf die Leistung der Schüler zählt. Die „Bill und Melinda Gates Stiftung“ hat eine Studie vorgelegt, die  belegt, dass der Lernerfolg der Schüler in erster Linie  von der Lehrerpersönlichkeit abhängt. Deren Wirkung  auf den Lerneffekt bei den Schülern  sei „signifikant“. Hattie spricht von „dramatischen Unterschieden“ zwischen guten und schlechten Lehrkräften. Weil dem so ist, hat die  Gates-Stiftung  einen Fragebogen zur Lehrerbewertung ausgearbeitet, der die wichtigsten Aspekte des Lernprozesses  erfasst. Da geht es um Emotionales  („Die Lehrperson behandelt die Schüler mit Respekt“), um Faszination („Die Lehrperson kann die Schüler für den Lernstoff begeistern“) und um nachhaltiges Lernen („Die Lehrperson vergewissert sich, dass die Schüler den Lernstoff verstanden haben“). Außenstehende mögen solche Kriterien für selbstverständlich halten. Kenner der Schulrealität wissen freilich, dass dem nicht so ist. Vor Jahren hat das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung anhand von Unterrichtsbeobachtungen herausgefunden, dass bis zur Hälfte aller Konflikte im Unterricht von den Lehrkräften verursacht werden: durch konfrontatives Verhalten, wo Augenmaß und Konzilianz gefragt wären, und durch verbale Entgleisungen. Kinder können unter der  latenten  Aggressivität von Lehrern  so leiden, dass sie  die Lust am Lernen verlieren. Auch der begeisternde Unterricht ist nicht jedem Lehrer gegeben. Viele tun sich schwer damit, das spannende Potential, das  ihrem Unterrichtsfach innewohnt, zu erkennen und den Schülern vor Augen zu führen. Wenn der Schriftsteller Klaus Mann davon sprach, ein Lehrer müsse ein „Seelenfänger“  sein, meinte er  die Fähigkeit, die Schüler mit Leidenschaft für die  Lerngegenstände zu begeistern. Schüler lieben  solche  Motivationsstalente   und schwärmen zu Hause von ihnen in den höchsten Tönen.

Ich habe  an einem Berliner Gymnasium unterrichtet, das zu den Pionieren der Feedback-Kultur zählt. Von Klasse sieben bis zum Abitur dürfen  die Schüler dieser Schule in altersgerechten Fragebögen ihre  Lehrkräfte bewerten. In den unteren Klassen geht es neben der Qualität des Unterrichts („Ist der Lehrer optimal vorbereitet?“) vor allem um emotionale  Aspekte („Mag euch euer Lehrer?“). Man muss nur einmal einen Elternabend  erlebt haben, um die Berechtigung dieser Frage zu verstehen. Ein Elternpaar  berichtet, dass ihr Sohn an den Tagen, an denen Mathematik auf dem Stundenplan steht, morgens Bauchschmerzen hat. Nachfragen ergeben, dass der Lehrer ihn mehrfach vor der Klasse wegen seiner „unterirdischen“ Rechenkünste   heruntergeputzt habe. Eine alleinerziehende Mutter erzählt, dass ihre Tochter ständig von ihr  verlange, sie vom Sportunterricht zu befreien. Der Sportlehrer, der ein verhinderter Leistungssportler sei, habe ihre Tochter des Öfteren  wegen ihrer unsportlichen Figur  gehänselt. In der gymnasialen Oberstufe sind die Fragebögen  anspruchsvoller. Sie nehmen die didaktische Qualität des Unterrichts in den Blick: „Ist der Unterricht motivierend und abwechslungsreich gestaltet?“ Ich habe mich – auch bei den Bewertungen meines eigenen Unterrichts – immer wieder gewundert, wie präzise und aussagekräftig die Urteile der Schüler sind. Wenn man jahrelang die Schulbank drückt, können einem Stärken und Schwächen von Lehrern gar  nicht verborgen bleiben.

Die treffendste Bewertung von Unterricht nützt nichts, wenn die Lehrkräfte daraus keine Konsequenzen ziehen. Schulen, die es ernst mit der Verbesserung der Unterrichtsqualität meinen, haben deshalb festgelegt, dass der bewertete Lehrer die Ergebnisse des Schülerfeedbacks mit einem Kollegen seines Vertrauens besprechen  muss. Gemeinsam legen sie eine Strategie fest, die dem Lehrer hilft, seine Defizite zu beheben. Hilfreich sind gegenseitige Besuche im Unterricht mit anschließender „Manöverkritik“. Aber auch der  Besuch  von Fortbildungen führt ans Ziel. Wichtig ist,  dass der bewertete Lehrer mit der Klasse bespricht, wie er die kritischen Punkte zu beheben gedenkt. Das schafft  Vertrauen, weil die Schüler erkennen, dass es der Lehrer mit der Verbesserung seines Unterrichts ernst meint.

John Hattie begreift in seiner Studie den Beruf des Lehrers als Handwerk, das professionell ausgeübt werden muss. Dabei stehen dem pädagogischen „Handwerker“ viele Stellschrauben zur Verfügung, an denen er drehen kann, um die Wirksamkeit seiner Tätigkeit zu erhöhen. Jede Kleinigkeit ist dabei wichtig, weil auch sie zum Lernerfolg  beitragen kann. Wenn es die Lehrkraft nicht schafft, eine ruhige Arbeitsatmosphäre herzustellen, rauscht der Lernstoff an den unkonzentrierten Schülern vorbei. Gelingt  es ihr    nicht, die Stofffülle in fassliche  Lernschritte zu gliedern, fehlt den Schülern am Stundenende das „geistige Band“. Nimmt man Hattie ernst, müsste die Aus- und Fortbildung der Lehrer  vor allem das Handwerkszeug des Unterrichtens vermitteln.

Unser  Land, dessen wichtigster Rohstoff das Bildungswissen seiner Menschen ist, kommt gar nicht umhin, den Unterricht der Lehrkräfte auf den Prüfstand zu stellen.  50.000 Schulversager  jährlich – das entspricht der  Einwohnerschaft einer Kleinstadt –   können wir uns nicht länger leisten. Sinnvoll wären deshalb digitale Evaluationsverfahren, die von den Schulbehörden im geschützten Bereich der Schulen  eingerichtet werden. Dort können  Schüler  ihre Fachlehrer mit altersgerecht formulierten Kriterien anonym bewerten. Solche Verfahren verhindern, dass frustrierte Schüler ihren Unmut in  unflätigen Kommentaren abreagieren. Dem friedlichen Miteinander in der Schule, einer wichtigen pädagogischen  Produktivkraft, täte ein solches Verfahren gut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, gegenseitige Besuche im Unterricht, kollegiale Hospitation, Noten für Lehrer, Schülerfeedback an die Lehrer

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