Klima in der Schule

Veröffentlicht in der Zeitung DIE WELT vom 18. 07. 2019

Seit soziale und ökologische Bewegungen auch Gymnasien  erfasst haben, müssen sich Lehrkräfte immer häufiger dafür rechtfertigen, dass sie Fakten vermitteln. Ist aufklärerisches Denken in der Schule in Gefahr?

Ein 18-jähriger Gymnasiast aus Köln rechtfertigt sich gegenüber dem Reporter eines Nachrichtenmagazins für seine Teilnahme an den Freitagsdemonstrationen der Klimaaktivisten mit den Worten: „Wieso sollte ich in die Schule gehen, wenn ich weiß, dass es in ein paar Jahrzehnten keine Schule mehr geben wird, wenn wir jetzt nicht auf die Straße gehen.“ –  Die Motive seiner Mitstreiter klingen ähnlich: Die Welt geht unter, wenn wir uns jetzt nicht für das Klima ins Zeug legen. In Geografie und Biologie haben die Freitagsaktivisten solche Untergangsszenarien sicher nicht gelernt. Selbst die Umweltorganisation Greenpeace, nicht eben für Untertreibungen  bekannt, kennt kein Klimamodell, das auch nur annähernd die  Weltuntergangsängste der demonstrierenden Schüler rechtfertigen würde. Natürlich darf man im Meinungskampf übertreiben. Das haben Jugendbewegungen  immer schon  getan. Wenn aber von sieben etablierten Umweltorganisationen eben mal drei  die  krassen  Forderungen der Klima-Jugend teilen, besteht die Gefahr, dass  sich die Schüler  durch ihren  dystopischen Radikalismus selbst  ins Abseits befördern. Die Öffentlichkeit wirkt an der quasireligiösen Überhöhung der Schülerbewegung fleißig mit. So hat Berlins katholischer Bischof Heiner Koch die Vorbildwirkung der schwedischen Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg mit der von Jesus Christus verglichen. Auch historische Parallelen drängen sich auf. Im Jahr 1212 brachen Tausende Kinder und Jugendliche zu einem Kreuzzug zur Befreiung des Heiligen Landes auf, weil fanatische Bischöfe der Meinung waren,  nur „unschuldige“ Kinder könnten die Erlösung bringen. Kein einziges Kind kam damals  ans Ziel.

Ich habe am Gymnasium  Klimapolitik unterrichtet. Dabei habe ich immer  Wert darauf  gelegt, alle bekannten  Fakten zur Diskussion zu stellen. Dazu gehört die Tatsache, dass Deutschland nur für zwei Prozent des weltweiten  CO2-Ausstoßes verantwortlich ist. Hilfreich  ist auch  das  Faktum,   dass der Anteil der regenerativen Energie an der deutschen  Stromerzeugung inzwischen 44  Prozent beträgt – mit  steigender Tendenz. Damit ist  Deutschland Vorbild für alle Industrieländer.   Den Schülern ist auch bekannt, dass die ihnen  so verhassten Kohlekraftwerke nur deshalb so lang am Netz bleiben müssen, weil die Regierung im Jahre  2011 beschlossen hat, endgültig aus der Atomenergie auszusteigen. Wenn man sich nur auf die stark wetterabhängige Wind- und Solarenergie verließe, säßen wir an bedeckten und windarmen  Tagen im Dunkeln  und das  Handy könnte  keinen Strom mehr ziehen.  In einem Sozialstaat sollte man  auch nicht die 50.000 Familien vergessen, die von der Arbeit in der Kohle leben.  Offensichtlich verfangen solch harte Fakten bei den klimabewegten Schülern nicht. Sie wollen alles und das sofort.  Ihr Blick ist zudem in problematischer Weise  auf Deutschland verengt.  In Brasilien werden laut Satellitendaten in jedem  Monat 739 qkm Regenwald abgeholzt. Das entspricht zwei Fußballfeldern pro Minute. In wenigen Jahren könnten 30 Prozent des gesamten Regenwaldes für immer  verloren sein. Im Geografie-Unterricht lernen die Schüler, dass Regenwälder das  Weltklima stabilisieren, indem sie der Atmosphäre CO2 entziehen und  Sauerstoff abgeben. Allein der Amazonas-Regenwald schluckt etwa zwei Milliarden Tonnen CO2 im Jahr. Das ist das  13-fache der jährlichen CO2-Emissionen des  gesamten Autoverkehrs in Deutschland.  Wenn man das weiß, hätte man  allen Grund, vor der brasilianischen Botschaft in Berlin zu demonstrieren, um die rechtsgerichtete Regierung Brasiliens von diesem Irrsinn abzubringen. Auch vor der chinesischen und indischen Botschaft könnte man aufmarschieren, weil diese Länder die Kohlverbrennung unbeirrt  ausbauen und gar nicht daran denken,  nach deutschem Vorbild ein Gesetz zum  verbindlichen Kohle-Ausstieg  zu beschließen. Sollten nicht rationale Effektivitätserwägungen dazu führen, dass man die größten Verursacher der Klimaerwärmung zuerst aufs Korn nimmt, anstatt sich auf den  Klima-Primus Deutschland einzuschießen?

In den letzten Jahren ist es mühsamer geworden, mit Schülern der gymnasialen Oberstufe rational über gesellschaftspolitische Themen zu diskutieren. In fast jedem Politik-Kurs gibt es Schüler, die mit Inbrunst Fakten  anzweifeln und unverdrossen eigene „Erkenntnisse“ dagegenstellen. Im Kurs  „Politik und Wirtschaft“ wird z.B.  bezweifelt, dass sich  die in jeder Talkshow geäußerte These,  in unserem Land gehe die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander,  nicht durch Fakten belegen lässt. Der Gini-Koeffizient, Maßstab der Einkommensverteilung (0 = alles gleich; 1 = einer hat alles), ist in Deutschland  seit mehr als zehn Jahren stabil. Er zeigt auch  das Maß an Umverteilung zugunsten der unteren Einkommensschichten. Vor Umverteilung liegt der Faktor bei 0,5, nach Umverteilung bei 0,29. Wären die Flüchtlinge nicht in die Armutsstatistik gerutscht, fiele  der Koeffizient noch günstiger aus. Schwierig ist auch die Vermittlung einfachster Steuer-Tatsachen: Der deutsche Spitzensteuersatz beginnt heute schon beim 1,3-fachen des Durchschnittseinkommens. In den 1960er Jahren musste man noch das 15-fache verdienen, damit der höchste Steuersatz greift. Auf Unglauben stößt auch die Tatsache,  dass die reichsten 10 Prozent der Deutschen   50 Prozent des gesamten  Aufkommens der Einkommensteuer generieren. Ich habe erlebt, wie  ein Schüler den   exponentiellen   Kurvenverlauf der Einkommenssteuer   anzweifelte, weil er in den sozialen Netzwerken mit der  kruden Botschaft  gefüttert worden war: Die Reichen sind stinkreich und geben nichts  ab. Basta.

Über Klimafragen kann man mit politisch aktiven Schülern  kaum noch rational diskutieren, weil  einem allein das Beharren auf Fakten den Vorwurf einbringen kann, man gehöre zum Club der  „Klimaleugner“. Schuld an dieser konfrontativen Diskussionskultur  ist die  moralische Überhöhung  der Politik, die in den letzten Jahren auf vielen Politikfeldern – man denke nur an die Flüchtlingspolitik – Platz gegriffen hat. Wer für sich moralische Untadeligkeit  in Anspruch nimmt, ist schnell bei der Hand,  den Diskussionspartner, der das eigene Weltbild nicht teilt,  als Ignoranten  oder  Freund der Auto-Lobby abzukanzeln. Aus eigener Jugenderfahrung  weiß ich, wohin es führt, wenn man Tatsachen  zum Zwecke einer höheren Moral und  einer verheißungsvollen Utopie ignoriert. Aus der kreativen antiautoritären Rebellion der Studenten und Oberschüler im Jahre 1968 wurde in den frühen 1970er Jahren  eine dogmatische kommunistische Bewegung, die sich von der  intellektuellen Redlichkeit verabschiedete und  zu  abstrusen Welterklärungstheorien Zuflucht nahm. Am Ende dieser Entwicklung  standen  die Anbetung einer Diktatur (Maoisten)  und   die Ausübung  brutaler Gewalt (RAF). Ich würde mir wünschen, dass die klimabewegten Oberschüler sich nicht gänzlich von der Maxime verabschieden, dass man die Wahrheit immer in den Tatsachen suchen muss. Der Fachunterricht am Gymnasium ist auf diese wissenschaftliche Prämisse ausgerichtet.  Gymnasiale Bildung will die Schüler zu   kritischem Denken und  Problembewusstsein  erziehen.   Dieses  entsteht jedoch nur, wenn die Aneignung der Wirklichkeit nach der aufklärerischen Maxime geschieht: Am Anfang ist  der Zweifel. Jede Theorie hat  nur so  lange Bestand, bis  sie  von einer neuen  Theorie abgelöst wird, die die Wirklichkeit stimmiger beschreibt. Bloße Behauptungen oder ideologische Setzungen erlauben keine Annäherung an die Wahrheit.

Ich habe persönlich  erlebt, wie sich Klimaforscher von einer zuvor vehement vertretenen Theorie  verabschieden mussten. Bei einer Podiumsdiskussion in einem Berliner Gymnasium zum Klimawandel fragte ich eine Wissenschaftlerin vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, wie es komme, dass sich ihre  Prognosen über den Anstieg des Weltmeeresspiegels  in den letzten Jahren von  drei  Metern auf  zuletzt  60 Zentimeter reduziert haben. (Die aktuelle Prognose beträgt nach dem  IPCC-Bericht von 2013 45-82 Zentimeter).  Die  Wissenschaftlerin  gab die  offenherzige Auskunft, es liege daran, dass die Computer, die die Klimamodelle durchrechnen, immer leistungsfähiger würden. Die aktuelle  Prognose sei dem neuesten Equipment geschuldet.  Die Schüler waren verblüfft, weil sie  live  erleben konnten, wie   eine Wissenschaftlerin eine Theorie, die die  Politik  jahrelang in helle Aufregung  versetzt hat, einfach wieder  „einkassiert“. Trial and error gilt eben  auch in der  Klimawissenschaft.

Es wäre zu wünschen,  dass  die kritischen Schüler, wenn sie sich  weiterhin   gegen die Klima-Erwärmung  engagieren,  nicht dem süßen Gift der einfachen Welterklärung erliegen. Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen ist nämlich  keineswegs das Privileg rechtspopulistischer Parteien und Gruppierungen. Die Schüler sollten Fakten nicht deshalb leugnen, weil sie unbequem  sind und das  eigene Narrativ von der bevorstehenden Katastrophe nicht unterstützen.  Man möchte ihnen nicht wünschen, dass sie sich  in der Rolle des   Don Quijote  wiederfinden, der seinem Diener Sancho Panza  sein närrisches Credo verkündet:    „Tatsachen, mein Lieber, sind  die Feinde der Wahrheit.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Klimathematik in der Schule, Schulstreik, Unterrichtsinhalte

2 Antworten zu “Klima in der Schule

  1. Paul

    Hallo Herr Werner!
    Nachdem ich diesen Artikel in der Welt gelesen hatte, kamen mir einige Fragen. Anstatt mich dort an der Kommentarspalte zu beteiligen (in der quasi nur „Endlich sagt’s einer, wie es ist!“ und „Der hat doch keine Ahnung!“ steht), hoffe ich Sie auf diesem Weg direkt zu erreichen und vielleicht sogar eine Antwort zu bekommen.
    Stutzig gemacht hat mich zu Beginn die Anekdote über die Prognose des Meeresspiegelanstiegs (von 3m auf 60cm schien mir extrem). Da Sie in Ihrem Beitrag von Tatsachen und Wirklichkeit schreiben, war ich der Ansicht, bei Ihnen einen hohen Standard verlangen zu können.
    Nun lag die erste Prognose des IPCC aus dem Jahr 1990 bei etwas über +1m im Worst-Case-Szenario für das Jahr 2100 (verglichen mit 1990). In den Publikationen des PIK wurde ich auf die Schnelle gar nicht fündig, was den Anstieg des Meeresspiegels angeht.
    Also beschloss ich, auch die anderen leicht überprüfbaren Aussagen nachzuschlagen. Zwei sprangen sofort ins Auge:
    1. 44% Erneuerbare in der Stromproduktion – laut BMWi und BMU liegt der Wert bei 38% für 2018. (Fast die Hälfte! Das hört sich super an, im Gegensatz zu deutlich weniger als 20% des Gesamtenergieverbrauchs.)
    2. Ungleichheit: Auch, wenn die Werte sich tatsächlich nicht dramatisch änderten, so sind die Ungleichheitsindikatoren (Quelle: stats.oecd.org) in Deutschland doch alle gestiegen in den letzten 15 Jahren. Auch hier wieder: (Einkommens-)Gini von 0,5 hört sich nicht schlecht an, viel besser als ein (Vermögens-)Gini von 0,8 (2007).

    Stelle ich zu hohe Ansprüche? Oder ist das von mir alles nur Haarspalterei? Über eine Antwort würde ich mich freuen.
    Paul

    • Hallo Paul,
      vielen Dank für Ihre ausführliche und sachkundige Kommentierung meines Artikels. Ihre Ansprüche sind keinesfalls zu hoch. Sie decken sich mit den meinigen. Ich kann nur dann seriös gegen Botschaften argumentieren, die halbgare Wahrheiten verkünden, wenn ich mich selbst an die Fakten halte. Die meisten Fakten beziehe ich aus dem Wirtschaftsteil der F.A.Z. Natürlich können auch dieser seriösen Zeitung Fehler unterlaufen. In der ersten Fassung meines Artikels nannte ich tatsächlich den Wert von 38 Prozent an Stromerzeugung aus regenerativen Quellen. Dann las ich in der F.A.Z. die Prognose, dass der Wert in diesem Jahr auf 44 Prozent steigen würde. Diese Zahl habe ich dann übernommen. Sie wird bei dem gegenwärtigen Ausbautempo über kurz oder lang erreicht werden.
      Die 3 m Anstieg des Meeresspiegels stammen nicht aus dem Zahlenwerk des IPCC, sondern aus einer Verlautbarung des Insituts für Klimafolgenforschung in Potsdam aus dem Jahre 2010. Das weiß ich deshalb noch sehr genau, weil ich damals mit Gymnasiasten ein Projekt zum Klimawandel durchgeführt habe. Die Schüler sind auf diese Zahl gestoßen, als sie die Homepage des Instituts aufgesucht hatten. Die Potsdamer sind ja auch für ihren Alarmismus bekannt. Die Zahlen zum Gini-Index habe ich von der Inititative Soziale Marktwirtschaft. Natürlich muss man sich als Autor ein Stück weit auf Zahlen verlassen, die von Instituten und Zeitungen veröffentlicht werden. Ganz sicher kann man dabei nie sein. Der Gini-Index zur Vermögensverteilung in Deutschland fällt natürlich negativer aus, wie Sie richtig anmerken. Dieser Index ist allerdings im Alltag der Menschen weniger wichtig als der Einkommensfaktor.
      Herzliche Grüße
      Rainer Werner

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