Jugend muss forschen

Veröffentlicht in der WELT vom 04. Juni 2019

Bei den Patenten liegt Deutschland abgeschlagen hinter den USA und China. Unsere Schulen sollten sich mehr um Hochbegabte kümmern, damit sie die Erfindungen von morgen machen – und unseren Wohlstand sichern.

Beim PISA-Test 2015 befanden sich unter den 12 Ländern, die die Leistungstabelle anführten, acht  asiatische Länder. Seit Einführung dieses Ländervergleichstests  haben sie sich kontinuierlich  an die Spitze vorgearbeitet. Deutschland rangierte 2015 nur  auf dem 16. Platz von 70 teilnehmenden Ländern. Seit 2012 ist  beim PISA-Test im Fach Mathematik  der Anteil der besonders leistungsstarken deutschen  Schüler, die die höchste  Kompetenzstufe 6 erreichen,   von 18% auf 13% zurückgegangen, während er im OECD-Durchschnitt nur um 2% gesunken ist. Auch in Kompetenzstufe 5 ist ein Rückgang zu verzeichnen.  Im Jahr  2017 hat China 1.306.000 internationale Patente angemeldet, die USA 526.000. Deutschland ist mit 176.000 Patenten weit zurückgefallen. Unter den 20 führenden  Hightech-Unternehmen der Welt gibt es  mit  SAP  nur eine einzige deutsche Firma.

Was kann man aus diesen  Befunden ablesen?  Deutschland ist als rohstoffarmes Land besonders auf technische Erfindungen angewiesen, die in der Industrie zu käuflichen Produkten verarbeitet  werden. Auf dem Export hochwertiger Maschinen, Autos  und  chemischer Produkte basierte in den letzten Dekaden unser Wohlstand. Wenn uns andere Länder, vor allem China, in den technologischen Zukunftsfeldern  Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, Quantencomputer und E-Mobilität  den Rang ablaufen, wird Deutschland in die zweite Liga der Industriestaaten absteigen.  Technische Erfindungen werden von jungen Menschen mit herausragenden Begabungen gemacht.  Ihre intellektuelle  Potenz sollte  schon früh in der Schule erkannt und gefördert werden. Anscheinend gelingt es der  Schule immer weniger, die überragenden Lerner  so zu fördern, dass aus ihnen Forscher, Tüftler und Produktentwickler werden. Vor allem das Gymnasium, das früher  „Kaderschmiede“ für Spitzenschüler gewesen ist, wird dieser Rolle immer weniger gerecht. Seit in den meisten Bundesländern beim Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium nur noch der Elternwille zählt, sind die Eingangsklassen so heterogen geworden, dass die nötige Differenzierung des Unterrichts  zu Lasten des Leistungsprinzips geht. Wie man aus Unterrichtsbeobachtungen weiß, konzentrieren sich die Lernangebote der  Lehrkräfte in heterogenen Lerngruppen vornehmlich auf die mittlere Leistungsgruppe, die die Mehrheit bildet. Leistungsschwache Schüler erhalten dann nicht die Förderung, die sie bräuchten, um zur Mittelgruppe aufzuschließen. Leistungsstarke Schüler bekommen nicht das geistige Futter, das ihre überragenden Geistesgaben benötigen. Zur Schwächung des Gymnasiums hat sicher auch beigetragen, dass heute über 40 Prozent eines Schülerjahrgangs diese früher sehr anspruchsvolle Schulform besuchen. Da sich Intelligenz nicht beliebig vermehren lässt,  müssen  Abstriche bei den Leistungsanforderungen gemacht werden, was  man an  den immer besser werdenden Abiturnoten bei  gleichbleibend hoher Zahl an Studienabbrechern  ablesen kann.

Es lohnt sich, die Gruppe der hochbegabten Schüler genauer in Augenschein zu nehmen. Dazu ist ein kleiner Exkurs in die Intelligenz-Forschung vonnöten. Intelligenz ist ein von Psychologen   geprägter Begriff. Er dient dazu, die kognitiven Fähigkeiten von Menschen zu messen. Das Denkvermögen von Menschen ist nicht direkt beobachtbar, wie z.B.  Größe oder  Gewicht. Sie erschließt sich nur indirekt, indem man die Menschen kognitive Tests  machen lässt und die Ergebnisse in eine mathematische Skala einträgt. Solche Intelligenztests haben ergeben, dass sich die Intelligenzquotienten in der Bevölkerung „normal“ verteilen. Sie lassen sich in der bekannten Glockenkurve, die der Mathematiker C. F. Gauß entdeckt hat, abbilden. Demnach besitzen 60 Prozent der Bevölkerung einen mittleren Intelligenzquotienten zwischen 85 und 115. Nur 2 Prozent liegen mit ihrem Intelligenzquotienten unter 70. Aber 2 Prozent haben einen extrem hohen Intelligenzquotienten von über 130. Bei diesen Personen spricht man von Hochbegabung. Wenn man diese 2 Prozent auf die gegenwärtige Schülerpopulation hochrechnet, kommt man auf die Zahl von 167.000 hochbegabten Schülern. Dies entspricht immerhin der Einwohnerzahl der Stadt Wiesbaden.

Bildungsexperten gehen davon aus, dass es auf jeder Schulform solche  außergewöhnlich begabten  Schüler gibt. Oft kann man sie auf Anhieb nicht als solche erkennen. In ihrem Verhalten und ihren Vorlieben sind sie  ihren Mitschülern nämlich ähnlicher, als frühere Studien vermuten ließen. Die Längsschnittstudie des Marburger Hochbegabtenprojekts von Professor Detlef Rost hat ergeben, dass es unter den hochbegabten  Schülern solche mit herausragenden schulischen Leistungen, aber auch solche mit schlechten Schulnoten – sogenannte „Minderleister“ – gibt. Die schlechten schulischen Leistungen resultieren oft daraus, dass die Pädagogen die besondere Begabung dieser Kinder nicht erkennen, ihr Verhalten im Unterricht mitunter sogar als „störend“ missverstehen. Wenn diese Schüler weiterführende Fragen stellen, werden sie manchmal mit dem Satz abgespeist: „Das gehört jetzt nicht hierher.“ Irgendwann geben diese Schüler dann das Fragen auf.  Inzwischen gibt es Ratgeber für Lehrkräfte, wie sie Hochbegabte besser erkennen können: Sie verfügen  über ein hohes Detailwissen, artikulieren sich in  flüssiger  Sprache,  glänzen mit einem reichen Wortschatz, empfinden Langeweile bei der Erledigung von Routineaufgaben, setzen sich selbst  hohe Ziele und brillieren mit  originellen Ideen.

Die „Rost-Studie“ hat auch untersucht, welche Faktoren die positive Entwicklung Hochbegabter erleichtern. Dies sind eine auf Förderung und Ermutigung angelegte Umgebung des Kindes in den ersten Lebensjahren, eine früh beginnende gezielte fachliche Förderung, geeignete Rollenvorbilder, z.B. durch  Eltern oder Geschwister, und eine positive Bestätigung auch bei schwierigem oder  schwer verständlichem Verhalten. Warum sollte man  diese hochbegabten Schüler  auch in der Schule fördern? Zeigen nicht die Erfahrungen, dass sie ihre schulische Laufbahn auch ohne besondere Unterstützung meistern? Die Förderung der Anlagen dieser Kinder ist ein Gebot der Menschlichkeit. Jede Begabung verdient es, dass man sie gebührend entwickelt, indem man stimulierend und herausfordernd auf das Kind einwirkt. Die Anlagen hochbegabter Schüler entwickeln sich nämlich  keinesfalls von allein. Bei Musikern hat man beobachtet, dass aus einem „Wunderkind“ nur dann ein Spitzengeiger oder ein Spitzenpianist geworden ist, wenn das Kind unter professioneller Anleitung einen beharrlichen Übungsfleiß – bei  Geigenvirtuosen  bis zu  10.000 Übungsstunden – an den Tag gelegt hat. Lehrkräften sind Spitzenbegabungen unter den Schülern oft lästig. Sie wissen nicht richtig mit ihnen umzugehen, da die Geistesblitze der Schüler-Genies  die fein ziselierte Unterrichtsplanung allzu oft durcheinanderbringen, weil sich ihr wacher Geist  nicht an die didaktische Planung des Lehrers hält. Im Korsett des normalen Unterrichts lassen sich die Gaben dieser Schüler  oft  nicht adäquat entfalten. Manche Gymnasien gehen deshalb  dazu über, hochbegabte Schüler stunden- oder tageweise aus dem regulären Unterricht zu befreien und ihnen  anspruchsvolle Aufgaben zu stellen, die sie selbstständig lösen sollen. Außerschulische Lernorte wie wissenschaftliche Institute oder Museen sind dafür  besonders gut geeignet. In Berlin gibt es die „Junior Akademie  Humboldt auf Scharfenberg“, die sich der  Förderung besonders begabter und leistungsbereiter Berliner  Schüler der Sekundarstufe I  verschrieben hat. Während der Sommerferien wohnen die  Schüler  in den verwaisten Internatszimmern.  Tagsüber  widmen sie  sich  anspruchsvollen Lernaufgaben, bei denen sie unter Anleitung von Lehrkräften selbstständig  experimentieren können. Die meisten Universitäten bieten inzwischen ein „Juniorstudium“ an, das Gymnasiasten neben ihrer schulischen Ausbildung besuchen können. Die Scheine, die sie hier erwerben, werden auf ihr späteres Studium angerechnet.  Die Erfahrungen mit dem vorgezogenen Studium zeigen, dass die teilnehmenden Schüler den Anforderungen des Studiums voll genügen, dass sie teilweise die „regulären“ Studenten leistungsmäßig überragen.

Unsere  Gesellschaft kommt nicht umhin,  den  Zielkonflikt zu lösen, in dem unsere Schulen stehen: Soll weiterhin das Bestreben nach mehr Gleichheit das Zepter führen oder soll  dem Leistungsprinzip wieder  mehr Gewicht beigemessen  werden? Beides ist offenbar nicht gleichzeitig zu haben, weil die Stärkung des einen – die Gleichbehandlung aller Schüler – das andere  – die optimale Förderung hochbegabter Schüler – beeinträchtigt.  Es ist an der Zeit, sich zu dem bislang unpopulären Gedanken durchzuringen,  Ungleiches   auch ungleich zu behandeln.

 

 

 

 

 

Werbeanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Hochbegabte, Leistungsbereitschaft, Schülerleistungen, Stärkung des Gymnasiums

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s