Ost oder West? In der Schule ist das völig egal!

Immer wieder – vornehmlich vor Wahlen – kommt im politischen Diskurs  eine Frage auf, die   man längst für erledigt hielt: Wie geht es der  ostdeutschen Seele? Die guten Wahlergebnisse  für die AfD in den östlichen Bundesländern haben auch  Psychologen auf den Plan gerufen. Sie verweisen auf die langen Prägungen der Menschen  in der  Diktatur – mal braun, mal rot – , was das Hineinfinden in eine  demokratische politische Kultur erschwere. Vor allem die SPD macht sich  Gedanken, wie sie die Ostdeutschen mit den Folgen der Wiedervereinigung versöhnen kann. Dass ihr dabei vor allem finanzielle Zuwendungen einfallen, ist nicht weiter verwunderlich. Dass sie auch eine „Aufarbeitungskommission“ einsetzten will, die die Fehler im Prozess der Wiedervereinigung herausfinden soll, ist dann  doch befremdlich. Warum dieser Blick zurück?  Im Traditionslied der SPD  heißt der Refrain „Mit uns zieht die neue Zeit“. Wäre es nicht besser, sich auf Zukunftsaufgaben  zu konzentrieren? Seit der Wiedervereinigung sind 29 Jahre vergangen. In unseren Schulen sitzen Kinder,  bei deren  Geburt die Wiedervereinigung schon 15 Jahre alt war. Was sie von der DDR wissen, stammt  nur noch von den Erzählungen ihrer Eltern und  Verwandten. Die heutige Jugend will  vor allem  wissen, wie es um ihre Zukunft bestellt ist.

In einem Bereich unserer Gesellschaft  ist der Gegensatz zwischen Ost und West kein Thema mehr: in der Schule. Als ich 1999 von einem Westberliner Gymnasium an ein Gymnasium im Osten der Stadt  wechselte, war der „Aufbau Ost“ in der Schule schon weitgehend abgeschlossen. Die „Entwicklungshilfe“ war notwendig gewesen, um die ostdeutsche Schule mit dem  demokratischen Schulsystem der BRD  vertraut zu machen. Vor allem die gesellschaftswissenschaftlichen Fachbereiche – Geschichte, Politische Weltkunde, Sozialkunde – profitierten von erfahrenen West-Lehrern. Es galt, das marxistisch-leninistische Weltbild durch eine demokratische Sicht auf Geschichte und Gesellschaft zu ersetzen. Auch in den Sprachen Englisch, Französisch und Spanisch waren Lehrer aus dem Westen hilfreich, weil in den Schulen der DDR diese Sprachen hinter der ersten Fremdsprache Russisch ein Nieschendasein geführt hatten. In den Naturwissenschaften war Entwicklungshilfe nicht nötig. Alle Fächer waren auf dem neuesten Stand der Wissenschaft. Als ich an dieser ehemaligen Ost-Schule  das Lehrerzimmer betrat und den Gesprächen lauschte, konnte ich nicht mehr  erkennen, wer eine Ost- und wer eine West-Biografie hatte. Manchmal vertat ich mich in meiner Prognose. Eine forsche junge Frau, modisch gekleidet und lebendig  parlierend stufte ich auf den ersten Blick als „Westprodukt“ ein, bis sie mir sagte, dass sie aus Weimar stamme. Der Schulleiter war ein Kollege aus West-Berlin, der zur Unterstützung des Kollegiums abgeordnet worden war. Er hatte die Wahl im Kollegium mit einer Stimme Vorspruch gegen einen Ost-Bewerber gewonnen. Nach meiner Pensionierung erlebte ich als Vertretungslehrer acht Gymnasien, darunter auch solche, die im ehemaligen Ost-Berlin beheimatet sind. An keiner dieser Schulen spielte die  Herkunft der Lehrkräfte noch eine  Rolle, ja, es wäre 20 Jahre nach der Wiedervereinigung  absurd gewesen, überhaupt danach zu fragen.

In der Schule gilt nur das Leistungsprinzip. Wenn ein Lehrer vor einer Klasse steht, muss er „funktionieren“. Er muss seinen Stoff beherrschen, muss adäquate Lernmethoden einsetzen und vor allem in der Lage sein, mit den Schülern vernünftig zu kommunizieren. Wichtig ist die Persönlichkeit einer Lehrkraft, ihre Ausstrahlung und  das Vermögen, die komplizierten  Binnenverhältnisse einer Schulklasse zu erkennen. Dazu benötigt ein Lehrer Einfühlungsvermögen und Empathie. Diese Fähigkeiten sind mit der Persönlichkeit verbunden und können in der pädagogischen  Ausbildung nur begrenzt  erworben  werden. Man kann getrost davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Lehrer diese Fähigkeiten besitzen, in jeder Himmelsrichtung unseres Landes gleich hoch ist. Die statistische Normalverteilung von Humankapital funktioniert unabhängig von Geografie und  Gesellschaftssystem.

Ich habe erlebt, dass sich auf die wenigen Funktionsstellen, die es in einem Gymnasium gibt (es sind knapp 20 Stellen), Bewerber mit Ost- und Westbiografie gleichermaßen beworben haben. Wer sich die Funktion zutraut, kann sich dem Wettbewerb stellen. Im Auswahlverfahren setzt sich der beste Bewerber durch. Quoten für die Privilegierung einzelner Gruppen – etwa Frauen, Pädagogen mit Migrationshintergrund oder Ost-Biografie – wären völlig kontraproduktiv, weil sie dem Eignungsprinzip widersprächen. Schule ist ein so anspruchsvoller Tätigkeitsbereich, dass nur die Besten-Auslese im Kollegium die Qualität der Einrichtung sichern kann.

Politische Kräfte, die einer unreflektierten oder wohl  kalkulierten Ostalgie anhängen, gehen seit Jahren  mit der Behauptung hausieren,  die Westdeutschen hätten keinen „Respekt vor der Lebensleistung“ der Ostdeutschen. Oft dient dieser  Topos dazu,  gegen die Entlassung von ehemaligen SED-Funktionären aus staatlichen Funktionen zu protestieren. Gregor Gysi  tingelte mit dieser Legende  durch die Talkshows und erreichte, dass sie sich im Bewusstsein vieler Menschen festsetzte. Wahrer wird sie durch  ständige Wiederholung  nicht. Kein Westdeutscher  hat den Ostdeutschen jemals ihre persönliche Lebensleistung abgesprochen. Allerdings muss man genau hinschauen, was sich hinter einer „Lebensleistung“ verbirgt. Einer Staatsbürgerkunde-Lehrerin der DDR, die unbotmäßige  Schüler an die Stasi verriet, kann man  beim besten Willen keine  positive Lebensleistung zubilligen. Einem Dozenten, der an der Parteihochschule Karl Marx die Studenten in Marxismus-Leninismus  indoktrinierte, kann man keine  ehrenwerte Tätigkeit attestieren. Eine Lebensleistung braucht keine großartigen Resultate zu zeitigen. Dies war  auch im Westen nur den wenigsten  Menschen vergönnt.  An exponierter Stelle  an der Unterdrückung der Bürger  mitgewirkt zu haben, sollte aber doch Anlass sein, diesen  Menschen in der Demokratie eine Besinnungszeit zu gönnen, bevor sie sich wieder für  herausgehobene Stellungen bewerben;  zumal bei den ehemaligen Nutznießern  des Systems von Reue und Selbstkritik bis heute wenig zu spüren ist.

Eine gern erzählte Legende  ist die Behauptung  vom „marktradikalen Umbruch“, der  nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern  stattgefunden habe.  Von   einer Form von  Kolonisierung ist  gar die Rede. Diese  Geschichtsklitterung dient dazu, das ökonomische  Versagen der DDR-Führung zu kaschieren, die die Wirtschaft der DDR systematisch ruiniert hat. Zum Glück können die Akten der Treuhandanstalt inzwischen von Wissenschaftlern und Journalisten  eingesehen werden. Deren  Analyse wird zeigen, dass die meisten der an private Unternehmen verkauften DDR-Betriebe marode und veraltet waren. Oft waren sie nur noch einen symbolischen  Euro wert, weil die Entsorgung der  Altlasten (Schweröle, Gifte), die auf dem Areal lasteten, teurer war als der Zeitwert der Firmen. Die Betriebe wurden nicht von der Treuhand heruntergewirtschaftet, sondern von der DDR-Staatsführung. Dass heute alle DAX-Konzerne ihren Sitz in Westdeutschland haben, hat die DDR zu verantworten, die private Unternehmer enteignete und durch ihre Einschnürungspolitik (Berlin-Blockade, Ulbricht-Ultimatum, Mauer-Bau) sogar aus dem freien West-Berlin vertrieb. Dass die DDR-Bürger kein vergleichbares Vermögen  wie die Westdeutschen aufbauen konnten, lag am Sozialismus der DDD und nicht an der mangelnden Umverteilung nach der Wiedervereinigung. Die Mittel, die vom Westen in den Osten flossen, haben inzwischen die 2-Billionen-Grenze überschritten. Den Erfolg kann man  an den „blühenden Landschaften“  in  weiten Teilen Ostdeutschlands  sehen.

Der letzte Präsident der Volkskammer der DDR,  Richard Schröder (SPD),  beklagt  die Larmoyanz vieler Ostdeutscher, die aus dem  lebensfrohen Motto „Wer wagt, gewinnt“ das missgelaunte  „Wer klagt, gewinnt“ gemacht  hätten. Die DDR-Bürger seien  – so Schröder –  deshalb nicht stolz auf das nach der Wende Erreichte, weil ihnen in 45 Jahren SED-Herrschaft  Selbstbewusstsein und Selbstachtung systematisch ausgetrieben worden seien. Wer so lange Zeit unmündig gehalten wird, könne  den Stolz selbstbewusster Bürger kaum entwickeln. Der vom  DDR-Volksmund geprägte  Slogan  für die DDR:  „Der dumme Rest“ wirke bis heute nach.

Die Schule in den neuen Bundesländern hat das Wünschenswerte geschafft: Hier  spielt es bei den Lehrkräften  keine Rolle mehr, wo jemand geboren ist. Es zählt  nur die Leistung. Schön, wenn es in allen Lebensbereichen so wäre.

 

 

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