Armut und Bildung

Erschienen in DIE WELT vom 7. März 2019

Wie kommt es, dass trotz einer boomenden Wirtschaft und Hunderttausender offener Stellen die Zahl der Abgehängten nicht sinkt? Viele Sozialpolitiker wollen das Problem durch höhere Sozialtransfers an bedürftige Familien lösen. Ein Fehler.

Deutschland hat in den letzten zehn Jahren einen beispiellosen Wirtschaftsboom erlebt. Seit dem Einbruch im Krisenjahr 2009 wächst das Bruttoinlandsprodukt stetig. Die Zahl der Beschäftigten ist auf  45 Millionen Menschen gestiegen, während die Arbeitslosenzahl auf 2,4 Millionen zurückging. Das entspricht einer Quote von 5,3  Prozent. Diese gute Bilanz wird  durch eine traurige Zahl getrübt: Der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen  ist seit 2010 annähernd konstant. Im Jahr 2018  betrug  er 34,8 Prozent.  Wie kommt es, dass trotz einer boomenden Wirtschaft und 758.000 offener  Stellen die Zahl der Abgehängten  nicht abnimmt? Lässt man Ursachen wie Krankheit oder Drogensucht beiseite, ist nicht von der Hand zu weisen, dass es sich bei den Arbeitslosen um Menschen mit niedrigen  Qualifikationen  handelt. Die meisten von ihnen haben keinen Schulabschluss und deshalb auch keinen erlernten Beruf. Man kann auch vermuten, dass sich von den 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in unserem Land  eine gehörige Anzahl unter diesen Dauerarbeitslosen findet.

Das Schlimme ist, dass sich  dieses prekäre Reservoir stetig wieder auffüllt.  Jedes Jahr verlassen knapp  50.000 Schüler die Schule  ohne  Abschluss. Die meisten davon bekommen keine Lehrstelle, weil sich auf den meisten Berufsfeldern die Ansprüche an die Qualifikation der Bewerber deutlich erhöht haben. Im April 2018  hat das „Bundesinstitut für Berufsbildung“ (BIBB) alarmierende Zahlen veröffentlicht. Demnach brachen im Jahr 2016 25,8 Prozent der Auszubildenden ihre Lehre ab. Dabei bilden Schüler ohne Abschluss oder  mit Hauptschulabschluss („Berufsbildungsreife“) mit 38 Prozent die größte Gruppe. Jugendliche ausländischer Herkunft sind  mit 34 Prozent  unter den  Abbrechern überproportional vertreten. Viele dieser Jugendlichen werden letztlich in der Grundsicherung  landen. Das Reservoir der Langzeitarbeitslosen, die nicht oder nur schwer in Arbeit vermittelbar sind, bekommt also stetigen Zustrom. Kinder wachsen mit ihren Eltern in das Transfersystem hinein.  Kann man dieses Problem mit immer höheren Transferleistungen für die Eltern  lösen, wie Politiker glauben, denen die Verteilungsgerechtigkeit am Herzen liegt? Sollte man nicht vielmehr  die Kinder befähigen,  aus dem Teufelskreis aus niedriger Bildung – Arbeitslosigkeit – Hartz IV dauerhaft auszubrechen?

Wollte man dem Problem der Langzeitarbeitslosigkeit wirklich zu Leibe rücken, müsste man  früh ansetzten: in  Kita und  Vorschule. Es darf einfach nicht sein, dass  die Zahl der Schulversager seit Jahren auf hohem Niveau stagniert.  Am Beispiel Berlins kann man exemplarisch zeigen, dass nur ein energisches Umsteuern in der Bildungspolitik Jugendliche ertüchtigen könnte, der Armutsfalle zu entgehen.  Berlin belegt seit Jahren im Ranking der Bundesländer bei der Schulqualität den letzten Platz. Jeder 10. Schüler verlässt in Berlin die Schule ohne Abschluss und  wird  in eine prekäre Zukunft entlassen.  Viele von ihnen werden sich durch Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Einige werden auch in die Delinquenz abrutschen, weil  sie es nicht ertragen können,  beim Lebensstandard  zu den Verlierern zu gehören.

Wenn man die Schulqualität einer Stadt beurteilt, muss man natürlich  die sozialen Gegebenheiten mit in  Betracht  ziehen. Dabei  kommt man um eine triste Einsicht nicht herum: In Berlin leben  sehr viele Familien, auf die der  Euphemismus „bildungsfern“ zutrifft. In Berlin gibt es aktuell 155.838 Arbeitslose (8,1 Prozent). Der Anteil von Hartz IV-Empfängern an der Erwerbsbevölkerung beträgt  17,8  Prozent und wird nur von Gelsenkirchen (24,9) und Bremerhaven (23,0) übertroffen.  Dazu kommt, dass es in den Stadtteilen Wedding und  Neukölln ganze Stadtquartiere gibt, in denen  Deutsch nicht mehr die unangefochtene Verkehrssprache ist.  Auch in den Schulen dieser Kieze  dominiert das Türkische und  Arabische. Nur der  Unterricht wird auf Deutsch erteilt. In diesen Schulen sitzen Kinder, die zwei Sprachen unvollkommen  beherrschen: ihre Muttersprache und die Schulsprache. Alle Experten sind sich einig, dass der Schlüssel für erfolgreiches Lernen das  Beherrschen der deutschen Sprache ist. Hier muss  jede Förderung ansetzen.

Berlin hat im Schuljahr 2005/2006 die vorschulische Bildung von vier- und fünfjährigen Kindern an den Grundschulen abgeschafft und sie in die Kitas verlagert. Um zu verhindern, dass Kinder ohne Deutschkenntnisse eingeschult werden, wurde für  solche Kinder eine 18-monatige Kita-Pflicht eingeführt. Grundlage für die Verpflichtung ist die Sprachstanderhebung, die 15 Monate vor der  Einschulung  in der Kita durchgeführt wird. Das Problem bilden  jedoch die Kinder, die von ihren Eltern gar  nicht in die Kita geschickt werden. Von den 2.000 Familien, die deshalb im Frühjahr 2018 von der Verwaltung  angeschrieben wurden, haben nur 650 ihre Kinder zum verpflichtenden Sprachtest geschickt. Und von den 470 Kindern, die den Test nicht bestanden, wurden  trotzdem nur 50 in einer Kita angemeldet. Die restlichen 1.350 Kinder, bei denen man ebenfalls einen dringenden Förderbedarf vermuten darf, sind durch die Lappen gegangen. Diese Zahlen zeigen, dass sich die Bildungsverwaltung in Berlin gerade in diesem elementaren Bereich kompensatorischer Förderung als zahnloser Tiger erweist. Was nützt eine Kita-Pflicht für Kinder mit festgestelltem Förderbedarf, wenn sie nicht durchgesetzt wird!  In den Niederlanden  kann  Familien, die ihre Kinder der Kita- oder Schulpflicht entziehen, die Sozialhilfe gekürzt werden. Dort ist man der Meinung, dass man sich an den Kindern versündigt und zudem  der Gesellschaft  schadet, wenn man Kinder sehenden Auges  in die Verwahrlosung abdriften lässt.

Die Grundschule ist per se eine Gemeinschaftsschule. Hier treffen Kinder unterschiedlichster Herkunft, Begabung und Lernmotivation aufeinander. Alle sollen ans gleiche Ziel geführt werden: Sie sollen den  Übergang auf die weiterführende Schule mit möglichst guten Fertigkeiten in den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen schaffen.  Wie Grundschullehrer berichten, ist in vielen Berliner Grundschulklassen  die Kluft bei den Lernvoraussetzungen der Kinder gewaltig. Sie reicht vom Professorenkind, das schon lesen und schreiben kann, bis zum Kind aus einer arabischen Familie, das nur gebrochen Deutsch spricht. Diese Kluft  im Unterricht zu überbrücken, ist eine schier unlösbare Aufgabe.  Oft fallen in stark heterogenen Lerngruppen die Schwachen noch weiter  zurück, weil die Lehrkraft  nicht die Zeit hat, sie individuell  zu fördern. Die schnellen Lerner langweilen sich, wenn sie nicht genügend „geistiges Futter“ bekommen. Bei solchen Divergenzen hilft nur die Differenzierung des Lernprozesses. Die moderne Methode des selbstgesteuerten Lernens, bei der jeder Schüler ein auf sein Lernniveau zugeschnittenes Pensum  eigenständig  abarbeitet, ist dabei der falsche Weg. Lernschwachen  Schülern hilft vor allem, wenn sie die Lehrkraft bei der Hand nimmt und  den Stoff Schritt für Schritt erklärt.  Auch Zeit für beharrliches Üben muss eingeplant werden. Deshalb müssen Grundschulen  personell so  ausgestattet sein, dass in den wichtigen Fächern  Deutsch und Mathematik ein leistungsdifferenzierter Unterricht  angeboten  werden kann. Bei  der Deutsch-Förderung hat die Berliner Schulbehörde  endlich reagiert. Ab dem nächsten  Schuljahr sollen die Grundschüler eine Stunde mehr Deutsch lernen, dreimal in der Woche soll ein 15-minütiges Lesetraining und täglich ein kurzes „Schreibflüssigkeitstraining“ stattfinden.  Diese Maßnahmen folgen der Einsicht, dass  Schüler nur dann  in allen Fächern erfolgreich lernen können, wenn sie die  elementare Kulturtechnik des Lesens und Schreibens beherrschen.

Seit 2016 gibt es das „Präventionsgesetz“, das die Sozialversicherungsträger verpflichtet, Gesundheitsvorsorge zu betreiben. Wann kommt das Präventionsgesetz für die Elementarbildung unserer Kinder, das Kitas und Grundschulen so mit Ressourcen ausstattet, dass sie das Motto  einlösen können: Wir lassen kein Kind zurück! Dazu müssen die Einrichtungen, die am Anfang der Bildungsleiter unserer Kinder stehen,   bereit sein, von den erfolgreichen Bundesländern zu lernen. In den Ländern, die die umstrittene Methode „Schreiben nach Gehör“ abgeschafft  haben, erzielen  die Schüler deutlich  bessere Ergebnisse.

 

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Armut und Bildung, Der richtige Umgang mit den Eltern, Der richtige Umgang mit Schülern, Grundschule, Migrantenkinder in der Schule, Ricchtiger Umgang mit der Sprache, Sozialer Aufstieg durch Bildung, Unterrichtsmethoden, Verantwortung der Eltern

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