Greta-Hype in Deutschland

Sympathisch ist der Klimaprotest deutscher Schüler durchaus. Mehr könnten sie erreichen, wenn sie in der Schule um Zustimmung ringen würden. Die schweigende Mehrheit muss auch dort überzeugt werden.

 Es gehört zum Privileg der Jugend, über die Stränge zu schlagen und zu rebellieren. Einen Fürsprecher hätte  sie  in  Johann Wolfgang von Goethe, der in seiner Jugend selbst ein Rebell war: „Lasst mir die jungen Leute nur  /  und ergetzt euch an ihren Gaben! / Es will doch Großmama Natur / manchmal einen närrischen Einfall haben.“ – Zur Zeit kann man wieder eine kleine Jugendrevolte erleben: die Bewegung „Schulstreik fürs Klima“, die in vielen Ländern unter dem Namen „Fridays for Future“  auftritt. Jeden Freitag schwänzen bei uns einige tausend Schüler die Schule und versammeln sich auf öffentlichen Plätzen, um ihrer  Forderung  nach  effektivem  Klimaschutz Nachdruck  zu verleihen. 

Schülerstreiks hat es schon häufiger gegeben. Anlass war zumeist die „Bildungsmisere“, also Lehrermangel und marode Schulgebäude. Neu ist, dass sich der aktuelle  Schülerprotest einem  weltumspannenden  Thema verschreibt: dem Kampf gegen die  Klimaerwärmung.  Die 15-jährige  schwedische Aktivistin Greta Thunberg steht paradigmatisch für das bedingungslose Verfechten eines politischen Ziels. In den sozialen Medien wird sie als Heilsbringerin gefeiert, die  für Eindeutigkeit und Kompromisslosigkeit steht. Sie hat es sogar auf das Weltwirtschaftsforum in Davos geschafft.  Bei den „Fridays for Future“-Demonstrationen, die  in Deutschland in über 30 Städten stattfinden,  findet sie unter den Schülern beredte Nachahmer. Junge Gymnasiastinnen sprechen dann solche Sätze in die TV-Kameras: „Ich bin hier, damit auch meine Kinder später einmal Schnee sehen“. Als Politiklehrer bin ich über das geringe fachliche Niveau der Losungen dann  doch eher ernüchtert.

In Deutschland herrscht Schulpflicht. Sie ist eine der größten Errungenschaften der Neuzeit, weil sie die Kinder aus der bäuerlichen und industriellen Arbeitswelt, in der  sie bis ins 18. Jahrhundert  als rechtlose  Arbeitssklaven gehalten wurden, befreit hat.  Bildung hat ihnen sozialen Aufstieg und ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Schulpflicht ist also – historisch gesehen –  keine  Last, sondern ein großes Privileg, das in den armen Ländern unserer Welt noch keinesfalls allen Kindern zugutekommt. Wenn in einem reichen Land wie dem unsrigen   Schüler ihre eigene Ausbildung bestreiken, hat dies deshalb einen  luxuriösen Anstrich. Auch der Begriff „Streik“ ist irreführend.  Im  Streik versuchen die Arbeitnehmer, größtmöglichen Druck auf die Arbeitgeber auszuüben, um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen. Ziel des Streiks ist es, durch den Stillstand der Produktion materielle Schäden hervorzurufen, die den Arbeitgeber schließlich zum Einlenken zwingen. Wenn Schüler streiken, bestreiken sie letztlich sich selbst, indem sie auf das Bildungsangebot verzichten. Der Schule und der Schulbehörde entsteht keinerlei Schaden. Ein Schülerstreik, an dem sich nur eine Minderheit beteiligt, ist gegenüber den Mitschülern unsolidarisch. Sie werden moralisch  ins Unrecht gesetzt, weil der Streik der „Wissenden“ suggeriert,  ihre die Schulbank drückenden Kameraden  stünden der  drohenden  Klimakatastrophe gleichgültig gegenüber. Eine solche Unterstellung ist  anmaßend, weil es ja  sein kann, dass die Mehrheit der Schüler das Anliegen teilt und nur den von der Minderheit eingeschlagenen Weg für schädlich hält, weil er  die Vorurteile in der Bevölkerung von den „faulen Schülern und Studenten“ bekräftigt.

Die meisten Schulbehörden haben angekündigt, die durch die Streiks entstandenen Fehlzeiten als „unentschuldigt“ zu werten. Dies ist eine Selbstverständlichkeit. Täten sie dies nicht, legitimierten sie das unentschuldigte Fehlen aus allen denkbaren privaten  Gründen: Alexander  muss  am Wochenende  zum Fußballturnier, also nimmt er sich schon am Freitag  „frei“. Der politische Protest  während der Schulzeit  sollte nicht das Siegel „wertvoll“ bekommen, das ihn über private  Gründe für das  Schulschwänzen  erhebt. Pädagogisches Handeln ist in hohem Maße der Gleichheit verpflichtet. In allen Schulgesetzen  wird dieses Prinzip als Leitidee hervorgehoben. Bei politisch begründeten Fehlzeiten kann es deshalb  keine Ausnahmen geben. Merkwürdig finde ich,  dass unsere Justizministerin Katarina Barley die Streiks „großartig“ findet.  Sollte eine Justizministerin nicht wissen, dass das geltende Schulrecht einen Streik nicht vorsieht? Befremdlich finde ich auch  die Aussage von Eltern streikender Schüler, es  sei „ungerecht“,  die Fehlzeiten ihrer Kinder als „unentschuldigt“ zu werten. Dadurch werde ihr politisches Engagement, das ja wünschenswert sei, bestraft.  Vielleicht ist die  gut gemeinte Intervention der Eltern  gar  nicht im Sinne ihrer Kinder. Wenn man das Anliegen, das einen zum Schulstreik bewogen hat, für so dringlich hält, dass man die Spielregeln bricht, gehört es wohl dazu, dass man die Konsequenzen seines Handelns trägt. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, der wir viele  spontane Protestformen (Go-in, Sit-in) verdanken, fühlte sich gerade dadurch geadelt, dass ihre Protagonisten  erhobenen Hauptes die Konsequenzen bis hin zur Inhaftierung trugen. Diese aufrechte Haltung ist in Deutschland noch nicht angekommen.  Als sich am 22. Oktober 1983 im Bonner Hofgarten 500.000 Menschen versammelten, um gegen die Aufstellung von US-Atomraketen auf dem Boden der Bundesrepublik zu demonstrieren, waren unter den Demonstranten einige Hundert Lehrer aus West-Berlin. Sie bekamen vom Dienstherrn wegen unerlaubten Fernbleibens vom Dienst für  einen Tag Gehaltsabzug und einen schriftlichen Verweis in die Personalakte. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft klagte gegen diese „Bestrafung“, was bei Lehrern, denen die Teilnahme ein echtes Anliegen war, auf Befremden stieß. Sie fühlten ihren Protest, der ja die Regeln verletzen sollte, durch die Klage entwertet. Die streikenden Schüler gewönnen deshalb  meine Hochachtung, wenn sie die Folgen ihres Streiks – unentschuldigte Fehlzeiten, null Punkte bei Klausuren und Zeugnisvermerk – akzeptierten. Damit würden sie bezeugen, dass ihr Anliegen schwerer wiegt als eine stromlinienförmige gymnasiale Karriere. Noch mehr würden sie freilich in meiner Achtung  steigen, wenn sie den Freitag in der Schule verbrächten  und  dort – meinetwegen bundesweit am selben Tag – einen Projekttag zur Klimaproblematik durchführten. Bei Lehrern und Mitschülern rennten sie damit  offene Türen ein. Auf diese Weise ließe sich die schweigende Mehrheit unter den Schülern für das Thema sensibilisieren.

Ich habe zwei Gymnasien erlebt, die sich an dem „Model United Nations“ beteiligt haben. Die Schüler schlüpfen in die Rolle von Diplomaten der Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen. Sie vertreten die Meinung und die Interessen „ihres“ Landes und simulieren in Ausschüssen und Vollversammlungen den Diskussions- und Entscheidungsprozess der UN. Ziel ist es, einen Resolutionstext zustande zu bringen, der die Interessen aller Länder berücksichtigt. Gerade in der Klimapolitik könnten die Schüler erleben, dass die Interessen der Länder keinesfalls deckungsgleich sind, dass es also um einen Interessenausgleich gehen muss. Länder wie China, die USA  und Polen haben noch einen Anteil der Kohle an der Stromerzeugung von über 30  Prozent. Ihnen muss eine Übergangszeit gewährt werden, weil ein abrupter Strukturwandel zahlreiche Arbeitsplätze vernichten würde. Andere Länder muss man hingegen  auf die Anklagebank setzen, weil sie durch eine forcierte Entwaldung die CO2 – Emission enorm  in die Höhe treiben. So werden  in Indonesien Wälder von   684.000  ha pro Jahr vernichtet. Das Land ist inzwischen  der viertgrößte Emittent von CO2  weltweit. Bei solchen Planspielen und Politik-Simulationen lernen die Schüler mehr als im herkömmlichen Unterricht, weil sie gezwungen sind, sich auf die realen Bedingungen der betroffenen Länder einzulassen. Sie lernen, dass Politik nie nach dem Prinzip des  Alles oder Nichts funktioniert, sondern durch das Schmieden  von Kompromissen, mit denen alle leben können. Der Konsens führt meistens zum gewünschten Erfolg. Die Teilnahme an solchen Projekten würde mit Sicherheit  bewirken, dass unterkomplexe Parolen, wie man sie jetzt bei den Schülerdemonstrationen vernehmen kann („Es gibt keinen Planeten B“), der Vergangenheit angehörten.

 

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Fehlzeiten, Schulstreik

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