Frauen sind die besseren Lehrer

Veröffentlicht in der WELT vom 17. 01. 2019

 

In allen Schulformen bilden weibliche Lehrkräfte inzwischen die Mehrheit – mit steigender Tendenz. Wie kann man sich das erklären? Sie verfügen neben mehreren Kernqualifikationen über eine erzieherische Geheimwaffe.

 

Frauen, die die Lehrer werden wollten, hatten eine Frauenquote noch   nie nötig. Vor kurzem  eroberten sie  aus eigener Leistung die letzte Männerbastion, das Gymnasium. Auch dort bilden sie inzwischen in den Lehrerkollegien die Mehrheit, wie das schon in den anderen Schulformen seit längerem der Fall ist. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts sprechen für sich: Fast drei Viertel der der deutschen Lehrer (72 Prozent) im Schuljahr 2014/2015 waren weiblich – deutlich mehr als vor zehn Jahren (67 Prozent). Zum Vergleich der Frauenanteil in Politik und Wirtschaft: Im aktuellen Deutschen Bundestag sitzen 30,9 Prozent Frauen, in den Vorständen der 200 größten Unternehmen gerade einmal 8 Prozent.

Wie kann  man sich den hohen Frauenanteil im Lehrberuf erklären? Die landläufige Meinung dazu lautet: Frauen erziehen in der Regel ihre eigenen Kinder, dann kann  der Umgang mit fremden Kindern auch nicht so schwer sein. Auch beamtenrechtliche Gründe werden bemüht: Das Dienstrecht für Lehrkräfte erlaube es viel leichter als die Tarifverträge in Industrie und Verwaltung, die Arbeitszeit zu reduzieren, ja für einige Jahre  den Dienst ganz zu unterbrechen, ohne Gefahr zu laufen, anschließend nicht mehr an die Arbeitsstelle zurückkehren zu können. All diese Erklärungen blenden, so richtig  sie sein mögen,  den eigentlichen Grund für die Erfolge von Frauen im Lehrberuf aus: Sie kommen in diesem Beruf einfach gut zurecht.

Kernqualifikation  einer erfolgreichen Lehrkraft ist  die kommunikative Kompetenz. Eine  Unterrichtsstunde  ist  eine fragile Angelegenheit. Der innere Friede im Klassenzimmer   ist stets durch Disziplinlosigkeit  und  Lernunlust  bedroht, er  muss immer  wieder  aufs Neue austariert werden.  Die Lehrkraft  muss verbal ständig reagieren, muss kommentieren, beschwichtigen, ermahnen, ermuntern, verbieten, erlauben. Dabei soll sie  souverän sein, aber auch witzig; durchsetzungsstark, aber auch tolerant; mit natürlicher Autorität ausgestattet, aber auch versöhnlich und milde; gerecht, aber auch in der Lage, „Gnade vor Recht“  ergehen zu lassen.   All diese  Qualitäten  muss sie  ständig, auch in brenzligen Situationen  „abrufen“. Dieses emotionale „Multitasking“ beherrschen  Frauen sehr gut.

Unterricht ist heute nicht mehr nur das problemlose Vermitteln von Lernstoff, wie es frühere Generationen noch erlebt haben. Eine Unterrichtsstunde hat heute etwas von einem Zirkusakt, live. Die Lehrkraft  muss sich gerieren wie ein Talkmaster. Sie soll  unterhaltsam sein, aber auch „das Heft  in der Hand“ haben. Denn Schüler mögen keine schwachen Lehrer, die sich auf der Nase herumtanzen lassen. Eine Schulklasse kann unbarmherzig sein und einem Lehrer, der „sich nicht durchsetzen kann“ – ein   Urteil,  das Schüler häufig über Lehrer  fällen –   den Spaß an seinem Beruf rauben.  Ich habe beobachtet, dass sich männliche Lehrkräfte gerne mit kräftigen Ansagen oder gar   Drohungen Respekt verschaffen, während Frauen versuchen,  eine emotionale Brücke zu den Schülern zu bauen.  Das versöhnliche (weibliche) Vorgehen ist dem konfrontativen (männlichen) überlegen, weil es dazu angetan ist, die Akzeptanz der  Klasse auf Dauer  zu gewinnen, während  das Auf-die-Pauke-Hauen nur kurzfristig Disziplin erzeugt.

Der Lehrer braucht, um tagein, tagaus erfolgreich seinen Mann oder seine Frau zu stehen, permanente intellektuelle Präsenz  und emotionale Ausgeglichenheit. Eine Schulklasse funktioniert ähnlich wie Wikipedia nach dem Prinzip der  Schwarm-Intelligenz.  Sie fordert den Lehrer ständig dadurch heraus, dass sie sich immer wieder   neue Tricks einfallen lässt, um  sich das Schülerleben zu erleichtern oder durch die Maschen der schulischen Ordnung zu schlüpfen. Der Lehrer muss aus seiner Minderheitsposition heraus ständig „nachrüsten“, um den Vorsprung der Mehrheit, der Klasse,  auszugleichen. Dies verlangt ein waches Auge. Die Binnenprozesse in einer Klasse zu erkennen und richtig zu bewerten, erfordert ein  hohes Maß an emotionaler Intelligenz und ein gutes Einfühlungsvermögen in das Denken und Fühlen von Jugendlichen. Frühere Lehrergenerationen haben von der seelischen Befindlichkeit ihrer „Zöglinge“ keine Notiz genommen. Sie haben es als ihre Aufgabe begriffen,  Latein zu unterrichten  oder Mathematik, nicht aber das Seelenleben ihrer Schüler zu erforschen. Diese hatten zu funktionieren, bei Strafe der Nichtversetzung oder des Abgangs an eine leichtere Schule. Damals verbargen Schüler ihre Emotionen vor dem Lehrer. Sie zu zeigen galt als Schwäche, die man sich angesichts der Hackordnung in der Klasse nicht eingestehen wollte. Heute hingegen offenbaren Schüler mit großer Offenheit ihre Probleme, demonstrieren ihre Befindlichkeiten, äußern ihren Schmerz, aber auch ihre Freude – allzu oft ungehemmt. Dieser  Mentalitätswandel stellt den Lehrer vor neue Herausforderungen. Der in der Gesellschaft zu beobachtende Verlust der Intimität hat auch vor den Klassenzimmern der Schulen nicht Halt gemacht. Es kann durchaus passieren, dass eine Schülerin mitten im Mathematikunterricht in Tränen ausbricht, weil sie soeben  eine SMS erhalten hat, in der ihr Freund das Ende der Beziehung mitteilt. Die Lehrkraft  ist dann den Gefühlen dieser Schülerin  direkt ausgesetzt. Sie  muss  mit Taktgefühl und Einfühlungsvermögen darauf eingehen, ohne sich den Emotionen der Schülerin  auszuliefern und die Unterrichtsstunde zur Psychositzung umzufunktionieren. Frauen können das sehr gut, schneiden sie doch  gerade bei der Messung der emotionalen Intelligenz (EQ) deutlich besser ab als Männer.

Unterrichten heißt  heute immer  auch Erziehen. Auf verlässlich und dauerhaft  verinnerlichte zivilisierte Umgangsformen, die man vom  Elternhaus her eigentlich  erwarten sollte, kann man sich heute nicht mehr verlassen. Das Grüßen in der Schule ist weitgehend „abgeschafft“ oder wird völlig nachlässig  gehandhabt. Der Umgangston untereinander und manchmal auch die Anrede des Lehrers sind  rau, mitunter  verletzend. Sich in Diskussionen zurückzunehmen, sich in einem  Gespräch an Spielregeln  zu halten, haben viele Schüler offensichtlich nicht gelernt. Viele Eltern geben im Gespräch offen zu, dass sie sich mit der Erziehung ihres Kindes „schwer tun“, was oft eine freundliche Umschreibung dessen ist, dass sie vor dieser Aufgabe schon kapituliert haben. Viele Kinder haben heute keine Geschwister, sie wachsen als Einzelkind auf, haben nicht gelernt zu teilen, zurückzustecken und auch mal dem Bruder oder der Schwester den Vortritt zu lassen. In der Klasse glauben sie dann, sie könnten sich mit demselben berstenden Ego unter den 29 Klassenkameraden durchsetzen, wie sie das bei Vater,  Mutter  und Oma immer geschafft haben. Wenn sie es nicht lernen, sich im Klassenzimmer  den Belangen der Klasse unterzuordnen, ist der Konflikt vorprogrammiert. Manche Eltern können sich  mit der Rückmeldung, dass es sich bei ihrem Sprössling keinesfalls um everybodys darling handelt, sondern um ein Ich-bezogenes, quengeliges Wesen, nur sehr schwer anfreunden.  Allzu oft  geben sie dann dem Lehrer die Schuld, weil er nicht sensibel genug auf klein Max  oder klein Lisa  eingegangen ist.

Nach meinen langjährigen Erfahrungen, auch in der Ausbildung von Referendaren, besitzen Frauen die hier beschriebenen Fähigkeiten in einem höheren Maße als Männer. Vor allem emotionale Intelligenz  scheint  ihnen in die Wiege gelegt worden zu sein, während Männer diese Fähigkeit  in Ausbildung und Praxis oft  mühsam erwerben müssen. Viele Frauen verfügen zudem über die erzieherische „Geheimwaffe“: Humor. Ich habe einen Referendar erlebt, der einen Schüler, der beim Kippeln vom Stuhl fiel, mit einer deftigen Strafarbeit belegte und obendrein noch seine  Eltern anrief. Mit dieser Härte  brachte er die ganze Klasse gegen sich auf. Hätte er gesagt: „Na, Ronny, das musst du aber noch ein bisschen üben“, wären ihm die Herzen der Schüler zugeflogen. Besser machte es eine junge Dame im Referendariat. Als eine Schülerin hysterisch aufkreischte, weil sich ihr eine Biene genähert hatte, fragte sie trocken: „Lea, habt ihr denn  keine Haustiere?“ – Es gehört zur Aufgabe des Lehrers, bei solchen Zwischenfällen zu erkennen, ob sie sich mit humorvoller Gelassenheit bewältigen lassen oder ob man zu disziplinarischen  Maßnahmen greifen muss. Diese Gradwanderung wird man am besten bewältigen können, wenn man über Einfühlungsvermögen und Taktgefühl verfügt. Deshalb sind diese „weichen“ Faktoren  unverzichtbare  Voraussetzungen für den Lehrerberuf. Über sie verfügen Frauen offensichtlich in einem hohen Maße, was sie für den Lehrberuf prädestiniert.

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Rolle des Lehrers, Unterrichtsmethode

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