Schule als neutralen Ort verteidigen

Veröffentlicht in der Tageszeitung DIE WELT vom 15. 11. 2018

 

Bei den Berliner Grünen gibt es Bestrebungen, das Berliner Neutralitätsgesetz aufzuweichen. Für den Schulfrieden hätte dies gravierende Folgen.

Meine erste Lehrerstelle erhielt ich  an  einem privaten  Oberstufen-Kolleg, das vom katholischen Franziskanerorden geführt wurde. Ein kleiner Teil des Kollegiums war weltlich, der überwiegende Teil gehörte dem Orden an. Die Mönche trugen die traditionelle  braune Kutte mit weißer Kordel und sommers wie winters Sandalen. Auch  religiöse Rituale gab es, die von allen Schülern befolgt wurden. Das ist nicht verwunderlich, da an Schulen mit konfessioneller Trägerschaft  der Hausherr  die Spielregeln bestimmen kann.  Die von den beiden christlichen Kirchen betriebenen Schulen tun  dies inzwischen sehr dezent. Schüler jeglicher Konfession, aber auch  Konfessionslose dürfen die Schulen  besuchen. Die Andachten zielen nicht auf religiöse Überwältigung, sondern auf geistige Anregung. Das Wertefundament, das an diesen Schulen vermittelt wird, ist bei Eltern  so beliebt, dass die Wartelisten für diese  Schulen  immer länger werden. An muslimischen Privatschulen geht es strenger zu, weil die Träger oft noch einem Selbstbild verpflichtet sind, das die islamische Identität höher veranschlagt als Offenheit und Toleranz gegenüber Angehörigen anderer Konfessionen.

Wilhelm von Humboldt  haben wir es zu verdanken,   dass  das staatliche Schulsystem seine konfessionellen Bindungen hinter sich  gelassen hat. Als er ab 1808  im Auftrag der preußischen Regierung das Schulsystem reformierte,  ließ er sich von der Überzeugung leiten, dass eine  konfessionell begründete Bildung dem Primat der Vernunft widerspricht. Seine  Bildungsreform im Geiste des Neuhumanismus   verbannte deshalb die Geistlichkeit aus dem staatlichen Lehrberuf und begründete eine rein weltliche Lehrerausbildung, die er „Pädagogische Kandidatur“ nannte. Zum ersten Mal gab es  in Deutschland eine rein  weltliche Lehrerschaft und eine staatliche  Ausbildung des Lehrpersonals. Dies war die Geburtsstunde der säkular geprägten Schule. Sie hat  heute noch Bestand.  Da in der Bundesrepublik Schulpolitik Ländersache ist, haben alle Bundesländer die Neutralität des Schulsystems in eigene  Gesetze gegossen. Das Berliner Gesetz aus dem Jahre 2005  lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig: „Gleichzeitig ist das Land Berlin zu weltanschaulich-religiöser Neutralität verpflichtet. Deshalb müssen sich Beschäftigte des Landes Berlin in den Bereichen, in denen die Bürgerin oder der Bürger in besonderer Weise dem staatlichen Einfluss unterworfen ist, in ihrem religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnis zurückhalten.“ (Präambel)

Dieses Neutralitätsgesetz ist  in Gefahr:    Justizsenator Dirk Behrendt (Die Grünen) will es  mit Hilfe eines Antidiskriminierungsgesetzes  aufweichen. Die bunte Vielfalt der Berliner Gesellschaft soll sich  auch an den Schulen abbilden, indem z.B. eine muslimische Lehrerin auch mit Kopftuch unterrichten darf. Erst vor kurzem hat   ein Berliner Arbeitsgericht dies  einer muslimischen Grundschullehrerin untersagt. Das Bundesverfassungsgericht hat hingegen  2015  geurteilt, dass das Verbot   „religiöser Bekundungen“  nur dann zulässig sei, wenn „eine hinreichend konkrete Gefahr der Beeinträchtigung des Schulfriedens oder der staatlichen Neutralität“ zu erwarten sei.  Das höchste  Gericht hat den Schwarzen Peter an  die Schulen weitergegeben, die von Fall zu Fall entscheiden  müssen, ob eine religiös ambitionierte muslimische Pädagogin die Schüler negativ beeinflusst. Anstatt das Neutralitätsgesetz  verfassungsmäßig so auszugestalten, dass es juristisch  nicht mehr in Frage gestellt werden kann, will Behrendt die Büchse der Pandora öffnen – mit ungewissem Ausgang.

Als ich in den 1980er Jahren   an einer Gesamtschule in einem Berliner Problembezirk  unterrichtete, war ich mit Schülern  vielfältiger ethnischer Herkunft  konfrontiert. Religiös motivierte Konflikte habe ich in den Klassen nie erlebt. Kein einziges muslimisches Mädchen trug damals  ein Kopftuch.  Wenn es Konflikte mit türkischen Schülern gab, ging es  um  machohaftes Rabaukentum pubertierender Jungen oder um Mädchen-Gangs, die in der Fußgängerzone  Omas anbettelten. Diese Konflikte resultierten aus der Bildungsferne und dem niedrigen sozialen Status  der Eltern. Nach der Jahrtausendwende änderte sich das Bild.  Sukzessive zog  ein religiös grundiertes Anspruchsverhalten orthodox-religiöser Eltern in die Schulen ein. Sie verboten ihren Töchtern die Teilnahme an Klassenfahrten, am Sport- und Schwimmunterricht. Mädchen wurden von ihren Brüdern am Schultor abgeholt und nach Hause begleitet, damit sie nicht den „Gefahren des Sittenverfalls“ unterliegen. Sportlehrer berichten, dass  in Schwimmbädern die Bademeister eine spezielle Kabine für muslimische Mädchen eingerichtet haben, weil sie sich nicht im Beisein anderer Mädchen entkleiden wollten. All diese Ansprüche werden mit den Geboten des Koran begründet.  Ein spezieller Fall ging bundesweit  durch die Presse: Ein muslimischer Schüler forderte von seiner Schule in Berlin-Wedding die Bereitstellung eines Gebetsraumes und die Freistellung vom Unterricht  für die vorgeschriebenen Gebete (fünfmal pro Tag, also zweimal während der Schulzeit). Das Verwaltungsgericht beschied dem jungen Mann, dass die schulischen Belange höher zu bewerten seien als das religiöse Empfinden eines  einzelnen Schülers, zumal er auch still für sich beten könne. An einer anderen Berliner Schule ist ein Konflikt entstanden, weil sich der Vater eines verhaltensauffälligen Schülers weigerte, zu Beginn des pädagogischen Gesprächs der Lehrerin die Hand zu geben. In einer Berliner Grundschule wurden alawitische Schüler von ihren sunnitischen Klassenkameraden drangsaliert, weil sie im Fastenmonat Ramadan ihr Pausenbrot aßen.  Die Manie  muslimischer Eltern, ihre Kinder religiösen Vorschriften zu unterwerfen, trifft inzwischen schon Kinder im Vorschulalter. Siebenjährige Mädchen erscheinen  in der Kita mit Kopftuch. Diese Verhüllung raubt ihnen  einen Teil ihrer Kindheit, weil  das unbeschwerte Herumtollen dem  züchtigen Verhalten erwachsener Frauen weicht.

Für sich genommen sind das nur Bagatellen, über die man mit pädagogischer Großzügigkeit   hinwegsehen könnte. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit und die Toleranz gegenüber „abweichenden“ Verhaltensweisen stellen  in unserer Rechtsordnung hohe Güter dar. Was diese Fälle dann  doch zum  Problem  macht, ist die Tatsache, dass  ein politisch aufgeladener Islam offensichtlich  versucht, religiöse Selbstverwirklichung in  einer Weise  einzufordern, die mit unserer kulturellen und demokratischen Identität nicht vereinbar ist. Gegen solche Tendenzen ist das Neutralitätsgebot für die Schule (noch) ein starker Schutzwall.

Die Schule ist ein Schutzraum der besonderen Art. Eltern schicken ihre Kinder an diesen Ort, damit sie konfliktfrei,  frei von  Hass und Gewalt  lernen und die Persönlichkeit ihren Gaben gemäß  entfalten können. Wenn sie ihr Kind am Schultor abgeben, müssen sie  sich darauf verlassen  können, dass es nicht Opfer einer wie auch immer gearteten  Manipulation  durch Lehrkräfte  wird. Mit gutem Recht ist deshalb die politische Betätigung von Lehrern, Eltern und Schülern in der Schule untersagt. Dies gilt auch für religiös motivierte Aktivitäten und Symbole. Das Neutralitätsgebot als Ausdruck unserer säkularen Staatsverfassung  soll verhindern, dass die am Schulleben Beteiligten ihre persönliche Agenda in die Schule tragen und die Schüler in ihrem Sinne manipulieren. Mädchen sind im islamischen Kulturkreis noch nicht gleichberechtigt. Für sie ist deshalb Bildung die beste Möglichkeit, familiäre  Diskriminierungen hinter sich zu lassen und ein Leben in freier Selbstbestimmung führen zu können. Eine Lehrerin mit Kopftuch sendet das problematische Signal, nicht Bildung, sondern religiöse Identität stehe für eine Frau an erster Stelle. Da Kinder immer von Vorbildern lernen, wird sich in  den Köpfen der Mädchen das Bild verfestigen,  Frauen seien bei der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit Grenzen gesetzt. Wer es mit der Gleichberechtigung der Geschlechter ernst meint, muss die Neutralität des Lernortes Schule verteidigen.

Die überwiegende Mehrzahl der Pädagogen   in Berlin will am Neutralitätsgesetz festhalten, weil es Konflikte, die sich an religiösen Symbolen entzünden könnten, vom Unterricht fernhält. Sie können nicht nachvollziehen,  weshalb  ein Gesetz, das sich über Jahre hinweg bestens bewährt hat, plötzlich  zur Disposition gestellt wird.

 

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Migrantenkinder in der Schule, Neutralitätsgebot, Rolle des Lehrers, Verantwortung der Eltern

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