Quereinsteiger tun den Schulen gut

Veröffentlicht in der „Welt am Sonntag“ vom 9. 9. 2018

Weil Lehrer fehlen, werden vermehrt angelernte Kräfte aus anderen Berufen angeworben. Die meisten sind keine Notlösung, sondern eine Bereicherung.

Landauf, landab wird zur Zeit  darüber geklagt, dass der Lehrermangel  an unseren Schulen vor allem durch Quereinsteiger kompensiert  wird.  Je nach Temperament des  Kommentators werden sie als „Anfänger“, „Dilettanten“ oder „Amateure“ bezeichnet.  Auch von  „Laientheater“ ist die Rede. Für Außenstehende erscheint die Situation an unseren Schulen bedrohlich: Laien kapern die heiligen Hallen unserer Ausbildungsstätten – zum Schaden unserer Kinder. Aus der Sicht des Lehrers  halte ich  diese Schelte für maßlos übertrieben.

Vor einigen Jahren trat im Bundesland Hessen ein Engpass bei der Lehrerversorgung auf. Der damalige Kultusminister warb darum, dass sich Quereinsteiger, Menschen mit akademischer Ausbildung, aber ohne pädagogisches Zertifikat, für den Lehrerberuf begeistern und sich um die Stellen bewerben sollten. In wenigen Monaten waren die Lücken gestopft. Viele der Neu-Pädagogen erhielten nur Zeitverträge. Als sie ausliefen und sie die Schule wieder verlassen sollten, protestierten Eltern und Schüler, weil sie diese „super-guten“ Lehrer  nicht wieder gehen lassen wollten. Was war geschehen? Die Akademiker mit Erstberuf  hatten sich in der Praxis des Unterrichtens ganz schnell das Knowhow  angeeignet, das man für den Umgang mit Schülern benötigt. Danach unterrichteten  sie  erfolgreich und waren  beliebt. Unter Lehrern ist es kein Geheimnis, dass sich hinter den ausgefeilten pädagogischen Theorien, die in der akademischen Ausbildung vermittelt  werden, allzu oft nur der gesunde Menschenverstand verbirgt, der es einem ermöglicht, mit Kindern und Jugendlichen angemessen  umzugehen. Für Pestalozzi war  die erzieherische Wirkung des Pädagogen schlicht das  Ergebnis von „Liebe und Vorbild“. Millionen Eltern erziehen ihre Kinder ohne pädagogische Ausbildung. Ein großes Geheimnis scheint die Erziehung von Kindern also nicht zu sein.

In meiner langen Zeit  in der Schule  habe ich gelernt, dass  es  vor allem auf  die Persönlichkeit des Lehrers ankommt. Sie bewirkt, ob der Lehrer bei den Schülern „ankommt“, ob er von ihnen respektiert, ja vielleicht  sogar  verehrt  wird. Wer eigene Kinder hat, dem wird das Geheimnis erfolgreicher Lehrer nicht verborgen bleiben. Oft erzählen die Kinder zu Hause, dass sie für den Mathelehrer „durchs Feuer gehen würden“, weil er so „cool“ sei.  Dem Deutschlehrer hingen sie an den Lippen, weil er „super“  über alte Zeiten und „komische“ Dichter  erzählen könne. Und der neue Kunstlehrer sei „total sympathisch“ und ein echter Künstler.  Hinter diesen  jugendsprachlichen Wendungen des Lobs verbirgt sich nichts anderes als „natürliche Autorität“ oder – modern gesprochen – die authentische, charismatische Persönlichkeit. Sigmund Freud, der große Seelenerkunder, schrieb in seinen Jugenderinnerungen: „Ich weiß nicht, was uns stärker in Anspruch nahm und bedeutsamer für uns wurde, die Beschäftigung mit der uns vorgetragenen Wissenschaft oder die mit den Persönlichkeiten unserer Lehrer, und bei vielen führte der Weg zu den Wissenschaften nur über die Person des Lehrers.“  Im Grunde könnte man den humanistischen Spruch „Non scholae, sed vitae discimus“ (Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir) umwandeln in den Slogan: Nur für die beliebten  Lehrer lernen unsere  Kinder!  Ich habe einen Quereinsteiger erlebt, der vom Max-Planck-Institut für Biologie an die Schule kam. Er war fachlich hoch qualifiziert, gab allerdings manchmal   den  zerstreuten Professor. Die Schüler verehrten ihn als „wandelndes Lexikon“ und sahen über manche persönliche Schrulle hinweg. Wenn er davon erzählte, warum  bei den Bonobo-Schimpansen die Weibchen das Sagen haben, hingen sie an seinen Lippen.  Das Beispiel zeigt, dass ein Lehrer die Schüler allein durch sein immenses Fachwissen begeistern kann. Es muss ihm nur gelingen, die Schüler in  die spannende  Welt des Wissens  mitzunehmen.

Jahrzehnte lang kamen unsere  Schulen ohne Quereinsteiger aus. Man müsste also annehmen, dass die professionellen Lehrkräfte – ausgestattet mit akademischem Grad und pädagogischer Lizenz – hervorragende Leistungen abliefern. Wie  viele Bildungsstudien zeigen, ist dies beileibe nicht der Fall. Die Ergebnisse der  Vergleichsstudien VERA 3 und 8 und des Mittleren Schulabschlusses lassen sich nämlich  klassenspezifisch aufschlüsseln. Die Ergebnisse differieren  von Klasse zu Klasse  oft erheblich, was man durchaus auf das unterschiedlich erfolgreiche Wirken der Lehrkräfte  zurückführen kann.  Die Zahl der Schulabbrecher lässt sich, wie Studien zeigen, durch den persönlichen Einsatz der Lehrer für jeden einzelnen gefährdeten Schüler deutlich senken. Nicht alle wollen sich freilich diese Kärrnerarbeit zumuten.

Auffällig ist  die hohe Zahl an Lehrkräften, die vor Erreichen des Pensionsalters wegen eines Burnouts die Schule für immer verlassen. Ihr Nervenkostüm, vielleicht die ganze Persönlichkeitsstruktur, konnten den Ansprüchen, die  an  Lehrkräfte heute gestellt werden,  nicht länger standhalten. Oft liegt der Grund für das Ausscheiden  darin, sie sich diese Lehrer von den Schülern nicht „angenommen“ fühlen. Aus der Glücksforschung wissen wir, dass der Kampf um Anerkennung, wenn er erfolgreich ist, eine der nachhaltigsten Quellen des Glücks ist. Im Umkehrschluss kann man  sagen, dass der erfolglose Kampf um Anerkennung der größte Verhinderer von Glück ist. Der Grund, weshalb ein Lehrer als Person abgelehnt wird, liegt oft in seinem Charakter,  in seiner Persönlichkeit,  begründet. Das macht Lösungen  auch so schwer, ja fast aussichtslos, da es kaum noch möglich ist,  im fortgeschrittenen Alter  das eigene Wesen „umzukrempeln“.

Quereinsteiger bringen den fremden Blick von außen mit, der der Schule  gut tun kann. Ein Akademiker aus der freien Wirtschaft wird schnell die Mängel im System Schule, z.B. Ressourcenverschwendung oder dysfunktionale Abläufe, erkennen. Mit einem PC-System, das noch mit Windows 95 läuft, wird er sich nicht  abfinden wollen. Vor dem Lehrerdasein schon einen anderen Beruf ausgeübt zu haben, ist für die Schule eher ein Gewinn. Bei den meisten Lehrern  verläuft die Karriere geradlinig von der Schulbank über die Sitzbank im Hörsaal zum Lehrerpult. Etwas anderes als Lernen und Lehren  haben sie nie kennen gelernt, was sie ein Stück weit weltfremd macht.

Dass die  Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft die Anwerbung von Quereinsteigern ablehnt, ist  nachzuvollziehen. Die Professionalität des Lehrerbildes bekäme deutliche Kratzer, wenn sich herausstellte, dass  Akademiker mit Erstberuf das pädagogische Handwerk in Windeseile lernen und dann genauso erfolgreich unterrichten wie die Lehrer mit voller pädagogischer Qualifikation. Es ist schon eigenartig, dass die GEW hier auf Qualität pocht, wo sie doch in der Vergangenheit  die  Evaluation von  Lehrerleistungen immer abgelehnt hat.

Nach menschlichem Ermessen werden sich unter den Quereinsteigern genauso viele pädagogische Talente finden  wie unter den auf „normalem“ Wege ausgebildeten Lehrkräften. Eine gute fachwissenschaftliche Qualifikation vorausgesetzt,  können  sie in ihrem zweiten Beruf als  Lehrer   erfolgreich sein.  Wenn sie über natürliche Autorität  und Einfühlungsvermögen verfügen, werden sie bei Schülern und  Eltern Anerkennung und Lob ernten. Wenn sie dann noch von gestandenen Lehrkräften an die Hand genommen werden, die ihnen die Abläufe in der Schule zeigen, werden sie über kurz oder lang nicht mehr von den alteingesessenen Lehrern zu unterscheiden sein.

Von dem Schriftsteller Klaus Mann stammt der Ausspruch, Lehrer müssten „Seelenfänger“ sein. Damit meinte er nicht, dass die Lehrer ihre Schüler manipulieren sollten. Er war vielmehr der Überzeugung, dass  Lehrer dann besonders erfolgreich sind, wenn sie für ihre Sache brennen und die  Gegenstände ihre Faches mit Leidenschaft und Überzeugung darbieten. Das methodisch-didaktische Rüstzeug wird ihnen  dann von alleine zufliegen. Wir sollten den  Quereinsteigern eine Chance geben.

 

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Quereinsteiger in der Schule, Rolle des Lehrers

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