Den Schutzraum Schule verteidigen

Im letzten Jahr lief auf dem   Kinderkanal KIKA von AFD und ZDF  der Film  „Malvina, Diaa und die Liebe“.  Der Film sorgte für Verwunderung, weil das  sechzehnjährige deutsche Mädchen Malvina zugab, dass sie sich „aus Liebe“ den Kleidervorschriften des jungen Mannes, der  als  Flüchtling aus Syrien zu uns gekommen war, unterwarf. Fortan trug sie nur noch lange Kleider und ihre  Shirts  waren  hoch geschlossen. Auch das unter Jugendlichen übliche Umarmen der Freunde  unterließ sie. Diaa hatte nämlich gesagt, sie gehöre ihm, weil das die Regel sei – seine Regel. Es wäre für die  KIKA-Redaktion ein Leichtes gewesen, ein deutsches Mädchen zu finden, das  ihrem muslimischen Freund selbstbewusst erklärt, dass in unserem  Land jeder Mensch das Recht hat, sich zu kleiden, wie er möchte – auch Frauen.  Sie hätte ihm sagen können, dass Religion bei uns Privatsache ist, die man nicht als Druckmittel gegen andere Menschen einsetzt. Das hätte ein pädagogisch wertvoller Film werden können. So aber bleibt  die zweifelhafte Botschaft, dass es  für Mädchen um der  Liebe zu einem  Muslim willen  geboten sein könnte, die Freiheitsrechte, um die Frauen  Jahrhunderte lang gekämpft haben, aufzugeben.

Dieses Beispiel zeigt:  Es hat sich etwas verändert in unserem Land.  Als ich 1977   meine erste Stelle als Lehrer an einer Gesamtschule in einem Berliner Problembezirk antrat, war ich mit Schülern  vielfältiger ethnischer Herkunft  konfrontiert. Religiös motivierte Konflikte habe ich in den Klassen nie erlebt. Kein einziges muslimisches Mädchen trug damals  ein Kopftuch. Kein Schüler hat jemals während des Ramadan gefastet.  Wenn es Konflikte mit türkischen Schülern gab, ging es  um ein machohaftes Rabaukentum pubertierender Jungen oder um Mädchen-Gangs, die in der Fußgängerzone  Omas anbettelten. Diese Konflikte resultierten aus der Bildungsferne und dem niedrigen sozialen Status ihrer Eltern. Nach der Jahrtausendwende änderte sich das Bild.  Sukzessive zog  ein religiös grundiertes Anspruchsverhalten orthodox-religiöser Eltern in die Schulen ein. Sie verboten ihren Töchtern die Teilnahme an Klassenfahrten, am Sport- und Schwimmunterricht. Mädchen wurden von ihren Brüdern am Schultor abgeholt und nach Hause begleitet, damit sie nicht den „Gefahren des Sittenverfalls“  erliegen. Ich habe  erlebt, wie  eine 14-jährige  türkische Schülerin  von ihren  Eltern während der Sommerferien  ins Heimatland zurückgeschickt wurde, um sie dort mit  einem Mann, den sie nicht kannte,  zu verheiraten. Sportlehrer berichten, dass  in Schwimmbädern die Bademeister eine spezielle Kabine für muslimische Mädchen eingerichtet haben, weil sie sich nicht im Beisein anderer Mädchen entkleiden wollten. All diese Ansprüche werden mit den Geboten des Koran begründet.  Ein spezieller Fall ging bundesweit  durch die Presse: Ein muslimischer Schüler forderte von seiner Schule in Berlin-Wedding die Bereitstellung eines Gebetsraumes und die Freistellung vom Unterricht  für die vorgeschriebenen Gebete (fünfmal pro Tag, also zweimal während der Schulzeit). Das Verwaltungsgericht beschied dem jungen Mann, dass die schulischen Belange höher zu bewerten seien als das religiöse Empfinden eines  einzelnen Schülers, zumal er auch still für sich beten könne. An einer anderen Berliner Schule ist ein Konflikt entstanden, weil sich der Vater eines verhaltensauffälligen Schülers weigerte, zu Beginn des pädagogischen Gesprächs der Lehrerin die Hand zu geben. Die Manie  muslimischer Eltern, ihre Kinder religiösen Vorschriften zu unterwerfen, trifft inzwischen schon Kinder im Vorschulalter. Siebenjährige Mädchen erscheinen  in der Kita mit Kopftuch. Diese Verhüllung raubt ihnen  einen Teil ihrer Kindheit, weil  das unbeschwerte Herumtollen dem  züchtigen Verhalten erwachsener Frauen weicht.

Für sich genommen sind das nur Bagatellen, über die man mit pädagogischer Großzügigkeit   hinweg sehen könnte. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit und die Toleranz gegenüber „abweichenden“ Verhaltensweisen stellen  in unserer Rechtsordnung hohe Güter dar. Was diese Fälle dann  doch zum  Problem  macht, ist die Tatsache, dass  ein politisch aufgeladener Islam offensichtlich  versucht, religiöse Selbstverwirklichung auf  eine  Weise  einzufordern, die mit unserer kulturellen und demokratischen Identität nicht vereinbar ist.

Auch eine neue Form von Antisemitismus hat Einzug in unsere Schulen gehalten. Konnte man früher Angriffe auf Juden eindeutig  dem rechtsradikalen Spektrum zuordnen, sind die Täter immer häufiger muslimische Schüler. Sie begründen ihren Hass auf Juden nicht nur mit der Politik Israels gegenüber den Palästinensern. Sie vertreten auch das  alte antisemitische Stereotyp „Juden sind reich“, wenn sie z.B.  ALDI  für ein  jüdisches Unternehmen halten. Harmlos ist der muslimische Antisemitismus nicht. In einer Berliner Grundschule wurde ein jüdisches Mädchen aus der zweiten Klasse von einem muslimischen Mitschüler mit dem Tode bedroht, weil sie nicht an Allah glaubt. Auch säkular eingestellte muslimische Kinder werden attackiert, wenn sie während des Ramadan ihren Pausensnack essen. Kinder entwickeln  solche Feindbilder nicht  von sich aus. Sie werden ihnen von ihren Eltern eingeimpft, die der Meinung sind, ihre Kinder von klein an im Geiste des Hasses gegen  „Ungläubige“   erziehen zu müssen.

Die Schule ist ein Schutzraum der besonderen Art. Eltern schicken ihre Kinder an diesen Ort, damit sie konfliktfrei,  frei von  Hass und Gewalt  lernen und die Persönlichkeit ihren Gaben gemäß  entfalten können. Wenn sie ihr Kind am Schultor abgeben, müssen sie  sich darauf verlassen  können, dass es nicht Opfer einer wie auch immer gearteten  Manipulation  durch Lehrkräfte  und Mitschüler  wird. Deshalb ist mit gutem Recht die politische Betätigung von Lehrern, Eltern und Schülern in der Schule untersagt. Dies gilt auch für religiös motivierte Aktivitäten und Symbole. Das Neutralitätsgebot als Ausdruck unserer säkularen Staatsverfassung  soll verhindern, dass die am Schulleben Beteiligten ihre persönliche Agenda in die Schule tragen und die Schüler in ihrem Sinne manipulieren. Mädchen sind im islamischen Kulturkreis noch nicht gleichberechtigt. Für sie bietet  deshalb Bildung die beste Chance, familiäre  Diskriminierungen hinter sich zu lassen und ein Leben in freier Selbstbestimmung führen zu können. Eine Lehrerin mit Kopftuch sendet das problematische Signal, nicht Bildung, sondern religiöse Identität stehe für eine Frau an erster Stelle. Da Kinder immer von Vorbildern lernen, wird sich in  den Köpfen der Mädchen das Bild verfestigen,  Frauen seien bei der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit Grenzen gesetzt. Wer es mit der Gleichberechtigung der Geschlechter ernst meint, muss die Neutralität des Lernortes Schule verteidigen.

Religiöse Konflikte sind potentiell gefährlich. Wenn es um die „letzten Dinge“ geht, sind nicht wenige bereit,  dafür  zu kämpfen, ja ihr Leben zu opfern.  Es gehört   zu den verstörenden Tatsachen, dass bei uns keinerlei pädagogische Diskussion darüber entstanden ist, wie es dazu kommen konnte, dass über 900  junge Menschen bei uns die Schule absolvieren und danach als Kämpfer des IS  bereit sind, in den  Bürgerkriegsländern Syrien und Irak   „Ungläubigen“ den Kopf abzuschneiden und damit  vor der Kamera zu posieren.  Diese Schüler  haben, bevor sie nach Syrien ausreisten,  in   Sozialkunde den Menschenrechtskatalog unseres Grundgesetzes kennengelernt, im Literaturunterricht vielleicht sogar die „Ringparabel“ von Lessing gelesen. Bildung hat hier offensichtlich ihre segensreiche Wirkung verfehlt. Sie hat dem religiösen Fanatismus kein demokratisches Wertefundament  entgegensetzen können.  In unserer offenen Gesellschaft, in der  konfessionelle Bindungen  immer mehr an Bedeutung  verlieren, haben wir es  anscheinend verlernt, was es heißt, sich als Mensch einer religiösen Sache voll – bis zur letzten Konsequenz – hinzugeben.

Leider gibt es Politiker, die aus falsch verstandener Toleranz islamistischen Tendenzen Vorschub leisten. Der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt (Die Grünen)  arbeitet an  einem Antidiskriminierungsgesetz, das dazu angetan ist,   das Neutralitätsgebot im Öffentlichen Dienst aufzuweichen.  Muslimischen Lehrerinnen soll künftig das Tragen eines Kopftuchs im Unterricht gestattet werden. Die überwiegende Mehrzahl der Pädagogen   in Berlin will an diesem Gesetz festhalten, weil es Konflikte, die sich an religiösen Symbolen entzünden könnten, vom Unterricht fernhält. Wir sollten alles tun, um den Schutzraum Schule von politischen und religiösen Einflüssen frei zu halten.

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Migrantenkinder in der Schule, Neutralitätsgebot, Verantwortung der Eltern

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