Wie das Abitur erleichtert wird

Als die Kultusministerkonferenz (KMK)  im Jahre 2017  beschloss, das bundesdeutsche Abitur über gemeinsame Aufgabenstellungen (Pool-Aufgaben) in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch  zu vereinheitlichen, schwang die Hoffnung mit, dass die Kultusminister von diesem Angebot regen Gebrauch machen würden. Dem war aber nicht so. Beileibe nicht alle Länder nutzten das Angebot. Begründet wurde diese Zurückhaltung damit, dass die Aufgaben nicht zum erteilten Unterricht passen würden. Anstatt den Unterricht so zu  verändern, dass die Aufgaben „passen“, wurde lieber auf deren Verwendung verzichtet. Einige Bundesländer änderten sogar die Aufgaben, um sie an die Unterrichtspraxis in ihren Schulen anzupassen. Ob damit eine Erleichterung verbunden war, lässt sich nicht nachprüfen.  Das „Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“ (IQB), das die Aufgaben entwickelt hat,  darf darüber keine Auskunft geben, weil ihm die KMK einen Maulkorb verpasst hat.

Ich halte die Diskussion über die Pool-Aufgaben ohnehin für einen Nebenkriegsschauplatz. Alle Bemühungen, die Qualität des Abiturs in den 16 Bundesländern über  Aufgaben aus einem gemeinsamen Pool   vergleichbar zu machen, sind  letztlich zum Scheitern verurteilt, solange die Gestaltungshoheit für die gymnasiale Oberstufe bei den Kultusministern verbleibt. Wenn zwei Drittel der Abiturleistungen vor der Abiturprüfung schon  im Kurssystem erbracht werden, hinkt das eine Drittel – die reine Prüfungsleistung – den „unterwegs“ erworbenen Noten immer hinterher. Der Vergleich der Kurssysteme in den Ländern zeigt riesige Unterschiede:  bei  den erlaubten Fächerkombinationen, der Ausfallregelung, der vorgeschriebenen  Stundenzahl für einzelne Fächer und nicht zuletzt bei  der Notenskala.

Berlin hat vor vorexerziert, dass auch bisher unantastbare  Regularien wie die Notenskala kein Tabu darstellen.   Bei Klassenarbeiten, Klausuren und Abituraufgaben wird  die Note „ausreichend“ auch bei weniger als 50% der erbrachten Leistung erteilt, die Note 1+ bekommt man, nicht wie der gesunde Menschenverstand vermutet, bei 100%, sondern schon bei 95% der erbrachten Leistung. Wenn man die Notenskala  um 5 Punkte nach unten verschiebt, muss sich rein rechnerisch  das Ergebnis  deutlich  verbessern.

Hinzu kommt  ein problematischer Bewertungsschlüssel für Klausuren.  In Berlin sieht er im  Fach Deutsch  für die inhaltliche Erfüllung der Aufgaben nur noch 60% der zu vergebenden Punkte vor. 40% entfallen auf die  Erfüllung sprachlich-formaler Kompetenzen:  den Aufbau des geschriebenen Textes, seine äußere Form,  Stil und sprachliche Korrektheit. Mit der Abschaffung des   Fehlerquotienten, der früher einen Punktabzug bedeuten konnte,    ist das einzige objektive Sprachkriterium  eliminiert worden. Sarkastisch könnte man sagen:  Die Aufwertung   formaler Kriterien  und die Abwertung der  inhaltlichen Leistung führen dazu, dass man 40% der Gesamtleistung erbringen  kann, wenn man es schafft, Unsinn  klar und fehlerfrei  zu  formulieren.

Auch das in den meisten Bundesländern   neu eingeführte 5. Prüfungsfach, eine „besondere Lernleistung“, trägt zur Verbesserung der Abiturnoten bei. Wenn ein Schüler über einen Zeitraum von einem Jahr eine schriftliche Arbeit  anfertigen oder einen Vortrag  für eine „Präsentationsprüfung“ vorbereiten kann, muss das Ergebnis gut ausfallen, weil er ja jede häusliche Hilfestellung – unüberprüfbar – in Anspruch nehmen kann.

Wenn man in ganz  Deutschland ein gleich anspruchsvolles Abitur haben will, muss  man die Leistungsstandards innerhalb der ganzen gymnasialen Oberstufe  angleichen.  Ob sich  die Kultusminister diese Macht aus den Händen winden lassen, darf bezweifelt werden. Einige Länder müssten, wenn ihnen die Mechanismen der Abiturermäßigung nicht mehr zur Verfügung stünden, mit deutlich schlechteren Abiturien rechnen.

 

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Eingeordnet unter Abitur, Unterrichtsqualität

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