Digitale Aufrüstung der Schule – ein Irrweg?

Wenn man wie ich als Lehrer noch aus der Kreidezeit stammt und sich kritisch über den Digitalisierungshype in der Schule äußert, gerät man schnell in den Verdacht, man sei technikfeindlich und wolle den Fortschritt in der Schule bremsen. Für die meisten Lehrkräfte, die noch die Zeit der Ormig-Vervielfältigung im Lehrerzimmer erlebt haben, trifft das beileibe nicht zu. Alle  benutzen sie Laptops und Tablets und  sind auch mit  der neuen „Tafel“, dem Smartboard, bestens vertraut. Sie haben sich allerdings von den digitalen Verheißungen den Kopf nicht vernebeln lassen. Sie stellen die schlichte Frage: Was ist der Mehrwert für den Unterricht? Diese Frage ist bislang von allen Befürwortern der digitalen Aufrüstung in den Klassenzimmern nicht befriedigend beantwortet worden.

Die Technik der schnellen und mühelosen  Recherche hat die Methode des geistigen Arbeitens bei den Schülern grundlegend geändert, leider nicht zum Besseren. Wikipedia  wurde zum gelobten  Copy-Land der Schüler. Die Möglichkeit, Textpassagen mit wenigen Maus-Klicks in ein eigenes Manuskript zu kopieren, ist so verführerisch, dass kaum noch ein Schüler darauf verzichtet, sich auf diese bequeme Weise  zu bedienen.  Viele Schulen wehren sich gegen diesen Ideenklau. Sie sammeln  alle Hausarbeiten  nur noch „digital“ – per USB-Stick oder CD – ein, um sie mit Hilfe einer Such-Software auf Fälschungen zu untersuchen. Manche Schulen sparen sich diese kriminalistische  Mühe und verzichten ganz  auf schriftliche Hausarbeiten.  Die Lehrer  testen das Wissen, indem sie  die Schüler in  ein  Gespräch über das  zu recherchierende Thema verwickeln. So  kann man zuverlässig  die Spreu vom Weizen  scheiden.

Das Problem der Verfügbarkeit  uferlosen Wissens im digitalen Kosmos lässt die Schüler oft hilf- und ratlos zurück. Ein Schüler sollte in meinem  Geschichtsunterricht einen Vortrag zum Thema „Prager Frühling“ halten. Sein Referat ertrank in einer Flut zusammenhangloser Einzelinformationen. Die entscheidende Frage, warum  der „Kommunismus mit menschlichem  Antlitz“ (Alexander Dubcek) für die Sowjetunion so gefährlich  war, dass sie militärisch  intervenierte und den „Frühling“ mit Panzern niederwalzte, konnte der Schüler nicht beantworten. Mir fielen die Worte ein, mit denen Mephisto in Goethes „Faust“  gegenüber dem Schüler  Wagner   einen stümperhaften  Geisteswissenschaftler  karikiert: „Dann hat er die Teile in der Hand, fehlt leider nur das geistige Band“. Mir wurde klar, dass nur derjenige  neues Wissen sinnvoll einordnen kann, der schon über grundlegendes Orientierungswissen verfügt. Was man nicht weiß, kann man auch nicht erkennen, geschweige denn mit anderem vernetzen . Der elementare Auftrag der Schule ist  aber, den Schülern  das „geistige Band“, den Zusammenhang der Dinge, zu vermitteln. Dazu braucht ein guter Lehrer  keine technischen Hilfsmittel. Die  wichtigste Methode der  Vermittlung von Zusammenhängen ist das intellektuelle Gespräch.

Das digitale Equipment kaschiert die Tatsache, dass die Erkenntnis, die  aus dem Wissen zu gewinnen ist, immer der geistigen Anstrengung bedarf. Dieser muss sich jeder Schüler selbst unterziehen. Sie kann ihm nicht von einer didaktisch aufbereiteten Software abgenommen werden. Natürlich ist der PC hilfreich bei der schnellen Informationsbeschaffung. Wenn im Geografie-Unterricht die Entwicklungsprobleme in der Sahelzone besprochen werden, kann man die Kennziffern der betroffenen Staaten in Windeseile am Smartboard aufrufen. Der darauf folgende geistige Prozess, die Bewertung der Fakten, muss im Unterrichtsgespräch geleistet werden: Warum gelingt es dem einen Land (z.B.  Senegal), mit den widrigen Klimabedingungen fertig zu werden, während das andere (z.B. Niger) in der Unterentwicklung verharrt? Wenn dieses Gespräch unterbleibt, ist der Erkenntniswert gering.

Die geistige Auseinandersetzung mit  dem vermittelten Wissen ist der Kern eines guten Unterrichts. Sie erfolgt häufig durch die Analyse und Bewertung von Texten, Grafiken und Bildern. Bei literarischen Texten, z.B. einem Gedicht von Goethe, dringt man tief in die  ästhetische Struktur des Kunstwerks ein und zieht auch den  biografisch-historischen Kontext zu Rate. Ich kenne keine Software, die den hermeneutischen Zirkel der Textinterpretation so simulieren könnte, dass die Schüler daraus einen Gewinn hätten. Vermutlich wird das für immer eine Utopie bleiben.

Schulbuchverlage machen inzwischen einen großen Teil ihres Umsatzes mit digitalen Unterrichtsangeboten. Sie stehen dabei in Konkurrenz mit Start up – Firmen, die neu auf den Markt drängen. Häufig werden Lernprogramme für die Fremdsprachen angeboten, weil man hier Lernabläufe besonders gut digital  automatisieren kann. Die Hilfe beim Lernen von Vokabeln  und grammatischen Begriffen gehört deshalb zum Standardangebot. Die Programme funktionieren wie die Karteikarten-Kästchen, mit denen Grundschüler anfangen, Englisch-Vokabeln zu lernen. Das digitale Kästchen ersetzt die papierne Karte. In die Leerstelle neben dem Wort schreibt man dessen deutsche Bedeutung. Hat man dreimal in Folge einen Treffer, verschwindet das Wort in einer  „Schublade“ mit der Aufschrift  „gelernt“. Wenn alle Wörter einer Unterrichtssequenz in dieser Schublade gelandet sind, kann man den Wortschatz als gefestigt abhaken. Schülern macht der Umgang mit dieser Lernsoftware durchaus Spaß. Lehrkräfte berichten allerdings auch, dass nicht wenige Schüler nach einiger Zeit wieder zum analogen Kästchen zurückkehren, weil es sich einfach leichter handhaben lässt. Damit kann man im Bus oder  in der U-Bahn lernen und es schnell wieder  im Rucksack verstauen. Der Tauglichkeitstest erfolgt eben immer in der Praxis. Und hier fallen digitale „Kandidaten“ häufig noch durch. Jenseits solcher mechanischen Lernhilfen gibt es keine brauchbare Software, die das ersetzen könnte, was jeden guten Fremdsprachenunterricht ausmacht: das aktive Sprechen in der neuen Sprache. Ich habe erlebt, wie eine inspirierte junge Spanischlehrerin ein wahres kommunikatives  Feuerwerk gezündet hat, indem sie die Schüler in Alltags- (Einkauf in Madrid) und in Streitsituationen (Ich beschwere mich beim Schulleiter) sprechen ließ. Alle Schüler mussten mitmachen, selbst die minimalste Äußerung auf Spanisch war willkommen. Am Elternabend führte die ganze Klasse Sketsche auf Spanisch auf. Wie könnte ein digitales Lernprogramm einen solchen Unterricht jemals ersetzen?

Nützlich ist der PC bei den Verwaltungsabläufen in der Schule.  Viele Schulen haben ein Intra-Netz, in das sich Lehrer und Schüler einloggen können, um schulinterne Informationen abzurufen oder einzustellen. So können Klausurpläne veröffentlicht und  Fehlzeiten verwaltet werden. Schüler erfahren schon vor Unterrichtsbeginn,  welche Stunde ausfällt und welche vertreten wird. Wenn eine Schule konsequent auf digitale Verwaltung setzt, können Berge von Papier eingespart werden. Eine gut gestaltete und aktuell gepflegte Homepage ist für eine Schule ein gutes Aushängeschild. Eltern informieren sich gerne über die Qualität einer Schule, indem sie die Informationen auf der Website abrufen und mit denen  anderer Schulen vergleichen. Da in der Homepage auch die Qualitätsdaten einzusehen sind (Vera-Vergleichstest, PISA-Ergebnisse, Schulinspektion), lässt sich schnell ein Urteil über die Unterrichtsqualität  der Schule fällen.  Es gibt auch  Schulen, die ihre Lehrkräfte aus ganz Deutschland rekrutieren, indem sie mit ihrem speziellen Profil werben. Hinter diese Errungenschaften kann kein vernünftiger Mensch zurückwollen.

Was sich die Lehrkräfte mit Sicherheit  wünschen würden, wäre eine Plattform, auf der vorbildliche Unterrichtssequenzen abrufbar sind. Dies würde das Einzelkämpfer-Dasein der Lehrkräfte ein für alle Mal beenden.  Warum sollte es nicht möglich sein, die grandiose Stunde eines Physiklehrers in Kiel Lehrern  in der ganzen Republik zugänglich zu machen. Warum sollten nur die Schüler einer Schule in Passau  in den Genuss einer genialen Musikstunde kommen? Die Arbeitserleichterung durch eine solche „geteilte Nutzung“  wäre enorm und der Effekt der Optimierung des Unterrichts nicht zu unterschätzen. Wenn „Sharing economy“ einen Sinn hat, dann hier.  Wenn alle Lehrkräfte in Deutschland nur noch Musterstunden – gerne auch die oft vorbildlich ausgearbeiteten Stunden von Referendaren – unterrichten würden, wäre dies ein Qualitätsschub sondergleichen. Also:  Wann kommt die Cloud „Guter Unterricht überall“? Hier hätte die Kultusministerkonferenz eine dankbare Aufgabe.

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Rolle des Lehrers, Unterrichtsmethode, Unterrichtsqualität

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