Muslimische Mädchen starten durch

Erschienen in DIE WELT vom 10. April 2018

„Wie hoch ist an Ihrer Schule der Ausländeranteil?“ – Diese Frage an den Direktor eines renommierten Gymnasiums im Berliner Bezirk Mitte richtete keinesfalls ein besorgter bildungsbeflissener Vater aus dem Bildungsbürgertum. Nein, sie kam von einem türkischen Vater, der seine 12-jährige  Tochter zum Schulbesuch  anmelden wollte. Die Tochter sei klug und wolle unbedingt das Abitur machen –  und er habe vom guten Ruf des Gymnasiums gehört. Dem Wunsch stand nichts entgegen. Der  verblüffte Direktor stellte allerdings  die Gegenfrage: „Sind  Sie denn nicht selbst Ausländer?“  Der  Vater  antwortete  nicht ohne Stolz, mit den „Türken in Neukölln“ wolle er nichts zu tun haben, mit den Schulen dort schon gar nichts. Sein Mädchen könne nur vernünftig lernen, wenn an der Schule – auch in den Pausen – Deutsch gesprochen werde.

Dieses Beispiel belegt einen Trend, den Soziologen schon seit geraumer Zeit feststellen.  In  Deutschland  ist ein türkischer Mittelstand entstanden, der leistungs- und  aufstiegsorientiert eingestellt  ist und auch die Kinder in dieser Haltung erzieht. In Berlin versuchen diese Familien ihre Kinder an Schulen anzumelden, an denen hohe Leistungsstandards gelten und wo auch eine störungsfreie Lernkultur garantiert ist. Um das geltende Wohnortprinzip bei der Schulwahl zu umgehen,  wird das Kind gerne auch  bei einer Tante oder Kusine in einem bürgerlichen Wohnbezirk polizeilich gemeldet. Lange Wege nimmt man dann  in Kauf.

Ganz anders sieht es noch in den Stadtteilen aus, die die Stadtsoziologen als „Brennpunkte“  bezeichnen. Dort sitzen in den Klassen der  Schulen mitunter über 80%  Kinder fremdländischer Herkunft. In den Pausen erklingen alle Sprachen der Herkunftsländer in einem babylonischen Sprachengewirr. Einige Schulen haben Deutsch auf dem Schulhof verordnet – nur: Wer will das kontrollieren? Die Lernkultur in den Klassen ist problematisch, die Arbeit der Lehrkräfte mühsam, oft frustrierend. Lehrer  erwerben in solchen „Kiezen“ oft eine Zweitqualifikation als Sozialarbeiter, Streitschlichter  und Kriminalermittler.

Als ich an der Gesamtschule unterrichtete,  fiel mir schnell auf, dass unter den muslimischen Schülern die Mädchen besonders benachteiligt sind. Während die türkischen und arabischen Jungen ihre Affekte oft  hemmungslos ausagieren und dadurch Stärke und Dominanz demonstrieren, ziehen sich die Mädchen, die Haare  oft  unter dem Kopftuch verborgen, in sich zurück. Neidvoll  sehen sie auf ihre deutschen Klassenkameradinnen, die sich locker und ungezwungen geben und auch ein freizügiges Outfit pflegen.  Der spielerische Umgang mit dem anderen Geschlecht zur Erprobung der Rollenmuster ist ihnen häufig  verboten, weil sie von ihren oft orthodox eingestellten Familien sonst schnell als „Schlampen“ eingestuft werden.

Ich habe Fatima, ein Mädchen aus einer türkischen Familie, erlebt, das unter diesem Rollenkonflikt besonders litt. Oft kam sie morgens zur  ersten Stunde  zu spät. Die Fachlehrer wandten sich deshalb  mit der Bitte an mich, als Klassenlehrer auf Fatima einzuwirken. Im Gespräch erfuhr ich  den Grund für ihre Verspätung. Sie brachte vor der ersten Stunde immer 15 Minuten auf der Toilette zu, wo sie sich ihres Kopftuches und Umhanges entledigte und in enge Jeans und ein modisches  Top schlüpfte. Ihre Haare ließ sie frei  flattern, die Lippen schminkte sie im typischen Teeny-Style.  Sie wollte in der Klasse so aussehen wie ihre Freundinnen  Katrin und Elsa. Nach der Schule kam die Rückwärts-Verwandlung. Nur im  strengen Habitus der Verhüllung konnte sie ihrem Bruder, der die Schule geschmissen hatte und sich jetzt als moralischer  Aufpasser  über seine intelligente Schwester betätigte, unter die Augen treten. Moral („Ehre“) kompensiert Bildungsdefizit.  Der Bruder  geleitete die Schwester „sicher“ ins elterliche Heim, weil sie nur so den Gefährdungen der  „unmoralischen“  Großstadt widerstehen könne. Man stelle sich die Gefühle solcher  Mädchen  vor, die  an der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit gehindert  werden und   dem  Dauerverdacht unterliegen, sie könnten  zu einer „deutschen Schlampe“  werden, wenn sie  sich nicht unter die  schützende Obhut männlicher Familienmitglieder begeben. Ich konnte Fatima in diesem Konflikt nicht helfen. Ich ermunterte sie, die Schule weiterhin  erfolgreich zu meistern, weil sie nur so – langfristig – den Banden ihrer patriarchalischen Familie würde entfliehen können. Wann hat das  Bonmot von Karl  Kraus, „Das Wort ´Familienbande` hat einen Beigeschmack  von Wahrheit“,  je  mehr Berechtigung gehabt als hier.

An einem  Gymnasium erlebte ich Erfreuliches. In den unteren Klassen (in Berlin beginnt das Gymnasium mit  Klasse 7) saßen bis zu 40  Prozent  Kinder mit Migrationshintergrund. Sie waren eifrig, ehrgeizig und gut erzogen. Besonders engagiert waren muslimische Mädchen. Auch wenn sie durch das Kopftuch ihre religiöse oder kulturelle Prägung signalisierten, taten sie alles, um durch  gute Leistungen  zu glänzen. Probleme gab es natürlich mit  der deutschen Sprache. Auch wenn diese Kinder in Deutschland geboren sind, können sie nicht die sprachliche Differenziertheit erwerben, die bei einem Kind aus dem deutschen Bildungsbürgertum selbstverständlich ist. Für die sprachliche Verständigung auf Alltagsniveau benötigt man ca. 5000 Wörter. Für Touristen genügen  schon  1000. Wenn man sich aber den Kosmos der klassischen deutschen Literatur erschließen will, muss man 20.000 Wörter beherrschen. Ich las mit meiner  9. Klasse die Erzählung „Unterm Rad“  von Hermann Hesse. Die Sprache  Hesses ist noch  der Diktion des 19. Jahrhunderts verpflichtet. Ich sah das Scheitern der Kinder mit ausländischen Wurzeln  bei der Klassenarbeit voraus. Also gründete ich einen Lesekreis zur gemeinsamen Lektüre des Textes für die Schüler, die mit der  Sprache der Novelle  nicht zurechtkamen. Obwohl der Förderkreis   nach der Schule stattfand, fanden sich neun  Schüler – ein knappes  Drittel der Klasse – ein, acht  Mädchen und nur  ein türkischer Junge. Die anderen Jungen hatten es vorgezogen, sich auf dem Fußballplatz zu vergnügen. Vier Wochen lang lasen und analysierten wir den Text, oft Satz  für Satz. Der Erfolg stellte sich tatsächlich ein: Von den muslimischen Mädchen erreichten beim Aufsatz  alle   zumindest eine befriedigende Leistung.  Was Bildungsexperten immer wieder betonen, hat sich glänzend bestätigt: Die Beherrschung der  Sprache ist das A und O des Aufstiegs durch Bildung und  Garant   für eine  gelungene  Integration.

Die  Studie des „Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung“   mit dem schönen Titel „Neue Potenziale“  von 2014  zeigt, dass  in der muslimischen Gemeinschaft vor allem die Mädchen zu den Gewinnern des Aufstiegs  durch Bildung zählen: „Türkische Mädchen gehören im Bildungsbereich […] zu den Integrationsgewinnern“.  Sie schließen damit an die Erfolge deutscher Mädchen an.  An  unseren  Gymnasien haben die Mädchen inzwischen die Jungen, was die Abiturzahlen angeht,  überrundet. Auch qualitativ sind sie Spitze: Unter den besten zehn  Schülern eines Abiturjahrganges finden sich überwiegend  Mädchen. Mädchen mit fremdländischen Wurzeln haben daran – das zeigt die Studie –  einen immer größeren Anteil. Studiert man die Namenslisten der Abiturjahrgänge, die sich stolz in der Lokalpresse präsentieren, kann man den schulischen Erfolg ausländischer Schülerinnen  an ihren fremdländischen Namen ablesen. Auch im öffentlichen Leben sind diese  Mädchen und jungen Frauen  unübersehbar: Als Fernsehmoderatorinnen, Schauspielerinnen, Künstlerinnen oder Politikerinnen.  Muslimische Mädchen starten durch. Wir sollten alles tun, um sie auf diesem Weg zu unterstützen.

 

 

 

 

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Eingeordnet unter Der richtige Umgang mit Schülern, Migrantenkinder in der Schule, Ricchtiger Umgang mit der Sprache, Sozialer Aufstieg durch Bildung

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